{"id":2208,"date":"2024-08-15T20:50:37","date_gmt":"2024-08-15T18:50:37","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=2208"},"modified":"2024-11-13T15:56:18","modified_gmt":"2024-11-13T14:56:18","slug":"altes-paar-auf-dem-campingplatz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/altes-paar-auf-dem-campingplatz\/","title":{"rendered":"Campingnachbarn"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist mir schon gestern aufgefallen, das \u00e4ltere Ehepaar in der Holzh\u00fctte neben uns. Sie gr\u00fc\u00dften freundlich, als wir kurz nach unserer Ankunft an ihrer Terrasse in Badezeug vorbeischlenderten, um uns nach der langen Fahrt noch in den See zu st\u00fcrzen.<\/p>\n<p>Auch wir hoben die Hand zum Gru\u00df, murmelten \u201eGuten Abend\u201c. Welch nette Nachbarn, dachte ich,\u00a0 denn das kennen wir auch ganz anders.\u00a0 Leute, die stur vor sich hinstarren, kaum den Kopf heben, sich von der Umwelt abschotten. Nicht so unsere Nachbarn. Ein \u00e4lteres Paar \u2013 vielleicht so alt wie wir \u2013 scheint seine Umwelt noch wahrzunehmen, ist wohl an einem entspannten nachbarschaftlichen Kontakt interessiert.<\/p>\n<p>Als wir pudelnass und ein wenig frierend zu unserer H\u00fctte kamen, sa\u00df nur noch die Frau drau\u00dfen am Tisch. Sie hatte sich schick gemacht. Ein langes buntes Kleid angezogen, die blond gef\u00e4rbten, dauergewellten Locken mit einer rosa Spange nach hinten geklammert. Ihr Mann schien hineingegangen zu sein. Wir h\u00f6rten die Stimme des Nachrichtensprechers. Bl\u00e4uliches Licht schimmerte durch das Fenster.<\/p>\n<p>\u201eMein Mann verpasst keine Nachrichtensendung\u201c, erkl\u00e4rte sie uns ungefragt. \u201eEr braucht das!\u201c Wir nickten freundlich, w\u00fcnschten ihr noch einen sch\u00f6nen Abend und zogen weiter, uns wurde kalt in den nassen Sachen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen sahen wir den Mann etwas unbeholfen die Holzstufen vor der H\u00fctte hinunterklettern, sich eher krampfhaft am Gel\u00e4nde festhaltend, aber in tadellosem Radrennfahrer-Outfit: enganliegende gl\u00e4nzend schwarze Radlerhosen, knallgelbes Shirt mit schr\u00e4gen schwarzen Streifen, Klickpedalen. Vielleicht geht er deshalb so unbeholfen, \u00fcberlegte ich. Ganz sch\u00f6n mutig, sich in seinem Alter in die Pedalen einzuklicken. Hoffentlich bekommt er in gef\u00e4hrlichen Situationen auch schnell die F\u00fc\u00dfe wieder frei, sonst ist ein Sturz vorprogrammiert. Ich wei\u00df, wovon ich rede. Als ich an einer roten Ampel anhalten musste, habe ich genau das nicht geschafft, n\u00e4mlich einen Fu\u00df zur Seite zu drehen, um mich mindestens von einer der beiden Pedalen zu befreien. Ich konnte nur noch schnell den Ampelmast umarmen und bin samt Rad auf den Boden gerutscht, gl\u00fccklicherweise ohne mich zu verletzen. Der junge Mann neben mir guckte erst ganz erschrocken, schmunzelte aber dann und sagte \u201eGl\u00fcck gehabt!\u201c Wahrscheinlich hat er gedacht, die Alte macht auf jung. Aber vielleicht ist sie noch lernf\u00e4hig und l\u00e4sst ab jetzt den Klickpedal-Unsinn. Ich war lernf\u00e4hig und schenkte die Klickpedalen meiner Tochter.