{"id":224,"date":"2012-10-26T19:26:05","date_gmt":"2012-10-26T17:26:05","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=224"},"modified":"2015-04-17T19:34:23","modified_gmt":"2015-04-17T17:34:23","slug":"morgenspaziergang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/morgenspaziergang\/","title":{"rendered":"Morgenspaziergang"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?attachment_id=392\" rel=\"attachment wp-att-392\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-392\" title=\"An der Hamme\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/fotolia_16844093_xs-150x150.jpg\" alt=\"An der Hamme\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Morgenspaziergang<\/p>\n<p>Ich bin aber auch ein Idiot. Da habe ich mir schon das Knie verrenkt, gehe an Kr\u00fccken und lasse mich doch breitschlagen zu diesem Morgenspaziergang. Morgenspaziergang! Es ist mitten in der Nacht. Fast noch dunkel. Um 6 Uhr aufstehen. Ich glaube, ich spinne. Noch nicht mal zu Schulzeiten habe ich das gebracht. H\u00f6chstens mal, um einen Flieger zu kriegen. Oder einen Zug, um in Urlaub zu fahren.<!--more--><br \/>\nIch h\u00e4tte so eine sch\u00f6ne Entschuldigung gehabt und nun stehe ich um halb sieben im Teufelsmoor und h\u00fcpfe den Feldweg entlang zur Hammebr\u00fccke.<br \/>\nNicht \u00bbMalen in der Natur\u00ab, sondern \u00bbSchreiben im Freien\u00ab. Meine Gef\u00fchle soll ich rauslassen, meint meine Schreiblehrerin. Schei\u00dfe, das tue ich jetzt. M\u00fcde bin ich, kalt ist mir, ich will zur\u00fcck ins Bett.<br \/>\nGruppenzwang. Meine Mitstreiterinnen sind offensichtlich guten Mutes. Wenn es nicht verboten w\u00e4re, zu reden, um die Stille zu genie\u00dfen und in sich hineinzuhorchen, dann w\u00fcrden sie wahrscheinlich auch noch singen. So was wie \u00bbIm Fr\u00fchtau zu Berge\u00ab oder so.<br \/>\n\u00bbDer fr\u00fche Vogel Kann mich mal.\u00ab Aber die singen und zwitschern ja wirklich. Von wegen Stille. Und dann diese h\u00e4sslich kr\u00e4chzenden Ger\u00e4usche. M\u00f6wen? Kann nicht sein hier im Teufelsmoor. Wahrscheinlich diese\u00a0 schwarzen Kr\u00e4hen. Jetzt habe ich mir bei Aldi schon ein Bestimmungsbuch f\u00fcr Pflanzen gekauft. Brauche ich sowas auch f\u00fcr V\u00f6gel?\u00a0 Ich will ja beobachten lernen, nur nicht am fr\u00fchen Morgen.<br \/>\nVon den Wolkenformationen am Himmel, den verbl\u00fcffenden Spiegelungen in der Hamme werden schon die andern schreiben. Die k\u00f6nnen das besser.<br \/>\nVon wegen Hamme. Die Hamme soll ganz sauberes Wasser f\u00fchren. Das w\u00e4re doch jetzt stark. Ich ziehe mich splitternackt aus und springe ins Wasser. Das ist das einzige, wozu ich fr\u00fchmorgens Lust habe. Da springe ich auch in jeden Gebirgssee. Mein Mann kriegt dann immer die Krise. Aber das traue ich mich hier nicht. Dann denken die andern, ich sei v\u00f6llig durchgeknallt.<br \/>\nUnd Radfahrer gibt es hier auch. Die knallharten Sportler und die armen W\u00fcrstchen, die zur Arbeit m\u00fcssen. Die gucken auch schon ganz baff, als sie unsere Gruppe \u00e4ltlicher Damen &#8211; mit Papier und Stift bewaffnet &#8211; zur Hammebr\u00fccke pilgern sehen. Zum Gl\u00fcck haben wir keine H\u00fcte auf. Die Malweiber hatten das ja immer. Strohh\u00fcte. Und dann sa\u00dfen sie auf ihren mitgebrachten St\u00fchlen, die Staffelei aufgestellt und malten. Aber ich glaube, nicht so fr\u00fchmorgens. Das machen h\u00f6chstens M\u00e4nner in ihrer senilen Bettflucht.<br \/>\nAlso schreiten wir Schreibweiber &#8211; ohne H\u00fcte, aber die K\u00f6pfe in T\u00fccher geh\u00fcllt, was uns auch nicht gerade fotogener macht -die st\u00e4hlerne Hamme-Br\u00fccke hoch. Von wegen Stille. Mal rumpelt ein Radfahrer an uns vorbei. Es fehlt noch, dass er uns zur Seite klingelt, dann muht eine Kuh im Nebel. Sieht richtig unheimlich aus, ihre verschwommenen Gestalten verwischt im Dunst. \u00bbOh schaurig ist&#8217;s, \u00fcbers Moor zu gehen.\u00ab Wie viele haben sich da schon im Nebel verirrt. Ich wei\u00df, das Moor ist inzwischen trockengelegt. Gr\u00f6\u00dftenteils jedenfalls. Also, verlaufen kann man sich auch nicht. Und \u00abwie Phantome\u00ab drehen sich die L\u00fcfte auch nicht, es ist total windstill.<br \/>\nFlapp, flapp,flapp. Was ist das? Ein Hubschrauber? Nein drei gro\u00dfe wei\u00dfe V\u00f6gel &#8211; Reiher, Enten, Schw\u00e4ne &#8211; ich brauche dringend das Vogelbestimmungsbuch. Das interessiert mich jetzt. Genauso wie die Kraniche, die jeden Herbst kommen. Zum Gl\u00fcck bei Anbruch der D\u00e4mmerung. Nicht morgens.<br \/>\nIch wei\u00df, ich sollte den Sonnenaufgang beschreiben. Den r\u00f6tlich gef\u00e4rbten Himmel. Sieht wirklich sch\u00f6n aus. Keine Frage.<br \/>\nVielleicht sollte ich einmal allein hierher kommen. Ohne Auftrag. Ohne Gruppenfeeling. Oder noch besser. Wenn im n\u00e4chsten Winter die Hamme wieder zufriert, werde ich in Melchers H\u00fctte einen Gl\u00fchwein trinken und bis Neuhelgoland \u00fcber das leise singende Eis laufen.<br \/>\nDa sag mal einer, ich h\u00e4tte keine Naturgef\u00fchle.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Morgenspaziergang Ich bin aber auch ein Idiot. Da habe ich mir schon das Knie verrenkt, gehe an Kr\u00fccken und lasse mich doch breitschlagen zu diesem Morgenspaziergang. Morgenspaziergang! Es ist mitten in der Nacht. Fast noch dunkel. Um 6 Uhr aufstehen. Ich glaube, ich spinne. Noch nicht mal zu Schulzeiten habe ich das gebracht. 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