{"id":2128,"date":"2021-09-29T20:45:13","date_gmt":"2021-09-29T18:45:13","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=2128"},"modified":"2024-11-13T19:05:47","modified_gmt":"2024-11-13T18:05:47","slug":"jetzt-oder-nie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/jetzt-oder-nie\/","title":{"rendered":"Jetzt oder Nie!"},"content":{"rendered":"<h2>Jetzt oder Nie<\/h2>\n<p>Schreibkurs. Nat\u00fcrlich auf Zoom. Corona-Zeiten. Ich sehe meine Dozentin Clara auf dem Bildschirm. Im Hintergrund eindeutig die Rialtobr\u00fccke.<br \/>\n\u00bbWo bist du denn?\u00ab, frage ich. \u00bbHast du einen k\u00fcnstlichen Hintergrund eingeblendet?\u00ab.<br \/>\n\u00bb\u00dcberhaupt nicht!\u00ab Sie lacht \u00bbIch bin live in Venedig.\u00ab<br \/>\n\u00bbDarf man da hin? Trotz Corona?\u00ab Ich bin verbl\u00fcfft.<br \/>\n\u00bbKlar\u00ab, sagt sie. <strong>\u00bbJetzt oder nie!<\/strong> Menschenleer, ohne Touristen und Kreuzfahrtschiffe. So werdet ihr Venedfig nie mehr erleben.\u00ab<br \/>\nClara ist Venezianerin. Sie wei\u00df, wovon sie spricht. Wir fackeln nicht lange. Clara hat recht. <strong>Jetzt oder nie! <\/strong>Die Zweitimpfung liegt erst eine Woche hinter uns, also noch ein PCR-Test. Und dann werden wir weder an der \u00f6sterreichischen noch an der italienischen Grenze kontrolliert. Umso besser. Keine kilometerlangen Staus. Wir werden z\u00fcgig durchgewunken.<br \/>\nDas Auto stellen wir in Mestre in der bewachten Hochgarage ab, der Bahnhof liegt gegen\u00fcber. Gott sei Dank \u2013 kein digitaler Schalter f\u00fcr die Zugtickets nach Venedig. Ein hilfsbereiter Angestellter akzeptiert meine EC-Karte. Kurze Wartezeit auf dem Bahnsteig, dann in einem komfortablen Waggon \u00fcber den Damm Richtung Venedig. Zu beiden Seiten das Flachwasser der Lagune. Sonnenschein. Die Silhouette der Stadt kommen n\u00e4her. Wir dr\u00fccken unsere Nasen an den Fensterscheiben platt. Jetzt oder nie, hat Clara gesagt. Sind das schon Kreuzfahrtschiffe, die an der Hafeneinfahrt lauern? Die sollen doch verboten sein, hie\u00df es. Die d\u00fcrften doch gar nicht mehr &#8230;<br \/>\nDer Zug rollt in den Bahnhof von Santa Lucia. Wir schleppen den schweren Koffer \u2013 wieder ein mal viel zu viel Zeugs eingepackt \u2013 die Bahnhofstreppen hinunter zum Vaporetto \u2013 Anlegestelle am Canale Grande. Auf dem Vorplatz rumpeln die kleinen Kofferr\u00e4der\u00a0 \u00fcber die Pflasterung. Mein Rucksack dr\u00fcckt.<br \/>\nNein, am Schalter verkauft uns niemand ein Drei-Tage-Ticket f\u00fcr das Vaporetto. Geht alles nur digital. Wir bekommen zwar Pappkarten, aber die muss man noch scharf machen oder so was, und das am Automaten nebenan. Welcher Automat? Das Englisch der Kassiererin reicht nicht aus, uns das Prozedere zu erkl\u00e4ren. Immerhin finden wir den grauen Automaten. Daneben ein Bildschirm mit Tastatur. Wir stellen die Koffer ab. Mein Mann studiert die