{"id":252,"date":"2012-11-11T19:24:13","date_gmt":"2012-11-11T17:24:13","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=252"},"modified":"2015-02-11T19:34:46","modified_gmt":"2015-02-11T17:34:46","slug":"vom-schreiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/vom-schreiben\/","title":{"rendered":"Vom Schreiben"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?attachment_id=366\" rel=\"attachment wp-att-366\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-366\" title=\"Cuadernos de escritura\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/fotolia_38202309_xs1-150x150.jpg\" alt=\"Cuadernos de escritura\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Gl\u00fcck gehabt, da ist noch ein Tisch frei, direkt in der ersten Reihe. Es ist Wochenmarkt in Freising, und an diesem sonnigen Samstagvormittag ist das Gedr\u00e4nge auf dem Marienplatz riesengro\u00df. Ich lasse mich auf dem Korbstuhl nieder, z\u00fcnde gen\u00fcsslich eine Zigarette an, lege mein schwarzes Moleskine-Notizbuch mit dem ollen Gummibandverschluss auf den Tisch, krame in meinem Rucksack nach einem Kuli.<!--more--><br \/>\nEin idealer Ort f\u00fcr meine Schreibaufgabe: Suchen Sie sich einen \u00f6ffentlichen Platz. Schildern Sie Ihre Umgebung. Beobachten Sie die Menschen um sich herum.<br \/>\nIch gebe ja zu, das f\u00e4llt mir schwer, das genaue Hinschauen. Und dann noch jedes Detail beschreiben. Ok, also: Der Korbstuhl ist blau, mit einem hellblauen Sitzkissen, der runde Tisch wei\u00df, aus Plastik. Er wackelt. Ich schiebe einen Bierdeckel unter den Fu\u00df. Soll ich jetzt die Marienstatue auf dem Brunnen beschreiben? Oder die Pflasterung des Platzes? Wen interessiert das eigentlich? Mich nicht so richtig. Au\u00dferdem kommen die gl\u00e4nzenden runden Pflastersteine durch die vielen Marktst\u00e4nde gar nicht gut zur Geltung. Vor mir ein Obststand. Die rot-gr\u00fcnen \u00c4pfel akkurat aufget\u00fcrmt wie ein Stillleben. Hurra, mein erster Vergleich! Daneben die Orangen wie, wie&#8230; Mir f\u00e4llt nichts ein. Der Typ dahinter mit seinem gezwirbelten Schnurrbart und den Hosentr\u00e4gern vor seinem dicken Bauch sieht aus wie, wie&#8230; ich hab\u2018s: wie ein Bayer. Aber das gilt wohl nicht als Vergleich. Der ist wohl Bayer von Geburt und muss Lederhosen tragen, sozusagen seine Berufskleidung.<br \/>\nDer Ober kommt an den Tisch. Eindeutig kein Bayer.\u00a0 T\u00fcrke? Spanier? Italiener?<br \/>\n\u00abBuongiorno, signora. Mi dica?\u00bb. Aha, also ein Italiener. Eigentlich reicht mir schon Bayrisch. Muss ich jetzt auch noch Italienisch reden? Aus purem Trotz w\u00fcrde ich gern sagen \u00aba Bia\u00bb, aber das mag ich am fr\u00fchen Morgen noch nicht. Also: latte macchiato, per favor!<br \/>\n\u00abGrazie\u00bb, sagt der Typ, verbeugt sich und verschwindet mit einer eleganten Drehung in Richtung Lokal. Wieso \u00abgrazie\u00bb?, m\u00fcsste er nicht \u00abprego\u00bb sagen und ich \u00abgrazie\u00bb? H\u00f6r auf mit den linguistischen Spitzfindigkeiten, rufe ich mich zur Ordnung, du sollst die Menschen um dich herum beschreiben. Der Ober hat schwarzes gegeltes Haar. Eigentlich ist jetzt wieder ein Vergleich f\u00e4llig. Schwarz wie, schwarz wie, ich hab\u2018s, schwarz wie Ebenholz. Nee, geklaut. Aus Schneewittchen. Also, streichen. Seine dunklen Augen gl\u00fchen wie, gl\u00fchen wie &#8230; Kohle. Das klingt nach Bremer Stadtmusikanten. Streichen. Ich glaube, ich bin f\u00fcrs Schreiben v\u00f6llig unbegabt.<br \/>\nEine Stimme von rechts:<br \/>\n\u00abIs do noch a Platzl frei?\u00bbEin alter Mann steht an meinem Tisch, h\u00e4lt die rechte Hand hinters Ohr. Mit der linken st\u00fctzt er sich auf einen Kr\u00fcckstock.