{"id":2168,"date":"2023-07-29T20:55:42","date_gmt":"2023-07-29T18:55:42","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=2168"},"modified":"2024-11-13T17:00:50","modified_gmt":"2024-11-13T16:00:50","slug":"sterben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/sterben\/","title":{"rendered":"Im Hospiz"},"content":{"rendered":"<p>Herzklopfen, das kenne ich, wenn ich unsicher bin oder Angst habe. Auch heute pulsiert das Adrenalin in meinen Adern, bevor ich auf den Klingelknopf dr\u00fccke.<br \/>\n<em>Hospiz Lilge-Simon Stift<\/em> steht auf dem Messingschild.<br \/>\nUrsel lebt noch, so viel ist sicher. Sonst h\u00e4tte man mich benachrichtigt. Aber was erwartet mich?<br \/>\nDer T\u00fcr\u00f6ffner surrt, die Glast\u00fcr gleitet auseinander. Ich fummele die B\u00e4nder der FFP2-Maske \u00fcber die Ohren. Im Eingangsbereich muss ich den Impfpass vorzeigen: viermal geimpft.<br \/>\n\u00bbZimmer 2\u00ab sagt die nette Schwester am Tresen. Gehen Sie einfach herein. Frau Melchers schl\u00e4ft wahrscheinlich noch.<br \/>\nLeise dr\u00fccke die T\u00fcrklinke leise nach unten. \u00d6ffne die T\u00fcr einen Spalt und schiebe den Kopf ins Zimmer.<br \/>\nDie Schwester hat recht. Ursel liegt im Bett, das Gesicht eingefallen und grau, die Lider geschlossen. Der Mund steht offen, ein Loch mit dunklen Zahnst\u00fcmpfen. Ich trete ein, schlie\u00dfe die T\u00fcr, schiebe einen Stuhl ans Bett, setze mich und betrachte die Sterbende vor mir. Aus ihrem Mund kommt ein St\u00f6hnen. Sanft ber\u00fchre ich ihren Arm, streichele vorsichtig \u00fcber die geschundene, blau angeschwollene Hand mit den vielen Einstichen. Nat\u00fcrlich, im Krankenhaus man hat sie noch an den Tropf gelegt.<br \/>\nAkutes Nierenversagen, hatte vor einer Woche das Blutbild ergeben, das der Hausarzt am fr\u00fchen Morgen gemacht hatte, nachdem ich ihn angerufen hatte. Er bestand darauf, den Krankenwagen zu rufen. Sprach von Dialyse.<br \/>\n\u00bbDoch nicht wirklich\u00ab, sagte ich fassungslos. \u00bbUrsel will nicht ins Krankenhaus. Sie will keine Behandlung.\u00ab<br \/>\n\u00bbDas ist unterlassene Hilfeleistung\u00ab, sagte der Arzt. \u00bbWir k\u00f6nnen sie nicht einfach sterben lassen.\u00ab<br \/>\n\u00bbWarum nicht?\u00ab, fragte ich. \u00bbFrau Melchers ist 91, sie hat ihr Leben gelebt. Sie will nicht mehr.\u00ab<br \/>\nDer Arzt sch\u00fcttelte den Kopf. \u00bbDas kann ich nicht verantworten. Wer sind Sie \u00fcberhaupt, wenn ich fragen darf. Eine Verwandte?\u00ab<br \/>\n\u00bbNein, nur die Nachbarin!\u00ab<br \/>\n\u00bbDann k\u00f6nnen Sie gar nichts entscheiden. Gibt es Angeh\u00f6rige?\u00ab<br \/>\n\u00bbJa. Eine Tochter in Australien. Einen Sohn, der zurzeit in Slowenien in Urlaub ist. Ich habe seine Handynummer.\u00ab<br \/>\nIch w\u00e4hlte seine Nummer.<br \/>\n\u00bbIch bleibe bei ihr, Lars\u00ab, sagte ich, als ich ihn erreicht und ihm die Situation geschildert hatte. \u00bbSie will nicht ins Krankenhaus.