Anweisung, um die Fahrkarten zu bedrucken. Ein komplizierter Code muss eingegeben werden. Ich stopfe mein Portemonnaie in den Rucksack zur\u00fcck und suche meine Brille: Digitalisierung soll einfacher sein als ein Mensch, der einfach seinen Stempel auf das Ticket dr\u00fcckt? Sch\u00f6ne neue Welt! Ein junger dunkelh\u00e4utiger Mann mit einem roten T-Shirt, auf dem \u00bbTourist Guide\u00ab steht, n\u00e4hert sich, fragt freundlich: \u00bbCan I help you?\u00ab Mein Mann winkt br\u00fcsk ab. Mir ist diese Unfreundlichkeit peinlich. Der Guide bleibt noch einen Moment stehen, trollt sich dann. Ich lese meinem Mann die Buchstaben- und Zahlenkombination vor, die auf der Quittung f\u00fcr die Tickets stehen. Es klappt. Das Ticket wird bedruckt.<br \/>\nAls ich die Brille in den Rucksack schieben will, sehe ich, dass der Rei\u00dfverschluss an der Seite ein wenig auf offen steht. Ich stopfe\u00a0 noch die Brille hinein, ziehe ihn wieder hoch.\u00a0 Das Vaporetto ist nur halb voll. Wir sitzen drau\u00dfen und genie\u00dfen die sonnige Fahrt auf dem Canale Grande entlang der pr\u00e4chtigen Herrenh\u00e4user am Rand. Ja, das ist Venedig \u2013 Jetzt oder nie! Ich habe meinen Rucksack auf dem Scho\u00df und auf einmal kommt mir der Gedanke: Wieso war der Tourist Guide schwarz? Rassistin schimpfe ich mit mir. Warum sollte er nicht schwarz sein? Schon das Wort \u00bbschwarz\u00ab ist politisch nicht korrekt. Warum sollte eine Tourist Guide nicht schwarz sein? Sonst verkaufen die Migranten doch nur Taschen und H\u00fcte auf den Pl\u00e4tzen und Br\u00fccken der Stadt. Sind die Italiener so tolerant geworden, dass sie lukrative Touristenjobs mit Schwarzen teilen? Ausgerechnet in Corona-Zeiten mit ohnehin geringen Verdienstm\u00f6glichkeiten? Trotzdem: der Rei\u00dfverschluss war halb offen. Aber ich bin ja auch ein schlampiger Mensch. Nein, ich werde nicht nachschauen. Nicht jetzt. Jetzt oder nie gilt hier nicht. Ich verderbe mir nicht die erste Kanalfahrt. Vielleicht sp\u00e4ter. In der Ferienwohnung. Die H\u00e4rchen auf meinen Unterarmen richteten sich auf, aber mein Verstand sagt, immer mit der Ruhe. Das kann nicht sein. Werd\u2018 blo\u00df nicht hysterisch. Ich ziehe den Rei\u00dfverschluss langsam nach oben, konzentriere mich krampfhaft auf die traumhafte Aussicht, sp\u00fcre den k\u00fchlenden Wind im Gesicht. Wir passieren die Rialtobr\u00fccke, nur ein paar Touristen stehen oben und blicken aufs Wasser. Ein kleiner Junge winkt. Ich winke zur\u00fcck.<br \/>\nDas kleine Doppelzimmer liegt im Obergeschoss eines alten venezianischen Hauses nahe dem Campo Santo Stefano in der Calle de le Botthege. Der freundliche Vermieter hilft uns, das Gep\u00e4ck die drei Stockwerke hochzuschleppen, verspricht, uns sp\u00e4ter mit Venedig-Karten und Restaurant-Tipps versorgen.<br \/>\n<strong>Jetzt oder nie!