{"id":592,"date":"2014-01-15T12:50:50","date_gmt":"2014-01-15T10:50:50","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=592"},"modified":"2015-02-28T20:27:53","modified_gmt":"2015-02-28T18:27:53","slug":"klettern-in-den-canadas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/klettern-in-den-canadas\/","title":{"rendered":"Klettern in den Canadas"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/2013-11-03_13-37-59.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-916\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/2013-11-03_13-37-59.jpg\" alt=\"2013-11-03_13-37-59\" width=\"150\" height=\"125\" \/><\/a>Juan, ein erfahrener Sportkletterer aus Santa Cruz, hat f\u00fcr mich den &#8222;Cinchado&#8220;, den &#8222;steinernen Baum&#8220; ausgesucht, einen 30m hohen Basaltfelsen, der eher wie ein erhobener Arm mit drohender Faust aussieht als ein Baum. Er hat mir angeboten, mich zu begleiten und zu sichern. Die im Felsengebiet der Roques de Garcia schroff aus dem Ger\u00f6ll herausragende Felsnadeln sind aus aufget\u00fcrmtem Magma entstanden, das bei seinem Austritt erlosch und Basalts\u00e4ulen hinterlie\u00df. Eine Touristenattraktion. Hunderte von kleinen bunten Leihautos parken vor dem Parador. Touristen klumpen auf der Plattform, sehen die grandiose Felslandschaft durch das Display ihrer Kameras. Nur die Aktivsten unter ihnen sind aus ihren Sandalen geschl\u00fcpft, haben ihre Wanderschuhe geschn\u00fcrt und machen sich auf den vier Kilometer langen Weg um das Massiv, so wie es die nette junge Frau im Visitor-Center empfohlen hat.<!--more--><\/p>\n<p>Am Fu\u00df des &#8222;Cinchado&#8220; ziehen wir die Kletterschuhe an. Das lang\u00e4rmelige T-Shirt, sch\u00fctzt beim Abrutschen vor \u00e4rgerlichen Hautabsch\u00fcrfungen. Die H\u00e4nde reiben wir mit Magnesia ein, setzen den Helm auf zum Schutz gegen herabfallende Steine und Felsbrocken. Der Basalt sieht ziemlich br\u00f6ckelig aus. Jahrtausendalte Verwitterung. Mit Strickleitern und anderem technischen Firlefanz brauchen wir uns ja gottseidank nicht abzugeben. Nur ein Klettergurt um H\u00fcfte und Oberschenkel, die Express-Schlingen griffbereit an den Materialschlaufen des Klettergurtes. Juan befestigt das elastische Sicherungsseil ebenfalls an seinem Gurt, ich nehme das untere Ende in die Sicherung. Die ersten Meter sehen einfach aus. Die Basalts\u00e4ule hat viele Risse und L\u00f6cher, in die man die H\u00e4nde legen, in denen die F\u00fc\u00dfe Halt finden k\u00f6nnen.<br \/>\n&#8222;Schau mal, eine Frau&#8220;, h\u00f6re ich einen Mann bewundernd sagen, als wir kurz verschnaufen und zur\u00fcckblicken. Touristen staunen. Sicher und schnell, den Fluss der Bewegung ausnutzend, macht Juan den Vorstieg. Ich sichere ihn von unten. Nach etwa 30 Metern macht er Halt. Nun bin ich an der Reihe. Ich versuche, im selben Rhythmus zu folgen, sammle die &#8222;Exen&#8220; ein, die an den in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden in den Fels gebohrten Haken h\u00e4ngen. Nach kurzer Zeit schmerzen meine Unterarme wie verr\u00fcckt. Ich arbeite immer noch zu viel mit den H\u00e4nden. Jetzt blo\u00df keinen Krampf, denke ich. Rufe Juan zu, kurz anzuhalten. Ich sch\u00fcttele die Arme, um die Durchblutung wieder in Gang zu bringen, mein Blut mit Sauerstoff anzureichern. Auf meine Beine und F\u00fc\u00dfe kann ich mich verlassen, auf meine Arme weniger. Ich brauche mehr \u00dcbung.