{"id":42,"date":"2010-08-05T17:47:12","date_gmt":"2010-08-05T15:47:12","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=42"},"modified":"2015-01-17T11:19:58","modified_gmt":"2015-01-17T09:19:58","slug":"ehrenmord","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/ehrenmord\/","title":{"rendered":"Ehrenmord"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\"><!-- [if gte mso 9]><xml> <w:WordDocument> <w:View>Normal<\/w:View> <w:Zoom>0<\/w:Zoom> <w:HyphenationZone>21<\/w:HyphenationZone> <w:Compatibility> <w:BreakWrappedTables \/> <w:SnapToGridInCell \/> <w:WrapTextWithPunct \/> <w:UseAsianBreakRules \/> <\/w:Compatibility> <w:BrowserLevel>MicrosoftInternetExplorer4<\/w:BrowserLevel> <\/w:WordDocument> <\/xml><![endif]--> <a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?attachment_id=336\" rel=\"attachment wp-att-336\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-336\" title=\"parkdeck\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/fotolia_1580891_xs-150x150.jpg\" alt=\"parkdeck\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Es war bereits dunkel in der Parkbucht beim Stra\u00dfenbahndepot in Gr\u00f6pelingen. Der prasselnde Herbstregen wurde vom Wind gegen die Scheibe gedr\u00fcckt, so dass gro\u00dfe Placken Wasser die Sicht auf die ankommenden Bahnen verwischte. Ahmad hauchte auf seine erstarrten H\u00e4nde und kroch noch tiefer in seinen Mantel hinein, um sich gegen die K\u00e4lte zu sch\u00fctzen. Den Motor laufen zu lassen, Heizung und Scheibenwischer anzuschalten, traute er sich nicht. Er wollte nicht unn\u00f6tig auf sich aufmerksam machen. Er schaute auf das Leuchtzifferblatt seiner Armbanduhr: kurz nach sieben<!--more--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">Die Stra\u00dfenbahn der Linie 3 aus der Bremer Innenstadt musste in ein paar Minuten ankommen. Ungeduldig fuhr er mit dem Handr\u00fccken \u00fcber die beschlagene Frontscheibe. Die Lichter der vorbeifahrenden Autos blendeten ihn und er kniff die Augen zusammen. Er wartete. Angespannt.<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">Wie Ahmad das alles hasste. Seine Eltern, seinen Bruder, sich selbst. Schon ehe er morgens die Augen aufschlug, hasste er die vollgestellte kleine Wohnung, das Klappbett im Wohnzimmer, auf dem er nachts schlief. Er hasste die Ger\u00e4usche der sich streitenden Geschwister, die klagenden Seufzer seiner in der K\u00fcche herumwuselnden Mutter, den Befehlston seines Vaters, der im Fernsehsessel sitzend seinen Tee verlangte und darauf wartete, dass seine Kinder ihm ehrf\u00fcrchtig die H\u00e4nde k\u00fcssten.<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">Er hatte ja alles so satt. 22 Jahre war er alt. Er war der Abi, der \u00c4lteste, aber er wohnte immer noch zu Hause. Konnte er daf\u00fcr, dass er so klein und zierlich war, dass er nicht wie sein 19j\u00e4hriger Bruder einen T\u00fcrsteherjob bei der Disco bekam, der ihm erlaubt h\u00e4tte, wenigstens nachts der Wohnung fernzubleiben? Aber wenn er ehrlich war, eigentlich hatte er sich vor Gewalt schon immer gef\u00fcrchtet. Er hatte von klein auf versucht, den Vater zufrieden zu stellen und den Schl\u00e4gen auszuweichen, vor denen die Mutter ihn auch nicht gesch\u00fctzt hatte, als er noch ein Kind war. Von ihrer Seite war keine Hilfe zu erwarten gewesen.<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">Und sein Vater war entt\u00e4uscht, dass sein ersehnter Erstgeborener so ein Weichling war. &#8222;Heulsuse&#8220;, &#8220; M\u00e4dchen&#8220;, wie oft hatte er als kleiner Junge den Spott seiner Onkel und Cousins \u00fcber sich ergehen lassen m\u00fcssen. Und es wurde auch nicht besser, als er in die Schule ging. Das Lernen machte ihm anfangs Spa\u00df, er kam gut mit, sprach recht gut Deutsch. Aber als er immer mehr von der Stra\u00dfenclique geh\u00e4nselt und als &#8222;Streber&#8220; und &#8222;Schwuli&#8220; beschimpft wurde, da hatte er versucht, sich anzupassen, hatte nach und nach aufgegeben, seine Hausaufgaben zu machen und f\u00fcr die Klassenarbeiten zu lernen. Auch die Lehrer hatten ihn entt\u00e4uscht fallen lassen.