{"id":2142,"date":"2022-07-04T14:26:14","date_gmt":"2022-07-04T12:26:14","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=2142"},"modified":"2024-11-14T18:16:44","modified_gmt":"2024-11-14T17:16:44","slug":"der-streckenwaerter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/der-streckenwaerter\/","title":{"rendered":"Der Streckenw\u00e4rter"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Streckenw\u00e4rter<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Wie ich diese Arbeit hasse! Besonders im Winter. Monatelang liegt tiefer Schnee. Jeden Morgen Schritt f\u00fcr Schritt die Gleise entlang. Immerzu rumpeln diese unendlich langen Z\u00fcge mit den Viehwaggons an mir vorbei. Nicht mit Vieh, Gott bewahre, vollgestopft mit Menschen, meistens Frauen und Kinder. Meine Frau hat ja Recht, wenn sie sagt, dass seien diese verfluchten Deutschen, die unser Land besetzt, uns Tschechen entrechtet und gedem\u00fctigt h\u00e4tten. Wer aufbegehrt habe, sei ins KZ gebracht worden. Zwei Weltkriege h\u00e4tten die Deutschen vom Zaun gebrochen, gnadenlos unsere M\u00e4nner liquidiert. Umerziehungslager, Massengr\u00e4ber, wohin man blicke. Was erwarteten die Deutschen denn jetzt, wo der Krieg verloren sei, die Russen im Osten einmarschiert seien? Dass wir sie sch\u00fctzten? Raus mit ihnen! Nur raus! Sie h\u00e4tten uns lange genug unterdr\u00fcckt. Ihre Gef\u00e4ngnisse seien voll von tschechischen Untergrundk\u00e4mpfern, sagt meine Frau.<br \/>\nAuch unseren Jannik haben sie ermordet. Dabei war er nicht einmal politisch, wollte nur nicht zum Milit\u00e4r. Befehlsverweigerung, hie\u00df es in den Akten. Genickschuss. Meine Frau kommt nicht dar\u00fcber hinweg. Sie will, dass alle deutschen M\u00e4nner get\u00f6tet werden. Oder zumindest eingesperrt. Ihre Frauen und Kinder werden jetzt in Viehwaggons \u00fcber die Grenze nach Bayern gebracht. Wo sie hingeh\u00f6ren. Trotzdem tun sie mir leid, diese Frauen und Kinder, eingesperrt wie Viecher in den eiskalten Waggons.<\/p>\n<p>\u00bbGeschieht ihnen recht\u00ab, sagt meine Frau. \u00bbSie haben unsere M\u00e4nner in die KZs getrieben und ermordet. So wie unseren Sohn. Nun m\u00fcssen sie am eigenen Leib erfahren, wie das ist, ausgesto\u00dfen und vernichtet zu werden.\u00ab<\/p>\n<p>Manchmal \u2013 bei Fliegeralarm \u2013 h\u00e4lt ein Zug mitten auf der Strecke. Waggont\u00fcren werden aufgemacht. Und ich sehe die verh\u00e4rmten Gesichter der Frauen, die angstvoll aufgerissenen Augen der Kinder, sehe ihre mageren H\u00e4nde, die um ein St\u00fcck Brot betteln. Um einen Schluck Wasser.<\/p>\n<p>Bitterkalt ist es heute Morgen, der Wind eisig, der Weg t\u00fcckisch glatt. Meine Stirnlampe wirft einen kleinen Lichtkegel auf den frisch gefallenen Schnee.\u00a0 Zweimal t\u00e4glich muss ich meinen Abschnitt kontrollieren, auf Besch\u00e4digungen und Ver\u00e4nderungen achten. Mit der Karbidlampe taste ich die Schienen ab, kontrolliere die Weichen, ob sie vereist sind. Ein Drama, wenn die nicht mehr funktionieren. Zwei Dampfloks, die in der Nacht aufeinander zurattern, ein Alptraum. Aber die meisten Z\u00fcge fahren Richtung Westen, voll beladen mit menschlicher Fracht. Sie haben uns wie Untermenschen behandelt, enteignet und gedem\u00fctigt. Ich sollte kein Mitleid haben. Nun sind sie es, die fliehen m\u00fcssen. Nun erfahren diese Herrenmenschen, was es hei\u00dft, um sein Leben f\u00fcrchten zu m\u00fcssen. Nun sind die Rollen vertauscht.