{"id":2193,"date":"2024-07-09T20:18:14","date_gmt":"2024-07-09T18:18:14","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=2193"},"modified":"2024-11-13T14:52:01","modified_gmt":"2024-11-13T13:52:01","slug":"exclusives-wohnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/exclusives-wohnen\/","title":{"rendered":"Exklusiv Wohnen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ger\u00e4uschlos gleiten die beiden Glast\u00fcren zur Seite und geben den Blick frei auf eine ger\u00e4umige Empfangshalle mit eleganten Stahlrohrsesseln, Beistelltischen mit makellos geputztem Glas, auf denen kunstvoll arrangierte Sp\u00e4tsommerstr\u00e4u\u00dfe ihren Duft verstr\u00f6men. Ein Fu\u00dfboden mit polierten Ahornfliesen zieht sich durch den ganzen\u00a0 Raum. Gem\u00fctliche Sitzecken mit blauen Polstersesseln und tiefen quadratischen Tischen reihen sich entlang der wei\u00df get\u00fcnchten Wand. Im\u00a0 Seitenfl\u00fcgel mit freiem Blick auf den gepflegten Garten\u00a0 sitzen schweigend einige hochbetagtealte Heimbewohner vor wei\u00df gedeckten Tischen auf r\u00fcckenfreundlichen St\u00fchlen. F\u00fcr das Abendessen ist es noch viel zu fr\u00fch. Besucher betreten die Lobby durch eine gl\u00e4serne Dreht\u00fcr, und die Stille des Raums legt sich auf die Eintretenden und nimmt ihnen die Luft zum Atmen. Leise und bem\u00fcht, auf dem Holzboden kein Ger\u00e4usch zu machen, n\u00e4hert sich Johanna\u00a0 dem Empfangstresen. Sie wird nach ihrem Begehren gefragt und eine gepflegte Hand weist auf eine wei\u00dfe Sitzgruppe ein paar Meter entfernt.<\/p>\n<p>Sie sieht den gebeugten R\u00fccken, das sch\u00fcttere, wirr gek\u00e4mmte Haar am Hinterkopf, kommt leise n\u00e4her und ist \u00fcberrascht, als sich die d\u00fcnne, hinf\u00e4llige Person umdreht und freudig ihren Namen ruft. &#8222;Johanna!&#8220;<br \/>\nJohanna hat eigentlich nicht damit\u00a0 gerechnet, dass sie erkannt und sogar mit ihrem Namen angeredet wird. Ihr Herzschlag wird ruhiger. Sie tritt n\u00e4her, zaubert den Blumenstrau\u00df hinter ihrem R\u00fccken hervor, umarmt die kleine,\u00a0 Gestalt, deren Augen-Make-up verschmiert, deren Lippen \u00fcbertrieben rot geschminkt sind.<br \/>\n\u00bbDu\u00ab, sagt die Gestalt, die einmal ihre hochverehrte Dozentin war, der sie so viel zu verdanken hat. \u00bbDas wollte ich nicht.\u00ab<br \/>\n\u00bbWas wolltest du nicht?\u00ab<br \/>\n\u00bbDass du kommst.\u00ab<br \/>\n\u00bbWarum nicht?\u00ab<br \/>\n\u00bbDas ist mir peinlich. Mich hier so zu sehen.\u00ab<br \/>\n\u00bbDas muss dir nicht peinlich sein.\u00ab<br \/>\nJohanna zieht ein in Geschenkpapier eingeschlagenes Buch aus ihrem gro\u00dfen Lederbeutel.<br \/>\n\u00bbUnd das ist f\u00fcr dich, Mia. Mein erstes Buch. Vom Verlag angenommen. Auch wenn du Krimis nicht magst. Aber schlie\u00dflich habe ich das Schreiben von dir gelernt.\u00ab<br \/>\nMia strahlt. Winkt aber bescheiden ab.