{"id":233,"date":"2012-11-11T18:42:40","date_gmt":"2012-11-11T16:42:40","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=233"},"modified":"2018-09-14T18:34:59","modified_gmt":"2018-09-14T16:34:59","slug":"traumschiff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/traumschiff\/","title":{"rendered":"Traumschiff"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?attachment_id=386\" rel=\"attachment wp-att-386\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-386\" title=\"Auf hoher See\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/fotolia_9693778_xs1-150x150.jpg\" alt=\"Auf hoher See\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Noch scheint die schr\u00e4g stehende Augustsonne warm vom Himmel. Christina und ich hieven die Einkaufst\u00fcten an Bord der Yacht, die friedlich im d\u00e4nischen Inselhafen S\u00f6by schaukelt. Die Schollen vom Kutter sind fangfrisch. Urlaubsende. Abschiedsessen.<br \/>\n\u00abDer Hafenmeister hat eine Sturmwarnung mit Orkanb\u00f6en f\u00fcr morgen Vormittag herausgeh\u00e4ngt\u00bb, sagt Gerald vom Vordeck her. Sorgf\u00e4ltig schlie\u00dft er die Dose mit Klarlack und w\u00e4scht den Pinsel aus.<!--more--><br \/>\n\u00abBerit, wann geht dein Flieger?\u00bb<br \/>\n\u00abMorgen Abend. Von Hamburg-Fulsb\u00fcttel.\u00bb<br \/>\n\u00abWir sollten versuchen, das Festland zu erreichen, ehe der Sturm aufkommt\u00bb, schl\u00e4gt Gerald vor.<br \/>\n\u00abUnsinn\u00bb, sagt Christina.<br \/>\n\u00abWieso Unsinn, liebste Gemahlin? Was ist, wenn wir hier auf \u00c4r\u00f6 einwehen?\u00bb<br \/>\n\u00abEs wird gleich dunkel\u00bb, Christina s\u00e4ubert seelenruhig einen der silbergl\u00e4nzenden Fische.<br \/>\n\u00abWillst du lieber morgen bei Sturm fahren?\u00bb Gerald hebt die Stimme.<br \/>\n\u00abJa!\u00bb<br \/>\n\u00abWie, ja?\u00bb<br \/>\n\u00abDu h\u00f6rst doch, ich fahre nicht bei Nacht. Schlechte Sicht.\u00bb<br \/>\n\u00abSag mal, spinnst du.\u00bb<br \/>\nWarum habe ich mich \u00fcberhaupt zu diesem T\u00f6rn \u00fcberreden lassen? Christina und Gerald haben mir von der d\u00e4nischen S\u00fcdsee vorgeschw\u00e4rmt. Sonne und Wind. Sanftes Dahingleiten unter wei\u00dfen Segeln. Traumurlaub. Wenn sie sich nur nicht dauernd angiften w\u00fcrden. Zwei Skipper auf einem Schiff.<br \/>\nWeit hinten am Horizont beginnt ein Wetterleuchten. Wir warten auf den Donner. Nichts. Das Meer ist spiegelglatt.<br \/>\n\u00abIch w\u00fcrde lieber sofort ablegen\u00bb, sagt Gerald noch einmal. \u00abBerit darf ihren Flieger nicht verpassen.\u00bb<br \/>\n\u00abNein, nat\u00fcrlich nicht. Und du tust nat\u00fcrlich alles, was die liebe Berit will.\u00bb<br \/>\n\u00abIch habe Angst\u00bb, sage ich. \u00abIch w\u00fcrde losfahren, ehe der Sturm kommt.\u00bb<br \/>\n\u00abAye, aye\u00bb, h\u00f6hnt Christina. \u00abAber zuerst muss das Beiboot sauber gemacht und an Bord verholt werden. Dein Job, Gerald. Berit kann mir beim Kochen helfen.\u00bb<br \/>\n\u00abKochen?\u00bb<br \/>\n\u00abJa, kochen. Ich will erst essen, sonst l\u00e4uft gar nichts.\u00bb<\/p>\n<p>Zwei Stunden sp\u00e4ter &#8211; es ist dunkel geworden &#8211; sind wir endlich startklar. Ich sp\u00fcle schweigend das Geschirr, Christina schl\u00fcrft langsam ihr drittes Glas Wein.<br \/>\nGerald startet den Motor, macht die Leinen los, springt an Bord.<br \/>\n\u00abLass mich ans Ruder, sagt Christina, \u00abich habe das GPS schon programmiert\u00bb<br \/>\n\u00abKannst du ausmachen. Ich fahre nicht nach GPS. Ich nehme die Seekarte.