<\/p>\n<p>Und doch kann ich die stumpfen Augen der Kinder nicht ertragen. Die blaugefrorenen H\u00e4ndchen, das Weinen und Wimmern. Ich sei zu weich, sagt meine Frau. Ich solle an das Unrecht denken, das die Deutschen uns angetan haben. Schuld verlange nach S\u00fchne, sagt meine Frau. Jetzt m\u00fcssten die Deutschen s\u00fchnen. Aber doch nicht die kleinen Kinder, sage ich. Aber die w\u00fcrden gr\u00f6\u00dfer, sagt meine Frau. Und dann seien sie genau wie ihre V\u00e4ter und M\u00fctter.<\/p>\n<p>Ich habe eine feste Anstellung, daf\u00fcr bin ich dankbar. Das Bahnw\u00e4rterh\u00e4uschen, in dem wir wohnen, ist warm und gro\u00df genug f\u00fcr uns f\u00fcnf. Ja, wir haben drei Kinder, und die sehe ich immer vor mir, wenn die Sirenen bei Fliegeralarm heulen und die kleinen Zwerge aus dem Zug klettern, um in Gr\u00e4ben vor denn Bomben Schutz zu suchen , begleitet von ihren dick eingemummelten M\u00fcttern, die oft noch einen S\u00e4ugling auf dem Arm halten. Wo sind ihre M\u00e4nner? Liegen die immer noch in den Sch\u00fctzengr\u00e4ben und glauben an den Endsieg? Sind sie alle tot &#8211; gefallen, sagt man wohl \u2013 oder in Gefangenschaft, verschleppt nach Sibirien? Oder hat man sie auf offener Stra\u00dfe erschossen? 10 000 oder 20 000 oder 200 000?<\/p>\n<p>In der Ferne ein schwarzer Punkt. Er kommt n\u00e4her, wird gr\u00f6\u00dfer. Der Zug faucht heran, die Luft f\u00e4ngt an zu vibrieren. Ich springe vom Gleis, lasse das Unget\u00fcm an mir vorbeirauschen. Viehwaggon an Viehwaggon, vollgestopft mit menschlichen Leibern.<\/p>\n<p>Noch ein Kilometer bis zum n\u00e4chsten Bahnw\u00e4rterh\u00e4uschen. Ob ich dort einen hei\u00dfen Tee bekomme? Ich habe meine Frau angewiesen, jeden, aber auch jeden Streckenw\u00e4rter hereinzubitten, damit er sich aufw\u00e4rmen kann. Ich wei\u00df, wie das ist, frierend drau\u00dfen zu stehen, weil das Streckenh\u00e4uschen abgeschlossen ist und niemand die T\u00fcr \u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Da hinten, zwischen den kahlen B\u00e4umen, kommt eine Gestalt auf mich zu? Ein unscharfes, schwankendes Etwas. Ein Tier? B\u00e4ren gibt es nicht in dieser Gegend, f\u00fcr einen B\u00e4ren ist auch zu zierlich\u00a0 Ein Wolf? Die Gestalt kommt n\u00e4her, wird deutlicher. Eine Frau? Nein, ein Kind. Ein Kind in einem viel zu gro\u00dfen Mantel. Es geht gebeugt, f\u00e4llt hin. Rappelt sich auf, k\u00e4mpft sich vorw\u00e4rts, schlittert auf der glitschigen Schneedecke, f\u00e4ngt sich wieder, taumelt weiter. Rutscht aus und schl\u00e4gt hin, bleibt liegen. Ich renne, sehe Blut durch die Hosenbeine sickern. Die Augen sind geschlossen. Das M\u00e4dchen liegt reglos im Schnee, hat wohl das Bewusstsein verloren. Ist sie tot? Ich beuge mich \u00fcber sie, wische ihr Blut und Tr\u00e4nen aus dem Gesicht. Sie ist jung und mager, vielleicht so alt wie meine \u00e4lteste Tochter. Elf oder Zw\u00f6lf, vielleicht auch \u00e4lter. Ich kann sie nicht einfach liegen lassen. Sie braucht Hilfe, dringend. Ich klaube meine wenigen Deutschkenntnisse zusammen. Sch\u00fcttele sie sanft.<\/p>\n<p>\u00bbWo kommst du her? Was ist geschehen?\u00ab<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen \u00f6ffnet die Augen, versucht zu sprechen. Seine Worte ein Fl\u00fcstern.<\/p>\n<p>\u00bbDie Mutter\u00ab, sagt sie. Ich halte mein Ohr an ihre Lippen. \u00bbDie Mutter. Das Baby.\u00ab<\/p>\n<p>Sie deutet mit ihrer Hand ins Nirgendwo.<\/p>\n<p>Die Mutter habe ein Baby geboren, verstehe ich. Die andern Frauen sagten, die Mutter sei tot. Man habe sie aus dem Waggon gesto\u00dfen. Mit dem Neugeborenen. Mit einer Toten wollten die andern nicht reisen. Aber die Mutter lebe, das wisse sie genau, das Br\u00fcderchen unter dem Mantel auch. Sie w\u00fcrden erfrieren, wenn nicht bald Hilfe k\u00e4me.