{"id":422,"date":"2012-11-28T16:51:23","date_gmt":"2012-11-28T14:51:23","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=422"},"modified":"2015-01-17T11:18:41","modified_gmt":"2015-01-17T09:18:41","slug":"zustande-wie-im-alten-rom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/zustande-wie-im-alten-rom\/","title":{"rendered":"Zust\u00e4nde wie im alten Rom"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?attachment_id=445\" rel=\"attachment wp-att-445\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-445\" title=\"gladiators\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/fotolia_29276664_xs-150x150.jpg\" alt=\"gladiators\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>&#8222;Ich muss gehen, Liebes.&#8220; Er k\u00fcsste sie auf den schwei\u00dfnassen Bauchnabel und rollte sich aus dem Bett. Magnus musste zur Arbeit. Er hatte eine Frau und zwei Kinder zu ern\u00e4hren, und auch seine neue Geliebte Claudia erwies sich als \u00e4u\u00dferst anspruchsvoll.<br \/>\n&#8222;Schade&#8220;, seufzte sie und wand sich lasziv in den seidigen Laken. &#8222;Ich k\u00f6nnte noch mal.&#8220;<br \/>\n\u00abIch auch, Schatz\u00bb, beeilte er sich zu erwidern, was glatt gelogen war. Er k\u00fcsste sie fl\u00fcchtig. &#8222;Morgen wieder.&#8220;<!--more--><\/p>\n<p>Ganz sch\u00f6n anstrengend die junge Frau, dachte er. Ob er das auf Dauer durchhalten konnte? Obwohl, mit Anfang 40 geh\u00f6rte er wirklich noch nicht zum alten Eisen, auch wenn er auf den B\u00fchnen der Umgebung mittlerweile um die Rolle des jugendlichen Liebhabers k\u00e4mpfen musste. Er fuhr sich mit der Hand durch das lichter werdende Haar. Sollte er sich den Sch\u00e4del kahl rasieren lassen? Den Sommer-Job als Reisef\u00fchrer bei den diversen R\u00f6merfesten im Odenwald brauchte er dringend. Verkleidet als r\u00f6mischer Soldat f\u00fchrte er bildungshungrige Touristen am Limes entlang, zeigte ihnen die T\u00fcrme und Palisaden, B\u00e4der und Kastelle der r\u00f6mischen Kohorten. F\u00fcr seine Rolle als Gladiator hatte er einen Fecht- und Kampfkurs absolviert. Er konnte sogar eine Pferdequadriga lenken. Echtes Ben-Hur-feeling vermitteln.<br \/>\nVor der Museumskasse hatte sich eine l\u00e4ngere Schlange gebildet. Magnus gr\u00fc\u00dfte die Studentin im Kassenh\u00e4uschen mit seinem charmantesten L\u00e4cheln, blickte anerkennend auf das knappe, gut ausgef\u00fcllte T-Shirt und ignorierte ihr entnervtes Augenrollen. Federnd lief er zur Umkleide und hoffte, dass sie ihm nachschaute. In dem engen Raum im Untergeschoss des Museums traf er auf den zweiten G\u00e4stef\u00fchrer, den jungen Kollegen Markus, der bei gr\u00f6\u00dferem Besucherandrang wie heute ebenfalls eine Gruppe begleiten sollte. Dieser Sch\u00f6nling, dachte Magnus, aber auf dieses Milchbubigesicht stehen die Touristinnen. Er hatte den jungen Mann auch schon erwischt, wie er Claudia hinter der B\u00fchne sch\u00f6ne Augen machte. Nat\u00fcrlich hatte er Markus klargemacht, wie die Besitzverh\u00e4ltnisse lagen.<br \/>\nAm Ende des Rundgangs w\u00fcrde man die beiden Touristen-Gruppen zusammenf\u00fchren, sie auf die steinerne Mauer der improvisierten Arena setzen und vor ihren Augen einen Schaukampf auff\u00fchren. Alles im Preis inbegriffen.