{"id":617,"date":"2014-04-04T10:42:52","date_gmt":"2014-04-04T08:42:52","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=617"},"modified":"2023-11-22T19:34:47","modified_gmt":"2023-11-22T18:34:47","slug":"drachenbaum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/drachenbaum\/","title":{"rendered":"Drachenbaum"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/2013-10-19_13-54-30.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-909\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/2013-10-19_13-54-30.jpg\" alt=\"2013-10-19_13-54-30\" width=\"150\" height=\"146\" \/><\/a>Sie parkten direkt neben uns, in einer Tiefgarage mitten im Zentrum von Orotava.\u00a0 Der \u00e4ltere Herr &#8211; gro\u00df, leicht gebeugt, silbergraues Haar, helle Hose, ein dezent gemustertes Oberhemd unter dem leichten Sommerjacket &#8211; war ausgestiegen, fasste sich mit der linken Hand ans Kreuz, verzog kurz das Gesicht, richtete sich dann zu seiner vollen L\u00e4nge auf. Er ging um den Leihwagen herum, \u00f6ffnete die Autot\u00fcr. \u00bbKomm, meine Liebe!\u00ab sagte er und st\u00fctzte ihren Ellbogen beim Aussteigen.\u00a0 Auch die Frau war gro\u00df, schlank, trug eine teure Seidenbluse, einen eleganten weiten Rock, Ledersandaletten. Steif stand sie neben dem Auto, w\u00e4hrend er die T\u00fcr zudr\u00fcckte und mit der Fernbedienung den Wagen verriegelte.<!--more--> Sie gingen vor uns her die gepflasterte Dorfstra\u00dfe hinauf bis zum historischen Ortskern. Vor einem imposanten Herrenhaus, mittlerweile zum Hotel umgebaut, lud ein Schild zur Kaffeepause ein. Durch ein Eingangstor mit offenstehenden Holzfl\u00fcgeln folgten wir ihnen aus der hei\u00dfen Sonne in die angenehme K\u00fchle einer Vorhalle mit hoher, kunstvoll verzierter Holzdecke. Zum Innenhof hin lag das Caf\u00e9 mit einer kleinen, gefliesten Terrasse.\u00a0 Der Mann ging zielsicher auf die blauen Korbst\u00fchle zu, r\u00fcckte einen Stuhl f\u00fcr seine Frau zurecht, wartete, bis sie bequem sa\u00df.\u00a0 Er nahm die Karte vom wei\u00df lackierten Holztisch, bl\u00e4tterte. \u00bbWas m\u00f6chtest du trinken?\u00ab Keine Antwort, das Gesicht der Frau blieb ausdruckslos.<\/p>\n<p>Der Ausblick von der Terrasse war \u00fcberw\u00e4ltigend. Im Mittelpunkt des tiefer gelegenen Hofes pl\u00e4tscherte ein steinerner Springbrunnen und k\u00fchlte mit seiner Wasserfont\u00e4ne die hei\u00dfe Luft. Ein Tontopf mit dunkelgr\u00fcnen Ranken stand auf der Wasser speienden S\u00e4ule. Um den Brunnen herum ein Beet mit wild wuchernden Strelitzien, deren Papageienk\u00f6pfe die m\u00e4rchenhafte Atmosph\u00e4re in dem kleinen Garten verst\u00e4rkten. Die F\u00e4cherkronen zweier schlanker Palmen spendeten Schatten, verstellten aber nicht den Blick auf das Hafenst\u00e4dtchen weiter unten, von dessen l\u00e4rmender Betriebsamkeit hier oben nichts zu sp\u00fcren war. Die K\u00fcstenlinie mit den bis fast ans Ufer reichenden Lavafelsen lie\u00df H\u00e4user und Hotelanlagen am Strand zur Bedeutungslosigkeit schrumpfen. Wei\u00dfe Schaumkronen auf dem glitzernden Meer unter azurblauem Himmel. Postkartenkitsch. Atemberaubend sch\u00f6n. Von all dem schien die Frau nichts mitzubekommen. Der Ober kam, schien erfreut, die beiden zu sehen, sch\u00fcttelte dem Mann die Hand, verbeugte sich kurz vor der Frau, die nicht reagierte. Der Mann klappte die Karte zu, sagte ein paar Worte auf Spanisch, der Kellner lachte, verschwand im Inneren des dunklen Caf\u00e9s. Der Mann schaute seine Frau an, ber\u00fchrte ihren Unterarm, sagte ein paar Worte.\u00a0 Sie nickte. Er stand auf, dr\u00fcckte ihre Schulter, ging \u00fcber den Hof und verschwand in einem Anbau, in dem wohl die Toiletten untergebracht waren. Die Frau drehte den Kopf, blickte ihm nach, wurde unruhig, rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. Panik flackerte auf in ihren Augen. Als er wieder auf die Terrasse kam, entspannten sich ihre Z\u00fcge, sie drehte den Kopf zur\u00fcck, schaute auf ihre H\u00e4nde. Er setzte sich wieder neben sie, streichelte ihren Arm. Der Kellner brachte ein Glas Wein, eine Tasse Kaffee, zwei Mandelt\u00f6rtchen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter trafen wir sie, wie sie Arm in Arm durch den botanischen Garten schlenderten. Langsam und gem\u00e4chlich. Immer wieder blieb er stehen, deutete auf Blumen und B\u00e4ume, sprach mit ihr. Er f\u00fchrte sie quer \u00fcber die bl\u00fchende Wiese zu einem riesigen Drachenbaum. Behutsam legte er ihre H\u00e4nde an die raue Rinde des Stammes. Sie streichelte den Baum. Umarmte ihn, dr\u00fcckte ihr Gesicht an das dunkle Holz. Dann drehte sie sich um zu ihm. L\u00e4chelte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie parkten direkt neben uns, in einer Tiefgarage mitten im Zentrum von Orotava.\u00a0 Der \u00e4ltere Herr &#8211; gro\u00df, leicht gebeugt, silbergraues Haar, helle Hose, ein dezent gemustertes Oberhemd unter dem leichten Sommerjacket &#8211; war ausgestiegen, fasste sich mit der linken Hand ans Kreuz, verzog kurz das Gesicht, richtete sich dann zu seiner vollen L\u00e4nge auf. 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