{"id":594,"date":"2014-01-15T12:52:33","date_gmt":"2014-01-15T10:52:33","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=594"},"modified":"2017-01-19T13:20:11","modified_gmt":"2017-01-19T11:20:11","slug":"amigas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/amigas\/","title":{"rendered":"Amigas"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/2013-11-14_15-20-34.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-917\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/2013-11-14_15-20-34.jpg\" alt=\"2013-11-14_15-20-34\" width=\"150\" height=\"113\" \/><\/a>Niemand versteht ein Wort. Die junge Frau mit dem zerrissenen T-Shirt und den von Dornen aufgerissenen Knien schluchzt und stammelt in einem Gemisch von Deutsch und Spanisch unverst\u00e4ndliche Worte. Sie ist durch die T\u00fcr in der kleinen Bar am Dorfrand von Teno Alto gestolpert und h\u00e4lt sich am Tisch fest. Ihre Stimme \u00fcberschl\u00e4gt sich, Rotz l\u00e4uft ihr aus Augen und Nase, die schwarzen kurzen Haare kleben am Kopf.<br \/>\n&#8222;Mi amiga&#8220;, versteht man. &#8222;Hilfe&#8220; und &#8222;help&#8220;. Sie stampft mit dem Fu\u00df auf, fuchtelt mit den Armen. &#8222;Rapido, rapido.&#8220;<!--more--><br \/>\nDie wenigen M\u00e4nner am Tresen haben sich umgedreht und starren sie an wie eine Erscheinung. Nur die Wirtin reagiert, wischt ihre H\u00e4nde an der Sch\u00fcrze ab, kommt hinter der Theke hervor, zieht einen Stuhl heran und dr\u00fcckt die junge Frau darauf nieder.<br \/>\n&#8222;Calma-te, chica, calma-te&#8220;, sagt sie und streicht der hysterisch schluchzenden Frau \u00fcber die Schulter. &#8222;Que pas\u00f3?&#8220; Doch Spanisch kann die Fremde nicht.<br \/>\nDie M\u00e4nner haben sich aus ihrer Erstarrung gel\u00f6st. &#8222;Deutsch? English?&#8220;, ein beleibter\u00a0 Spanier hat sich vor sie hingekniet und hebt mit einer ungeschickten, aber freundlichen Bewegung ihr Kinn an.<br \/>\n&#8222;Deutsch&#8220;, st\u00f6\u00dft die junge Frau heraus. &#8222;Ich bin Deutsche.&#8220;<br \/>\n&#8222;Un momento&#8220;, sagt der Mann. Ein paar wie mit dem Maschinengewehr herausgefeuerte Worte, und ein junger Kerl nickt und spurtet davon, um nach einigen Minuten mit einem \u00e4lteren Spanier im Schlepptau zur\u00fcckzukommen.<br \/>\n&#8222;Ich bin Juan. Ich spreche Deutsch. Beruhigen Sie sich. Was ist passiert?&#8220;<br \/>\n&#8222;Meine Freundin. Sie ist abgest\u00fcrzt. Oben auf dem Barac\u00e1n. Sie ist die Schlucht hinuntergest\u00fcrzt. Wir m\u00fcssen sie suchen.&#8220;<br \/>\nDie junge Frau hat die H\u00e4nde vors Gesicht geschlagen und weint fassungslos. &#8222;Ich habe sie noch gewarnt. Pass auf, habe ich gesagt. Geh nicht so nah an den Rand, habe ich gesagt. Und dann, und dann..&#8220;<br \/>\nDer Mann hat schon sein Handy gez\u00fcckt und dr\u00fcckt 112.