<br \/>\n\u00bbDoch\u00ab, sagt Johanna. \u00bbOhne dich w\u00fcrde ich heute nicht schreiben. Von dir haben wir alle viel gelernt.\u00ab<br \/>\nWieder ein L\u00e4cheln \u00fcber dem Gesicht der alten Frau. \u00bbWirklich?\u00ab<br \/>\n\u00bbJa, wirklich!\u00ab<br \/>\n\u00bbWas machen die andern?\u00ab Sie wei\u00df noch alle Namen der Kursteilnehmer von damals.<br \/>\nJohanna ist verbl\u00fcfft. Und das soll Demenz sein? Bei dem Ged\u00e4chtnis? Sie fragt nach Tochter und Enkelkindern, bekommt detailliert Auskunft. Was macht Mia hier? Die ist doch nicht dement!<br \/>\nPl\u00f6tzlich Tr\u00e4nen. \u00bbW\u00fcrdest du Friedhelm anrufen, bitte! Ich habe in seit gestern nicht mehr gesehen. Er ist verschwunden, einfach verschwunden. Ohne mir etwas zu sagen.\u00ab<br \/>\n\u00bbWar er heute Mittag nicht da?\u00ab<br \/>\n\u00bbNein. Und gestern auch nicht. Ich mache mir solche Sorgen.\u00ab<br \/>\nLeises Scluchzen.J ohanna nimmt die weinende Frau in den Arm.<br \/>\n\u00bbKomm, wir rufen ihn an.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch habe seine Handy-Nummer vergessen.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch habe eure Festnetznummer. Handy-Nummern kann ich mir auch nicht merken.\u00ab<br \/>\nEs klingelt und klingelt am anderen Ende der Leitung. Niemand nimmt ab.<br \/>\n\u00bbHast du Friedhelms Nummer in deinem iPhone gespeichert?\u00ab<br \/>\nDie alte Frau nickt, erhebt sich schwerf\u00e4llig, behauptet, ohne Rollator gehen zu k\u00f6nnen. Langsam wanderbewegen sie sich zum Fahrstuhl.<br \/>\n\u00bbDa komm ich nicht rein\u00ab, sagt Mia. \u00bbBei mir geht die T\u00fcr nie auf. Keiner erkl\u00e4rt mir, wie das geht.\u00ab<br \/>\nJohanna stutzt, zeigt, auf welchen Knopf Mia dr\u00fccken muss, um den Fahrstuhl zu holen. Die T\u00fcren \u00f6ffnen sich. Johanna l\u00e4sst die alte Frau auf die Nummer der Etage dr\u00fccken, auf der ihr Zimmer liegt. Wider Erwarten klappt es. Der Fahrstuhl h\u00e4lt in der zweiten Etage. Mia schaut zufrieden. Die T\u00fcr zum Zimmer steht weit auf. Ein sch\u00f6nes, gro\u00dfes Zimmer mit Fenstern bis zum Boden. Mia beginnt,\u00a0 das Smartphone zu suchen.. In der Handtasche, im Schrank, in der Nachttischschublade.<br \/>\n\u00bbDas Handy hat er sicher mitgenommen\u00ab, sagt die Frau.<br \/>\n\u00bbWarum sollte er das tun?\u00ab<br \/>\n\u00bbDamit ich ihn nicht anrufe.\u00ab<br \/>\nSie weint wieder. \u00bbIch mache mir doch solche Sorgen. Meine ewige Angst bringt mich noch um.\u00ab<br \/>\nJohannas ruhige Antwort: \u00bbWenn etwas passiert w\u00e4re, st\u00fcnde die Polizei vor der T\u00fcr. Oder deine Tochter k\u00e4me.\u00ab<br \/>\n\u00bbJa, meine Tochter, die muss helfen. W\u00fcrdest du sie bitte anrufen!\u00ab<br \/>\n\u00bbKennst du ihre Nummer?