{"id":2140,"date":"2022-03-25T20:51:48","date_gmt":"2022-03-25T19:51:48","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=2140"},"modified":"2024-11-13T18:27:47","modified_gmt":"2024-11-13T17:27:47","slug":"nicht-ohne-meinen-mann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/nicht-ohne-meinen-mann\/","title":{"rendered":"Nicht ohne meinen Mann!"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Nicht ohne meinen Mann!<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbHermann! Tock! Tock!\u00ab<br \/>\nDie zierliche \u00e4ltere Dame zieht den dunkelblauen Blazer \u00fcber die Schultern, zupft an ihrem\u00a0 hellrosa Seidenschal, schiebt den Gurt ihrer volumin\u00f6sen Handtasche \u00fcber den Kopf und packt mit energischen Griff den silberfarbenen Alukoffer .<br \/>\n\u00bbHermann! Tock! Tock!\u00ab<br \/>\nDer \u00e4ltere Herr, offensichtlich ihr Ehemann, l\u00e4sst sich nicht aus der Ruhe bringen und hilft dem Taxifahrer, den schweren Koffer aus dem Fond zu wuchten. Dann z\u00fcckt er sein Portemonnaie und reicht dem Fahrer einen Geldschein.<br \/>\n\u00bbStimmt so!\u00ab<br \/>\n\u00bbHermann! Tock! Tock! Tock!\u00ab Die Stimme der Frau klingt leicht gereizt.<br \/>\nSie trippelt auf ihren Pumps in Richtung Flughafengeb\u00e4ude.<br \/>\n\u00bbGemach! Gemach, Elisabeth!\u00ab, sagt der Mann. \u00bbWir haben alle Zeit der Welt.\u00ab<\/p>\n<p>In diesem Jahr ist der Flug nach Split wieder m\u00f6glich und das Paar hat rechtzeitig gebucht. Die 2 G-Regelung gilt, Elisabeth und Hermann sind selbstverst\u00e4ndlich zweimal geimpft. Die Abflugzeit ist mit 12:30 angegeben. Von Berlin-Airport. Sie haben sich im Reiseb\u00fcro noch einmal erkundigt, um sicherzugehen, dass man tats\u00e4chlich vom Flughafen Berlin-Brandenburg abfliegen und dort auch wieder landen kann. Deutsche Ingenieurskunst.<br \/>\nElisabeth ist ein wenig aufgeregt. Wie immer vor einem Flug. Tegel war so viel bequemer zu erreichen. Zur Sicherheit haben sie das Taxi fr\u00fchzeitig bestellt, stehen vier Stunden vor der Abflugzeit an der gewaltigen Glast\u00fcr der Eingangshalle, die sich lautlos \u00f6ffnet. Beide setzen ihre Masken auf. Hermanns Brillengl\u00e4ser beschlagen sofort. Er nimmt die Brille ab. Elisabeth vergleicht die Abflugzeit auf der \u00fcberdimensionalen Tafel mit ihrem Computerausdruck. Sie stimmen \u00fcberein. \u00dcber drei Stunden bis zum Boarding. Sie geben die Koffer auf, die Warteschlange ist nicht lang. Welche Erleichterung, die H\u00e4nde wieder frei zu haben. Im oberen Stockwerk zeigen sie P\u00e4sse und Impfbescheinigungen vor und bekommen ihre Boardingkarten ausgeh\u00e4ndigt. Auf den B\u00e4ndern wird das Handgep\u00e4ck sorgf\u00e4ltig durchleuchtet. Reiseerfahren, wie sie sind, haben sie auch die kleinen Kosmetik- und Medizinfl\u00e4schchen in durchsichtige Klarsichth\u00fcllen gepackt. Bodycheck. Hermann zieht den G\u00fcrtel aus den Schlaufen, Elisabeth streift die Schuhe ab. Das Bodenpersonal w\u00fcnscht ihnen einen guten Flug.<br \/>\nMit den Bordkarten in der Handtasche verschwindet Elisabeth in der weitl\u00e4ufigen Verkaufslandschaft des Flughafens. Sie geht gerne shoppen und m\u00f6chte die Zeit nutzen. Es gibt so viele sch\u00f6ne Gesch\u00e4fte im Flughafengeb\u00e4ude. Vielleicht findet sie ein nettes Bl\u00fcschen.