<br \/>\nMagnus warf seine Jeans und das Muskel-Shirt \u00fcber einen Haken, zog den ledernen, von einem breiten G\u00fcrtel gehaltenen Lendenschurz um, der den leichten Bauchansatz kaschierte, band die Riemen der Bein- und Armschienen fest, ergriff den kleinen runden Bronzeschild, der ihn im Zweikampf sch\u00fctzen sollte, fuhr mit dem Daumen \u00fcber die stumpfe Blechklinge des Krummschwertes und h\u00e4ngte sich als letztes den schweren Bronzehelm \u00fcber die Schulter, der den Kopf gut sch\u00fctzte, aber die Sicht extrem behinderte. Er warf einen Blick in den gro\u00dfen Spiegel und stellte wieder einmal fest, dass er gut aussah als thrakischer K\u00e4mpfer. Wie ein &#8222;Mann, nach dem die M\u00e4dchen seufzen&#8220;, so wurde der Gladiator Celadus in einer pompejischen Wandkritzelei beschrieben. Manchmal bedauerte er, das gebogene Kurzschwert nicht richtig einsetzen zu d\u00fcrfen. Einigen Kollegen w\u00fcrde er mit Genuss die Klinge an die Kehle halten. Einigen Intendanten auch.<br \/>\nMagnus f\u00fchrte seine Gruppe zu dem kleinen ovalen Theater, das aus antiken Bl\u00f6cken und Steinquadern wieder aufgerichtet worden war. In den unterirdischen Verliesen der gro\u00dfen Amphitheater warteten damals Christen und gew\u00f6hnliche Kriminelle darauf, L\u00f6wen und Tigern zum Fra\u00df vorgeworfen zu werden. Tierhetzen und Hinrichtungen zogen sich den ganzen Tag hin. Erst am Nachmittag kam der glanzvolle H\u00f6hepunkt der Spiele: die Gladiatorenk\u00e4mpfe. Und einen solchen Gladiatorenkampf sollten Magnus und Markus den Touristen demonstrieren, die sich &#8211; ersch\u00f6pft von der Besichtigungstour &#8211; auf den sonnigen Steinen und Stufen niederlie\u00dfen,<br \/>\nDie r\u00f6mischen Kaiser und Adeligen, die die Spiele finanzierten, lie\u00dfen unterschiedliche Gladiatorentypen gegeneinander antreten, um die Spannung zu erh\u00f6hen. Eigentlich sollte Magnus als Retiarier mit Netz und Dreizack gegen den mit einem Kurzschwert und gro\u00dfen Schild ausger\u00fcsteten Samniten k\u00e4mpfen, dessen pr\u00e4chtige Tunika und gl\u00e4nzender Brustpanzer bewundernde Kommentare hervorriefen. Aber das Netz war w\u00e4hrend einer der letzten Vorstellungen zerrissen, und so k\u00e4mpfte er nun als Thraker und verfluchte innerlich den schweren Helm, unter dem ihm der Schwei\u00df in die Augen rann. Zusammen betraten die beiden Gladiatoren die Arena. Sie stellten sich vor der Haupttrib\u00fcne auf, senkten dem\u00fctig den Kopf und gr\u00fc\u00dften den unsichtbaren Kaiser mit den ber\u00fchmten Worten &#8222;Ave, Caesar, morituri te salutant!&#8220; Die Todgeweihten gr\u00fc\u00dfen dich.<\/p>\n<p>Brot und Spiele, das wollten die Massen, damals und heute. Aber genauso wenig wie man heute einen gutbezahlten Fu\u00dfballspieler umbringt, wenn er in einem Spiel versagt, so w\u00e4re es auch damals unsinnige Geldverschwendung gewesen, den unterlegenen Gladiator zu t\u00f6ten. Zwar kennt jeder Kinog\u00e4nger das Bild des Siegers, der zum Imperator aufsieht, um zu sehen, ob der Kaiser den Daumen hebt oder senkt. Aber die K\u00e4mpfer waren kostbares Menschenmaterial, gut und vielseitig in speziellen Gladiatoren-Schulen ausgebildet und viel zu teuer, um sie reihenweise abzuschlachten. Schon gar nicht, um in den Au\u00dfenbezirken des Reiches die r\u00f6mischen Soldaten mit Wagenrennen und Gladiatorenk\u00e4mpfen bei Laune zu halten.<\/p>\n<p>Magnus liebte den Showkampf. Es war eine gute Gelegenheit, in der \u00d6ffentlichkeit seine Fitness unter Beweis zu stellen. Zum Gl\u00fcck musste er als Thraker keinen Brustpanzer tragen, so dass die weiblichen Zuschauer das Spiel der Muskeln auf seinem schwei\u00dfnassen Oberk\u00f6rper bewundern konnten. Eine gro\u00dffl\u00e4chige T\u00e4towierung des Kriegsgottes Mars zierte seine linke Schulter. Er \u00fcberpr\u00fcfte noch einmal die Klinge seiner Schwertrequisite. Es war technisch schwierig, einen gebogenen Dolch wie ein normales Kurzschwert im Griff verschwinden zu lassen, also musste er sicher gehen, dass die Klinge den