\u00ab<br \/>\nSie gibt Johanna die Nummer ihrer Tochter,\u00a0 kennt sie erstaunlicherweise auswendig. Aber auch die Tochter meldet sich nicht. Langsam wird auch Johanna nerv\u00f6s. Hatte Friedhelm wieder einen Herzinfarkt? Liegt er hilflos zu Hause? Hatte er mit dem Wagen einen Unfall ?<br \/>\n\u00bbDeine Tochter ist bestimmt einkaufen\u00ab, sagt Johanna.<br \/>\n\u00bbNicht um diese Zeit? Es ist fast 6 Uhr. Gleich gibt es Abendessen\u00ab, behauptet Mia.<br \/>\n\u00bbLass uns in den Speisesaal gehen\u00ab, sagt Anna. \u00bbWir versuchen es sp\u00e4ter noch mal mit dem Telefonieren.\u00ab<br \/>\nDie Frau weint. Still rinnen die Tr\u00e4nen \u00fcber das zerfurchte Gesicht. Tr\u00f6stend legt Johanna ihren Arm um die d\u00fcnnen Schultern der alten Frau. Wo ist Friedhelm nur? Er ist doch sonst immer so lieb und hilfsbereit. Der l\u00e4sst doch seine Frau nicht allein.<br \/>\nJohanna begleitet Mia zum Abendbrottisch, verabschiedet sich, verspricht Mann und Tochter anzurufen. Die Frau weint immer noch leise vor sich hin.<br \/>\nIm Caf\u00e9 nebenan w\u00e4hlt sie noch einmal die Nummer der Tochter. Die meldet sich. Rastet aus.<br \/>\n\u00bbMeine Mutter soll meinen Vater in Ruhe lassen, sonst bricht der auch noch zusammen. Meine Mutter hatte heute Besuch von einer Nachbarin, konnte Papa da nicht mal wegbleiben? Spazieren gehen? Golf spielen? Einen Freund treffen? Das h\u00e4lt doch keiner aus.\u00ab<br \/>\nJohanna\u00a0 bietet an, noch einmal hineinzugehen, um Mia zu sagen, ihr Mann k\u00e4me morgen. Zum Mittagessen. Ganz bestimmt.<br \/>\nSie betritt das Seniorenheim. Am Tisch sitzt Mia. Neben ihr Friedhelm.<br \/>\nMia schimpft. \u00bbEr ist einfach weggeblieben. Hat mir nichts gesagt. Ich habe mir solche Sorgen gemacht.\u00ab<br \/>\nDer Mann schaut hilflos, zuckt mit den Schultern. Er habe einen dringenden Arzttermin gehabt, so kurz nach dem Herzinfarkt.<br \/>\n\u00bbSchau doch\u00ab, versucht Mia die aufgeregte Frau zu beruhigen, \u00bbdu hast einen\u00a0 lieben Mann. Er tut alles f\u00fcr dich. Alles.\u00ab<br \/>\n\u00bbNein\u00ab, schreit die Frau. \u00bbEr treibt sich rum. Mit anderen Frauen. Ich will ihn nicht mehr sehen.\u00ab<br \/>\nFriedhelm nimmt ihre Hand und versucht,\u00a0 sie zu streicheln.<br \/>\n\u00bbGeh weg\u00ab, schreit sie. \u00bbHau ab! Ich will dich nie mehr sehen!\u00ab<\/p>\n<p>Mia starb ein paar Monate sp\u00e4ter zu Hause, betreut von ihremMann, der sie bis hzum Schluss liebevoll pflegte und umsorgte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ger\u00e4uschlos gleiten die beiden Glast\u00fcren zur Seite und geben den Blick frei auf eine ger\u00e4umige Empfangshalle mit eleganten Stahlrohrsesseln, Beistelltischen mit makellos geputztem Glas, auf denen kunstvoll arrangierte Sp\u00e4tsommerstr\u00e4u\u00dfe ihren Duft verstr\u00f6men. Ein Fu\u00dfboden mit polierten Ahornfliesen zieht sich durch den ganzen\u00a0 Raum. 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