{"id":515,"date":"2013-05-26T10:47:50","date_gmt":"2013-05-26T08:47:50","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=515"},"modified":"2015-02-28T20:34:43","modified_gmt":"2015-02-28T18:34:43","slug":"carlotta","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/carlotta\/","title":{"rendered":"Carlotta"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/image006.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-888\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/image006.jpg\" alt=\"image006\" width=\"130\" height=\"150\" \/><\/a>Mit einem gro\u00dfen Satz sprang Carlotta in den VW-Bus, der mit offener Schiebet\u00fcr auf dem Hof geparkt hatte. Seit Wochen hatte sie beobachtet, dass Leute angefahren kamen, sich die Hunde im Zwinger anschauten, einen kleinen, niedlichen Mischling aussuchten, ihn ins Auto trugen und davonfuhren.<!--more--><br \/>\nCarlotta war nicht klein und niedlich, sondern gro\u00df und wei\u00df und zottelig. Sie war ein italienischer Maremmano-Mischling, eine Herdenschutzh\u00fcndin mit einem B\u00e4renkopf und einer dicken, weichen Halskrause. Aber auch sie wollte nicht l\u00e4nger im K\u00e4fig bleiben. Die kleinen Kl\u00e4ffer, die um sie herumwieselten, durch ihre Beine flitzten und versuchten, ihr das Futter zu klauen, gingen ihr auf die Nerven.<br \/>\n\u00abRaus hier, meine Sch\u00f6ne \u00ab, sagte der Besitzer des VW-Busses, als er in den Wagen guckte. Er l\u00e4chelte freundlich, wollte aber zum Halsband greifen, um sie vom Sitz zu ziehen. Carlotta zog die schwarzen Lefzen zur\u00fcck, zeigt ihre Z\u00e4hne und gab ein leises Knurren von sich. Nicht zu laut, nat\u00fcrlich, sie wollte den Mann ja nicht gleich verschrecken. Er lachte sie aus. \u00abM\u00e4dchen\u00bb, sagte er.\u00bbNun ist aber gut. Raus aus meinem Bully.\u00bb<br \/>\nCarlotta legte stur den riesigen Kopf auf die Pfoten und schloss die Augen. Wenn sie niemanden sah, wurde sie auch von niemandem gesehen.<br \/>\n\u00abGibt es Probleme?\u00bb Die Verwalterin der kleinen Streuner-Notstation war hinzugekommen. Sie schaute in den Bus \u00abDa ist ja unsere Carlotta.\u00bb Sie streckte die Hand aus. \u00abKomm, Carlotta!\u00bb<br \/>\nCarlotta jaulte und schob sich r\u00fcckw\u00e4rts an das andere Ende des R\u00fccksitzes.<br \/>\n\u00abSie will bei Ihnen bleiben\u00bb, sagte sie zu dem Mann. \u00abW\u00e4re das nicht ein Hund f\u00fcr Sie?<br \/>\nDer Mann kr\u00e4uselte die Stirn. Carlotta hatte sofort bemerkt, dass sie ihm gefiel. Sie schaute ihn mit ihren braunen feuchten Augen bettelnd an und schlug heftig mit dem Schwanz. Was will denn so ein gro\u00dfer Mann mit einem kleinen Kl\u00e4ffer, dachte sie. Sogar das Auto ist bestens f\u00fcr mich geeignet.<br \/>\n\u00abDiese H\u00fcndin ist sehr gro\u00df. Meine Frau will einen kleineren Hund. H\u00f6chstens kniehoch\u00bb, h\u00f6rte Carlotta den Mann zu der Verwalterin sagen. \u00abW\u00e4chst sie denn noch?\u00bb<br \/>\n\u00abGlaub ich kaum\u00bb, flunkerte die Frau. \u00abSie ist kein echter Maremmano, nur eine Mischlingsh\u00fcndin. Die wird nicht so gro\u00df.\u00bb<br \/>\nDer Mann schaute zweifelnd auf den Hund in seinem Wagen und Carlotta versuchte, sich ganz klein zusammenzurollen und niedlich auszusehen.