\u00ab<br \/>\n\u00bbGib sie mir\u00ab, sagte der Sohn. Ich h\u00f6rte, wie er auf sie einredete.<br \/>\n\u00bbEs ist besser f\u00fcr dich und auch f\u00fcr mich\u00ab, h\u00f6rte ich Lars sagen. \u00bbDu musst den Krankenwagen rufen.\u00ab<br \/>\n\u00bbDas tue ich nicht, Lars. Das kann ich nicht verantworten, diese Qu\u00e4lerei im Krankenhaus. Da kommt sie nie mehr raus, das ist dir doch wohl klar. Das hat \u00fcbrigens auch neulich ihr langj\u00e4hriger Hausarzt gesagt. \u00ab<br \/>\n\u00bbDann rufe ich an\u00ab, blaffte der Sohn.<br \/>\nDer Krankenwagen brauchte nur 10 Minuten. Ich machte einem \u00fcbergewichtigen Pfleger auf, gefolgt von einem jungen, unsicher wirkenden Kollegen.<br \/>\n\u00bbFrau Melchers m\u00f6chte nicht ins Krankenhaus\u00ab, sagte ich. \u00bbEs gibt eine Patientenverf\u00fcgung.\u00ab<br \/>\nDer Pfleger schob mich zur Seite, \u00e4chzte die steilen Stufen hoch, polterte ins Schlafzimmer und herrscht die Kranke an.<br \/>\n\u00bbWas habe ich geh\u00f6rt? Sie wollen nicht ins Krankenhaus?\u00ab<br \/>\nUrsel sch\u00fcttelt den Kopf. \u00bbKein Krankenhaus und keine Behandlung\u00ab, fl\u00fcsterte sie.<br \/>\n\u00bbSo geht das nicht\u00ab, sagt der Pfleger. \u00bbIhre Niere ist dabei zu versagen. Sie werden einen schrecklichen, und schmerzhaften Tod erleiden.\u00ab<br \/>\nDie Patientin guckte mich verunsichert an. \u00bbStimmt das?\u00ab<br \/>\nIch zuckte hilflos mit den Schultern. \u00bbWas hat Lars gesagt?\u00ab<br \/>\n\u00bbEr ist f\u00fcrs Krankenhaus.\u00ab<br \/>\nResigniert schlosst Ursel die Augen. Weder sie noch ich wussten zu diesem Zeitpunkt, dass das mit dem qualvollen Sterben eine L\u00fcge war. Nierenversagen scheint eher ein gn\u00e4diger Tod zu sein.<br \/>\nDas Telefon. Wieder Lars. \u00bbIch sitze im Auto. Ich fahre \u00fcber Nacht. Bin morgen fr\u00fch in Bremen.\u00ab<br \/>\n\u00bbWo ist die Versicherungskarte?\u00ab, fragte der Pfleger. \u00bbDie brauchen wir.\u00ab<br \/>\nIch hatte keine Ahnung, ging aber ins Wohnzimmer, um in ihren Akten zu st\u00f6bern. Der j\u00fcngere Pfleger folgte mir.<br \/>\n\u00bbSetzen Sie sich durch. Das ist Wahnsinn, was hier passiert.\u00ab<br \/>\nIch sch\u00fcttelte den Kopf. \u00bbSie haben es geh\u00f6rt, was ihr Kollege gesagt hat. Ich habe keinerlei Befugnisse, ich bin keine Verwandte. \u00ab<br \/>\nEin Schrei der Patientin oben. Eine m\u00e4nnliche Stimme. \u00bbSo eine Sauerei!\u00ab<br \/>\nIch renne nach oben. Ursel schreit vor Schmerzen. Der Pfleger hat ihr offensichtlich grob die Infusion aus dem Unterarm gerissen. Die Haut ist mit abgerissen.<br \/>\n\u00bbJetzt brauchen wir nur noch ein Krankenhaus. In Bremen-Nord ist alles voll\u00ab, h\u00f6rte ich den Pfleger sagen. \u00bbWir brauchen eins mit Dialyse-M\u00f6glichkeiten.