{"id":586,"date":"2014-01-15T12:44:08","date_gmt":"2014-01-15T10:44:08","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=586"},"modified":"2019-01-19T18:25:22","modified_gmt":"2019-01-19T17:25:22","slug":"mutter-alma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/mutter-alma\/","title":{"rendered":"Mutter Alma"},"content":{"rendered":"<p>Nein, sie war wei\u00df Gott kein Rippchen. Klein und kompakt, mit kr\u00e4ftigen Oberarmen und einem ausladenden Busen stand sie wie ein Fels hinter dem Ladentisch in dem kleinen Kiosk in der N\u00e4he vom Gelsenkirchener Bahnhof, verkaufte Zeitungen und Illustrierte, lauschte geduldig dem Gemecker \u00fcber steigende Benzinpreise und ewig versp\u00e4tete Z\u00fcge, holte Zigaretten aus dem Regal und S\u00fc\u00dfigkeiten, und dachte sich ihr Teil, wenn zur sp\u00e4teren Stunde Schnaps verlangt wurde. Bier und Korn schob sie \u00fcber den Tresen, aber nie f\u00fcr Kunden unter 18. Da hatte sie ihre Prinzipien. \u00bbNimm lieber nen Dauerlutscher\u00ab, hatte sie neulich zu einem pickeligen Knaben gesagt, der Bier und Zigaretten verlangte. Und als der H\u00e4nfling frech wurde, hatte sie ihre 80 Kilo Lebendgewicht um den Tresen gerollt, die F\u00e4uste in die H\u00fcften gestemmt und drohend gesagt: \u00abHau ab oder du kriegst den Hintern voll.\u00ab Der Junge hatte fluchtartig den kleinen Laden verlassen. Sie fand das normal. <!--more--><br \/>\nJa, nach zwanzig Jahren kannte sie ihre Pappenheimer. Sie kochte Kaffee, machte Klopse warm, legte Bratw\u00fcrste auf den kleinen Grill, und wenn sie Zeit hatte, stellte sie sich auch mal mit dem einen oder anderen Kunden drau\u00dfen an den kleinen runden Tisch und lie\u00df sich erz\u00e4hlen, was so lief im Revier.<br \/>\n\u00bbMudda Alma\u00ab nannte man sie in der Nachbarschaft und sch\u00e4tzte sie als aufmerksame Zuh\u00f6rerin, die allerdings niemals mit ihrer Meinung hinter dem Berg hielt.<br \/>\n\u00bbH\u00f6r auf zu saufen, Heinz\u00ab, hatte sie neulich gesagt. \u00bbWenn du deine Familie behalten willst, dann h\u00f6r auf zu saufen.\u00ab<br \/>\nAuch die Kinder liebten sie. Sie trocknete Tr\u00e4nen, wenn das Zeugnis schlecht ausgefallen war, verteilte Bonbons, wenn es zu Hause Pr\u00fcgel gegeben hatte. Alma Kalokowski f\u00fchlte sich wohl in ihrem kleinen Reich, hatten guten Kontakt zu ihren Kunden. Klar, der Kiosk lag in einem sozial schwachen Stadtteil. Aber welcher Stadtteil in Gelsenkirchen war nicht sozial schwach? Die Zechen waren zu, die meisten Industriebetriebe abgewandert. Die Arbeitslosigkeit wuchs, viele Menschen lebten von Sozialhilfe, der Migrantenanteil war \u00fcberdurchschnittlich hoch.<br \/>\nAber waren nicht auch ihre Gro\u00dfeltern aus Polen gekommen, hatten sich m\u00fchsam hochrackern m\u00fcssen, waren Fremde gewesen, Polacken. \u00bbRot und blau, Polacksfrau\u00ab, war noch ihre Mutter in der Schule geh\u00e4nselt worden. Nein, Alma f\u00fchlte sich wohl in Gelsenkirchen, hatte ihre Arbeit, ihre Freundinnen. Die Kinder waren l\u00e4ngst erwachsen, waren in den S\u00fcden der Republik gezogen, wo es gut bezahlte Arbeitspl\u00e4tze gab. Heiner fehlte ihr, sicher, aber auch nach seinem Tod wollte sie hier bleiben, in der heruntergekommenen Ruhrgebietsstadt Gelsenkirchen, in ihrem alten Viertel. Hier war sie aufgewachsen, hier war ihr Zuhause, hier kannte sie alle. Nie und nimmer wollte sie hier weg.<br \/>\nWenn sie gefragt wurde, ob sie nicht Angst habe, so viele Stunden allein im Kiosk zu arbeiten, hob sie die Augenbrauen. \u00bbAngst wovor?\u00ab \u00bbNa, vor Einbrechern, R\u00e4ubern, Junkies. Steht doch immer in der Zeitung.\u00ab<br \/>\n\u00bbPapperlapapp\u00ab, sagte sie dann. \u00bbMir tut keiner was. Ich kenne die Leute. Und au\u00dferdem habe ich einen Alarmknopf.\u00ab Und sie l\u00e4chelte verschmitzt und zeigte auf einen unbestimmten Punkt unterhalb der Kasse.