{"id":2284,"date":"2026-07-30T15:56:22","date_gmt":"2026-07-30T13:56:22","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=2284"},"modified":"2026-08-14T14:58:03","modified_gmt":"2026-08-14T12:58:03","slug":"wer-angibt-hat-mehr-vom-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wer-angibt-hat-mehr-vom-leben\/","title":{"rendered":"Wer angibt, hat mehr vom Leben,"},"content":{"rendered":"<p>sagte meine Mutter, wenn wieder ein Mann im Gartencaf\u00e9 vor lauter Selbstlob nicht mitbekam, wie seine Begleiterin schon seit einer halben Stunde gelangweilt in ihrem Tee r\u00fchrte und mit glasigem Blick in den Himmel starrte, an dem auch nichts zu sehen war.<br \/>\nLeider hat meine Mutter das folgende Gespr\u00e4ch am Nebentisch nicht mitbekommen. Sie h\u00e4tte bestimmt ihre klammheimliche Freude daran gehabt. Seine Lobeshymnen auf sich selbst schlugen alles bisher Geh\u00f6rte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>\u201eIch habe das Projekt nat\u00fcrlich geleitet\u201c, sagte der Mann am Nebentisch zu seiner j\u00fcngeren, durchaus wohlproportionierten Begleiterin, die \u2013 den Kopf in ihre Hand gest\u00fctzt \u2013 mit starrem Blick an ihm vorbeischaute. \u201eIch habe die meisten Ideen bei der Projektbeschreibung eingebracht und habe zu Recht viel Geld verdient. Ich war sicher, dass der Vorstand mir die Projektleitung \u00fcbertragen w\u00fcrde. Die jungen Gro\u00dfschnauzen um mich herum haben doch keine Ahnung von Marketing. Bei den jungen Leuten geht doch alles nur \u00fcber Beziehungen, nicht ums K\u00f6nnen. Wer wen an der Uni kennt. Die Herren vom Vorstand werden sich wundern, wenn bei denen keine Firma anbei\u00dft. Denn wie man eine gute Projektbeschreibung macht, das haben diese Jungspunde an der Uni doch gar nicht gelernt. Gro\u00dfe Klappe, aber nichts dahinter.\u201c<\/p>\n<p>Wem will der Mann eigentlich imponieren, fragte ich mich und schaute mich um in dem kleinen bayerischen Stra\u00dfencaf\u00e9, an dem der Verkehr vorbeirauschte. Auf einmal d\u00e4mmerte es mir, er wollte meine Aufmerksamkeit, denn sein Blick huschte immer wieder zu mir hin\u00fcber. Nicht dass mir die unverhoffte Aufmerksamkeit eines j\u00fcngeren Mannes unangenehm gewesen w\u00e4re. Aber muss er deswegen so schreien? Ich bin nicht schwerh\u00f6rig. Die anderen Tische im Caf\u00e9 waren leer und ich stellte fest, dass er tats\u00e4chlich um meine Aufmerksamkeit buhlte. Seine Begleiterin stand jetzt auch auf, nahm ihre Gucci-Tasche und fl\u00fcchtete in Richtung der Toiletten. Wohl eine erprobte Rettungsma\u00dfnahme vor seinem Redeschwall.<\/p>\n<p>Der Mann, ich sch\u00e4tze ihn auf Mitte f\u00fcnfzig, wurde mutiger, suchte Augenkontakt, l\u00e4chelte mich an. Nanu, dachte ich, aus dem Flirtalter sind wir doch wohl langsam raus, oder soll ich mich geschmeichelt f\u00fchlen, dass er mich wahrnimmt? Ich erwiderte seinen Blick, betrachtete sein \u2013 zugegebenerma\u00dfen \u2013 gutgeschnittenes Gesicht, seine dichten grauen Haare, hasste aber auf Anhieb seinen zu kleinen Mund mit der h\u00e4ngenden Unterlippe, aus dem in den letzten Minuten unaufh\u00f6rlich Worte gequollen waren. Ob seine Begleiterin \u00fcberhaupt wiederkommt? Oder hat sie durch den Hintereingang die Flucht ergriffen? Immerhin ist sie bedeutend j\u00fcnger als ich.