{"id":463,"date":"2012-12-08T19:35:18","date_gmt":"2012-12-08T17:35:18","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=463"},"modified":"2019-11-13T14:55:15","modified_gmt":"2019-11-13T13:55:15","slug":"weihnachtskekse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/weihnachtskekse\/","title":{"rendered":"Weihnachtskekse"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/weihnachtskekse\/fotolia_44530029_xs1\/\" rel=\"attachment wp-att-474\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-474\" title=\"fotolia_44530029_xs1\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/fotolia_44530029_xs1-150x150.jpg\" alt=\"fotolia_44530029_xs1\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Klirrende K\u00e4lte, als sie ins Bahnhofsgeb\u00e4ude hetzte. 20.15 fuhr ihr Zug. Wieder auf die letzte Minute. W\u00fcrde sie es nie lernen?<br \/>\nDoch nach der Erleichterung, den Zug erreicht zu haben, machte sich in ihr sofort Unmut breit. Der Platz neben ihr war besetzt. Und sie hatte sich auf eine ruhige entspannte Fahrt gefreut. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass\u00a0 der Gro\u00dfraumwagen so voll war,\u00a0 ausgerechnet heute, am Heiligen Abend.\u00a0 Wieso waren die Leute nicht bei ihren Familien?<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nUnd dann sa\u00df ausgerechnet eine dieser Gothicfrauen neben ihr. Ein wei\u00df geschminktes Gesicht, mit Kajal dick ummalte Augen, die Lippen schwarz, Unterlippe gepierct, Sicherheitsnadeln in den Ohrl\u00e4ppchen. Die burgunderroten, langen Haare waren hochtoupiert und standen nach allen Seiten ab wie Vogelschwingen. Schwarzes R\u00fcschenkleid, Netzstr\u00fcmpfe, klobige Doc Martens, ein perfektes Outfit. Warum war sie nicht erste Klasse gefahren?<br \/>\nDa drehte das schmale Gruftim\u00e4dchen den Kopf, strahlte sie aus blauen Kinderaugen an und sagte :\u00a0 Ganz sch\u00f6n voll der Zug. Sind die Heiligabend alle auf der Flucht?<br \/>\nIch jedenfalls bin auf der Flucht, h\u00f6rte sich Johanna zu ihrem Erstaunen sagen. War sie noch ganz bei Trost? Was ging dieses Gothicm\u00e4dchen ihr Privatleben an.<br \/>\nIch auch!, grinste das M\u00e4dchen. Dieses Getue unter dem Tannenbaum, das halte ich nicht aus.<br \/>\nWas sagen denn deine Eltern dazu?<br \/>\nDie Gothicfrau machte eine wegwerfende Handbewegung. Pah, Eltern! Die sind seit Jahren geschieden. Und seitdem das Generve, bei wem mein kleiner Bruder und ich feiern sollen. Als mein Vater noch in der N\u00e4he wohnte, mussten wir erst zu ihm, dann zu Mutti. Und die war immer in Tr\u00e4nen aufgel\u00f6st. Stille Nacht, heilige Nacht &#8211;\u00a0 nein, danke!<br \/>\nUnd wohin f\u00e4hrst du nun?<br \/>\nNach Sylt.<br \/>\nOh wirklich, ich auch.<br \/>\nIst ja echt krass? Das Gothicm\u00e4dchen schaute Johanna skeptisch an. Ganz sch\u00f6n alt, um\u00a0 vor den Eltern abzuhauen.<br \/>\nJohanna lachte. Wider Erwarten gefiel ihr das M\u00e4dchen. Die direkte, schnodderige Art.<br \/>\nJa,\u00a0 Steinzeit. Danke f\u00fcr die Blumen!