<br \/>\n\u00abCarlotta ist ein Herden-Schutzhund und wurde in Pompeji eingefangen. Etwa ein Jahr alt. Geimpft, entwurmt, gechipt, gutm\u00fctig und kinderlieb\u00bb, pries die Frau die H\u00fcndin an.<br \/>\nCarlotta versuchte, ihr allerliebstes Babygesicht aufzusetzen. Der Mann lachte wieder:<br \/>\n\u00abSie tut so, als ob sie uns versteht\u00bb, sagte er. \u00abAber meine Frau wird schimpfen. Unser Haus ist nicht so gro\u00df, wissen Sie. Und wir haben drei Kinder.\u00bb<br \/>\nNun sag schon, dass ich perfekt auf die Kinder aufpasse, betete Carlotta.<br \/>\n\u00abSie wird perfekt auf Ihre Kinder aufpassen\u00bb, sagte die Frau.<br \/>\nNa bitte, geht doch, dachte Carlotta.<br \/>\n\u00abO.k., ich nehme sie mit. Aber nur zur Probe. Ich kann das nicht allein entscheiden\u00bb, sagte der Mann.<br \/>\n\u00abMama Mia\u00bb, dachte Carlotta.\u00ab So ein Weichei\u00bb<br \/>\n\u00abAndiamo\u00bb, sagte der Mann, schob mit einem lauten Knall die Schiebet\u00fcr zu und startete den Bully.<br \/>\n\u00abItalienisch kann er auch\u00bb, freute sich Carlotta.<\/p>\n<p>Dass die Kinder begeistert waren, als Christof mit ihr nach Hause kam, war Carlotta gewohnt. Auch Baby Hanna streckte immer wieder die Patschh\u00e4ndchen nach dem gro\u00dfen wei\u00dfen B\u00e4renkopf aus und versuchte, an Carlottas Ohren zu ziehen.<br \/>\nIhre Mutter Sophie allerdings war ein anderes Kaliber. Die war stocksauer.<br \/>\n\u00abUm Gottes willen, Christof\u00bb, sagte sie. \u00abWas bringst du da f\u00fcr einen Hund. Unser Haus ist doch viel zu eng f\u00fcr so ein riesiges Vieh. Wie gro\u00df wird der Kerl denn noch?\u00bb<br \/>\nKerl, dachte Carlotta. Ist die jetzt auch noch blind?<br \/>\n\u00abEine Kerlin\u00bb, sagte Christof. Es ist eine Sie. Und sie wird nicht viel gr\u00f6\u00dfer.\u00bb<br \/>\nDas war gelogen, das wussten beide, die H\u00fcndin und der Mann, und er f\u00fcgte zur Sicherheit hinzu. \u00abHat man mir zumindest gesagt.\u00bb<br \/>\nSophie betrachtete Carlotta skeptisch. Die sp\u00fcrte die Spannung. Sie setzte sich aufrecht hin, legte den Kopf schief, schielte, was das Zeug hielt, und hob bittend eine Pfote.<br \/>\n\u00abEs war ausgemacht, einen kleineren Hund zu kaufen\u00bb, sagte Sophie.<br \/>\n\u00abNur ein paar Tage\u00bb, sagte Christof. Zur Pflege. Bis die Organisation eine andere Familie gefunden hat.\u00bb<br \/>\n\u00abBitte, Mama, bitte\u00bb, sagte der gr\u00f6\u00dfere Junge.<br \/>\n\u00abGuck mal, die versteht dich. Jetzt grinst sie\u00bb, sagte Sophie erstaunt und wies auf Carlottas offenes Maul und ihre schr\u00e4g heraush\u00e4ngende Zunge. Sogar ihr heftig wedelnder Schwanz schien zu l\u00e4cheln.<br \/>\nAus Tagen wurden Wochen. Die Kinder liebten sie. Sophie allerdings blieb skeptisch, das sp\u00fcrte Carlotta. Sie nahm den Kopf eilig vom Esstisch, wenn Sophie sie \u00e4rgerlich anschaute und versuchte, nicht immer wieder die Kaffeetassen mit dem Schwanz vom Couchtisch zu fegen. Aber dass Carlotta eine perfekte Babysitterin war, das konnte auch Sophie nicht leugnen.<br \/>\nSchlief Hanna im Garten oder wurde kurz vor einem Gesch\u00e4ft abgestellt, bewachte Carlotta den Kinderwagen, und wehe, eine fremde Person wagte es, zu nahe an den Wagen heranzugehen. Dann zog sie die Lefzen zur\u00fcck und knurrte bedrohlich.