<br \/>\n&#8222;Fallen die nicht runter?&#8220;, kommt eine kindliche Stimme zu uns herauf. Hoffentlich nicht, denke ich, aber das ist ja nicht meine erste Wand, und die Bedingungen sind ideal. Ich erreiche Juan, finde auf einem Felsvorsprung einen sicheren Halt, die pr\u00e4parierten Gummisohlen verhindern zum Gl\u00fcck jedes Abrutschen. Juan klettert weiter, hat das Tempo reduziert, sicher mir zuliebe. Der Schwei\u00df l\u00e4uft mir in die Augen, ich versuche, ihn wegzublinzeln.<br \/>\nJuan ist auf einem kleinen Felsvorsprung im oberen Drittel der Felss\u00e4ule angekommen, hockt sich kurz hin. Ich bin 5 m unter ihm. &#8222;Mehr nach rechts, Frauke&#8220;, ruft er. &#8222;Por la derecha!&#8220; Ich rutsche mit dem linken Fu\u00df ab. Das Seil spannt sich. Eine Frau unten schreit auf. Nimm dich zusammen, konzentriere dich. Mein umhertastender Fu\u00df findet wieder einen Vorsprung. Juan wartet, h\u00e4lt den Daumen hoch. Das letzte St\u00fcck zur &#8222;Faust&#8220; ist einfacher. Keuchend lasse ich mich auf der abgerundeten Plattform nieder. H\u00f6henangst habe ich nicht.<br \/>\nWir nehmen beide einen Schluck aus der Wasserflasche. Die Sicht ist atemberaubend. \u00dcber uns der wolkenlos blaue Himmel. Im R\u00fccken der Teide, aus dessen Krater leichter Schwefeldampf aufsteigt. Vor uns die &#8222;Kathedrale&#8220;, ein Felsensemble mit unz\u00e4hligen T\u00fcrmchen und Spitzen. Unter uns der Kessel, die<br \/>\n\u00bb Caldera da Canadas&#8220; in seinen unterschiedlichen Formationen. Unfruchtbare, schwarze Lavafl\u00e4chen mit spitzigem Gestein, Ascheberge, Mondlandschaften aus verwitterten Ger\u00f6ll- und Steinhalden, dazwischen gelb-braune W\u00fcstenabschnitte, Sandd\u00fcnen. Im S\u00fcden die &#8222;Azulejos&#8220;, ein gr\u00fcnliches Felsentor, durch das die Stra\u00dfe hindurchgehauen wurde. Weiter unten im Westen die dunklen Wipfel einiger verstreuter kanarischer Kiefern, wohl ein Aufforstungsprogramm.<br \/>\nAdrenalin durchflutet meinen K\u00f6rper. Gl\u00fcck pur. Auch Juan scheint beeindruckt, obwohl er doch sicher schon ein paar Mal hier oben war. Als er aufsteht, das Seil in den Abseilhaken einh\u00e4ngt, rei\u00dfe ich mich los. Noch einmal volle Konzentration. Die meisten Unf\u00e4lle passieren beim Abstieg, das hast du mir ja auch eingepaukt. Z\u00fcgig lassen wir uns am Seil hinuntergleiten, finden die Haken, stemmen uns mit den F\u00fc\u00dfen von der schwarz-braunen Felswand ab.<br \/>\n&#8222;Macht es Spa\u00df, sein Leben zu riskieren&#8220;, fragt eine \u00e4ltere grauhaarige Frau vorwurfsvoll, als wir unten sind. Ich gebe keine Antwort. Nein, ich bin nicht lebensm\u00fcde. Ich genie\u00dfe das Klettern, und ja, auch das bisschen Risiko. Darf ich das nicht? Ich bin doch noch jung. Ich will meine Kr\u00e4fte sp\u00fcren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Juan, ein erfahrener Sportkletterer aus Santa Cruz, hat f\u00fcr mich den &#8222;Cinchado&#8220;, den &#8222;steinernen Baum&#8220; ausgesucht, einen 30m hohen Basaltfelsen, der eher wie ein erhobener Arm mit drohender Faust aussieht als ein Baum. Er hat mir angeboten, mich zu begleiten und zu sichern. 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