{"id":2195,"date":"2024-07-09T20:26:21","date_gmt":"2024-07-09T18:26:21","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=2195"},"modified":"2024-11-13T17:10:40","modified_gmt":"2024-11-13T16:10:40","slug":"am-strand-von-gelting","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/am-strand-von-gelting\/","title":{"rendered":"Am Strand von Gelting"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir hocken am Strand auf dem leicht erh\u00f6hten h\u00f6lzernen Strandweg Bretterweg am Rand der D\u00fcnen, schauen auf das in der Sonne glitzernde Wasser, in das sich ein paar k\u00e4lteunempfindliche Schwimmer wagen, beobachten die fr\u00f6hlichen Kinder, die sich im Sand und in warmen Pf\u00fctzen suhlen, und versuchen, uns am D\u00fcnenrand unauff\u00e4lligunserer Hosen und Jacken\u00a0 zu entledigen und in die Badesachen zu schl\u00fcpfen. Da die \u00d6ffnungen der Strandk\u00f6rbe all Richtung Meer und Sonne zeigen, gelingt uns die Umziehakrobatik\u00a0 ganz gut,\u00a0 wenn auch mit viel K\u00f6perakrobatik. Die J\u00fcngsten sind wir ja nun auch nicht mehr, die Beweglichkeit hat dramatisch nachgelassen. Doch wir fallen nicht um, ziehen nicht aus Versehen die Badesachen falsch herum an, vert\u00fcddeln die Badet\u00fccher nicht in ein unentwirrbares Kn\u00e4uel. Keiner der Strandg\u00e4ste wird auf unsere Verrenkungen aufmerksam. Hoffen wir zumindest.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich Frauenstimmen hinter uns. Hinter uns?? Tats\u00e4chlich. Zwischen D\u00fcne und Holzsteg ist noch ein Sandstreifen frei, auf den zwei Frauen einen Strandstuhl und einen Sonnenschirm schleppen. Eine alte Dame mit Rollator steht hilflos und verlegen dabei, bedankt sich pausenlos. Man sieht ihr an, wie gerne sie versuchen w\u00fcrde, ihren Klappstuhl selbst auseinanderzufalten und sich hinzusetzen.<br \/>\n\u201eVielen, vielen Dank\u201c, sagt sie zu der blonden, j\u00fcngeren Frau gewandt. \u201eIch bin Ihnen so dankbar. Aber bitte machen Sie sich nicht noch mehr M\u00fche\u201c, wehrt sie ab, als die Blonde versucht, den Sonnenstuhl noch ein wenig weiter nach au\u00dfen zu bugsieren.<br \/>\n\u201eIch tue das doch gerne, wirklich!\u201c, fl\u00f6tet die Angesprochene. \u201cIch freue mich immer so sehr, wenn ich helfen kann. Wissen Sie was, ich werde erst einmal Probe sitzen. Nur so k\u00f6nnen wir herausfinden, ob der Stuhl richtig steht. Wir wollen ja nicht, dass Sie mit ihm umfallen.\u201c<br \/>\nNee, denke ich. Das w\u00e4r wirklich nicht w\u00fcnschenswert. Aber nun lass doch die Frau endlich mal mit deinem s\u00fc\u00dflichen Gefasel in Ruhe, du Florence &#8211; Nightingale \u2013 Imitat. Die Frau ist alt und gehbehindert, aber doch nicht meschugge. Die Hilfe ist ihr unangenehm, siehst du das denn nicht? Nun geh schon endlich!<\/p>\n<p>Florence Nightingale geht nicht. Sie sitzt Probe. Ist unzufrieden. Sie schiebt den Strandstuhl nach rechts, sie schiebt ihn nach links.<br \/>\n\u201eSo k\u00f6nnte es gehen\u201c, sagt sie schlie\u00dflich und schaut triumphierend zu ihrer Begleiterin, die bisher noch kein Wort gesagt hat und nun nickt.<br \/>\n\u201eSo ist es gut, gell?\u201c Wieder die s\u00e4uselnde Stimme der Blonden. \u201eWarten Sie, ich helfe Ihnen, sich hinzusetzen.\u201c<br \/>\nDie alte Dame sitzt, bevor die selbsternannte Samariterin zugreifen kann.