<\/p>\n<p>Sie kam wieder, setzte sich seufzend auf den Stuhl ihm gegen\u00fcber und schloss die Augen.<\/p>\n<p>\u201eWo war ich stehen geblieben?\u201c, sagte er. \u201eAch ja, bei meiner Leitungsfunktion, f\u00fcr die ich sehr beneidet und auch angefeindet wurde. Aber schlie\u00dflich stand mir die Position zu, denn ich habe die meisten Erfahrungen im Antennenbau. Da kann mir keiner das Wasser reichen. Diese jungen Schn\u00f6sel in der Firma, was die sich einbilden. Noch nicht trocken hinter den Ohren und schon eine gro\u00dfe Lippe riskieren. Ich bin es, der die meisten neuen Ideen einbringt, die meisten Gelder akquiriert hat, meine Kontakte zur Bundesregierung sind exzellent. Auf dem Gebiet der Antennenentwicklung bin ich unschlagbar. Ich bin au\u00dferdem der Einzige, der \u00fcberhaupt wei\u00df, was es hei\u00dft, eine Projektbeschreibung zu machen, sodass sich sogar das Bundeswehrbeschaffungsamt auf ein Gesch\u00e4ft eingelassen hat. Meine Kontakte dorthin sind nicht hoch genug zu bewerten.\u201c<br \/>\nWieder schaute er aus den Augenwinkeln zu mir hin\u00fcber. Leider lie\u00df er sich dazu hinrei\u00dfen, zu seiner Begleiterin \u2013 sie ist vielleicht doch seine Frau \u2013 zu sagen: \u201eRosi, Liebling, du h\u00f6rst mir gar nicht zu.\u201c<\/p>\n<p>Sie st\u00f6hnte auf. \u201eHans-Hermann, lass mich mit deinen Antennen in Frieden. Das Thema interessiert mich nicht. Ich will nicht wissen, welche deiner famosen Masten irgendwo herumstehen und die Gegend bestrahlen. Du erz\u00e4hlst unaufh\u00f6rlich dasselbe.\u201c Sie seufzte und schloss demonstrativ die Augen.<\/p>\n<p>\u201eWas tue ich?\u201c Er nahm emp\u00f6rt eine Zigarette aus dem ledernen Herrent\u00e4schchen auf dem Tisch, klopfte mit der Filterseite auf den Tisch und z\u00fcndete sie mit einem silbernen Feuerzeug an.an.<br \/>\n\u201eWir leben schlie\u00dflich beide von meinem Geld. Du musst zugeben, dass es uns hervorragend geht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNun h\u00f6r mal auf, Hans-Hermann. Wir sind hier im Urlaub. Tu mir den Gefallen, entspann dich mal und versuche, die Zeit zu genie\u00dfen. Das ist ja nicht auszuhalten mit dir und deiner Aufschneiderei.\u201c<\/p>\n<p>Er stand abrupt auf, stie\u00df gegen den kleinen Tisch, der dadurch bedrohlich in Schieflage geriet, und eilte ins Innere des Caf\u00e9s. Ich sah erst jetzt, wie klein und d\u00fcnn er war, und \u00fcberlegte, dass die schwarze Limousine vor dem Caf\u00e9 wohl ihm geh\u00f6rte. \u201eKleine M\u00e4nner, gro\u00dfe Autos\u201c, h\u00f6rte ich wieder meine Mutter l\u00e4stern und musste leise lachen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sagte meine Mutter, wenn wieder ein Mann im Gartencaf\u00e9 vor lauter Selbstlob nicht mitbekam, wie seine Begleiterin schon seit einer halben Stunde gelangweilt in ihrem Tee r\u00fchrte und mit glasigem Blick in den Himmel starrte, an dem auch nichts zu sehen war. Leider hat meine Mutter das folgende Gespr\u00e4ch am Nebentisch nicht mitbekommen. 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