<br \/>\nHermann hasst Shoppen. Er kauft eine Flasche stilles Wasser zu einem s\u00fcndhaft teuren Preis, sucht sich einen bequemen Sessel hinter der gro\u00dfen Info-Tafel mit den Abflugzeiten, denn kurzsichtig wie er ist, kann er auf der Anzeigetafel sowieso nichts erkennen. Er zerrt seinen Laptop \u2013 ohne den er sich nie aus Berlin wegbewegen w\u00fcrde \u2013 aus der Umh\u00e4ngetasche. Der Internet-Anschluss funktioniert perfekt.<br \/>\nElisabeth findet zwar keine Bluse, aber ein paar Mitbringsel f\u00fcr die Enkelkinder: ein entz\u00fcckendes Micky-Maus-Kleidchen f\u00fcr Irena, ein Dartspiel f\u00fcr Jonas. Die Kinder werden sich freuen, auch wenn Hermann wieder murren wird \u00fcber die unn\u00f6tigen Ausgaben. Dabei ist es ihr Geld, das sie ausgibt. Schlie\u00dflich hat sie\u00a0 ihre eigene Rente.<br \/>\nDie Zeit vergeht schneller als gedacht. Elisabeth trinkt einen Latte Macchiato und g\u00f6nnt sich ein Schokoladencroissant und begibt sich zum angezeigten Gate, als sie h\u00f6rt, dass der Lufthansa-Flug nach Split aufgerufen wird, erstaunt, dass das Boarding schon begonnen hat. Hat sie den ersten Aufruf \u00fcberh\u00f6rt? Sie schaut sich nach ihrem Hermann um, aber der ist nirgends zu sehen. Mal wieder typisch, denkt sie.\u00a0 \u00dcberp\u00fcnktlich wie immer sitzt Hermann sicher schon im Flugzeug. Richtig, als sie sich im Flieger durch den vollen Gang qu\u00e4lt, sieht sie im hinteren Drittel der Maschine einen Mann mit Strohhut. Da ist er ja. H\u00e4tte er nicht auf sie warten k\u00f6nnen?. Mit einem Vorwurf auf den Lippen n\u00e4hert sie sich dem Mann mit Hut und, ja, da stellt sie fest, dass das gar nicht ihr Mann ist. Ein Wildfremder schaut sie erstaunt an.<br \/>\n\u00bbDas ist er nicht!\u00ab, schreit sie so laut, dass die Leute um sie herum zusammenzucken und die Flugbegleiterin versucht, zu ihr durchzukommen.<br \/>\n\u00bbDas ist nicht mein Mann!\u00ab Elisabeth ist fassungslos. Und schrill. Ihre Stimme schneidet durchs ganze Flugzeug. \u00abMein Mann ist nicht da! Er muss noch in der Halle sein. Sie m\u00fcssen auf ihn warten.\u00ab<br \/>\nDie Stewardess eilt zum Flugkapit\u00e4n. Der ruft den Tower an, erkl\u00e4rt die Verz\u00f6gerung, bittet um einen sp\u00e4teren Slot f\u00fcr den Start. Ein Passagier werde vermisst.<br \/>\n\u00bbNur zehn Minuten\u00ab, sagt die Flugbegleiterin bedauernd zu Elisabeth. \u00bbIn zehn Minuten muss ihr Mann an Bord sein.\u00ab<br \/>\nElisabeth ger\u00e4t in Panik. \u00bbOhne ihn kann nicht\u00a0 fliegen!\u00ab<br \/>\nDie junge Frau zuckt mit den Schultern.<br \/>\n\u00bbIch will raus.\u00ab, schreit Elisabeth. \u00bbIch fliege nicht ohne meinen Mann!\u00ab<br \/>\nSie dr\u00e4ngt sich zwischen den Passagieren durch zur T\u00fcr, die noch offensteht.<br \/>\n\u00bbDas geht nicht\u00ab, sagt die Stewardess. \u00bbIhre Koffer sind verladen. Wir d\u00fcrfen nur Koffer mitnehmen, wenn der Besitzer an Bord ist. \u00ab<br \/>\n\u00bbIst mir egal\u00ab, schreit Elisabeth. \u00bbMeinem Mann ist etwas zugesto\u00dfen. Ich muss hier raus.\u00ab<br \/>\nSie macht Anstalten, die Treppe hinunterzusteigen.<br \/>\n\u00bbWir werden Ihren Koffer ausladen m\u00fcssen\u00ab, ruft die Flugbegleiterin hinter ihr her.