<\/strong> Ich setzte mich aufs Bett, ziehe den Rucksack auf den Scho\u00df, \u00f6ffne den besagten Zipper mit fahrigen H\u00e4nden, grabbele nach dem wohlbekannten Umriss der Geldb\u00f6rse und finde \u2013 nichts. Das kann nicht wahr sein. Ich durchw\u00fchlte den Rucksack noch einmal: Lippenstift, Kamm, iPhone, M\u00fcsliriegel, Masken, nat\u00fcrlich Masken, Taschent\u00fccher, eine kleine Flasche Wasser, kein Portemonnaie. Ich kippe den Rucksack um, sch\u00fcttelte panisch den Inhalt aufs Laken. Ein Kuli f\u00e4llt heraus, ein Notizbuch, diverse Visitenkarten, der Auto-Ersatzschl\u00fcssel, das italienische W\u00f6rterbuch. Kein Portemonnaie. Wie viel Geld war drin? Wohl an die 100 Euro, ein zu vernachl\u00e4ssigender Betrag angesichts der Tatsache, dass die Visa Card weg ist und die EC-Karte, der Personalausweis und der F\u00fchrerschein, nat\u00fcrlich auch die Notrufnummer f\u00fcr die Bank. Shit! Was nun? Warum hatte ich bl\u00f6de Kuh alle Karten im Portemonnaie? So leichtsinnig bin ich doch noch nicht einmal in Bremen. Ausweise bleiben immer sch\u00f6n zu Hause. Auch der F\u00fchrerschein. Da zahle ich lieber ein bisschen Strafe, falls die Polizei kontrolliert. Ich habe h\u00f6chstens ein paar Scheine in der Tasche, ein paar M\u00fcnzen, mehr nicht. Ausgerechnet hier in Venedig mache ich diesen Anf\u00e4ngerfehler.<br \/>\nWir klingeln beim Vermieter. Der ist untr\u00f6stlich. \u00bbSofort zur Questura\u00ab, sagt er. Er beschreibt uns den Weg auf der Karte.<br \/>\n\u00bbZu Commissario Brunetti\u00ab, jubele ich. \u00bb<strong>Jetzt oder nie<\/strong>!\u00ab<br \/>\nDas Geb\u00e4ude, in der die Questura untergebracht ist, sieht allerdings v\u00f6llig anders aus als im Fernsehen. Liegt nahe an der griechisch-orthodoxen Kirche, an der Fondamenta dei Greci. Wir st\u00fcrzen in die Questura, laufen die Treppe zum ersten Stock hinauf. Durch das hohe Fenster im Flur zur Canalseite sehen wir, wie zwei Polizisten, die einen Mann in Handschellen helfen, aus dem Polizeiboot zu klettern. Der Mann ist schwarz, rabenschwarz. Und er hat ein orangenes T-Shirt an mit der Aufschrift \u00bbTourist Guide\u00ab..<br \/>\n\u00bbDas ist er\u00ab, sagte ich zu meinem Mann. \u00bbSie haben ihn!\u00ab<br \/>\n\u00bbWen haben sie?\u00ab, fragte hinter uns eine ruhige, dunkle Stimme. Uwe Kockisch tritt aus der T\u00fcr des Sekretariats. Wir h\u00f6ren, wie Signorina Elettra ein \u00bbCiao, Guido\u00ab hinter ihm herruft.<br \/>\n\u00bbNa, den Dieb, Commissario\u00ab, sage ich und sehe Kockisch an. Der kann ja zum Gl\u00fcck Deutsch. Aber ganz sch\u00f6n alt ist er geworden, denke ich. Weit \u00fcber 70, der m\u00fcsste doch l\u00e4ngst pensioniert sein.<br \/>\n\u00abSie haben recht, sagt Kockisch und l\u00e4chelt. \u00bbIch bin nur manchmal zu Besuch hier.\u00ab<br \/>\n\u00bbCommissario\u00ab, stottere ich. \u00bbIch soll Sie von Donna gr\u00fc\u00dfen. Sie sagt, Sie k\u00f6nnen uns sicher helfen.\u00ab<br \/>\n\u00bbGeht es um den da?