{"id":419,"date":"2012-11-28T16:49:18","date_gmt":"2012-11-28T14:49:18","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=419"},"modified":"2021-01-31T19:37:02","modified_gmt":"2021-01-31T18:37:02","slug":"nein-danke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/nein-danke\/","title":{"rendered":"GAU"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/nein-danke\/atomkraftwerk-biblis-vor-der-abschaltung\/\" rel=\"attachment wp-att-448\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-448\" title=\"Atomkraftwerk Biblis vor der Abschaltung\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/fotolia_46859267_xs-150x150.jpg\" alt=\"Atomkraftwerk Biblis vor der Abschaltung\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Ich schrecke hoch. Ein auf- und abschwellender Heulton sticht in mein Trommelfell. Pause, dann ein erneutes Jaulen. Wieder Stille. Mit schwei\u00dfnassen H\u00e4nden ertaste ich den Radiowecker \u00fcber meinem Kopf, drehe am Sendeknopf. Fernes Rauschen.<br \/>\nMein Herz rast. Ich strampele die Bettdecke weg. Das Nachthemd klebt am K\u00f6rper. Angespannt horche ich in die Dunkelheit. Nichts. Auch vom Kinderzimmer nebenan kein Laut. Ich d\u00e4mmere weg. Wieder die Sirene.<!--more--><br \/>\nWo ist Wolfgang? Wie gern w\u00fcrde ich seine tiefe Stimme h\u00f6ren, seine Hand auf meinem Arm sp\u00fcren. Ich rei\u00dfe die Augen auf. Undurchdringliche Schw\u00e4rze. Kein Lichtstrahl dringt durch die h\u00f6lzernen Rollos. Bestimmt Probealarm. Die Kinder scheinen nichts geh\u00f6rt zu haben. Obwohl Lina einen leichten Schlaf hat. Sonst wacht sie bei dem kleinsten Ger\u00e4usch auf und krabbelt zu mir ins Bett, dr\u00fcckt ihren kleinen, warmen Po an meinen Bauch. Wieder der nervt\u00f6tende Jaulton.<br \/>\nUnd dann h\u00f6re ich die aufgeregte Stimme des Nachrichtensprechers. &#8222;Kerntechnischer Unfall im AKW Esensham. Eine radioaktive Wolke wird vom Nordwestwind Richtung Bremen getrieben. Die Bev\u00f6lkerung in der Region muss sich f\u00fcr eine Evakuierung bereithalten. N\u00e4here Anweisungen folgen.&#8220;<br \/>\nIch bin wie gel\u00e4hmt. Wie weit ist Bremen &#8211; Vegesack von Esensham entfernt? 30 km? 40 km? Ich versuche, mich aufzurichten. Das kann nicht wahr sein. Haben wir nicht erst am Ostermontag das Kernkraftwerk umzingelt? Die schrecklichen Bilder aus Fukushima haben uns doch alle wachger\u00fcttelt. F\u00fcnftausend Menschen haben &#8222;Abschalten, abschalten!&#8220; gerufen, die gelben Fahnen mit der roten Sonne aus dem Keller geholt. &#8222;Atomkraft &#8211; nein danke!&#8220;<br \/>\nDas Heulen der Sirenen beginnt von neuem. Ich schiebe mich aus dem Bett, meine Arme und Beine schwer wie Blei. &#8220; Sagen Sie Ihren Nachbarn Bescheid!&#8220;, sagt der Radiosprecher. Ich rei\u00dfe die T\u00fcr zum Kinderzimmer auf.<br \/>\n&#8220; Mama?