<br \/>\nHinter ihm steht &#8230;<br \/>\nHalt, erst den Mann angucken. Will ich doch trainieren. Er ist ziemlich betagt, bestimmt \u00fcber 80. Die Haut grau und knitterig, zwei tiefe Falten laufen von der knolligen, gro\u00dfporigen Nase bis zum Mund. Fahle, d\u00fcnne Lippen, die w\u00e4ssrigen Augen verschwinden unter den buschigen Brauen. Auf dem Kopf tr\u00e4gt er einen dieser uns\u00e4glichen Filzh\u00fcte, zum Gl\u00fcck ohne Gamsbart. Brauner Janka mit Hirschhornkn\u00f6pfen, schlecht sitzende, verbeulte Cordhosen von undefinierbarer Farbe, klobige Schn\u00fcrschuhe.<br \/>\n\u00abDoa setz di hi, Ieva\u00bb, sagt er ungeduldig, ohne meine Antwort abzuwarten.<br \/>\nDie Frau schaut mich sch\u00fcchtern an, ich nicke. Sie hilft ihm, sich hinzusetzen, lehnt seinen Stock an den Korbsessel. Ein ungleiches Paar. Sie ist viel j\u00fcnger als er, in den Vierzigern, sch\u00e4tze ich, mittelgro\u00df, mollig, ohne dick zu sein, hat ein weiches rundes Gesicht, warme braune Augen, einen rot geschminkten Mund. Sie tr\u00e4gt eine gutgeschnittene, braune Lederjacke, eine helle Seidenbluse, einen langen Rock. Klick, klick, klick, ich beobachte wie der Teufel. Ria, meine strenge Schreiblehrerin, kann nicht meckern, auch wenn ich wieder mal nicht einsch\u00e4tzen kann, aus welchem Material der Rock ist. Wolle, Baumwolle? Synthetik? Ein Gemisch? Der Drang, den Stoff anzufassen, \u00fcberkommt mich \u00fcberhaupt nicht.<br \/>\n\u00abWos wuist dringa, Ieva ?\u00bb, fragt der Mann.<br \/>\nDer Ober kommt zur\u00fcckget\u00e4nzelt, stellt den Latte ab, sagt \u00abprego\u00bb. Ich \u00abgrazie\u00bb. Eben. Klappt doch.<br \/>\nDie Frau zeigt auf mein Glas und sagt:\u00a0 \u00abWie Dame\u00bb.<br \/>\n\u00abNimmst a Haferl Kaffee! Net soa a neimodisches Zeig!\u00bb<br \/>\nIeva kneift ihre Lippen zusammen, hebt das Kinn: \u00bbBitte, will trinken dasselbe wie Frau.\u00bb Sie hat eindeutig einen osteurop\u00e4ischer Akzent.<br \/>\n\u00abDas ist latte macchiato\u00bb, sage ich und l\u00e4chle ihr aufmunternd zu. \u00abSchmeckt sehr gut.\u00bb<br \/>\n\u00abI wui a Bia\u00bb, sagt der Mann. \u00abDa woas i wos i hoab.\u00bb<br \/>\nMein Krimi-Gehirn arbeitet. Hat der Tattergreis sich eine junge Osteurop\u00e4erin gekauft? Wie der Alte in diesem Kultbuch von der Marina Lewycka. Irgendwas mit einem ukrainischen Traktor.<br \/>\nDie Getr\u00e4nke kommen. Der Ober kassiert flink ab. Wir schweigen. Der Mann trinkt sein Bier. Ieva zieht ihre Lederjacke aus.<br \/>\n\u00abLoas dei Jobbn o.\u00bb sagt der Mann<br \/>\n\u00abSonne warm \u00ab, sagt Ieva. Sie h\u00e4ngt die Jacke sorgf\u00e4ltig \u00fcber die Stuhllehne.<br \/>\n\u00abMong hoast an Katarrh\u00bb, beharrt der Alte.<br \/>\nEin skurriles Paar, denke ich. Ideal f\u00fcr eine Geschichte. Ich muss schnell nach Hause. Mir Notizen machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gl\u00fcck gehabt, da ist noch ein Tisch frei, direkt in der ersten Reihe. Es ist Wochenmarkt in Freising, und an diesem sonnigen Samstagvormittag ist das Gedr\u00e4nge auf dem Marienplatz riesengro\u00df. Ich lasse mich auf dem Korbstuhl nieder, z\u00fcnde gen\u00fcsslich eine Zigarette an, lege mein schwarzes Moleskine-Notizbuch mit dem ollen Gummibandverschluss auf den Tisch, krame in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-252","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kurzgeschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/252","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=252"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/252\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":766,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/252\/revisions\/766"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=252"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=252"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=252"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}