{"id":46,"date":"2010-08-05T18:10:36","date_gmt":"2010-08-05T16:10:36","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=46"},"modified":"2015-10-15T19:34:13","modified_gmt":"2015-10-15T17:34:13","slug":"doppelleben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/doppelleben\/","title":{"rendered":"Doppelleben"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?attachment_id=333\" rel=\"attachment wp-att-333\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-333\" title=\"blutlache\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/fotolia_16795983_xs-150x150.jpg\" alt=\"blutlache\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>So sieht kein Monster aus, dachte der junge Richter, als ihm Richard Feddersen vorgef\u00fchrt wurde. So unscheinbar und grau und blass. Unstete Augen hinter dicken Brillengl\u00e4sern, fahrige Handbewegungen, eine leise, leicht lispelnde Sprache. Eher ein Opfer als ein T\u00e4ter. Eine Figur wie aus Kafkas Romanen.<br \/>\nReinhold B\u00f6rnson sollte zum ersten Mal in einem Strafprozess den Vorsitz f\u00fchren. Nicht dass er sich schlecht vorbereitet f\u00fchlte, aber vielleicht h\u00e4tte doch ein \u00e4lterer, erfahrener Richter mit dem Vorsitz betraut werden sollen, denn bei der Scheu\u00dflichkeit der Tat w\u00fcrde der Prozess ein enormes Medieninteresse auf sich ziehen. Wie Haie warteten die Anw\u00e4lte auf formal-juristische Fehler, um in Revision zu gehen. So hatte B\u00f6rnson sich den Start seiner richterlichen Laufbahn nicht vorgestellt. Aber vielleicht k\u00f6nnte genau dieser Prozess auch die erste Stufe zu seiner Karriere sein.<!--more--><br \/>\nDas Verbl\u00fcffende war, dass Richard Feddersen von Anfang an gest\u00e4ndig war und auf die Frage hin, welchen Anwalt er wolle, desinteressiert die Schultern gezuckt hatte. Der vom Gericht zugeteilte Pflichtverteidiger hatte Feddersen gedr\u00e4ngt, das Gest\u00e4ndnis zu widerrufen, denn er war sich des Medienrummels bewusst und sah die Chance f\u00fcr gro\u00dfe Auftritte. Er hatte jede Menge Zeugen vorgeladen, die dem Angeklagten einen tadellosen Lebenswandel bescheinigen sollten.<br \/>\nDie Arbeitskollegen im Finanzamt betonten einstimmig, dass Feddersen ein zuverl\u00e4ssiger, freundlicher Kollege gewesen sei, der allerdings mit niemandem engeren Kontakt gepflegt habe.<br \/>\nFeddersens Vorgesetzter lobte dessen P\u00fcnktlichkeit und Arbeitseifer. Feddersen habe sich in all den Jahren nicht einmal krank gemeldet. Pers\u00f6nlich wisse er nichts \u00fcber ihn, da der Mann sehr zur\u00fcckhaltend sei. Aber es habe in den zwanzig Jahren mit diesem Mitarbeiter nie Probleme gegeben. Er h\u00e4tte sich manchmal mehr Eigeninitiative gew\u00fcnscht, w\u00e4re aber froh, wenn alle Angestellten in der Firma so ordentlich und zuverl\u00e4ssig arbeiten w\u00fcrden wie Feddersen. So sei Feddersen auch von der Rationalisierungswelle im letzten Jahr nicht betroffen gewesen, obwohl ihm nahe gelegt worden sei, ein Gesuch auf vorzeitige Pensionierung einzureichen. Bei entsprechender Abfindung, selbstverst\u00e4ndlich.<br \/>\nAuch der Pf\u00f6rtner, der den Eingangsbereich kontrollierte, bescheinigte Feddersen absolute P\u00fcnktlichkeit, allerdings nicht nur morgens bei Arbeitsbeginn. Das Gericht war schon erstaunt zu h\u00f6ren, dass Feddersen das Geb\u00e4ude auch nachmittags p\u00fcnktlich auf die Minute verlie\u00df.<br \/>\nDie Nachbarn wussten wenig \u00fcber ihn. Sie sahen ihn immer um die gleiche Zeit nach Hause kommen, immer freundlich gr\u00fc\u00dfend. Es gab kaum eine Frau im Haus, der Feddersen nicht schon einmal kavaliersm\u00e4\u00dfig die T\u00fcr aufgehalten hatte. Besuch habe er in den letzten Jahren keinen bekommen, habe auch abends das Haus kaum verlassen, wusste die \u00e4ltliche Dame in der Parterrewohnung zu berichten, um sofort hinzuzuf\u00fcgen: &#8222;Nicht, dass mich das interessiert. Ich sitze ja nicht die ganze Zeit am Fenster.&#8220;<br \/>\nDer Verteidiger hatte sich auch nicht gescheut, Feddersens Mutter im Altersheim aufzusuchen. Die alte Dame war noch recht klar im Kopf, war allerdings nach einem Schlaganfall an den Rollstuhl gefesselt.