&#8220;, fragt Lina sofort. Schie\u00dft senkrecht im Bett hoch.<br \/>\n&#8222;Aufstehen!&#8220;, sage ich und versuche, die Panik in meiner Stimme zu unterdr\u00fccken. &#8222;Wir verreisen.&#8220;<br \/>\n&#8222;Wohin denn?&#8220; Lina ist hellwach. Sie klettert aus dem Kinderbett, ihre rotblonden Locken wie ein Heiligenschein.<br \/>\n&#8222;Abenteuer&#8220;, sage ich betont munter und streife ihr Hose und Pullover \u00fcber.<br \/>\n&#8222;Pack ein paar Spielsachen in deinen Rucksack.&#8220;<br \/>\n&#8222;Mein Teddy&#8220;, Lina kriecht unters Bett. &#8222;Und mein Puppenwagen!&#8220;<br \/>\nMit Jan ist es schwieriger, er schl\u00e4ft wie ein Stein.<br \/>\n&#8222;Steh auf!&#8220; Ich r\u00fcttele den Neunj\u00e4hrigen, ziehe ihm die Bettdecke weg.&#8220;Wir m\u00fcssen weg! Schnell.&#8220;<br \/>\nJan knurrt unwirsch, dreht sich um, schl\u00e4ft sofort wieder ein.<br \/>\n&#8222;Jan, raus aus dem Bett!&#8220; Ich werde laut. &#8222;Sofort!&#8220;<br \/>\nIch renne hinunter in die K\u00fcche. Mache das Radio an. Gerade werden die Sammelstellen durchgegeben.<br \/>\n&#8222;Es besteht kein Grund zu Panik! Die Evakuierung ist nur eine Vorsichtsma\u00dfnahme.&#8220;<br \/>\nIhr L\u00fcgner, denke ich, verdammte L\u00fcgner. Angeblich w\u00fcrden gen\u00fcgend Busse eingesetzt und an den Haltestellen der Hauptverkehrsstra\u00dfen warten. Sonderz\u00fcge eingesetzt.<br \/>\n&#8222;Es wird dringend abgeraten, das eigene Auto zu benutzen.&#8220;<br \/>\nIch zerre die Jeans hoch, streife den Wollpullover \u00fcber. Auf links. Egal. Wo sind die P\u00e4sse? Bargeld brauche ich, Scheckkarten, alles andere ist unwichtig.<br \/>\nIn Panik fliehende Menschen. Hoffnungslos verstopfte Stra\u00dfen. Kilometerlange Staus auf den Autobahnen, verfolgt von einer\u00a0 radioaktiv verseuchten Gewitterwolke. L\u00e4ngst verdr\u00e4ngte Szenen aus einem Jugendbuch flackern durch mein Gehirn.<br \/>\n&#8222;Kinder, seid ihr fertig?&#8220;<br \/>\nLina bettelt. &#8222;Mami, darf ich \u2026&#8220;<br \/>\n&#8222;Nein&#8220;, br\u00fclle ich. &#8222;Nur was in deinen kleinen Rucksack passt.&#8220;<br \/>\n&#8222;Aber wo ist mein Teddy?&#8220;<br \/>\n&#8222;Wei\u00df nicht. Wir kaufen einen neuen!&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich will aber meinen Teddy. Ich will keinen neuen.&#8220; Lina wirft sich auf den Boden.<br \/>\n&#8222;Wo ist Jan?&#8220;<br \/>\n&#8222;Wei\u00df nicht&#8220;, schluchzt sie.<br \/>\nIch hechte die Treppe hinauf. Tats\u00e4chlich, Jan ist wieder eingeschlafen.<br \/>\n&#8222;Raus, sofort!&#8220; Ich zerre an seinem Arm. Jan ist v\u00f6llig verst\u00f6rt, die Augen noch verklebt vom Schlaf. Blass.<br \/>\n&#8222;Wir m\u00fcssen weg. Sofort!&#8220;, sage ich. Meine Stimme zittert.<br \/>\n&#8222;Warum?&#8220;<br \/>\n&#8222;Erkl\u00e4r ich dir sp\u00e4ter.