<br \/>\n&#8222;Sie schicken einen Hubschrauber&#8220;, sagt er und winkt die M\u00e4nner energisch heran. &#8222;Vamos&#8220;, sagt er, und der Trupp setzt sich in Bewegung Richtung Barac\u00e1n. Die junge Deutsche will aufspringen, sich anschlie\u00dfen, doch die Wirtin sch\u00fcttelt den Kopf und h\u00e4lt sie fest. &#8220; Muy peligroso&#8220;, sagt sie und zieht sie zu einem alten, verschlissenen Sofa. Bringt ihr ein Glas Rotwein. &#8222;Bebe&#8220;, sie h\u00e4lt ihr das Glas an die Lippen.<br \/>\nDoris nimmt ein paar Schlucke, legt den Kopf zur\u00fcck, schlie\u00dft die Augen.<br \/>\nDas Ende ihrer Tr\u00e4ume? Mit wie viel Hoffnung und Lebensmut waren Marita und sie vor einem halben Jahr nach Teneriffa gekommen. Der Start in ein neues Leben. Marita hatte es endlich geschafft, sich aus einer l\u00e4hmenden Ehe zu befreien. Ein Jahr lang hatten sie sich nur heimlich treffen k\u00f6nnen, aber nun wollten sie endlich ihr Gl\u00fcck leben.\u00a0 Wie sch\u00f6n Marita war mit ihren dicken blonden Haaren, den schr\u00e4g stehenden braunen Augen und einem L\u00e4cheln, das ihr Gesicht leuchten lie\u00df. Auswandern nach Teneriffa wollten sie, eine eigene Existenz gr\u00fcnden, fern von den b\u00fcrokratischen Zw\u00e4ngen in Deutschland. Massagen w\u00fcrden sie anbieten in einem der vielen Wellness-Hotels auf der Insel, Ayurveda-Massagen und Yoga und Nordic Walking. Monatelang hatten sie sich vorbereitet, Fortbildungskurse besucht.<br \/>\nDoris hatte ihren Beamtenstatus gek\u00fcndigt, die Sportstunden an einem Bremer Gymnasium \u00f6deten sie schon lange an. Marita hatte Kunstgeschichte studiert und Tanz. Ihr gemeinsames Angebot im Tourismusgesch\u00e4ft w\u00fcrde riesig sein, der Erfolg vorprogrammiert. Sie mussten sich nur trauen. Und sie trauten sich. Doris schluckte. Ja, trauen lassen wollten sie sich auch. Ein gemeinsames Leben im ewigen Fr\u00fchling auf den Kanaren.<br \/>\nDrei Wochen war es her, dass sie zu dieser Party eingeladen waren, die ein spanischer Maler in Santa Cruz in seiner Villa gab. Eine Freundin hatte sie mitgeschleppt. Und dann passierte, was nicht passieren durfte. Der Maler umkreiste Marita von Anfang an. L\u00e4chelte, spr\u00fchte vor Charme, entz\u00fcckte sie mit seinem Spenglisch, wickelte sie ein. Sp\u00e4ter trafen sie sich heimlich. Anfangs hatte Marita wohl nicht den Mut, Doris zu beichten, dass sie sich unsterblich verliebt hatte. In einen Mann. In einen spanischen Macho. Doris war wie vom Donner ger\u00fchrt. Alles h\u00e4tte sie sich vorstellen k\u00f6nnen, nur nicht diesen Verrat. Den Verrat an ihrer Liebe. Den Verrat an ihrer gemeinsamen Zukunft.<\/p>\n<p>Sie weinte, schrie, tobte. Gab schlie\u00dflich auf. Der Aufenthalt auf Teneriffa war ihr verleidet. Sie packte die Koffer. Nur eine Bitte habe sie, ehe sie abreise. Eine letzte gemeinsame Wanderung. Zur Vers\u00f6hnung. Sie wolle sich in Freundschaft trennen. Marita stimmte zu. Hatte ein schlechtes Gewissen. Mochte der Freundin diesen Wunsch nicht abschlagen.