\u00bb<br \/>\nSo ein Irrsinn, denke ich. Muss er ausgerechnet jetzt den Macho herauskehren?<br \/>\n\u00abWas? Hast du sie nicht mehr alle, Gerald!\u00bb<br \/>\n\u00abIch habe vierzig Jahre Segelerfahrung. Ich brauche diesen neumodischen Schei\u00df nicht. Ich stecke den Kurs am Kartentisch ab.\u00bb<br \/>\nEr steigt in die Kaj\u00fcte hinunter. Christina umfasst das Steuerrad und sp\u00e4ht nach den Seezeichen in der Fahrrinne.<br \/>\n\u00abSoll ich die Rettungswesten aus der Backskiste holen?\u00bb, kommt Geralds Stimme von unten.<br \/>\n\u00abNun mach dir mal nicht gleich ins Hemd. Das bisschen Wind.\u00bb, sagte Christina.<br \/>\nIch ziehe den Rei\u00dfverschluss meiner \u00d6ljacke hoch. Wir haben die Ostspitze von \u00c4r\u00f6 umrundet und erreichen das offene Wasser der Ostsee. Die Insel verschwindet im Dunst. Der Wind hat aufgefrischt. Die Yacht nimmt Geschwindigkeit auf und macht fast sieben Knoten \u00fcber Grund bei stetigem Wind aus Nordost. In der Ferne zucken Blitze \u00fcber den Himmel.<\/p>\n<p>Die Stunden vergehen in absolutem Schweigen. Ich friere und versuche, meine \u00dcbelkeit zu bek\u00e4mpfen. Das Meer hat eine lange D\u00fcnung entwickelt. Gro\u00dfe Wellen treiben das Boot vom offenen Wasser in Richtung Kieler Bucht. An Steuerbord ist der Leuchtturm von Maasholm kaum zu erkennen. Pl\u00f6tzlich vor uns eine graue Tonne.<br \/>\n\u00abOh verdammt!\u00bb Christina macht eine heftige Bewegung.Das Boot schie\u00dft nach backbord. Gerald, der im Niedergang steht, wird r\u00fccklings in die Kabine geschleudert.<br \/>\n\u00abBist du von allen guten Geistern verlassen? Willst du mich umbringen?\u00bb<br \/>\n\u00abW\u00e4re vielleicht besser!\u00bb<br \/>\n\u00abBerit, zieh bitte die Rettungsweste an, geh nach vorne und leuchte mit dem Scheinwerfer die Bucht ab. Die Tonnen sind im Dunst schlecht zu sehen\u00bb, sagt Christina.<br \/>\n\u00abWas meinst du, warum ich nicht im Dunklen fahren wollte?\u00bbChristina gibt sich wohl nie geschlagen.<br \/>\n\u00abQuatsch nicht. Lass mich ans Ruder.\u00bb<br \/>\n\u00abWarum?\u00bb<br \/>\n\u00abGeh du mit Berit aufs Vorschiff und nimm den zweiten Strahler!\u00bb<br \/>\n\u00abNein!\u00bb<br \/>\nGerald ist aus der Kabine herausgeklettert und versucht, seine Frau vom Ruder wegzudr\u00e4ngen. Sie klammert sich an das Rad, k\u00e4mpft. Der Wind hat nach S\u00fcdwest gedreht. Die Wellen kommen uns entgegen, klatschen gegen den Schiffsrumpf. Ich balanciere auf dem bockenden Schiff nach vorne. Halte mich krampfhaft an den Handl\u00e4ufen fest. Ein starker Regen hat eingesetzt. Heftige B\u00f6en bringen das Schiff immer wieder in Schieflage. Wortfetzen, St\u00f6hnen, Schreie vom Cockpit her. Keiner von uns sieht die dunkle Wand, auf die wir in der Dunkelheit zuhalten. Eine Fregatte. Nahezu unsichtbar. Die Positionslichter in Nebelschleiern. Wie ein Geisterschiff. Ein knirschendes Splittern, als wir am Bug entlang schrammen. Wassereinbruch. Die Yacht legt sich auf die Seite.<br \/>\nIch springe.<\/p>\n<p>4874 Zeichen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch scheint die schr\u00e4g stehende Augustsonne warm vom Himmel. Christina und ich hieven die Einkaufst\u00fcten an Bord der Yacht, die friedlich im d\u00e4nischen Inselhafen S\u00f6by schaukelt. 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