<br \/>\n&#8222;Er ist so ein guter Bub&#8220;, sagte sie. &#8222;Er besucht mich einmal in der Woche und bringt mir immer rosa Nelken mit.&#8220; Auf die Frage, ob ihr 55j\u00e4hriger Sohn verheiratet sei oder eine Freundin habe, sagte sie mit gro\u00dfer Bestimmtheit: &#8222;Nein, mein Richard doch nicht.&#8220; Er habe sich Gott sei dank nie f\u00fcr M\u00e4dchen interessiert.<br \/>\nDiese Antwort kam schlie\u00dflich auch dem Verteidiger so ungew\u00f6hnlich vor, dass er zu fragen wagte:&#8220; Und das hat Sie nicht gewundert?&#8220;<br \/>\n&#8222;Nein, wieso?&#8220; entgegnete die alte Dame freundlich l\u00e4chelnd. &#8222;Nicht alle Menschen wollen das Schmutzige.&#8220; Sie habe ihren Richard streng erzogen. Er habe von fr\u00fch auf allen Schmutz gehasst. Schon mit einem Jahr sei er &#8222;sauber&#8220; gewesen. Ohne R\u00fcckf\u00e4lle. Nur b\u00f6se Menschen k\u00f6nnten schlimme Dinge \u00fcber ihren Richard sagen. Sie kenne ihn besser, sie sei schlie\u00dflich seine Mutter.<br \/>\nDer Verteidiger verzichtete daraufhin, Frau Feddersen als Entlastungszeugin vorzuladen. Nicht dass er bef\u00fcrchtete, sie w\u00fcrde die Aussage verweigern. Ganz im Gegenteil, er hatte Bedenken, wie ihre Worte auf das Gericht wirken w\u00fcrden, und sah schon die Schlagzeilen in der Boulevardpresse: &#8222;Verklemmte Mutter trieb Sohn zum Sexualmord.&#8220;<br \/>\nDen entscheidenden Hinweis hatte schlie\u00dflich der Stra\u00dfenbahnfahrer Willy Otremba gegeben. Als Feddersen vor einer Woche freundlich gr\u00fc\u00dfend die Bahn um 17.30 Uhr bestiegen habe, sei sein Platz besetzt gewesen. Auf dem Sitz sa\u00df ein etwa achtj\u00e4hriger Junge mit Kopfh\u00f6rern, der sich rhythmisch zur Musik bewegte. Der Stra\u00dfenbahnfahrer\u00a0 schaute neugierig in den R\u00fcckspiegel, um zu sehen, was passieren w\u00fcrde, wenn Feddersen feststellte, dass sein Sitz nicht frei war. Der habe sich aber v\u00f6llig unaggressive neben den Jungen gesetzt und mit ihm gesprochen. DerJunge habe sogar seine Kopfh\u00f6rer aus den Ohren genommen und sich Feddersen zugewendet. An der Haltestelle, an der Feddersen immer die Bahn verlie\u00df, sei der Junge auch ausgestiegen.. Dem Fahrer war das etwas merkw\u00fcrdig vorgekommen und er hatte den beiden nachgeschaut, wie sie auf dem B\u00fcrgersteig in Richtung der Hochh\u00e4user gingen, in denen Feddersen wohnte.<br \/>\nKennt Feddersen den Jungen, hatte er sich noch gefragt, und dann die Sache vergessen. Erst zwei Tage sp\u00e4ter, als das Foto des vermissten Jungen in den Nachrichten gezeigt wurde, ging Otremba zur Polizei.<br \/>\nDass man die Leiche des Jungen zerst\u00fcckelt in der Gefriertruhe im Kellerverschlag finden w\u00fcrde, damit hatte keiner gerechnet. Feddersen gab beim ersten Verh\u00f6r zu, den Jungen get\u00f6tet zu haben, da dieser &#8222;verdorben&#8220; gewesen sei und ihn &#8222;provoziert&#8220; habe .Er habe nicht gewusst, wohin mit Leiche und habe sie erst einmal in die Gefriertruhe gelegt. Dazu habe er sie mit der S\u00e4ge zerkleinern m\u00fcssen. Woher die anderen Leichenteile stammten, wisse er nicht, brachte er ohne gro\u00dfe Gem\u00fctsbewegung vor. Die junge Polizeianw\u00e4rterin, die die Truhe ge\u00f6ffnet hatte, erbrach sich noch vor Ort und \u00fcberlegte ernsthaft, ihre Ausbildung abzubrechen.<br \/>\nOb ein Sexualverbrechen oder Kannibalismus vorlag, konnte nie wirklich gekl\u00e4rt werden. Der Gerichtspsychiater bescheinigte Feddersen in seinem Gutachten eine schwere Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung. Das Gericht hielt den Angeklagten jedoch f\u00fcr schuldf\u00e4hig und verurteilte Feddersen wegen heimt\u00fcckischen Mordes zu lebensl\u00e4nglicher Haft und anschlie\u00dfender Sicherheitsverwahrung.<br \/>\nDer Verteidiger legte keine Revision ein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So sieht kein Monster aus, dachte der junge Richter, als ihm Richard Feddersen vorgef\u00fchrt wurde. So unscheinbar und grau und blass. Unstete Augen hinter dicken Brillengl\u00e4sern, fahrige Handbewegungen, eine leise, leicht lispelnde Sprache. Eher ein Opfer als ein T\u00e4ter. Eine Figur wie aus Kafkas Romanen. 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