Kollegen nicht verletzen w\u00fcrde. Atemlose Stille. Die Kontrahenten umkreisten sich langsam. Ein pl\u00f6tzlicher Ausfall des Gegners. Die Menge st\u00f6hnte auf. Magnus parierte den Hieb geschickt mit dem Schild. Sie kreuzten die Klingen, wichen aus, lie\u00dfen sich aus dem Stand fallen, rollten \u00fcber die Schulter ab, federten auf, begannen von neuem. Klirrend traf Stahl auf Stahl. Keuchende Laute, blutr\u00fcnstige Schreie, Schimpfworte. Die K\u00e4mpfer mussten sich gar nicht gro\u00df anstrengen mit dem St\u00f6hnen, denn es war mittlerweile br\u00fctend hei\u00df in der Arena und der simulierte Kampf war kr\u00e4ftezerm\u00fcrbend. Verdammt, dachte Magnus, als der J\u00fcngere ihn mit einem Tritt zu Boden stie\u00df, nun \u00fcbertreibt er. \u00c4chzend richtete er sich auf, rieb seine Schulter, versuchte den Gegner durch die schmalen Sehschlitze im Helm zu fixieren. Es war ja festgelegt, dass er verlieren w\u00fcrde, aber musste der andere so hart zupacken? Wollte Markus den Frauen unbedingt zeigen, wie jung und beweglich er war?<br \/>\nWarte, du J\u00fcngelchen, das werde ich dir heimzahlen, dachte er. Doch der n\u00e4chste Angriff kam blitzschnell und unerwartet. Magnus flog auf den R\u00fccken und hatte das Gef\u00fchl, seine Wirbels\u00e4ule w\u00fcrde brechen. Der Gegner kniete \u00fcber ihm, riss ihm den Helm ab.<br \/>\n&#8222;Du geiler Bock. Ab jetzt wirst du Claudia in Ruhe lassen&#8220;, zischte der junge Mann und z\u00fcckte das Kurzschwert.<br \/>\nWas dann geschah, konnte sp\u00e4ter niemand mehr so richtig rekonstruieren. Der Samnit bohrte das Schwert in den Brustkorb des Gegners. Der b\u00e4umte sich auf, Blut spritzte, Schaum sprudelte aus seinem Mund. Magnus sank zur\u00fcck und blieb regungslos liegen.<br \/>\nDie Menge stand auf, johlte und beklatschte begeistert den blutigen Theatercoup. &#8222;Total echt&#8220;, sagte ein Mann bewundernd zu seiner Frau, &#8220; brutal gek\u00e4mpft.&#8220;<br \/>\n&#8222;Zugabe&#8220;, wurde gerufen, aber nichts geschah. Der Thraker lag zusammengekr\u00fcmmt am Boden, das Blut sickerte in den Sand, der Samnit stand unbeweglich da und starrte auf seinen Gegner. Die Beifallrufe der Touristen ebbten ab, Unruhe breitete sich aus. Aber erst die Stimme eines kleinen Jungen &#8222;Mama, ist der Gladiator jetzt tot?&#8220; brachte Bewegung in die Menge. M\u00e4nner sprangen in die Arena. Und dann wurde allen klar, dass das Ganze kein Spiel war. Der Mann im Sand war tats\u00e4chlich tot.<br \/>\nDie Polizei kam gleichzeitig mit dem Notarzt. Im kriminaltechnischen Institut stellte man fest, dass in der Tat Sandk\u00f6rner vom Boden der Arena den Griff des Kurzschwertes verunreinigt hatten, so dass im entscheidenden Moment wohl der R\u00fcckholmechanismus versagt hatte. Doch weder die Kriminalpolizei noch der ermittelnde Staatsanwalt konnten nachweisen, dass Markus absichtlich Sand in den Griff hatte rieseln lassen, um das Hineingleiten der Klinge zu verhindern. Er habe den Mechanismus vor dem Kampf \u00fcberpr\u00fcft, behauptete er. Alles habe einwandfrei funktioniert. Der Richter sprach den Angeklagten aus Mangel an Beweisen frei. Nur die Tatsache, dass Markus kurz nach dem Prozess mit Claudia zusammenzog, lie\u00df wilde Ger\u00fcchte kursieren.<br \/>\nO tempora, o mores!<\/p>\n<p>Thema: R\u00f6mer<\/p>\n<p>Erster Preis beim Krimi-Schreibwettbewerb des Odenwaldkreises 2012<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ich muss gehen, Liebes.&#8220; Er k\u00fcsste sie auf den schwei\u00dfnassen Bauchnabel und rollte sich aus dem Bett. Magnus musste zur Arbeit. 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