&#8220;<br \/>\nWo, verdammt noch mal, ist der Vater der Kinder? Nat\u00fcrlich auf Gesch\u00e4ftsreise. Wie immer, wenn man ihn braucht.<br \/>\nIch greife wahllos nach ein paar Lebensmitteln: Brot, Wurst, ein paar Flaschen Wasser. Stopfe alles in einen Rucksack.<br \/>\n&#8222;Mama, darf ich mein ferngesteuertes Auto mitnehmen?&#8220;.<br \/>\nGott sei Dank, Jan steht in der K\u00fcche.<br \/>\n&#8222;Nein, das ist zu gro\u00df.&#8220;<br \/>\n&#8222;Aber dann wenigstens meinen Ball&#8220;, mault Jan und verschwindet wieder nach oben.<br \/>\nIch \u00f6ffne die Haust\u00fcr. Stimmengewirr. Leute hasten in der Dunkelheit an mir vorbei. Automotoren heulen auf. Hupen. Hysterische Frauenstimmen.<br \/>\nIch schiebe Lina aus der T\u00fcr, umklammere ihre kleine Hand.<br \/>\n&#8222;Jan, komm! Lass den Ball!&#8220;<br \/>\nEs f\u00e4ngt an zu nieseln. Auch das noch. Wie vor 25 Jahren. Tschernobyl. Tagelang haben wir die Kinder im Haus gehalten. Die Milch war verseucht, Sport- und Spielpl\u00e4tze gesperrt. Aber das hier ist schlimmer.<br \/>\nDie t\u00fcrkischen Nachbarn von nebenan rennen vorbei. Die Frau hat ihr Kopftuch nur nachl\u00e4ssig umgebunden, schiebt einen Kinderwagen, jammert laut. Der Mann hat die kleine Tochter auf den Schultern, beschleunigt seine Schritte..<br \/>\nIm Haus gegen\u00fcber stehen die alten Leute am Gartentor.<br \/>\n&#8222;Ich gehe nicht weg&#8220;, sagte die Frau. Sie bohrt ihre Kr\u00fccken<br \/>\nin die Erde. &#8222;Ich bleibe hier.&#8220;<br \/>\nDer Mann redet verzweifelt auf sie ein, streichelt ihren Arm. Sie bleibt stur.<br \/>\n&#8222;Es hat sowieso keinen Sinn&#8220;, sagt sie. &#8222;Ich will hier sterben.&#8220;<br \/>\nMenschen str\u00f6men aus den Nebenstra\u00dfen, bewegen sich in Richtung Hauptstra\u00dfe. Ich werde mitgeschoben. Mein Gehirn ist leer.<br \/>\nLina l\u00e4sst sich h\u00e4ngen. &#8222;Ich bin so m\u00fcde, Mami!&#8220;<br \/>\nIch nehme sie auf den Arm. Sie umklammert meinen Hals, schn\u00fcrt mir die Luft ab.<br \/>\nDas junge Paar ein paar H\u00e4user weiter hat wohl trotz der Warnung den Mazda aus der Garage geholt, h\u00e4ngt aber schon an der ersten Querstra\u00dfe in der Menschenmenge fest. Ein Mann schl\u00e4gt mit einem Stock auf das Autodach. W\u00fctend \u00fcber das Hindernis.<br \/>\n&#8222;Jan?&#8220; Ich drehe mich um. Kein Jan hinter mir. Ich muss zur\u00fcck. Aber ich werde erbarmungslos nach vorn gesto\u00dfen.<br \/>\n&#8222;Jan&#8220;, schreie ich.&#8220;Jan, ich bin hier! Hier!&#8220;<br \/>\nPolizisten stehen an der Stra\u00dfenecke. Hilflos auch sie. Mit verst\u00f6rten Gesichtern. Nichts erinnert mehr an die mit Schlagst\u00f6cken bewaffneten schwarzen Kohorten, die uns in Brokdorf zur\u00fcck zu den Parkpl\u00e4tzen pr\u00fcgelten. Kreisende Hubschrauber. Tr\u00e4nengas.<br \/>\nIch taumel weiter. Lina schwer wie einer nasser Sack.