{"id":231,"date":"2012-11-11T18:39:15","date_gmt":"2012-11-11T16:39:15","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=231"},"modified":"2015-01-17T11:20:29","modified_gmt":"2015-01-17T09:20:29","slug":"das-kuchenmesser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/das-kuchenmesser\/","title":{"rendered":"Das K\u00fcchenmesser"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?attachment_id=389\" rel=\"attachment wp-att-389\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-389\" title=\"Messer mit Blut. Kriminalit\u00c3\u00a4t. Tatwaffe eines Mordes.\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/fotolia_24733839_xs1-150x150.jpg\" alt=\"Messer mit Blut. Kriminalit\u00c3\u00a4t. Tatwaffe eines Mordes.\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>NordMordAward 2011<\/p>\n<p>Der Wind heult ums Haus. Den ganzen Tag \u00fcber sind schwarze Wolken in einem Affenzahn vorbeigezogen. Als ich von der Schule nach Hause geradelt bin, bin ich auf den paar Kilometern von Wesselburen nach Hillgroven platschnass geworden. Und jetzt habe ich mich bestimmt erk\u00e4ltet. Mein Kopf f\u00fchlt sich ganz hei\u00df an und meine Nase ist schon ganz zu.<!--more--><br \/>\nAber das ist nicht der Grund, warum ich wach im Bett liege. Ich habe Angst.<br \/>\nIch habe nicht oft Angst. Fast nie. Papa sagt immer, ich sei so mutig wie ein Junge. Und dann streicht er mir \u00fcber meine schwarzen Wuschelhaare. Dabei bin ich erst sieben. Aber von den Jungen in meiner Klasse lasse ich mich nicht \u00e4rgern. Mama mag das nicht, wenn ich vom Spielen nach Hause komme und meine Hose ist zerrissen und mein Gesicht ist schmutzig.<br \/>\n\u201cBenimm dich mal wie eine Dame, Carla \u201c, sagt sie immer. Aber ich bin keine Dame. Will auch nie eine werden. Immer soll ich mir ein Beispiel nehmen an meiner gro\u00dfen Schwester Letizia. Die steht stundenlang vor dem Spiegel und k\u00e4mmt ihre langen, braunen Haare. Sie braucht ewig im Bad, egal wie laut ich an der T\u00fcr donnere. Einfach \u00e4tzend. Und was n\u00fctzt ihr das? Heute Nacht hat sie nur in der Ecke gesessen, hat die H\u00e4nde vors Gesicht gehalten und geschluchzt. Die ganze Wimperntusche ist ihr \u00fcbers Gesicht gelaufen. \u201eSanta Maria\u201c, hat Mama geschrien und sich neben Papa auf den Boden geworfen: \u201eUn medico! Presto, presto!\u201c. Und dann habe ich die 112 gew\u00e4hlt, die Nummer, die an der Wand unserer Restaurantk\u00fcche h\u00e4ngt. F\u00fcr den Notfall, steht da.<br \/>\nEs war wirklich schrecklich, wie Papa da auf dem Boden in unserer Restaurantk\u00fcche lag und gest\u00f6hnt hat. Mit dem gro\u00dfen Messer im Bauch.<br \/>\nUnd deswegen kann ich auch nicht schlafen. Immer wenn ich die Augen zumache, sehe ich wieder Papa, wie er sich auf dem Boden kr\u00fcmmt. Die Augen weit aufgerissen. Das Blut, das sich langsam auf seiner wei\u00dfen Kochsch\u00fcrze ausbreitet.<br \/>\nDabei hatte ich vorhin ja schon geschlafen. Mein Zimmer ist direkt \u00fcber der Restaurantk\u00fcche, und ich bin von dem Geschrei unten aufgewacht. Da haben sich M\u00e4nner ganz laut angebr\u00fcllt. Meine Schwester hat geweint. Und Mamas schrille Stimme war ganz deutlich zu h\u00f6ren, als sie \u201eputtana!