{"id":590,"date":"2014-01-15T12:48:04","date_gmt":"2014-01-15T10:48:04","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=590"},"modified":"2015-02-28T20:31:04","modified_gmt":"2015-02-28T18:31:04","slug":"la-plaza-de-la-luz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/la-plaza-de-la-luz\/","title":{"rendered":"La Plaza de la Luz"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/2013-11-17_17-13-45.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-920\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/2013-11-17_17-13-45.jpg\" alt=\"2013-11-17_17-13-45\" width=\"150\" height=\"149\" \/><\/a>Ich sitze im Schatten der Markise bei dem im Art nouveau Stil gebauten Pavillon mitten auf der Plaza de la Luz im historischen Kern der Altstadt von Los Silos, trinke ein Glas Milchkaffee und sehe den Maler mit schnellen Schritten \u00fcber den Platz kommen. Graue Locken unter dem hellen Strohhut, den unvermeidlichen Zigarrenstumpen im Gesicht wie festgewachsen, die Staffelei unter der linken Achsel, ein Brett mit aufgezogenem wei\u00dfen Papier am andern Arm schlenkernd. Seine Gestalt wirft einen langen Schatten auf die hellgrauen, kunstvoll verlegten Steine des gro\u00dfen Platzes.<!--more--><\/p>\n<p>Der Maler lehnt seine Staffelei an einen der m\u00e4chtigen indischen Lorbeerb\u00e4ume, die in gleichm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden die R\u00e4nder des gro\u00dfen Platzes begrenzen und Dorfbewohnern und Touristen, die sich m\u00fcde auf Holzb\u00e4nke niederlassen haben, mit ihren riesigen runden Kronen K\u00fchle spenden.<br \/>\nMit zusammengekniffenen Augen schaut der Maler eine Weile auf das vom Licht der sp\u00e4ten Nachmittagssonne angestrahlte Ayuntamiento, mit dem gro\u00dfen, kunstvoll geschnitzten Balkon. Ebenso wie das ockerfarbenen Exconvento de San Sebastian an der S\u00fcdseite mit seinem \u00fcppig begr\u00fcnten Innenhof und der au\u00dfen an den W\u00e4nden entlanglaufenden Holzgalerie ist auch das wei\u00dfget\u00fcnchte Rathaus ein typisches Beispiel f\u00fcr die Bauweise der kanarischen Herrenh\u00e4user. Im Hintergrund t\u00fcrmen sich die bizarren Steilw\u00e4nde des Teno-Gebirges auf, monumental und bedrohlich im Gegenlicht .<\/p>\n<p>Eine Auftragsarbeit f\u00fcr den in Los Silos ans\u00e4ssigen K\u00fcnstler, geht es mir durch den Kopf. Hat der Stadtrat sicher Gelder lockergemacht, um vom Meister ein oder zwei gro\u00dfe Aquarelle gemalt zu bekommen, die sich als \u00e4u\u00dferst repr\u00e4sentativ in einem der \u00f6ffentlichen Geb\u00e4ude machen w\u00fcrden und den sp\u00e4rlichen Tourismus beleben k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Die Pfarrei von Nuestra Senora de la Luz scheint auf jeden Fall kein Interesse an der Vermarktung ihrer Kirche zu haben, denn der Maler wirft nicht einen Blick auf den schneewei\u00dfen mit \u00fcberladenen Steinornamenten, unz\u00e4hligen S\u00e4ulchen, Vorspr\u00fcngen und Gel\u00e4ndern verzierten Turm, in der die gro\u00dfe Bronzeglocke gerade f\u00fcnf dumpf klingende Schl\u00e4ge \u00fcber den Platz schickt, die Menschen zur Nachmittagsmesse rufend. Eine Auforderung, der &#8211; soweit ich sehen kann &#8211; nur zwei \u00e4ltere Frauen in dunklen Kleidern und gemusterten Kopft\u00fcchern Folge leisten.