<br \/>\nDie Punkerin wurde rot. Schuldigung, so meine ich das nicht. Sie sehen noch echt cool aus und so. \u00ab<br \/>\nIst schon gut. Ich bin 42. Und du?<br \/>\nDas M\u00e4dchen z\u00f6gerte. F\u00fcnfzehn, sagte sie dann.<br \/>\nWei\u00df deine Mutter, dass du weggefahren bist?<br \/>\nNee, seitdem die &#8217;nen neuen Lover hat, bin ich ihr sowieso egal.\u00a0 Ein beknackter Typ. Von dem lasse ich mir noch lange nichts sagen.<\/p>\n<p>Wo \u00fcbernachtest du denn in Sylt? Johanna biss sich auf die Lippen. Nun spielte sie schon\u00a0 Mama. Was ging sie die Kleine an. Sie hatte ihre eigenen Probleme.<br \/>\nDie Kleine guckte auch sofort st\u00f6rrisch. Wieso, wollen Sie mich der Polizei melden?<br \/>\nNein, bestimmt nicht. Aber du musst doch irgendwo schlafen.<br \/>\nIch komm schon klar. Ich bin kein Baby.<br \/>\nDas M\u00e4dchen hatte das Kinn vorgeschoben, drehte den Kopf zur Seite und verfiel in m\u00fcrrisches Schweigen.<br \/>\nSie war aber auch eine dumme Pute. So \u00fcberp\u00e4dagogisch. Jetzt war die Kleine sauer. Johanna stellte\u00a0 fest, dass sie sich gern weiter unterhalten h\u00e4tte. Das M\u00e4dchen imponierte ihr. Sie hatte Jahrzehnte gebraucht, um der Familie an Weihnachten zu entfliehen. Die Kleine hatte mehr Mumm.<\/p>\n<p>Mit einem Quietschen kam der Zug zum Stehen. Im Abteil wurde es schwarz, die Lichter flackerten, gingen aus. Die Fahrg\u00e4ste dr\u00e4ngten zum Fenster. Halt auf freier Strecke. Rabenschwarze Nacht. Nichts war zu sehen da drau\u00dfen. Nach einigen Minuten die Stimme des Zugf\u00fchrers.<br \/>\nWir bitten um Geduld. Stromausfall. Die Oberleitungen sind vereist.<br \/>\nDie Kleine lachte. Sehen Sie, jetzt brauchen Sie sich\u00a0 keine Sorgen mehr zu machen, wo ich \u00fcbernachte. Im Zug. Wetten, dass &#8230;<br \/>\nJohanna schaute sie erschrocken an.<br \/>\nOder\u00a0 meinen Sie, die Bundesbahn kriegt das schnell in den Griff? Im Sommer f\u00e4llt die Klimaanlage aus, im Winter vereisen die Leitungen. Ist doch auf jedem Plakat zu lesen, der Slogan:\u00a0 Alle reden vom Wetter. Wir nicht.<br \/>\nBeide fingen an zu kichern, konnten sich nichtberuhigen.\u00a0 Die anderen Fahrg\u00e4ste guckten missbilligend. Ein \u00e4lterer Mann brummelte : Alberne G\u00e4nse!<br \/>\nDas M\u00e4dchen kramte in ihrem schwarzen Rucksack. Holte eine bunte Blechdose heraus.<br \/>\nWeihnachtskekse von meiner Oma. Wollen Sie einen?<br \/>\nIch hei\u00dfe Johanna, sagte Johanna.<br \/>\nUnd ich Patrizia, sagte das Gruftim\u00e4dchen und gab ihr die Hand.<br \/>\nUnd fr\u00f6hliche Weihnachten auch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klirrende K\u00e4lte, als sie ins Bahnhofsgeb\u00e4ude hetzte. 20.15 fuhr ihr Zug. Wieder auf die letzte Minute. W\u00fcrde sie es nie lernen? Doch nach der Erleichterung, den Zug erreicht zu haben, machte sich in ihr sofort Unmut breit. Der Platz neben ihr war besetzt. Und sie hatte sich auf eine ruhige entspannte Fahrt gefreut. 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