\u201c schrie und \u201eQuello offende l\u2019onore della famiglia!\u201c. Welch eine Schande f\u00fcr die Familie! Mama spricht immer noch nicht so gut Deutsch, und wenn sie aufgeregt ist oder schimpft, tut sie das oft auf Italienisch. Wir kommen aus San Luca in Kalabrien. Und jeden Winter, wenn das Lokal f\u00fcr ein paar Tage zu ist, besuchen wir Papas und Mamas Familie. Ich habe ganz viele Cousins und Cousinen dort.<\/p>\n<p>Neulich hat mich Britta, meine beste Freundin, gefragt, ob ich lieber in Italien wohnen m\u00f6chte. Aber da habe ich ganz schnell \u201enein\u201c gesagt. Ich bin hier geboren. Und ich kann auch viel besser Deutsch als Italienisch. Meine Onkel und Tanten sind lieb, aber ich mag es nicht, wenn sie mir Kleidchen anziehen und Schleifen ins Haar stecken. Und ununterbrochen muss ich jemanden k\u00fcssen. Besonders die Nonna besteht darauf. Und mein Papa ist dann auch so ver\u00e4ndert. Ich glaube, er hat Angst vor Opa. Papa ist dann immer sehr leise und widerspricht Opa nie. Ich verstehe ja nie so richtig, worum es geht, denn wenn die Gro\u00dfen reden, schicken sie uns Kinder immer hinaus zum Spielen. Oft reden sie \u00fcber Geld.<br \/>\nPapa und Mama sind vor zehn Jahren nach Deutschland gekommen. Erst hat Papa in einer Pizzeria in B\u00fcsum als Koch gearbeitet. Und dann haben Mama und Papa unser Restaurant in der N\u00e4he von Wesselburen aufgemacht. Mamas Familie hat wohl das Geld gegeben, das sagt Mama immer wieder zu Papa, wenn sie Streit haben. Und das haben sie in letzter Zeit immer \u00f6fter. Und Papa schreit dann, er wolle das schmutzige Geld gar nicht. Ich habe dann meine Spardose aufgemacht und mir die M\u00fcnzen genau angeguckt. So schmutzig sind die gar nicht.<\/p>\n<p>Unsere Pizzeria ist wirklich toll. Und wir haben viele G\u00e4ste, meistens Deutsche. Und auch Touristen kommen, besonders wenn ein Konzert in der Sankt Bartholom\u00e4us Kirche ist. Da kommen die Leute von weit her. Und neulich hat ein Mann gesagt, Papa mache die beste Pizza der Welt, so gut habe er auch in Italien nicht gegessen. Immer ganz dick belegt. Papa ist ein guter Koch.<br \/>\nIch verstehe eigentlich nicht, was Papa in letzter Zeit hat. Er sieht immer so traurig aus. Dabei haben wir viel mehr Geld als fr\u00fcher. Und Papa hat auch gar nicht mehr so viel Arbeit, denn Vittorio arbeitet jetzt auch bei uns und hilft Papa kochen. Wenn Papa Zeit hat, radelt er mit mir zum Eidersperrwerk. Da sind dann schon ganz viele Touristenbusse. Und wir essen an einer Bude Krabben mit R\u00fchrei. Oder einen Hering mit Zwiebeln, den mag er besonders gern. In letzter Zeit geht er auch \u00f6fter an der Eider angeln, wenn wir Ruhetag haben. Er hat mich auch schon mal mitgenommen, aber mir ist das zu langweilig, immer ins Wasser zu starren. Und fangen tut er sowieso nichts. Da bin ich richtig froh. Die armen Fische!