<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">Er hatte sich bem\u00fcht, an den Raufereien teilzunehmen, ging mit auf Diebestour in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, beschimpfte deutsche M\u00e4dchen als &#8222;Huren&#8220; und schrie &#8222;Nazi&#8220; und &#8222;Faschist&#8220;, wenn man ihn zur Rede stellte. Aber es hatte ihm keinen richtigen Spa\u00df gemacht.Von fr\u00fch auf hatte er dem Vater helfen m\u00fcssen im Gem\u00fcseladen und war herumkommandiert und beschimpft worden .Und dann war er von der Schule abgegangen ohne Hauptschulabschluss, ohne Aussicht auf einen qualifizierten Job, ohne die Chance, sich abzunabeln und sein eigenes Leben zu f\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">Schon beim ersten Drogendeal war er erwischt worden. Und der Vater hatte getobt und auf ihn eingepr\u00fcgelt, als die Polizei gegangen war. Es hatte Schl\u00e4ge gehagelt, bis seine kleine Schwester sich schreiend dazwischengeworfen hatte. Ja, die kleine G\u00fclay, sieben Jahre j\u00fcnger als er, die liebte er wirklich. Mit ihr hatte er gespielt, als sie klein war, hatte es genossen, wenn sie vertrauensvoll zu ihm gelaufen kam. Aber auch das hatte nur f\u00fcr Spott und Verachtung gesorgt. Sogar die Mutter war emp\u00f6rt. Mit kleinen Kindern zu spielen, das war keine Aufgabe f\u00fcr einen Mann. Eine Schwester musste bewacht und kontrolliert werden, dass sie keine Schande \u00fcber die Familie brachte.<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">Und deshalb sa\u00df er hier im Auto auf diesem dunklen Parkplatz und wartete auf G\u00fclay. In der Moschee hatte man seinem Vater gesagt, seine Tochter treibe sich herum, seine Tochter sei eine Hure. Sie beflecke die Ehre der Familie. Wutschnaubend war der Vater nach Hause gekommen. &#8222;Wo ist G\u00fclay?&#8220;, hatte er gebr\u00fcllt und ausgerechnet ihn, Ahmad, ihren gro\u00dfen Bruder, beauftragt, sie zu suchen, sie zur Rede zu stellen.<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">Nat\u00fcrlich wusste er, dass sie das Kopftuch abstreifte, wenn sie das Haus verlie\u00df. G\u00fclay war eine gute Sch\u00fclerin, beliebt bei den Klassenkameradinnen. Ihre beste Freundin war Tanja, eine Deutsche, bei der sie oft zu Hause war. Ausrasten w\u00fcrden die Eltern, wenn sie das w\u00fcssten. Er hatte sie ein paar Mal gewarnt, aber sie hat nur gelacht, lebenslustig und optimistisch, wie sie war. Und es war eindeutig, dass sie es genoss, von den Jungen angehimmelt zu werden. Ob sie einen Freund hatte, wusste er nicht, wollte es auch gar nicht wissen. Sie war selbstbewusst und furchtlos, ganz im Gegensatz zu ihm. Und sie entzog sich der Familie immer mehr, das war offensichtlich. Sie brachte Schande \u00fcber die Familie, denn in der moslemischen Gemeinde redete man \u00fcber sie. Es wurde getuschelt und gehetzt.<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">F\u00fcr Ahmad war es nicht schwer gewesen herauszubekommen, dass G\u00fclay an diesem Nachmittag mit ihrer Clique \u00fcber den Bremer Freimarkt schlendern wollte: Achterbahn fahren, gebrannte Mandeln essen, Spa\u00df haben wie ihre deutschen Freunde.<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">Und nun wartete er in der Dunkelheit auf sie. Es gehe um die Ehre seiner Familie, hatte der Vater gesagt und ihm sogar das alte Auto gegeben. &#8222;Was soll ich tun?&#8220;, hatte er gestottert. Sein Vater hatte ihn nur voller Verachtung angesehen und &#8222;deine Pflicht&#8220; gezischt. Die br\u00e4unliche Spucke war ihm dabei aus dem Mund gelaufen.