{"id":61,"date":"2010-08-05T18:35:21","date_gmt":"2010-08-05T16:35:21","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=61"},"modified":"2012-11-18T18:56:05","modified_gmt":"2012-11-18T16:56:05","slug":"funf-euro-zehn-die-stunde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/funf-euro-zehn-die-stunde\/","title":{"rendered":"F\u00fcnf Euro zehn"},"content":{"rendered":"<p><a rel=\"attachment wp-att-327\" href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?attachment_id=327\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-327\" title=\"barrierefrei\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/fotolia_28195903_xs-150x150.jpg\" alt=\"barrierefrei\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>&#8222;Wo bleibt der Bus nur?&#8220; Mathilda Grewens blickt unruhig auf die Uhr, streicht der siebenj\u00e4hrigen Jana, die apathisch in ihrem Rollstuhl sitzt, liebevoll \u00fcber die Stirn und wendet sich an die anderen drei M\u00fctter, die ebenfalls mit ihren behinderten Kindern an der Schulbushaltestelle einer nieders\u00e4chsischen Kleinstadt warten.<br \/>\n&#8222;Herr Diesel ist doch sonst immer so p\u00fcnktlich und zuverl\u00e4ssig.&#8220; <!--more--><br \/>\n&#8222;Ich habe ja schon immer gesagt, auf die privaten Fahrdienste ist kein Verlass. Warum nehmen wir nicht das Rote Kreuz oder die Johanniter?&#8220; sagt Hermine Hansen neben ihr mit verkniffenem Mund. Ihr Sohn ist mehrfach schwerbehindert, weil er mit zwei Jahren in den elterlichen Swimmingpool gefallen ist. Er konnte reanimiert werden, doch sein Gehirn ist durch den Sauerstoffmangel gesch\u00e4digt worden. Seiner Mutter sieht man ihr hartes Los an, die permanente Pflege, die bitteren Schuldgef\u00fchle, die gescheiterte Ehe.<br \/>\n&#8222;Glauben Sie, die Transporte der Wohlfahrtsverb\u00e4nde sind besser? Es stand doch neulich erst in der Zeitung, dass die zwei Fahrer des Malteser Hilfsdienstes in Bremen\u00a0 ein autistisches Kind vergessen haben und das arme M\u00e4dchen die Nacht angeschnallt in der Garage verbracht hat.&#8220; wirft Ingrid Michaelis ein, die mit ihrem seh- und gehbehinderten Sohn ebenfalls auf den Bus wartet, der die Kinder in die Schule f\u00fcr Schwerstbehinderte bringen soll.<br \/>\n&#8222;Schuld ist doch Politik&#8220;, sagt Frau Grewens und blickt die anderen M\u00fctter herausfordernd an. F\u00fcr die sozialen Bereiche ist viel zu wenig Geld da. Die Etats der Sozialbeh\u00f6rden werden \u00fcberall gek\u00fcrzt. Und dann werden die Bustransporte ausgeschrieben und der billigst Anbieter bekommt den Zuschlag. Um Qualit\u00e4t geht es nirgendwo.&#8220;<br \/>\n&#8222;Genau. Ich habe gelesen, die Fahrer verdienen 5,10 Euro die Stunde. Oder man nimmt Ein-Euro-Jobber.&#8220; wei\u00df Ingrid Michaelis zu berichten, &#8222;Hauptsache, sie k\u00f6nnen einen Personenbef\u00f6rderungsschein nachweisen.&#8220;<br \/>\n&#8222;Aber es gibt doch jede Menge Zivis. Bei Herrn Diesel f\u00e4hrt doch immer ein Zivi mit.&#8220;<br \/>\n&#8222;Es gibt eben nicht genug Zivis, seitdem die Bundeswehr nicht mehr so viel Leute braucht. Die meisten jungen M\u00e4nner werden doch gar nicht mehr gezogen. Und nun ist der Markt f\u00fcr Zivis so knapp, dass man jeden nehmen muss: f\u00fcr Fahrdienste, zur Pflege von alten Leuten, in Kinderg\u00e4rten. Egal, ob der junge Mensch sich eignet oder nicht.&#8220;<br \/>\n&#8222;Eine Schande ist das&#8220;, wirft ein Vater ein, der mit dem Rollstuhl seiner kleinen Tochter bisher etwas abseits gestanden hat,&#8220; dass ein so reicher Staat im sozialen Bereich immer die Billigl\u00f6sungen sucht und dagegen die Banken mit Milliarden-Garantien absichert.&#8220;<br \/>\n&#8222;Trotzdem ist es ein Skandal, ein kleines behindertes M\u00e4dchen im Bus zu vergessen. Auch der einzelne hat eine Verantwortung, der Staat ist nicht an allem schuld. Ich habe gelesen, der betreffende Fahrer habe ein Alkohlproblem und der begleitende Zivi sei intellektuell so beschr\u00e4nkt, dass er morgens kaum zu seinem Einsatzort findet. Die Kollegen haben sich schon dar\u00fcber lustig gemacht.&#8220; sagt Frau Hansen.