<\/p>\n<p>Aber vielleicht hat der Mann keine Tochter, dachte ich, als ich sah, wie er zu seinem super-geilen Mountainbike humpelte, den Schutzbezug abzog, das Rad herumschwenkte und es auf den mit hellem Kies bedeckten Weg schob. Dann stellte er sich mit dem linken Bein auf die Pedale, stie\u00df sich mit dem rechten Fu\u00df ab, schwang das Bein\u00a0 \u00fcber den Sattel \u2013 nein, er blieb nicht h\u00e4ngen \u2013 und klickte sich mit beiden Schuhe in die Pedalen. Souver\u00e4n glitt er \u00fcber dem rutschigen Kies an der H\u00fctte vorbei.<\/p>\n<p>\u201eEwald, dein Helm!\u201c, rief die Frau und hielt den gelben Helm \u00fcber die Br\u00fcstung der Terrasse. Ewald stoppte rutschend ab, nahm der Frau wortlos den Helm aus der Hand, st\u00fclpte ihn \u00fcber und klickte sich wieder ein.<br \/>\n\u201eFahr vorsichtig!\u201c, rief sie noch, aber das h\u00f6rte er wohl nicht mehr. Er sauste davon, ohne sich umzudrehen. Der Kies spritzte rechts und links zur Seite.<\/p>\n<p>\u201eMein Mann ist so unvorsichtig!\u201c, sagte sie entschuldigend zu mir. \u201eDabei ist er bald achtzig. Ich habe solche Angst, dass er st\u00fcrzt da oben in den Bergen. Aber er h\u00f6rt ja nicht auf mich. Fr\u00fcher bin ich ja mitgefahren und habe auf ihn aufgepasst. Aber nach meiner zweiten H\u00fcftoperation kann ich das nicht mehr.\u201c Und tats\u00e4chlich sah ich erst jetzt den Rollator auf der Terrasse.<\/p>\n<p>\u201eWir kommen aus dem Ruhrgebiet\u201c, erz\u00e4hlte sie ungefragt. \u201eJedes Jahr kommen wir zum Levico-See. Ewald will hier Rad fahren. Das habe ich fr\u00fcher auch gemacht. Ihm immer hinterher. Aber nun \u2026\u201c &#8211; sie weist auf den Rollator &#8211; &#8222;kann ich keinen Schritt mehr ohne dieses bl\u00f6de Ding machen.\u201c<\/p>\n<p>Und du sitzt hier nur rum, habe ich gedacht. Und du hast niemanden, mit dem du reden kannst. Und ich bin nun das Opfer.<br \/>\n\u201eIch will noch zum See. Baden im Sonnenschein, das ist vor dem Fr\u00fchst\u00fcck ein Genuss\u201c, sagte ich.<\/p>\n<p>\u201eDas habe ich fr\u00fcher auch gemacht\u201c, sagte sie. \u201eJa, ja, das waren noch Zeiten!\u201c Sie seufzte.<\/p>\n<p>\u201eBis gleich\u201c, sagte ich und ging schnell Richtung Strand. Da habe ich mir ja was eingebrockt! Altenbetreuung, weil der Ehemann sich d\u00fcnne macht. Sei nicht so gemein, schalt ich mich. Die arme Frau.<\/p>\n<p>Als ich nass und leicht frierend zur\u00fcckkam, stand sie am Gel\u00e4nder und wartete offensichtlich auf meine R\u00fcckkehr.<\/p>\n<p>\u201eWar`s sch\u00f6n?\u201c, fragte sie. \u201eNicht zu kalt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDoch, ziemlich k\u00fchl\u201c, sagte ich schnell. \u201eIch muss mir dringend trockene Sachen anziehen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eFr\u00fcher bin ich auch jeden Morgen schwimmen gegangen. Ich war sehr sportlich.\u201c<\/p>\n<p>Die Augen in ihrem breiten, etwas teigigen Gesicht leuchteten. \u201eAuch bei den Radtouren konnte ich mithalten. Sp\u00e4ter haben wir uns dann e-Bikes gekauft. Meins habe ich letztes Jahr verkauft. Nach der OP konnte ich das rechte Bein nicht mehr \u00fcber den Sattel heben. Da hat man im Krankenhaus was verpfuscht.