\u00a0 Ahmad war losgefahren, weil ein Sohn seinem Vater nicht widerspricht. Weil er Angst vor ihm hatte. Er war ein Feigling. Er war unf\u00e4hig, seine Schwester zu besch\u00fctzen. Wie er sie alle hasste. Auch sich selbst f\u00fcr seine Feigheit. Seine rechte Hand drehte am Z\u00fcndschl\u00fcssel. Er w\u00fcrde wegfahren, behaupten, er h\u00e4tte G\u00fclay nicht getroffen.<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">Doch da n\u00e4herte sich eine Stra\u00dfenbahn, schlingerte um den Wendehals und kam quietschend zum Halten. G\u00fclay sprang als Erste aus der Bahn, lachend, gestikulierend, spannte den Schirm auf, hakte Tanja unter. Einige Jungen folgten, sprachen auf die M\u00e4dchen ein. G\u00fclay und Tanja blieben stehen. Die Jugendlichen wechselten ein paar Worte. Ahmad konnte nicht h\u00f6ren, was gesprochen wurde. Er sah nur seine Schwester den Kopf sch\u00fctteln und mit ihrer Freundin weitergehen, mit dem schr\u00e4ggestellten Schirm gegen den heftigen Wind ank\u00e4mpfend. Die Jungen blieben zur\u00fcck, sahen den beiden nach.<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">&#8222;G\u00fclay!&#8220;, schrie Ahmad aus dem ge\u00f6ffneten Fenster, als die beiden M\u00e4dchen an der Parkbucht vorbeigingen, und blendete die Scheinwerfer auf. G\u00fclay blieb verdutzt stehen, erkannte ihren Bruder, kam ein paar Schritte n\u00e4her.<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">&#8222;Steig ein!&#8220;<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">Sie sch\u00fcttelte den Kopf. &#8222;Nein, ich fahre mit Tanja nach Hause. Wir nehmen den Bus.&#8220;<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">&#8222;Du steigst sofort ein!&#8220;<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">&#8222;Spinnst du?&#8220;<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">Die anderen Jugendlichen kamen interessiert n\u00e4her.<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">Sie stieg ein. Ahmad vermied jeden Blickkontakt. Er startete den Motor.<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">&#8222;Hure!&#8220;, stie\u00df er hervor, ganz gegen seinen Willen.<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">G\u00fclay versuchte, die T\u00fcr aufzurei\u00dfen, herauszuspringen. Er hielt sie am Arm fest. Sie wand sich wie eine Schlange, die T\u00fcr \u00f6ffnete sich halb.<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">\u00a0Die halbw\u00fcchsigen Jungen tanzten um das Auto, schrien, klatschten rhythmisch, feuerten die Kontrahenten an.<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">Ahmad hielt seine Schwester mit eisernem Griff fest. Sie biss ihm in die Hand. Er schlug ihr ins Gesicht, mit aller Wucht. Ihre Lippe platzte.<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">&#8222;Lass mich in Ruhe!&#8220; Ein Bein hatte sie schon drau\u00dfen. Er umklammerte ihren Hals, zwang sie zur\u00fcck auf den Sitz.<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">&#8222;Hure, Hure, Hure!&#8220; Er war au\u00dfer sich vor Hilflosigkeit und Wut. Mit so viel Gegenwehr hatte er nicht gerechnet.<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">&#8222;Du schwule Sau. Fick dich selber!&#8220; Auch G\u00fclay beherrschte den Jargon der Stra\u00dfe.\u00a0 Der \u00e4ltere Bruder wurde von seiner kleinen Schwester gedem\u00fctigt.<\/p>\n<p style=\"line-height: 150%;\">Ahmad dreht durch, zieht ein Messer. Sticht zu. Einmal, zweimal. Immer wieder. Die Gesichter am Fenster erstarren zu Fratzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war bereits dunkel in der Parkbucht beim Stra\u00dfenbahndepot in Gr\u00f6pelingen. Der prasselnde Herbstregen wurde vom Wind gegen die Scheibe gedr\u00fcckt, so dass gro\u00dfe Placken Wasser die Sicht auf die ankommenden Bahnen verwischte. Ahmad hauchte auf seine erstarrten H\u00e4nde und kroch noch tiefer in seinen Mantel hinein, um sich gegen die K\u00e4lte zu sch\u00fctzen. 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