\u00ab<br \/>\nIch begleitete Ursel noch nach unten, sah, wie sie in den wartenden Krankenwagen geschoben wurde. Ich nahm vorsichtig \u00fcber ihre Hand, murmelte \u00bbKeine Angst! Alles in Ordnung\u00ab und hasste mich f\u00fcr meine L\u00fcge hoffend, dass ein Arzt im Krankenhaus ein Einsehen haben und sie nicht zu sehr qu\u00e4len w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Und nun sitze ich an Ursels Bett im Hospiz. Der langj\u00e4hrige Hausarzt war einen Tag sp\u00e4ter aus dem Urlaub zur\u00fcckgekommen, mischte sich ein und sorgte daf\u00fcr, dass alle Behandlungen abgebrochen wurden. Dank seiner Intervention gelang es sogar, einen Hospizplatz zu bekommen.<br \/>\n\u00bbWir wollen doch alle, dass Ihre Mutter ruhig und w\u00fcrdig sterben kann, ohne Schmerzen\u00ab, sagte er zu Lars.<br \/>\nIm Hospiz hatte der Sohn noch versucht, die Leiterin zu \u00fcberreden, seine Mutter an den Tropf zu h\u00e4ngen. Auch die weigerte sich. \u00bbWir machen hier keine sinnlosen, lebensverl\u00e4ngernden Ma\u00dfnahmen\u00ab, sagte sie entschieden.<br \/>\nUnd nun liegt Ursel seit drei Tagen im Hospiz, hat ein Einzelzimmer, wird von liebevollen Krankenschwestern gehegt und gepflegt. Auch Tochter Renate ist aus Australien gekommen. Ursel hat sich gefreut und sich verbl\u00fcffend erholt, ist wach, klar im Kopf, redet wieder, l\u00e4chelt.<br \/>\nAuch Lars hat Hoffnung gesch\u00f6pft. \u00bbWir sollten vielleicht doch versuchen &#8230;\u00ab<br \/>\n\u00bbNein, sagt seine Schwester rigoros. \u00bbWir versuchen nichts mehr. Wir lassen sie friedlich gehen. Keine Qu\u00e4lereien mehr.\u00ab<br \/>\nUnd nun sitze ich an ihrem Bett. Seit gestern hat sich ihr Zustand dramatisch verschlechtert. Sie schl\u00e4ft nur noch, ihr Atem geht schwer, sie st\u00f6hnt. Ab und zu f\u00e4hrt sie hoch, schaut mit angstvoll aufgerissenen Augen um sich. Ich ber\u00fchre ihre Hand. \u00bbIch bin es! Gesa!\u00ab, sage ich. \u00bbRenate kommt gleich. Keine Angst. Wir bleiben bei dir.\u00ab<br \/>\nSie nickt, ein kurzes Flattern der Augenlider. Sie sinkt zur\u00fcck in die Kissen.<br \/>\nWas bleibt noch? Wir warten. Warten auf einen gn\u00e4digen Tod. Ein Hin\u00fcbergleiten ohne Schmerzen. Denn Sterben lernen, das tut man hier. Ruhig bleiben und abwarten, leise mit der Patientin spreche, ihr die Angst nehmen. \u00bbDu bist nicht allein!\u00ab<br \/>\nSo m\u00f6chte ich auch sterben, wenn es keine Hoffnung mehr gibt. Nicht in die gnadenlose Maschinerie eines Krankenhauses geraten. Es klopft leise. Renate kommt, um mich abzul\u00f6sen. Lars wird heute Nacht auf der Isomatte im Zimmer seiner Mutter schlafen. Mehr gibt es nicht zu tun. Und es ist gut so.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herzklopfen, das kenne ich, wenn ich unsicher bin oder Angst habe. Auch heute pulsiert das Adrenalin in meinen Adern, bevor ich auf den Klingelknopf dr\u00fccke. Hospiz Lilge-Simon Stift steht auf dem Messingschild. Ursel lebt noch, so viel ist sicher. Sonst h\u00e4tte man mich benachrichtigt. Aber was erwartet mich? Der T\u00fcr\u00f6ffner surrt, die Glast\u00fcr gleitet auseinander. 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