<\/p>\n<p>Ich hebe sie hoch, dr\u00fccke sie an mich, ihr Kopf ruht auf meiner Schulter.. Haut und Knochen, ein Leichtgewicht. Ich stapfe mit ihr durch den Schnee bis zum n\u00e4chsten Bahnw\u00e4rterh\u00e4uschen. Schreie den jungen Kollegen an, der zur\u00fcckgelehnt in seinem Stuhl vor sich hin d\u00f6st, er solle sofort die Klinik in der Stadt anrufen, wir br\u00e4uchten dringend einen Arzt. Der Kollege z\u00f6gert, greift unwillig zum Telefon, w\u00e4hlt den Notruf.<br \/>\n\u00bbEin deutsches Kind, nicht wahr? Jeder bekommt, was er verdient\u00ab,sagt er, w\u00e4hrend er in den H\u00f6rer lauscht.<\/p>\n<p>\u00bbDer Krankenwagen kommt\u00ab, sagt er nach ein paar Minuten. \u00bbMit dem Arzt.. Aber verdient haben die Deutschen das nicht. Sie haben den Krieg verloren.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbIst das M\u00e4dchen schuld am Krieg? Schau dir die Kleine an\u00ab, sage ich. \u00bbEs kann eine Zeit kommen, da werden auch du und deine Kinder Hilfe brauchen.\u00ab<\/p>\n<p>Ich hebe sie hoch, dr\u00fccke sie an mich, ihr Kopf ruht auf meiner Schulter, nur Haut und Knochen Der junge Kollege schaut mich unsicher an, f\u00e4hrt mit der Hand durch sein Haar. \u00bbIch habe keine Frau, keine Kinder.\u00ab<\/p>\n<p>Er sieht das M\u00e4dchen an, das nun mit h\u00e4ngenden Armen und gebeugtem Kopf vor ihm steht, sagt:<\/p>\n<p>\u00bbDein Gesicht ist voller Blut. Hier, nimm ein Handtuch und Seife. Wasch dir den Schmutz vom Gesicht.\u00ab<\/p>\n<p>Und dann sieht er sie wieder an und stammelt: \u00bbDu bist so jung. Und so sch\u00f6n!\u00ab<\/p>\n<p>Na und, denke ich. Und wenn sie h\u00e4sslich w\u00e4re? Was dann?<\/p>\n<p>Der Krankenwagen kommt. Wir fahren die Strecke zur\u00fcck, finden die Mutter reglos im Schnee liegend.<br \/>\n\u00bbSie leben noch. Beide, die Mutter und das Kind. Es ist ein Wunder.\u00ab Der Arzt richtet sich mit einem tiefen Seufzer auf. \u00bb Sie m\u00fcssen ins Krankenhaus. Schnell!\u00ab<br \/>\nDer Fahrer und ich helfen ihm, die Frau und das Baby auf die Trage zu legen und in den Krankenwagen zu schieben. Sie lassen auch die Kleine hinten einsteigen. Sie hockt sich neben die Mutter, umklammert deren Hand. Ich sehe, wie die Mutter mit zitterndem Finger ein Kreuzzeichen auf die Stirn des Kindes malt.<\/p>\n<p>Ich bin froh, als der Krankenwagen anf\u00e4hrt. Das M\u00e4dchen presst ihr Gesicht ans Fenster, hebt sch\u00fcchtern den Arm zum Abschied. L\u00e4chelt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Streckenw\u00e4rter \u00a0 Wie ich diese Arbeit hasse! Besonders im Winter. Monatelang liegt tiefer Schnee. Jeden Morgen Schritt f\u00fcr Schritt die Gleise entlang. Immerzu rumpeln diese unendlich langen Z\u00fcge mit den Viehwaggons an mir vorbei. Nicht mit Vieh, Gott bewahre, vollgestopft mit Menschen, meistens Frauen und Kinder. Meine Frau hat ja Recht, wenn sie sagt, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-2142","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kurzgeschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2142","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2142"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2142\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2267,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2142\/revisions\/2267"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2142"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2142"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2142"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}