{"id":2296,"date":"2026-08-14T16:48:10","date_gmt":"2026-08-14T14:48:10","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=2296"},"modified":"2026-08-14T17:09:06","modified_gmt":"2026-08-14T15:09:06","slug":"die-diagnose","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/die-diagnose\/","title":{"rendered":"Die Diagnose"},"content":{"rendered":"<p>Tilda war es manchmal, aber manchmal doch ein wenig peinlich, wenn sie in einer Arztpraxis anrief und sagte, dass sie Privatpatientin sei und um einen schnellen Untersuchungstermin bat, den sie fast immer z\u00fcgig bekam, w\u00e4hrend andere Patienten oft wochenlang warten mussten. Doch an diesem Morgen ging es ihr wirklich schlecht. Nachdem sie morgens gut ausgeschlafen aus dem Bett gestiegen war, ein bisschen Gymnastik gemacht und dann die Treppe hinunter Richtung Toilette genommen hatte, schoss pl\u00f6tzlich ein heftiger Schmerz durch ihre rechte obere Ges\u00e4\u00dfh\u00e4lfte, sodass sie zusammenzuckte, aufschrie und sich krampfhaft ans Gel\u00e4nder klammerte. Schritt f\u00fcr Schritt qu\u00e4lte sie sich die Stufen hinunter. Auf der untersten Stufe setzte sie sich und zog beide Beine an den Bauch. Sie versuchte, langsam und gleichm\u00e4\u00dfig ein- und auszuatmen.<br \/>\nNach und nach lie\u00df der Schmerz nach. Sie zog sich am Handlauf hoch, dr\u00fcckte mit der rechten Hand gegen die obere Pobacke und fragte sich, was geschehen war. Sollte das der ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte Hexenschuss sein, von dem sie schon geh\u00f6rt hatte, den sie selbst aber bisher trotz ihres fortgeschrittenen Alters noch nie erleiden musste. Langsam humpelte sie ins Bad, stellte sich unter die warme Dusche, trocknete sich ab und zog sich langsam und vorsichtig an, jede abrupte Bewegung vermeidend. Anschlie\u00dfend begann sie, den Fr\u00fchst\u00fcckstisch zu decken, Kaffee zu kochen, Joghurt in die M\u00fcslischale zu r\u00fchren und Obst kleinzuschneiden. Die zweite Attacke lie\u00df allerdings nicht lange auf sich warten. Vom langen Stehen verkrampfte sich ihr unterer R\u00fccken wieder und sie versuchte, dagegen anzuk\u00e4mpfen, indem sie anfing, vorsichtig das rechte Bein zu heben, es nach vorn und hinten zu schaukeln, das Knie zu kreisen, die H\u00fcften zaghaft rotieren zu lassen.<br \/>\nAls der Krampf nachlie\u00df, humpelte sie langsam zum Computer auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer und gab bei \u201eGoogle\u201c den Begriff \u201eHexenschuss\u201c ein, mit Fragezeichen nat\u00fcrlich.<br \/>\nSie bekam die Information, dass die Ursache eines entz\u00fcndeten Ischiasnervs ein eingeklemmter Ischiasnerv sei, der vom Piriformis-Muskel eingeengt w\u00fcrde. W\u00e4rme, leichte Bewegungen und Dehnungs\u00fcbungen sollten helfen. Auch wenn sie als medizinisch ungebildete Laie von einem Piriformis noch nie etwas geh\u00f6rt hatte, schien ihr die Erkl\u00e4rung nicht unlogisch. W\u00e4rme und Dehn\u00fcbungen w\u00fcrden helfen, las sie. Das wird sie sofort ausprobieren.