<br \/>\n\u201eNa, na, das h\u00e4tte auch schief gehen k\u00f6nnen. Nicht so hastig, alles mit der Ruhe\u201c, sagt meine Therapeutin immer. \u201eIn der Ruhe liegt die Kraft!\u201c<br \/>\n\u201eDanke!\u201c, sagt die alte Dame noch einmal. \u201eDas war wirklich nett von Ihnen.\u201c<br \/>\n\u201eSie m\u00fcssen lernen, sich helfen zu lassen.\u201c Die Blonde ist nicht zu stoppen. \u201eIch wei\u00df, das ist schwer. Aber geben Sie Ihren Mitmenschen doch eine Chance, gut zu Ihnen zu sein. Jeden Tag eine gute Tat, das gilt nicht nur f\u00fcr die Pfadfinder.\u201c Glockenhelles Lachen, dann t\u00e4tschelt sie den Arm der alten Frau. \u201eWissen Sie, ich liebe es zu helfen. Nur dann f\u00fchle ich mich ganz.\u201c<br \/>\nDie alte Dame schlie\u00dft die Augen, nickt resigniert.<br \/>\n\u201eSo ist es richtig, meine Liebe. Ruhen Sie sich aus. Ich mache jetzt einen kleinen Spaziergang am Meer entlang, und dann hole ich Sie wieder ab.\u201c<br \/>\nDie zweite Frau hievt ihre Tasche \u00fcber die Schulter und macht Anstalten, der Samariterin zu folgen.<br \/>\n\u201eNein\u201c, sagt diese und ihre Stimme wird eine Nuance heller und schriller. \u201eIch gehe allein. Am Strand muss ich einfach allein sein, um ganz bei mir zu sein. Um mich zu sp\u00fcren. Da st\u00f6rt jede Begleitung. Jedes Gespr\u00e4ch. Jedes Wort ist zu viel. Nichts f\u00fcr ungut, aber beim Rauschen der Wellen muss ich in mich hineinhorchen, um zu erfahren, wer ich bin. Da st\u00f6rt jeder Mensch neben mir, jedes Wort aus fremdem Mund. Da bin ich ganz eins mit meinem Therapeuten. Ich bin da ganz rigoros sein. Wenn ich wieder das Bed\u00fcrfnis habe, mich mit Ihnen zu unterhalten, sage ich es Ihnen. Aber jetzt m\u00fcssen Sie mich gehen lassen. Ein Spaziergang am Strand, das ist Therapie pur. Wir sehen uns heute Abend beim Yoga.\u201c<br \/>\nSie winkt kurz mit der Hand und entschwindet. Nein, nicht ganz. Sie kommt ein paar Schritte zur\u00fcck und fl\u00f6tet: \u201eSie k\u00fcmmern sich doch jetzt sicher um die alte Dame. Sie werden sehen, wie befreiend es ist, gut zu sein und einem bed\u00fcrftigen Mitmenschen zu helfen. Nur so finden wir zu uns selbst. Sehen Sie mich an!\u201c Mit diesen Worten schwebt sie von dannen Richtung Meer.<br \/>\nV\u00f6llig erstarrt steht die andere Frau neben dem Sonnenstuhl der alten Dame. Und geht dann schnellen Schrittes in die andere Richtung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wir hocken am Strand auf dem leicht erh\u00f6hten h\u00f6lzernen Strandweg Bretterweg am Rand der D\u00fcnen, schauen auf das in der Sonne glitzernde Wasser, in das sich ein paar k\u00e4lteunempfindliche Schwimmer wagen, beobachten die fr\u00f6hlichen Kinder, die sich im Sand und in warmen Pf\u00fctzen suhlen, und versuchen, uns am D\u00fcnenrand unauff\u00e4lligunserer Hosen und Jacken\u00a0 zu [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-2195","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-impressionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2195","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2195"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2195\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2231,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2195\/revisions\/2231"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2195"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2195"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2195"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}