<br \/>\n\u00bbSicherheitsbestimmungen.\u00ab<br \/>\nDas h\u00f6rt Elisabeth schon nicht mehr. Sie hastet die Stufen hinunter. Es k\u00fcmmert sie nicht, dass die Koffer im Bauch des Flugzeugs hektisch gesucht und gl\u00fccklicherweise schnell gefunden und ausgeladen werden. Das ist ihr ebenso egal wie die murrenden Passagiere an Bord, der genervte Flugkapit\u00e4n, die hilflose Flugbegleiterin, die so eine Situation noch nie erlebt hat. In Elisabeths Gehirn pulsiert nur eine Frage: Wo ist ihr Hermann? Wo?<br \/>\nSie z\u00fcckt ihr Handy, w\u00e4hlt die Nummer seines iPhones. Nichts. Hat er wahrscheinlich ausgeschaltet. Hermann interessiert sich ja nur f\u00fcr seine Spiele. Kommunikation ist f\u00fcr ihn ein Fremdwort. Gesch\u00e4he ihm recht, wenn sie ihn einfach stehen lie\u00dfe und allein fl\u00f6ge. Tut sie aber nicht. Sie hastet zur\u00fcck zur Wartehalle vor den Abflug-Gates. Dort sitzt ein einzelner Mann. Nein, nicht Hermann. Ein unbekannter Mann.<br \/>\nElisabeth st\u00fcrmt auf ihn zu. \u00bbMein Mann ist weg. Bitte, bitte, w\u00fcrden Sie wohl durch die Herrentoilette gehen, um zu sehen, ob er dort ist. Vielleicht ist ihm schlecht geworden.\u00ab<br \/>\nDer Mann zieht die Augenbrauen hoch, steht aber auf und sagt \u00bbSelbstverst\u00e4ndlich!\u00ab<br \/>\nElisabeth bei\u00dft sich auf die Lippen. Trippelt auf und ab. Der Mann kommt zur\u00fcck, hat alle Toiletten inspiziert. Nichts.<br \/>\n\u00bbDanke\u00ab, sagt Elisabeth und hastet weiter.<\/p>\n<p>Und das Ende der Geschichte? Ein Flughafenangestellter fand Hermann schlie\u00dflich unter der besagten Anzeigetafel sitzend und in ein Computerspiel vertieft. Er sah nichts. Er h\u00f6rte nichts. Seine Frau w\u00fcrde ihn schon rechtzeitig abholen.<br \/>\nNeuer Treffpunkt: die Gep\u00e4ckausgabe. Gar nicht so einfach. F\u00fcr Hermann eine Strecke von zwei Kilometern, und das bei seinem kaputten Knie. Das Laufband funktionierte nicht. F\u00fcr Elisabeth ein Problem, da sie beim Einchecken die BRD verlassen hatte und wieder einchecken musste. Und nat\u00fcrlich eine Covid\u2013Impfung vorweisen musste, die sie nicht bei sich hatte. Die hatte Hermann eingesteckt..<br \/>\nWie ging die Geschichte denn nun aus? Es ist kaum zu glauben. Es gab ein Happy End! Irgendwann trafen sie sich bei der Gep\u00e4ckausgabe.<br \/>\nMordgel\u00fcste auf Elisabeths Seite? Den Scheidungsanwalt angerufen? Weit gefehlt! Zwei Tage sp\u00e4ter stehen beide wieder im Flughafen, warten gemeinsam, dass das Boarding f\u00fcr die Maschine nach Split beginnt. Diesmal hat Elisabeth ihren Hermann nicht aus den Augen gelassen. Kauft nichts. Nichts f\u00fcr die Enkelkinder. Auch kein Bl\u00fcschen f\u00fcr sich. Und den Laptop, den h\u00e4ndigt sie ihrem Ehemann erst am Urlaubsort aus.<br \/>\nWenn das nicht Liebe ist!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Nicht ohne meinen Mann! \u00bbHermann! Tock! Tock!\u00ab Die zierliche \u00e4ltere Dame zieht den dunkelblauen Blazer \u00fcber die Schultern, zupft an ihrem\u00a0 hellrosa Seidenschal, schiebt den Gurt ihrer volumin\u00f6sen Handtasche \u00fcber den Kopf und packt mit energischen Griff den silberfarbenen Alukoffer . \u00bbHermann! Tock! 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