<\/p>\n<p>Suchend blickt der Maler sich um, sch\u00fcttelt den Kopf, als der junge Ober aus der Caf\u00e9bar kommt und einen der Korbst\u00fchle n\u00e4her an den wei\u00dfen Tisch schiebt, an dem der Maler wohl um diese Zeit mit einem Espresso und einem Brandy die heure bleu einleitet.<\/p>\n<p>Ich sehe, wie sich pl\u00f6tzlich die konzentrierten Gesichtsz\u00fcge des Malers l\u00f6sen und einem L\u00e4cheln Platz machen. Nanu, denke ich, eine sch\u00f6ne Frau? Er erwartet sein Modell. Das tut er in der Tat, doch sein Modell ist keine \u00fcppige kanarische Sch\u00f6nheit mit h\u00fcftlangem, schwarzen Haar, sondern ein etwas neunj\u00e4hriger Junge, der mit seinem Skateboard um die Ecke des Sportgesch\u00e4ftes Ernesto st\u00fcrmt und &#8211; das rechte Bein auf dem Board, mit dem linken sich absto\u00dfend &#8211; in atemberaubender Geschwindigkeit auf den K\u00fcnstler zuschie\u00dft.<br \/>\nMeine G\u00fcte, der f\u00e4hrt den Mann um, denke ich. Doch der Maler zuckt mit keiner Wimper, und der Junge stoppt das Brett mit einer eleganten Drehung, verlagert das Gewicht auf das hintere Ende und springt in dem Moment ab, als das Brett hochschnellt. Mit einer geschickten Bewegung f\u00e4ngt er es auf und strahlt.<br \/>\nDer Maler lacht, neigt den Kopf und l\u00e4sst sich links, rechts, links auf den stacheligen Vollbart k\u00fcssen. Er streicht dem Jungen \u00fcber den Kopf, sagt &#8222;vamos&#8220;, und dann gehen sie quer \u00fcber den Platz in Richtung der wei\u00dfen B\u00fcrgerh\u00e4user.<\/p>\n<p>Ich lege die M\u00fcnzen f\u00fcr den Milchkaffee auf die Untertasse und folge den beiden. Der Maler baut seine Staffelei auf, klemmt das Holzbrett fest, dreht an den Schrauben, h\u00e4ngt die kleinen N\u00e4pfe mit den Aquarellfarben an die untere Leiste. Erst jetzt bemerke ich, dass das Blatt gar nicht wei\u00df und unbemalt ist, sonder eine pr\u00e4zise Bleistiftzeichnung der alten H\u00e4user auf der Nordseite des Platzes zeigt. Mit sicherer Hand sind die aus dunkel gebeiztem Kieferholz gefertigten Balkone, T\u00fcren, Fensterrahmen skizziert. Offensichtlich der Hintergrund f\u00fcr ein Portrait des jungen Skateboardfahrers, der sich l\u00e4ssig an eine der gusseisernen Laternen gelehnt hat, sein Board unter dem Arm.<\/p>\n<p>&#8222;Bueno&#8220;, sagt der Maler. &#8222;No te muevas&#8220;, und er beginnt, mit schnellen Bewegungen zu zeichnen. In Windeseile ist das Gesicht des Jungen erkennbar in seiner ganzen vorpubert\u00e4ren Selbstherrlichkeit, mit blitzenden Augen und spitzb\u00fcbischem Gesicht.<br \/>\n&#8222;Die M\u00e4dchen werden ihn lieben&#8220;, sagt der Maler pl\u00f6tzlich auf Deutsch und dreht sich zu mir um. &#8222;Mein Enkel, ist er nicht ein s\u00fc\u00dfer Kerl?&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sitze im Schatten der Markise bei dem im Art nouveau Stil gebauten Pavillon mitten auf der Plaza de la Luz im historischen Kern der Altstadt von Los Silos, trinke ein Glas Milchkaffee und sehe den Maler mit schnellen Schritten \u00fcber den Platz kommen. 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