<br \/>\nAls dann eines Abends im Januar &#8211; es wurde schon um f\u00fcnf dunkel &#8211; zwei\u00a0 Gestalten in das L\u00e4dchen st\u00fcrzten,\u00a0 schwarze Pudelm\u00fctzen \u00fcbers Gesicht gezogen, \u00bbGeld her\u00ab riefen und mit einem Messer herumfuchtelten, drehte sie sich ganz ruhig vom Waschbecken um, in dem sie gerade ein paar schmutzige Kaffeetassen sp\u00fclte, sagte ruhig: \u00bbWatt soll dat denn sein? Nen Tatort oder wat?\u00ab<br \/>\n\u00bbKasse auf. Geld her!\u00ab, schrie der Gr\u00f6\u00dfere. Und der andere mit kieksender Stimme: \u00bbWenn\u00a0 Ihnen Ihr Leben wat wert iss.\u00ab<br \/>\n\u00bbDonnerwetter\u00ab, sagte Alma. \u00bbWohl zu viele Krimis geguckt, wa?\u00ab und trocknete seelenruhig die Tassen ab. \u00bbMacht euch nicht ungl\u00fccklich, Jungs. Wenn ihr erst mal im Knast wart, geht et nur noch abw\u00e4rts.\u00ab<br \/>\n\u00bbHalt die Schnauze, Alte\u00ab, sagte der Lange. \u00bbUnd nu dalli, dalli!\u00ab<br \/>\n\u00bbAch, nerv\u00f6s sind die Herren auch\u00ab, Alma kreuzte die Arme \u00fcber ihrem Busen. Die Augen funkelten. \u00bbEt lohnt nich. Kaum wat inne Kasse.\u00ab<br \/>\n\u00bbL\u00fcg nicht\u00ab, sagte sein Kumpel und hielt ihr ein Klappmesser vors Gesicht. \u00bbLos, mach schnell. Die ganze Knete. \u00ab<br \/>\n\u00bbMenschenskinnas, bewaffneter Raub\u00fcberfall. Wisst ihr \u00fcberhaupt, wat dat hei\u00dft? Ganz sch\u00f6n viele Jahre im Knast. Haut ab, ehe et zu sp\u00e4t iss.\u00ab<br \/>\nBlaulicht, und dann hielten zwei Polizeiautos mit quietschenden Reifen vor dem Kiosk. \u00bbIch hab\u2019 s euch gesacht, Jungs!\u00ab Alma zuckte die Schultern. \u00bbAber wenn ihr so d\u00e4mlich seid.\u00ab<br \/>\nMit gezogenen Pistolen st\u00fcrmten die Polizisten in den Verkaufsraum. \u00bbMesser fallen lassen. H\u00e4nde hoch.\u00ab.<br \/>\nDie R\u00e4uber wurden an die Wand gedr\u00e4ngt, abgetastet. Unter den schwarzen Wollm\u00fctzen die bleichen Gesichter zweier Jugendlicher.<br \/>\nAlma beobachtete kopfsch\u00fcttelnd, wie sie in den Polizeiwagen verfrachtet wurden. Nat\u00fcrlich hatte sie auf den Alarmknopf gedr\u00fcckt auf ihrem Weg zur Kasse. Das waren keine Profis, dachte sie. Gottseidank nicht. Dumme Jungs. Aber sie mit dem Messer zu bedrohen, das ging zu weit. Ihre Knie wackelten nun doch ein bisschen , sie lie\u00df erst einmal einen Cappuccino aus der Maschine laufen, nahm ein P\u00e4ckchen Zigaretten, steckte sich eine\u00a0 an und ging vor die T\u00fcr. Nee, ihre Nerven waren auch nicht mehr dat, wat sie mal waren. Bl\u00f6de Kerle, noch nich trocken hinter die Ohren.<br \/>\nSie dr\u00fcckte die Zigarette aus und warf den Stummel in den Abfalleimer. Kunden kamen und gingen. Alma kassierte, verkaufte die letzten Exemplare der Bild-Zeitung, schenkte Kaffee aus, tat W\u00fcrstchen ins hei\u00dfe Wasser, wuchtete einen Kasten Bier nach oben auf die Theke und verteilte die Flaschen im K\u00fchlschrank.<br \/>\nGegen 20 Uhr machte sie den Laden dicht, nahm die Kassette mit den Tageseinnahmen unter den Arm und h\u00f6rte eine bekannte kieksige Stimme sagen: \u00bbH\u00e4nde hoch.\u00ab Die T\u00e4ter waren zur\u00fcckgekommen. Klar, sie waren minderj\u00e4hrig, die Polizisten hatten die beiden wohl zu Hause abgeliefert. Wer einen festen Wohnsitz nachweisen konnte, den mussten die Beamten erst mal laufen lassen, so war die Rechtsprechung.<br \/>\n\u00bbIhr schon wieder\u00ab, diesmal war Alma richtig sauer. \u00bbTu blo\u00df die Spielzeugpistole weg, Kleiner!\u00ab Sie versuchte, dem Jungen die Pistole aus der Hand zu schlagen. Ein Schuss l\u00f6ste sich. Es war keine Spielzeugpistole. Alma ging zu Boden. \u00bbSchei\u00dfe, besser wir hauen ab\u00ab, sagte der Lange. \u00bbIch glaub, die Alte is tot.\u00ab Die Geldkassette lie\u00dfen sie liegen.<br \/>\nEs war zum Gl\u00fcck nur ein Streifschuss in die Schulter, und nach zwei Wochen stand Alma bereits wieder in ihrem Kiosk, den Arm in der Schlinge. \u00abSo schnell lass ich mich\u00a0 nicht bange machen\u00ab, sagte sie. \u00bbNich von sonne Rotzbengel.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein, sie war wei\u00df Gott kein Rippchen. 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