<br \/>\nEinmal habe ich\u00a0 Mama und Papa gefragt, warum sie sich so oft zanken, da haben sie ganz erschrocken geschaut und gesagt, das verst\u00fcnde ich noch nicht. Und ein geheimes Wort haben sie auch: \u201eNdrangheta\u201c, und keiner sagt mir, was das bedeutet. Ich habe mal meine Lehrerin, Frau Petersen, gefragt, aber die hat auch ganz komisch geguckt und dann gesagt, sie wisse das nicht. Das war gelogen, das habe ich genau gesp\u00fcrt.<br \/>\nMeine gro\u00dfe Schwester will \u00fcberhaupt nicht mehr mit nach Italien. Sie behauptet, man wolle sie in San Luca an einen Cousin verkuppeln. Den liebt sie aber nicht, sagt sie. Letizia ist in B\u00fcsum zur Realschule gegangen und macht nun eine Lehre im Tourismusb\u00fcro in B\u00fcsum. Nur am Wochenende muss sie manchmal im Restaurant aushelfen. Sie sagt, Italien und die Familie dort k\u00f6nnten ihr gestohlen bleiben. Sie radelt viel lieber mit ihren Freundinnen an den Strand. Oder geht heimlich in B\u00fcsum in die Disko. Und im Kirchenchor in Wesselburen singt sie auch, weil sie so eine sch\u00f6ne Stimme hat. Mama passt das gar nicht, denn es ist eine evangelische Kirche. Und wir sind katholisch. Aber Letizia hat sich durchgesetzt.<br \/>\nSie hat auch einen deutschen Freund. Der hei\u00dft Jan-Hendrik und seinem Vater geh\u00f6rt ein Kutter in B\u00fcsum, ein Krabbenkutter. Jan-Hendrik sieht richtig gut aus, so gro\u00df und blond. Und er hat sch\u00f6ne blaue Augen. Ich kann verstehen, dass sich meine Schwester in ihn verliebt hat. Jan-Hendrik studiert Bootsbau in Hamburg, aber am Wochenende kommt er nach Hause. Er hat eine kleine Jolle und nimmt meine Schwester oft mit zum Segeln. Mama und Papa wissen das nicht. Und ich verrate sie nicht. Ich w\u00fcrde auch lieber segeln gehen, als mit einem der \u00f6ligen Cousins zu reden, die jeden Sommer mit den Onkeln hier erscheinen und im Lokal rumh\u00e4ngen.<br \/>\n\u201eSie wird noch zur Vernunft kommen\u201c, habe ich Papa zu Mama sagen h\u00f6ren, als sie sich wieder einmal geweigert hat, mit einem dieser Cousins spazieren zu gehen. Mama ist dann immer sauer, aber Papa sagt dann \u201eLass sie doch, sie ist doch noch so jung.\u201c Papa ist \u00fcberhaupt viel lieber als Mama.<\/p>\n<p>Mein armer Papa, und nun liegt er im Krankenhaus. Hoffentlich kriegen sie das Messer raus. Ich habe neulich im Fernsehen gesehen, wie sie eine Operation machen. Die \u00c4rzte waren ganz vermummt, und der Mann auf die Liege hatte ganz viele Schl\u00e4uche aus seinem K\u00f6rper rausgucken. Und so komische Apparate haben gepiept. Und der eine Doktor hatte ein scharfes Messer und hat den Bauch aufgeschnitten, und der andere hat mit Haken die Wunde offen gehalten. Und dann haben sie irgendwas gemacht und sp\u00e4ter den Bauch wieder zugen\u00e4ht. Der Mann ist auch wieder gesund geworden.<br \/>\nMama ist mit ins Krankenhaus gefahren und hat immer gejammert: \u201eIl nostro migliore coltello!\u201c Ich will das K\u00fcchenmesser wieder haben! Und da habe ich gedacht, jetzt dreht sie v\u00f6llig durch. Es geht doch um Papa und nicht um das doofe K\u00fcchenmesser.<br \/>\nDie beiden Polizisten, die mit den Sanit\u00e4tern gekommen sind, haben mich und meine Schwester gefragt, ob wir w\u00fcssten, wie das Ganze passiert ist. Meine Schwester hat nur auf den Boden geschaut und geschluchzt: \u201eDas war ein Unfall!