\u00ab, fragt Kockisch und weist auf den jungen Farbigen, den die Polizisten die Treppe hinaufsto\u00dfen. \u00bbWas hat er getan?\u00ab<br \/>\n\u00bbMein Portemonnaie geklaut. Vor der Ticket-Station am Canale Grande. Alle Papiere weg: Visa-Card, EC-Karte, Perso &#8230; \u00ab<br \/>\nGuido rollt mit den Augen. \u00bbAuch Geld?\u00ab<br \/>\n\u00bbNur 100 Euro. Das ist nicht so wichtig, Commissario. Aber die Ausweise &#8230; \u00ab<br \/>\n\u00bbOk, verstanden\u00ab,sagte Uwe Kockisch. Er wendet sich mit strengem Gesicht zu dem jungen Mann. \u00bbGib der Signora sofort die Ausweise zur\u00fcck. Kannst du eh nichts mit machen.\u00ab<br \/>\nZu meinem Erstaunen kramt der Junge in seinem kleinen, bunten Rucksack und reicht mir mit einem sch\u00fcchternen L\u00e4cheln die Papiere. \u00bbScusi, signora\u00ab, sagte er und verbeugt sich h\u00f6flich. Ich bl\u00e4ttere die Dokumente durch. Sie sind vollst\u00e4ndig.<br \/>\n\u00bbKann er das Geld behalten?\u00ab, fragt Kockisch. \u00bbDer Junge muss wahrscheinlich den Schlepper bezahlen, der ihn \u00fcbers Mittelmeer gebracht hat.\u00ab<br \/>\nIch winke ab: \u00bbKlar, kann er! Finderlohn!\u00ab<br \/>\n\u00bbSehen Sie, alles ok\u00ab, sagte Uwe Kockisch. \u00bbBestellen Sie Donna einen sch\u00f6nen Gru\u00df von mir. Jetzt, wo ich pensioniert bin, sorge ich ein bisschen f\u00fcr die Gerechtigkeit in der Stadt. Solange die Mafia hier den Magistrat beherrscht und Schutzgelder erpresst, lasse ich die Kleinen laufen. Das ist mein Beitrag im Kampf gegen die Kriminalit\u00e4t in Venedig.\u00ab<br \/>\nEr gibt uns die Hand. \u00bbEinen sch\u00f6nen Aufenthalt noch. Und tragen Sie nie wieder ihren Rucksack auf dem R\u00fccken. Er geh\u00f6rt auf den Bauch. Auch wenn er Rucksack hei\u00dft.\u00ab<br \/>\nMit mit diesen Worten rennt er leichtf\u00fc\u00dfig die Treppe hinunter. Wahrscheinlich hat er &#8211; wie immer \u2013 Hunger. Seine Frau wartet sicher schon mit dem Essen auf ihn. Mit einer Flasche dieses vorz\u00fcglichen Wei\u00dfweins.<br \/>\n\u00bbGrazie Mille, Commissario\u00ab, rufe ich ihm hinterher. \u00bbUnd gr\u00fc\u00dfen Sie Paola.\u00ab<br \/>\nCommissario Brunetti dreht sich um und winkt.<br \/>\n\u00bbHei\u00dft der eigentlich Uwe oder Guido\u00ab, fragt mein Mann.<br \/>\n\u00bbDu bist wirklich nicht auf dem Laufenden, mein Lieber\u00ab, sage ich. \u00bbAuf zum Markusplatz! <strong>Jetzt oder nie!<\/strong>\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt oder Nie Schreibkurs. Nat\u00fcrlich auf Zoom. Corona-Zeiten. Ich sehe meine Dozentin Clara auf dem Bildschirm. Im Hintergrund eindeutig die Rialtobr\u00fccke. \u00bbWo bist du denn?\u00ab, frage ich. \u00bbHast du einen k\u00fcnstlichen Hintergrund eingeblendet?\u00ab. \u00bb\u00dcberhaupt nicht!\u00ab Sie lacht \u00bbIch bin live in Venedig.\u00ab \u00bbDarf man da hin? 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