<br \/>\n&#8222;Ob das alles so stimmt, was die Zeitungen berichten, wei\u00df man auch nicht&#8220;, gibt der Vater zu bedenken. &#8222;Nat\u00fcrlich mussten die beiden Fahrer entlassen werden. Doch das l\u00f6st das Problem nicht. Es bringt auch nichts, den Maltesern den Auftrag f\u00fcr die Fahrdienste zu k\u00fcndigen. Man m\u00fcsste den Stundenlohn erh\u00f6hen, so dass sich mehr Bewerber melden und man die f\u00e4higsten aussuchen kann. Qualit\u00e4t kostet nun mal. Die allgemeine Emp\u00f6rung unserer Volksvertreter ist pure Heuchelei.&#8220;<br \/>\n&#8222;Wie in dem Fall vom kleinen Kevin. Da wird das Geld f\u00fcr das Amt f\u00fcr Soziale Dienst drastisch gek\u00fcrzt. Der einzelne Mitarbeiter bekommt zwar den hochtrabenden Namen &#8218;Case Manager&#8216;, aber er hat so viele F\u00e4lle zu bearbeiten, dass er sie unm\u00f6glich schaffen kann, geschweige dass er sich die Situation vor Ort anschauen kann. Er bleibt an seinem Schreibtisch hocken und k\u00e4mpft mit den Papieren.&#8220; sagt Frau Michaelis. &#8222;Und dann regen sich alle auf. Eine Schande ist das.&#8220;<br \/>\n&#8222;Trotzdem mache ich mir langsam Sorgen um Herrn Diesel. Der ist immer so verantwortungsbewusst. Und solange meine kleine Jana zur Schule gebracht wird, hat er noch keinen Tag gefehlt. Da stimmt was nicht.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich werde den Fahrdienst anrufen&#8220;, bietet der Vater an und z\u00fcckt sein Handy. Er horcht ein paar Minuten ins Handy und sagt dann achselzuckend: &#8222;Die Sekret\u00e4rin wei\u00df von nichts und hat gerade erst nachgesehen, ob der Bus noch auf dem Parkplatz steht. Tut er. Ist bisher noch niemandem nicht aufgefallen.&#8220;<br \/>\nHermine Hansen seufzt\u00a0 : &#8222;Womit wir wieder beim Thema sind.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich werde Frau Diesel anrufen, ich glaube, ich habe die Nummer gespeichert.&#8220; Mathilda Grewens sieht in die erstaunten Gesichter. &#8222;Ja, wir brauchten neulich f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Familienfeier einen Fahrer, und Hannes Diesel hatte sich angeboten, die Fahrt zu \u00fcbernehmen.&#8220; Sie setzt erkl\u00e4rend hinzu: &#8222;.War billiger als ein Taxi, und Hannes ist immer ganz froh, wenn er nebenher noch was verdienen kann. Er hat zwei kleine Kinder und muss die Raten f\u00fcr sein Haus abzahlen.&#8220;<br \/>\nDie anderen sehen zu, wie sie eine Nummer in ihr Handy tippt. Und dann wird sie ganz blass. &#8222;Oh Gott&#8220;, stottert sie &#8222;Oh Gott. Das tut mir so leid, Frau Diesel.&#8220; Dann beendet sie das Gespr\u00e4ch, dreht sich zu den\u00a0 Zuh\u00f6rern und sagt mit zitternden Lippen:<br \/>\n&#8222;Hannes Diesel ist gestern Nacht t\u00f6dlich verungl\u00fcckt.&#8220; Er hatte den Fahrdienst \u00fcbernommen f\u00fcr Beh\u00f6rdenvertreter, die sich in Bayern eine vorbildliche soziale Einrichtung anschauen wollten. Auf der R\u00fcckfahrt ist ein \u00fcberm\u00fcdeter Lastwagenfahrer von der Spur abgekommen und der Anh\u00e4nger hat sich quergestellt. Hannes und sein Beifahrer sind tot, die Insassen sind mit leichten Verletzungen davon gekommen.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wo bleibt der Bus nur?&#8220; Mathilda Grewens blickt unruhig auf die Uhr, streicht der siebenj\u00e4hrigen Jana, die apathisch in ihrem Rollstuhl sitzt, liebevoll \u00fcber die Stirn und wendet sich an die anderen drei M\u00fctter, die ebenfalls mit ihren behinderten Kindern an der Schulbushaltestelle einer nieders\u00e4chsischen Kleinstadt warten. &#8222;Herr Diesel ist doch sonst immer so p\u00fcnktlich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-61","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kurzgeschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/61","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=61"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/61\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":329,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/61\/revisions\/329"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=61"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=61"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=61"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}