<\/p>\n<p>Und so fuhren sie noch im Grau des fr\u00fchen Herbstmorgens von Puerto de la\u00a0 Cruz aus ins Teno-Gebirge. Parkten den Wagen in El Palmar, stiegen mit leichtem Gep\u00e4ck auf. Der Baranc\u00e1n war ein schwieriger Berg. Elende Kraxelei, das wussten sie. Aber die Warnungen im Reisef\u00fchrer schlugen sie in den Wind. Zwei sportliche, durchtrainierte Frauen. Was konnte ihnen schon passieren? Das Wetter war perfekt. Die Morgenk\u00fchle angenehm. Z\u00fcgig kamen sie voran. Lie\u00dfen die k\u00fcnstlich bew\u00e4sserten Terrassenfelder hinter sich. Dann wurde der Weg karger. Es gab noch vereinzelte Feigenkakteen an den R\u00e4ndern, deren Fr\u00fcchte r\u00f6tlich und faulig vor sich hinmoderten. \u00dcberall schwarzes Lavager\u00f6ll. Auch die Steilh\u00e4nge der Schlucht waren nicht l\u00e4nger gr\u00fcn bewachsen, sondern dunkel und abweisend in ihren Braun- und Graut\u00f6nen.<br \/>\nAuf dem Gipfel dann eine Sicht, die ihnen den Atem nahm. Endlos der Atlantik, rollende Schaumkronen, La Gomera zum Greifen nahe. Hinter ihnen der Teide, die Konturen des Kraters \u00fcberdeutlich im Blau des Himmels. Unter ihnen die schroffen Felsen des Barrancos von Masca, durch die sie noch vor zwei Monaten hinabgestiegen waren zum steinigen schwarzen Strand. Wie gl\u00fccklich sie gewesen waren. Alle beide. &#8222;Ich liebe dich&#8220;, hatte Marita gefl\u00fcstert und ihren verschwitzten K\u00f6rper an Doris gedr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Doris schreckt auf, \u00fcber dem Dorf das Dr\u00f6hnen des Helikopters. Werden sie Marita finden? Die Felswand war tief und steil. Der Absturz endlos. Maritas gellender Schrei. F\u00fcr ihn wollte Marita das Foto, f\u00fcr Juan. Mit ausgebreiteten Armen auf der Plattform, Wind in den Haaren..<br \/>\n&#8222;Tanz auf dem Vulkan&#8220;, sagte sie lachend. &#8222;Tut mir leid, Doris, aber ich kann nicht anders.&#8220;<br \/>\nUnd sie drehte sich im Kreis, ein albernes Liebeslied tr\u00e4llernd. Und sie, Doris, stand da, mit dem Fotoapparat in der Hand.<\/p>\n<p>Der Rettungssanit\u00e4ter seilte sich ab. Fand Marita\u00a0 in der Schlucht liegend. Ihr Kopf zerschmettert, das R\u00fcckgrat gebrochen.<br \/>\n&#8222;Un accidente&#8220;, befand die Guardia civil, die in F\u00e4llen von pl\u00f6tzlichem Unfalltod immer herbeigerufen wird. Erst als Maritas malender Geliebter Zweifel andeutete und von einer krankhaft eifers\u00fcchtigen Freundin berichtete, der ein Mord durchaus zuzutrauen sei, tauchten Zweifel auf. Vernehmen konnte man sie schon nicht mehr, denn Doris war Hals \u00fcber Kopf abgereist. Wohin, das wusste niemand so genau.<br \/>\nDoch die Ermittlungen wurden eingestellt. Schlie\u00dflich gab es gen\u00fcgend Zeugen in Teno Alto, die gesehen hatten, wie aufgel\u00f6st Doris in die Tasca getaumelt war. Die junge deutsche Touristin eine M\u00f6rderin? Eine Freundin in den Abgrund gesto\u00dfen? Nie! Nunca jam\u00e1s!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Niemand versteht ein Wort. Die junge Frau mit dem zerrissenen T-Shirt und den von Dornen aufgerissenen Knien schluchzt und stammelt in einem Gemisch von Deutsch und Spanisch unverst\u00e4ndliche Worte. Sie ist durch die T\u00fcr in der kleinen Bar am Dorfrand von Teno Alto gestolpert und h\u00e4lt sich am Tisch fest. 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