<br \/>\nDie Gymnastikmatte stand aufgerollt in der Ecke. Sie rief ihr Lieblingsgymnastikprogramm auf und \u00fcbt mit der sympathischen Gymnastiklehrerin Gabi zwanzig Minuten, auf der Matte, ihren R\u00fccken zu dehnen. Das half, die Schmerzen verschwanden nach und nach. Sie konnte sich ohne Schmerzen aufrichten und ein paar Schritte gehen. Eine Wunderheilung? Unwahrscheinlich. Aber erst einmal konnte sie schmerzfrei zum Einkaufen fahren. Als sich die Verkrampfung zwei Stunden sp\u00e4ter wieder einstellt, reagiert Tilda nicht panisch, breitet die Matte aus und machte konzentriert die empfohlenen Dehn\u00fcbungen. Anschlie\u00dfend rief sie in einer orthop\u00e4dischen Praxis an und bat um einen schnellen Termin, den sie auch f\u00fcr den sp\u00e4ten Nachmittag bekam, denn schlie\u00dflich war sie ja Privatpatientin. Die halbe Stunde Wartezeit nahm sie stoisch hin, froh, \u00fcberhaupt am selben Tag noch einen Termin bekommen zu haben.<br \/>\nDer Arzt, ein attraktiver Mann mittleren Alters offerierte ihr einen Stuhl und fragte sie freundlich nach dem Grund ihres Kommens. Als sie erkl\u00e4rte, sie habe Schmerzen im unteren R\u00fccken und vermute einen eingeklemmten Ischiasnerv, verfinsterte sich seine Miene zusehends. Sie sagte ganz stolz, sie habe im Internet recherchiert, welche Ursachen ihre Schmerzen haben k\u00f6nnten.<br \/>\n\u201eDas sind alles Spekulationen\u201c, sagte er. \u201eWir machen erst einmal eine R\u00f6ntgenaufnahme.\u201c<br \/>\nIch sehe ja ein, dachte Tilda, dass man aus einer Privatpatientin so viel Geld wie m\u00f6glich herausholen will. Eine R\u00f6ntgenaufnahme musste also sein. Sie sagte nichts, ging folgsam mit der Arzthelferin zum R\u00f6ntgen und wunderte sich, warum der Arzt nicht mit einem Wort auf ihre Vermutung, es k\u00f6nne ein eingeklemmter Ischiasnerv sein, eingegangen war.<br \/>\nZur\u00fcck im Untersuchungszimmer heftete der Arzt die R\u00f6ntgenaufnahmen an die Pinnwand und betrachtete sie ausgiebig. Schlie\u00dflich nickte er mit dem Kopf. \u201eGenau, was ich vermutet habe\u201c, sagte er befriedigt. \u201eSchauen Sie mal genau hin. Man kann deutlich sehen, dass Ihre linke H\u00fcfte gesch\u00e4digt ist. Da m\u00fcsste dringend etwas passieren! Lassen Sie sich einen OP-Termin geben f\u00fcr eine neue H\u00fcfte!\u201c<br \/>\nTilda traute sich nicht zu sagen, dass sie eigentlich nichts Auff\u00e4lliges an ihrem H\u00fcftknochen feststellen konnte, aber ihr war klar, dass ihre Beobachtungsgabe nicht besonders ausgepr\u00e4gt war, also nickte sie nur und schloss resigniert die Augen.<br \/>\n\u201eUnd schauen Sie sich bitte ihr R\u00fcckgrat an\u201c, fuhr der Orthop\u00e4de begeistert fort. \u201eSehen Sie, wie gesch\u00e4digt die Knorpel sind?\u201c Er wies mit dem Zeigefinger auf eine Stelle, die Tilda gar nicht genau identifizieren konnte. \u201eHier ist ein alter Bruch. Sind Sie mal gefallen?\u201c<br \/>\nTilda nickt. \u201eJa, vor einigen Jahren. Ich bin auf der Treppe gestolpert und r\u00fcckw\u00e4rts die Stufen hinuntergerutscht. Aber auch das ist lange her. Die Beschwerden haben sich auch schnell gelegt. Ich mache viel Sport, gehe fast jeden Tag schwimmen und mache viele Radtouren.\u201c<br \/>\nDer Arzt sch\u00fcttelte den Kopf \u00fcber so viel Unverstand. \u201eMeine Liebe, da irren Sie sich gewaltig. Schauen Sie sich die Aufnahmen genau an. Da muss dringend etwas passieren. Ich schicke Sie jetzt erst einmal zum MRT. Sehen Sie zu, dass Sie schnell einen Termin bekommen.\u201c Er setzte sich an den Schreibtisch und f\u00fcllte eine \u00dcberweisung aus, die er Tilda in die Hand dr\u00fcckte. \u00dcbrigens, das Radfahren und Schwimmen lassen Sie jetzt erst einmal ganz sein.<br \/>\n\u201eWarum das?