{"id":244,"date":"2012-11-11T18:59:27","date_gmt":"2012-11-11T16:59:27","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=244"},"modified":"2015-01-13T20:29:53","modified_gmt":"2015-01-13T18:29:53","slug":"heimkehrer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/heimkehrer\/","title":{"rendered":"Heimkehrer"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?attachment_id=377\" rel=\"attachment wp-att-377\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-377\" title=\"radio vintage\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/fotolia_45514714_xs1-150x150.jpg\" alt=\"radio vintage\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Gro\u00df war das Radio. Und schwer. Und nagelneu.<br \/>\nDer eckige Kasten stand im Wohnzimmer. Auf dem nierenf\u00f6rmigen Beistelltisch, dessen Resopalplatte er verkratzte, weil mein Vater ihn so h\u00e4ufig hin- und herr\u00fcckte, um einen besseren Empfang zu bekommen, wie er behauptete, wenn er abends den Nachrichten lauschte.<!--more--><br \/>\nDer Lautsprecher war verborgen hinter einem beigefarbenen Stoffgitter. Der braune Kirschholzrahmen wurde regelm\u00e4\u00dfig jeden Morgen von meiner Mutter abgestaubt. Und dann erst suchte sie den Musiksender. Sie liebte die deutschen Schlager. Und sang mit von Liebe und Sonne und vom hiiimmelblauen Meer. Ich durfte das Radio nicht anfassen.<br \/>\nDrei Kn\u00f6pfe gab es, an denen mein Vater, wenn er von der Arbeit kam, ungeduldig herumfummelte: einen f\u00fcr die Lautst\u00e4rke, einen f\u00fcr die Auswahl der Sender, einen dritten, um das Rauschen und Kr\u00e4chzen lauter oder leiser zu machen. Ganz verschwinden tat es nie.<br \/>\nUnd dann gab es die Tante, die auf einmal jeden Abend kurz vor sieben bei uns klingelte. Sie kam herein, setzte sich in die Sofaecke , den Kopf ganz nahe am Radio, das linke Ohr gegen die Lautsprecher\u00f6ffnung gepresst &#8211; was meine Oma stirnrunzelnd akzeptierte &#8211; und stopfte den Finger der rechten Hand in das freie Ohr. Mit ernstem Gesicht und gerunzelter Stirn lauschte sie Abend f\u00fcr Abend einem Radiosprecher, der mit monotoner Stimme eine mir endlos erscheinende Liste von Namen herunterleierte. Nach einer Stunde stand sie auf, seufzte schwer und ging langsam zur T\u00fcr. Meine Oma und meine Mutter erhoben sich dann ebenfalls. Meine Mutter legte tr\u00f6stend den Arm auf ihre Schulter. Meine Oma sagte was von \u00bbVielleicht morgen\u00ab, und wenn die Haust\u00fcr ins Schloss fiel, kam mein Vater wieder aus dem Schlafzimmer, wohin er sich mit seiner Zeitung verzogen hatte.<br \/>\n\u00bbSie k\u00f6nnte sich selbst ein Radio kaufen\u00ab, hatte er einmal zu murmeln gewagt. Aber meine Mutter hatte ihn streng angesehen und meine Oma hatte was von \u00bbunserer Christenpflicht\u00ab gesagt. Und dann hatte mein Vater geschwiegen. Nach drei Monaten kam sie nicht mehr.<br \/>\nIhr Mann komme nicht zur\u00fcck aus Sibirien, sagte mein Vater, den ich fragte, wo die Tante bleibe. Er sei gefallen. Und dann presste er die Lippen aufeinander und versenkte sich wieder in seine Zeitung. Und ich verstand nicht, warum der Mann nicht einfach wieder aufgestanden war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gro\u00df war das Radio. Und schwer. Und nagelneu. Der eckige Kasten stand im Wohnzimmer. 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