<br \/>\nEin \u00e4lterer Mann ist gest\u00fcrzt. Versucht, sich aufzurichten. Zwei Jugendliche trampeln \u00fcber ihn weg. &#8222;Passt doch auf, ihr Idioten!&#8220; schreit eine Frau. Versucht, dem Mann die Hand zu reichen. Ihn aufzurichten. Er sackt zur\u00fcck auf den Boden. Bleibt unbeweglich liegen.<br \/>\nLina schluchzt jetzt laut. &#8222;Ich will nach Hause, Mami!&#8220;<br \/>\nDie Haltestelle. Die ersten Busse sind bereits gerammelt voll, setzen sich langsam in Bewegung. Menschen trommeln an T\u00fcren und Fenster. Junge M\u00e4nner versuchen, sich hinten anzuh\u00e4ngen.<br \/>\n&#8222;Kinder und Frauen zuerst!&#8220;<br \/>\nEin Polizist redet \u00fcber Lautsprecher beschw\u00f6rend auf die Menschen ein. &#8222;Es kommen noch mehr Busse!&#8220;<br \/>\nKeiner glaubt ihm. Das Chaos nimmt zu. Schw\u00e4chere werden brutal zur\u00fcckgedr\u00e4ngt. Wir sind nicht in Japan.<br \/>\nEin neuer Konvoi von Bussen n\u00e4hert sich. Direkt vor mir \u00f6ffnet sich die automatische T\u00fcr. Wo ist Jan? Soll ich einsteigen? Ich versuche, mich umzudrehen, werde gegen die Stufen gepresst.<br \/>\n&#8222;Mein Sohn&#8220;, schreie ich. &#8222;Ich muss auf meinen Sohn warten.&#8220; Die Menschen schieben mich in den Bus. Es gibt keinen Weg zur\u00fcck. Eingekeilt stehe ich in der Meute. Versuche, Lina mit meinem K\u00f6rper zu sch\u00fctzen. Die T\u00fcren schlie\u00dfen automatisch. Pl\u00f6tzlich Jans angstvoll verzerrtes Gesicht am Fenster. Er h\u00e4mmert an die T\u00fcr.<br \/>\n&#8222;Mama, Mama!&#8220;, weint er.<br \/>\nDer Bus setzt sich in Bewegung.<br \/>\n&#8222;Anhalten! Sofort anhalten! Mein Kind!&#8220;<br \/>\nDer Bus nimmt Fahrt auf.<br \/>\n&#8222;Jan&#8220;, schreie ich. &#8222;Jan!&#8220;<\/p>\n<p>Ich werde vom eigenen Schreien wach. Mein Herz h\u00e4mmert wie verr\u00fcckt. Das erste fahle Licht sickert durch die Rollos. Ich greife nach der Wasserflasche auf der Ablage, trinke ein paar Schlucke. Langsam komme ich zu mir. Lina ist doch l\u00e4ngst erwachsen. Sie lebt mit den Enkelkindern in S\u00fcddeutschland. Jan arbeitet im Ausland.<br \/>\nMit zitternden Knien gehe ich hinunter in die K\u00fcche, stelle die Kaffemaschine an, hole die Tageszeitung herein.<br \/>\nEs ist der 9. Mai . Der Weserkurier ver\u00f6ffentlicht auf Seite 3 den Katastrophenplan f\u00fcr die Evakuierung bei einem GAU im AKW Unterweser.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich schrecke hoch. Ein auf- und abschwellender Heulton sticht in mein Trommelfell. Pause, dann ein erneutes Jaulen. Wieder Stille. Mit schwei\u00dfnassen H\u00e4nden ertaste ich den Radiowecker \u00fcber meinem Kopf, drehe am Sendeknopf. Fernes Rauschen. Mein Herz rast. Ich strampele die Bettdecke weg. Das Nachthemd klebt am K\u00f6rper. Angespannt horche ich in die Dunkelheit. Nichts. 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