\u201c fragte Tilda konsterniert.<br \/>\n\u201eWeil ich es sage!\u201c, konterte der Arzt.<br \/>\nTilda war v\u00f6llig verunsichert. Sie war doch als gesunder Mensch &#8211; na ja, mit R\u00fcckenschmerzen -in die Praxis gekommen, und nun war sie zum Kr\u00fcppel mutiert, der dringend medizinischer Hilfe bedurfte. Konnte das sein?<br \/>\nZum Gl\u00fcck bekam sie schon am n\u00e4chsten Morgen einen Krankenhaustermin f\u00fcrs MRT. Mit dem Bild in der Hand ging sie zum zust\u00e4ndigen Radiologen.<br \/>\n\u201eBei Ihnen ist doch alles in Ordnung\u201c, sagt dieser freundlich. \u201eWarum sollten Sie ein MRT machen?\u201c<br \/>\nTilda glaubte ihren Ohren nicht zu trauen.<br \/>\n\u201eIhr Kollege in der Praxis sagte, meine H\u00fcfte sei kaputt und m\u00fcsse operiert werden. Auch die R\u00fcckenknorpel s\u00e4hen nicht gut aus. Ich solle zurzeit auch \u00fcberhaupt keinen Sport machen, weder schwimmen gehen noch radeln.\u201c<br \/>\nDer Radiologe sch\u00fcttelt den Kopf: \u201eWer rastet, der rostet\u201c, sagte er. \u201eBei Ihnen ist alles in Ordnung. Nat\u00fcrlich ist die H\u00fcfte nicht mehr taufrisch und ihr R\u00fcckgrat zeigt auch Verschlei\u00dferscheinungen. Aber &#8211; er warft einen Blick auf den oberen Rand des MRTs &#8211; Sie werden im n\u00e4chsten Jahr achtzig, da ist kein Teil mehr nagelneu. Machen Sie sich aber keine Sorgen, Sie sind noch gut in Form. F\u00fcr Ihr Alter, meine ich.\u201c<br \/>\nDer Arzt \u00fcberlegt eine Weile. \u201eWie aber kommt der Kollege zu seiner Diagnose, frage ich mich. Oder haben Sie ihm die Diagnose aus der Hand genommen und sie selbst gestellt? Das kann kein Arzt leiden. Und meistens sind es Frauen, besonders Lehrerinnen, die das Internet zurate ziehen und versuchen, selbst herauszufinden, welchen Grund es f\u00fcr ihre Beschwerden gibt. Davon ist kein Arzt begeistert, der Kollege h\u00e4tte allerdings souver\u00e4ner reagieren m\u00fcssen.\u201c<br \/>\nUnd in dem Moment wurde Tilda einiges klar. Wie bescheuert war sie eigentlich, dem Orthop\u00e4den eine Diagnose zu liefern, ehe der sie \u00fcberhaupt untersucht hatte.<br \/>\nSie wurde rot. \u201eWie, Sie meinen, der Orthop\u00e4de hat sich sozusagen ger\u00e4cht, weil ich seiner Meinung nach \u00fcbergriffig war? Er hat sich wohl in seiner Kompetenz angegriffen gef\u00fchlt, und das zu allem \u00dcberfluss von einer dieser eingebildeten Lehrerinnen, die ohnehin alles besser wissen? Habe ich recht?\u201c<\/p>\n<p>Der Radiologe lachte. \u201eNun seien Sie froh, dass Sie gesund sind. Der Kollege hat sich nicht korrekt verhalten, ich will ihn auch nicht verteidigen. Aber auch Mediziner sind Menschen mit Empfindlichkeiten, besonders gegen\u00fcber Lehrerinnen. Auch ich habe da so meine Erfahrungen gemacht. Auf jeden Fall radeln Sie und schwimmen Sie, so oft Sie k\u00f6nnen. Fit halten, hei\u00dft die Devise. Besonders im Alter!\u201c<br \/>\nSie h\u00e4tte den Doktor am liebsten umarmt!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tilda war es manchmal, aber manchmal doch ein wenig peinlich, wenn sie in einer Arztpraxis anrief und sagte, dass sie Privatpatientin sei und um einen schnellen Untersuchungstermin bat, den sie fast immer z\u00fcgig bekam, w\u00e4hrend andere Patienten oft wochenlang warten mussten. Doch an diesem Morgen ging es ihr wirklich schlecht. 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