{"id":2211,"date":"2024-08-15T20:50:05","date_gmt":"2024-08-15T18:50:05","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=2211"},"modified":"2024-11-10T21:22:11","modified_gmt":"2024-11-10T20:22:11","slug":"der-schwimmer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/der-schwimmer\/","title":{"rendered":"Der Schwimmer"},"content":{"rendered":"<p>Er kam in Schlappen zum See Der alternde K\u00f6rper braungebrannt, nur die hellen Fu\u00dfsohlen hoben sich vom feuchten Sand ab, wenn er die Zehen aufsetzte. Nein, elegant war sein Gang nicht. Nichts Federndes, H\u00fcpfendes, eher ein m\u00fcdes, unwilliges Schlendern zum Rand des Badesees.<\/p>\n<p>Er erreichte den schaumigen Saum des Wassers, pr\u00fcfte mit den Zehen die Wassertemperatur , zog den Fu\u00df zur\u00fcck. Umst\u00e4ndlich klaubte eine hellblaue Badem\u00fctze er aus der Umh\u00e4ngetasche, die genau zum Hellblau seiner bis an die Knie reichenden Badehose passte. Er zerrte die Gummim\u00fctze \u00fcber seinen kahlen Sch\u00e4del, fummelte eine Schwimmbrille aus der Hosentasche, deren R\u00e4nder wei\u00df waren wie die Streifen auf seiner Badehose, schob die Brille \u00fcber die M\u00fctze und reckte seine braunen muskul\u00f6sen Arme angewinkelt \u00fcber den Kopf. Seine Schultern dehnten sich, die Muskeln auf seinem R\u00fccken tanzten auf und nieder. Nein, er war durchaus nicht unattraktiv, der alte Mann. Sein K\u00f6rper bewegte sich ein paar Schritte weiter ins Wasser, bis das k\u00fchle Nass den Nabel seines leicht hervorstehenden Bauches ber\u00fchrte. Er zitterte ein wenig, schaufelte dann mit der rechten Hand ein wenig Wasser \u00fcber den rechten Arm, wiederholte die Prozedur mit der linken Hand, hob beide Arme hoch, winkelte sie an und sprang unvermittelt in die H\u00f6he, um dann \u2013 mit dem Kopf zuerst \u2013 unterzutauchen. Er kam wieder hoch und machte ein paar perfekte Delfin- Schl\u00e4ge Richtung Strand, richtete seinen K\u00f6rper wieder auf und begann, in Richtung Ufer zu waten.<\/p>\n<p>War das schon alles, dachte ich erstaunt. Die Augen fast aller Sonnenanbeter am Ufer waren auf den Schwimmer gerichtet. Kurz bevor der Mann seine F\u00fc\u00dfe wieder auf den trockenen Sand setzte, machte er eine Kehrtwendung und wiederholt die Bewegungsabfolge von vorhin. Arme hoch, Arme anwinkeln, Arme ins Wasser tauchen und wieder sprang er hoch und lie\u00df sich wie in einem Hechtsprung mit dem Kopf voran ins Wasser gleiten, taauchte unter, kam wieder hoch und warf beide Arme nach vorne, w\u00e4hrend seine Beine und F\u00fc\u00dfe mit einen perfekten Delphinschlag ins Wasser tauchten und er nach ein paar Schl\u00e4gen eine beachtliche Geschwindigkeit erreichte, mit der er auf das zwei Kilometer entfernte Ufer zuschwamm.<\/p>\n<p>Donnerwetter, dachte ich. Was f\u00fcr eine Performance war das denn? Ein alternder Olympia-Schwimmer, der noch einmal die Augen aller Zuschauer auf sich ruhen lassen wolltel? Oder war der alte Mann so in sein Tun versunken, dass er die anerkennenden Blicke der Strandleute nicht bemerkte? Vielleicht wollte er auch nur seine Kraft genie\u00dfen, die Geschwindigkeit sp\u00fcren, mit der er einst durch das Wasser gepfl\u00fcgt war. Oder was es doch nur die Show eines sich noch einmal aufb\u00e4umenden K\u00f6rpers, dem man soviel Anmut nicht zugetraut h\u00e4tte? Ich verlor den Schwimmer aus den Augen, bevor er das andere Ufer erreichte. Wer war das? Der Wassergott Neptun, der angesichts eines im Sturm sinkenden Schiffes sein Zepter schwingt und lacht. Oder der auf dem Wasser wandelnde Jesus, der seinen vor Entsetzen schreienden J\u00fcngern zuruft: \u201eF\u00fcrchtet euch nicht?\u201c<br \/>\nDer Schwimmer ist nicht zur\u00fcck an unseren Strand zur\u00fcckgekehrt. Schade, ich h\u00e4tte ihn gern angesprochen.\u00a0 Aber wahrscheinlich h\u00e4tte ich mich dann doch nicht getraut. Die geballte Kraft seines K\u00f6rpers, die Grazie seiner Bewegungen strahlten eine Konzentration und fast mythische Spiritualit\u00e4t aus, die Respekt und stille Anerkennung verlangten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er kam in Schlappen zum See Der alternde K\u00f6rper braungebrannt, nur die hellen Fu\u00dfsohlen hoben sich vom feuchten Sand ab, wenn er die Zehen aufsetzte. Nein, elegant war sein Gang nicht. Nichts Federndes, H\u00fcpfendes, eher ein m\u00fcdes, unwilliges Schlendern zum Rand des Badesees. 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