\u201c<\/p>\n<p>\u201e\u00dcber die Stange komme ich auch nicht mehr\u201c, sagte ich schnell. \u201eMuss man in unserem Alter auch nicht. Es gibt Easy-bikes mit tiefem Einstieg. Absolut unsportlich, ich wei\u00df, aber praktisch.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, wissen Sie, ich war immer ein aktiver Mensch. Habe in N\u00fcrnberg den Erfinder-Markt organisiert. Ganz allein. Aber daran denkt heute keiner mehr. Ja, ja, Undank ist der Welten Lohn. \u201c<\/p>\n<p>Nicht das noch, dachte ich. Bitte nicht die ganze Lebensgeschichte.<\/p>\n<p>\u201eUnsere Tochter ist in den USA ausgewandert.\u201c<\/p>\n<p>Wahrscheinlich geflohen vor so viel Gejammer, fiel mir dazu ein, nickte aber nur. Ich wollte weiter, fing ernsthaft an zu frieren und sehnte mich nach einer hei\u00dfen Tasse Kaffee.<\/p>\n<p>\u201eIch muss weiter\u201c sagte ich und bem\u00fchte mich, meiner Stimme einen h\u00f6flichen Ton zu geben. \u201eMein Mann wartet mit dem Fr\u00fchst\u00fcck.\u201c Ich wedelte kurz mit der Hand.<\/p>\n<p>\u201eAch, entschuldigen Sie\u201c, sagte die Frau. \u201eIch erz\u00e4hle Ihnen bei n\u00e4chster Gelegenheit mehr. Ich habe so ein interessantes Leben gef\u00fchrt.\u201c<\/p>\n<p>Um Gottes willen, dachte ich. Nur das nicht! Ich machte, dass ich wegkam.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Stunden sp\u00e4ter kam der Ehemann zur\u00fcck, lehnte sein Mountainbike an die Seitenwand des Holzhauses. Mit einer \u00fcberdimensionalen langen Kette schloss er das Ger\u00e4t sorgf\u00e4ltig an das umlaufende Gel\u00e4nder. Seine Frau sa\u00df immer noch an derselben Stelle auf der Terrasse und schaute auf die vorbeigehenden Passanten. Kein Buch, keine Illustrierte. Nichts. Sie musste doch vor Langeweile umkommen, dachte ich. Der Mann war ins Haus gegangen, hatte seine Badehose angezogen, sich ein gro\u00dfes Handtuch geschnappt, einen Klappstuhl unter den Arm geklemmt und ging humpelnd, aber z\u00fcgig Richtung Badewiese. Wieder blieb sie allein zur\u00fcck und schaute ihm mit ihren blauen, etwas hervorstehenden Augen nach. Sie hatten nur wenige Worte gewechselt. Irgendwie tat sie mir leid.<\/p>\n<p>Von da an gr\u00fc\u00dfte ich freundlich, winkte auch kurz, ging aber im Laufschritt an ihr vorbei zum Schwimmen. Wenn ich abends verstohlen hin\u00fcberguckte, sa\u00dfen beide regungslos auf der Terrasse, die Gesichter abgewendet. Er k\u00f6nnte doch wenigstens mit ihr im Campingrestaurant essen gehen, dachte ich. Dann sah ich ihn in die H\u00fctte gehen, und bald darauf h\u00f6rte ich die hysterische Stimme eines Sportreporters Fu\u00dfballspiel kommentieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es ist mir schon gestern aufgefallen, das \u00e4ltere Ehepaar in der Holzh\u00fctte neben uns. Sie gr\u00fc\u00dften freundlich, als wir kurz nach unserer Ankunft an ihrer Terrasse in Badezeug vorbeischlenderten, um uns nach der langen Fahrt noch in den See zu st\u00fcrzen. Auch wir hoben die Hand zum Gru\u00df, murmelten \u201eGuten Abend\u201c. 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