\u201c Mir hat sie einen drohenden Blick zugeworfen. Dabei habe ich genau gesehen, dass Papa nicht gestolpert und in das Messer gefallen ist. Ich bin n\u00e4mlich nach unten geschlichen, als ich den Krach geh\u00f6rt habe. Die T\u00fcr zur K\u00fcche stand einen Spalt offen, und da habe ich Onkel Pedro gesehen, Mamas Bruder, der immer eine schwarze Sonnenbrille aufhat, sogar im Haus. Und der hat gesagt, er lasse sich nicht mehr hinhalten. Letizia sei Luigi versprochen worden, und im n\u00e4chsten Fr\u00fchjahr solle die Hochzeit sein. Und es gehe um die Ehre der Familie. Meine Schwester hat geschrien und gesagt, lieber bringe sie sich um als Luigi zu heiraten. Und sie seien sowieso alle Gangster. Und wenn Onkel Pedro nicht sofort verschwinden w\u00fcrde, ginge sie zur Polizei. Sie wisse, was hier gespielt wird. Da hat der Onkel die Hand gehoben und wollte sie ins Gesicht schlagen, aber Papa ist dazwischen gegangen und hat gerufen: \u201eMeine Tochter schl\u00e4gst du nicht!\u201c Der Onkel hat gedroht, man w\u00fcrde von ihm h\u00f6ren. Er habe es bisher im Guten versucht. \u201eMit der Pizzeria ist es dann auch aus. Wir brauchen dich nicht mehr, Marco. Wir k\u00f6nnen unser Geld auch woanders waschen.\u201c Der w\u00e4scht auch sein Geld, dachte ich. Es ist also doch dreckig. \u201eRaus hier\u201c, hat Papa gebr\u00fcllt und ihn zur T\u00fcr gedr\u00e4ngt. Aber Onkel Pedro hat das Fleischermesser vom Tisch genommen und ist auf Papa losgegangen. Und dann ist Papa zusammengebrochen.<br \/>\nUnd jetzt liege ich hier und habe Angst. Dass Papa stirbt. Und der Onkel mit anderen M\u00e4nnern wiederkommt und sie uns die Pizzeria wegnehmen. Und dass wir nach Italien zur\u00fcck m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Bestimmt kommen morgen die Polizisten wieder. Mama wird nicht wollen, dass wir mit ihnen reden. Im Fernsehen findet der nette Kommissar doch auch immer raus, was wirklich passiert ist. Ich k\u00f6nnte ihm doch helfen. Und dann wird Onkel Pedro verhaftet und wir k\u00f6nnen die Pizzeria behalten.<br \/>\nUnten wird die T\u00fcr aufgeschlossen. Ich renne in den Flur. Es ist Mama. Sie ist ganz wei\u00df im Gesicht. \u201ePapa ist tot\u201c, sagt sie und ringt die H\u00e4nde. \u201eEr ist gestolpert und in das Messer gefallen.\u201c Ich schaue sie fassungslos an. \u201eStimmt doch gar nicht! Onkel Pedro\u2026\u201c<br \/>\n\u201eWas redest du f\u00fcr einen Unsinn. Onkel Pedro war gar nicht hier\u201c, sagt sie \u201eAb ins Bett!\u201c Mit diesen Worten \u00f6ffnet sie die T\u00fcr zu Letizias Zimmer. Ich h\u00f6re meine Schwester schluchzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>NordMordAward 2011 Der Wind heult ums Haus. Den ganzen Tag \u00fcber sind schwarze Wolken in einem Affenzahn vorbeigezogen. Als ich von der Schule nach Hause geradelt bin, bin ich auf den paar Kilometern von Wesselburen nach Hillgroven platschnass geworden. Und jetzt habe ich mich bestimmt erk\u00e4ltet. 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