{"id":246,"date":"2012-11-11T19:05:10","date_gmt":"2012-11-11T18:05:10","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=246"},"modified":"2019-11-04T13:25:02","modified_gmt":"2019-11-04T12:25:02","slug":"lourdes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/lourdes\/","title":{"rendered":"Lourdes"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/lourdes\/madonna-di-lourdes-3\/\" rel=\"attachment wp-att-374\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-374\" title=\"Madonna di Lourdes\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/fotolia_35987694_xs2-150x150.jpg\" alt=\"Madonna di Lourdes\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Auf dem Bahnsteig wimmelt es von Kranken und Behinderten. Ieva w\u00fcrde am liebsten die Flucht ergreifen. Wei\u00dfgekleidete Pfleger hieven Rollst\u00fchle und Krankenbetten in die Waggons. Sie versucht, nicht hinzustarren. Ein ganzer Zug f\u00fcr die Osterwallfahrt von M\u00fcnchen nach Lourdes. <!--more-->\u00abJetzt wird nicht gekniffen, Ieva \u00bb, sagt ihre Freundin Elena, packt sie am Ellbogen und schiebt sie energisch zu ihrem Abteil. Wildes Gedr\u00e4nge, bis alle ihre Pl\u00e4tze gefunden haben, die Gep\u00e4ckst\u00fccke verstaut, die Rollst\u00fchle verankert sind. Der Zug setzt sich in Bewegung. Eine lange Fahrt. \u00dcber 20 Stunden werden sie unterwegs sein. Ieva macht die Augen zu. Ihr gegen\u00fcber scherzt ein behinderter Mann mit seinem Pfleger. Was gibt es da zu lachen? Und vorne im Gro\u00dfraumwagen f\u00e4ngt eine Gruppe Pilger an, Marienlieder zu singen. Das kann ja heiter werden.<br \/>\nAm Morgen nach der Ankunft gehen Ieva und Elena mit Hunderten von Pilgern den Pfad hinunter in Richtung der heiligen Grotte. Vor ihnen laufen drei Nonnen in ihren schwarzen Gew\u00e4ndern, temperamentvoll gestikulierend und in einer Sprache redend, die sie nicht verstehen. Eine alte Frau hat sich nah an den Felsen gehockt, die R\u00f6cke gerafft, l\u00e4sst ihr Wasser laufen. Ieva schaut weg. Muss das sein? Ein \u00e4lterer Herr \u00fcberholt sie in einem motorisierten Rollstuhl mit blauem Regendach. Elegant umkurvt er die Unebenheiten des Bodens. F\u00e4hrt fast in eine Gruppe italienischer Pilger, hebt entschuldigend die Hand. Braust weiter. Der soll doch aufpassen. Sitzt selbst im Rollstuhl. Wieso schimpft niemand?<br \/>\nAuf dem Platz im heiligen Bezirk werden unz\u00e4hlige Lourdes-Madonnen angeboten. Madonnen in allen Gr\u00f6\u00dfen. Das immer gleiche kindliche Gesicht, die blauen Augen gen Himmel gehoben, die H\u00e4nde fromm gefaltet. Das ist doch Kitsch, Kitsch, Kitsch, denkt Ieva. Und dann dieses wei\u00dfe Gewand, die Haare unter einem Schleier. Z\u00fcchtig bedeckt. Auf jedem Fu\u00df eine gelbe Rose. Wirklich, eine gelbe Rose. Genauso hatten die Hirtenm\u00e4dchen die Erscheinung beschrieben. \u00abIch bin die Unbefleckte Empf\u00e4ngnis\u00bb, hatte sie zu den Kindern gesagt. Ein M\u00e4rchen. F\u00fcr kindliche Gem\u00fcter.