<br \/>\nUnd dann &#8211; an einem hei\u00dfen Samstagnachmittag &#8211; passierte etwas, das auch Sophies Haltung gegen\u00fcber Carlotta vollst\u00e4ndig ver\u00e4nderte. Es war Besuch gekommen. Die Erwachsenen tranken Kaffee. Die Jungen tobten im Garten herum. Carlotta hatte sich in den Schatten des Hausflurs zur\u00fcckgezogen und genoss die K\u00fchle der Steinfliesen. Heute hatte sie wirklich keine Lust, irgendwelchen B\u00e4llen nachzujagen. Baby Hanna lag auf eine Decke unter dem Apfelbaum und schlief fest. Dachte man zumindest.<br \/>\nWas Carlotta aber sah, als sie m\u00fcde ein halbes Auge \u00f6ffnete, lie\u00df ihre Halskrause vor Schreck senkrecht abstehen. Mit einem tiefen warnenden Bellen sprang sie auf. Wie ein Geschoss schnellte sie aus dem Flur in den Vorgarten, sprang in einem hohen Satz \u00fcber die Eingangspforte, die aus unerkl\u00e4rlichen Gr\u00fcnden nur angelehnt war, und jagte auf die Stra\u00dfe.<br \/>\n\u00abHalt\u00bb, wollte Sophie schreien, aber dann sah sie, dass die kleine Hanna versuchte, \u00fcber die Stra\u00dfe zu krabbeln. Zwischen den parkenden Autos war sie schon durchgewitscht, und nun robbte sie schnurstracks auf den gegen\u00fcberliegenden B\u00fcrgersteig zu, den kleinen Popo mit der Windelhose hoch in der Luft. Sophie erstarrte, als sich von rechts ein roter BMW n\u00e4herte. Doch da war Carlotta schon auf der Stra\u00dfe, schnappte nach Hannas Windel, hob das Baby hoch und versuchte mit langen S\u00e4tzen, die andere Stra\u00dfenseite zu erreichen. Das Auto bremste scharf, konnte aber nicht verhindern, dass es mit dem rechten Kotfl\u00fcgel Carlottas Hinterl\u00e4ufe streifte. Der Schmerz fuhr der H\u00fcndin bis ins Gehirn. Sie jaulte auf, lie\u00df aber das Kind nicht fallen, sondern hinkte auf den gegen\u00fcberliegenden Bordstein, \u00f6ffnete ihr gro\u00dfes Maul und legte das Baby vorsichtig ab. Christof und Sophie hetzten \u00fcber die Stra\u00dfe.<br \/>\n\u00abUm Gottes willen\u00bb, sagte der Fahrer. Er war ganz wei\u00df im Gesicht. \u00abDas Kind habe\u00a0 ich nicht gesehen. Nur einen wei\u00dfen Blitz, der \u00fcber die Stra\u00dfe sauste.\u00bb.<br \/>\nDas war ich, der wei\u00dfe Blitz, dachte Carlotta stolz. Und sogar Sophie geht jetzt vor mir in die Knie und schaut nach meiner Wunde. Ein bisschen Blut w\u00fcrde sich jetzt gut machen. Sie drehte den Kopf, wimmerte dramatisch und leckte an ihrem Bein.<br \/>\n\u00abDanke, meine Carlotta\u00bb, sagte Sophie und streichelte Carlottas Kopf.\u00abBrave Carlotta.\u00bb Ihre Augen waren feucht. \u00bbOhne dich w\u00e4re Hanna jetzt tot.\u00bb.<br \/>\nSiehst du, dachte Carlotta. Ich bin eben eine gute Besch\u00fctzerin. Und sie wedelte vorsichtig mit dem Schwanz und leckte Sophies Hand als Zeichen der Vers\u00f6hnung.<\/p>\n<p>In der Tierklinik wurde Carlottas Bein versorgt. Auch wenn Carlotta in Zukunft den rechten Hinterlauf ein wenig nachzog, blieb sie doch die sch\u00f6nste und gr\u00f6\u00dfte H\u00fcndin weit und breit. Und niemand redete mehr davon, sie wieder abzugeben. Auch Sophie nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einem gro\u00dfen Satz sprang Carlotta in den VW-Bus, der mit offener Schiebet\u00fcr auf dem Hof geparkt hatte. 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