<br \/>\nBabylonisches Sprachgewirr. Marien-Lieder dudeln aus Lautsprechern. Tausende von Menschen dr\u00e4ngen sich an den Tischen vorbei, kaufen eine oder gleich mehrere der geklonten Marienfiguren. Flaschen mit heiligem Quellwasser, Kerzen. Auch Plastikblumen finden rei\u00dfenden Absatz. Dazwischen Glockengel\u00e4ut. Zwei dunkelh\u00e4utige Priester schreiten w\u00fcrdevoll die Kirchentreppe hinauf, gefolgt von einem aufgeregten Tr\u00fcppchen afrikanischer Pilger. Kameras klicken. Ob die japanischen Touristen mit ihren riesigen Videokameras auch die Kr\u00fcppel und geistig Behinderten filmen? Die blauen Rikschas machen sich auf den Bildern sicher gut, denkt Ieva und z\u00fcckt ihre eigene Kamera. Niemand scheint etwas dagegen zu haben. Offensichtlich ist Lourdes kein Ort der Trauer und Verzweiflung. Es gibt keine Pilger, die auf blutigen Knien den langen Weg zum Heiligtum rutschen wie in Fatima. Lourdes hat Event-Charakter. Als Elena nicht hinschaut, kauft auch Ieva eine dieser Madonnen. L\u00e4sst sie schnell in ihre Umh\u00e4ngetasche gleiten. F\u00fcr ihre Tochter Emilija. Eine Puppe f\u00fcr ihre Tochter Emilija.<br \/>\nSie schlie\u00dfen sich einer kleinen Prozession an, die &#8211; Marienlieder singend &#8211; zur Grotte pilgert, in der die Jungfrau Maria den Kindern erschienen sein soll. Vor ihnen ein Vater, der seinen kleinen Sohn in einem Karren hinter sich herzieht. Das arme Kerlchen hat einen gepolsterten Helm auf, nuckelt aber zufrieden an seinem Eis. Neben Ieva eine j\u00fcngere Frau. Sie schiebt ihre spastische Tochter im Rollstuhl. Singt. Singt das \u00abAve Maria\u00bb. Auf Litauisch. Wie liebevoll sie dem M\u00e4dchen \u00fcber die d\u00fcnnen Haare streicht. Ihr sanft den Speichel vom Mund wischt. Ieva kann die Augen nicht abwenden. Denkt an Emilija. H\u00e4tte auch sie ihre kranke Tochter aus Litauen holen, sie auf die Wallfahrt mitnehmen sollen?\u00a0\u00a0 Wozu? Hofft die Frau neben ihr wirklich auf ein Wunder? Glaubt sie, dass das Wasser aus der Quelle ihr Kind heilen kann? Das ist doch Aberglaube. Finsterstes Mittelalter.<br \/>\nIeva wird hei\u00df, als die Frau sie ansieht.<br \/>\n\u00abSie fragen sich jetzt sicher, ob ich glaube, dass meine Tochter gesund wird, wenn ich sie mit dem heiligen Wasser wasche.\u00bb<br \/>\nIeva f\u00fchlt sich ertappt. Merkt, dass ihr die R\u00f6te ins Gesicht schie\u00dft.<br \/>\n\u00abNein\u00bb, sagt die Frau. \u00bbDas glaube ich nicht. Aber mir hat das Wasser geholfen. Jedes Jahr pilgere ich nach Lourdes und erfahre, dass ich nicht allein bin mit meinem Schicksal.\u00bb<br \/>\n\u00abIch habe auch eine schwerbehinderte Tochter. Zuhause in Vilnius.\u00bb, h\u00f6rt Ieva sich sagen. Und schweigt besch\u00e4mt. Das ist doch ihr Problem. Wie kommt sie dazu, fremde Menschen mit ihren Problemen zu belasten? Aber die Frau legt die Hand kurz auf ihren Arm.<br \/>\n\u00abWissen Sie, hier in Lourdes habe ich gelernt, mein Kind anzunehmen. Ja zu sagen zu seiner Behinderung. Ich wei\u00df, dass Gott mich liebt, obwohl &#8211; nein, gerade wegen dieses Kindes. Hier in Lourdes sch\u00f6pfe ich Kraft f\u00fcr meinen Alltag.\u00bb<br \/>\nIeva stellt eine wei\u00dfe Kerze vor die Marien-Statue. W\u00e4hrend ihre Lippen im Chor der anderen das \u00abGegr\u00fc\u00dfest seist du, Maria\u00bb murmeln, fragt sie sich, ob\u00a0 auch sie es schaffen wird, ihr Schicksal zu akzeptieren. Ihre Tochter anzunehmen. Ob sie aufh\u00f6ren kann, mit Gott zu hadern?<br \/>\n\u00abKommen Sie mit zur Lichterprozession heute Abend?\u00bb, fragt die Frau. Ieva nickt.<\/p>\n<p>821 W\u00f6rter<br \/>\n5356 Anschl\u00e4ge<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Bahnsteig wimmelt es von Kranken und Behinderten. 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