{"id":2115,"date":"2021-03-16T19:44:00","date_gmt":"2021-03-16T18:44:00","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=2115"},"modified":"2024-11-19T17:27:53","modified_gmt":"2024-11-19T16:27:53","slug":"fremdenfuehrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/fremdenfuehrung\/","title":{"rendered":"Fremdenf\u00fchrung"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir hatten im Internet eine Annonce aufgegeben, dass wir unser Haus im Bremer Norden verkaufen wollten. Einfach zu gro\u00df, nachdem die Kinder ausgezogen waren, der Garten zu arbeitsintensiv, die vielen Treppen und das alte, enge Bad nicht altengerecht.<br \/>\nEs ist ein altes Haus, 1934 gebaut, sicher von einem Werftarbeiter, der beim Vulkan geschuftet hat. Alle H\u00e4user in der Stra\u00dfe sehen \u00e4hnlich aus und es hei\u00dft, wenn der Vulkan eine Sirene h\u00e4tte schalten k\u00f6nnen, um alle Teile zur\u00fcckzupfeifen, die unerlaubterweise beim Schiffsbau \u00fcber Jahrzehnte hinweg entwendet worden waren, w\u00fcrden in der ganzen Umgebung die H\u00e4user in sich zusammenfallen.<!--more--><br \/>\nIch war alleinerziehende Mutter mit zwei Grundschulkindern, als ich mir &#8211; nach der Trennung von meinem Mann &#8211; ein kleines Haus kaufen konnte, das meinem Geldbeutel entsprach.<br \/>\n\u00bbWie kannst du nur\u00ab, war die Reaktion meiner finanziell abgesicherten alten Freunde. \u00bbDu kaufst ein Haus in solch einer spie\u00dfigen Gegend?\u00ab<br \/>\nIch blieb stur, kaufte das H\u00e4uschen, hielt die monatliche Belastung niedrig, konnte den Kindern einen sch\u00f6nen Garten, und nette, hilfsbereite Nachbarn bieten, die die Kinder zum Essen in ihre Wohnung luden, wenn ich mich mal wieder versp\u00e4tet hatte.<br \/>\nMit meinem zweiten Mann und dessen Kindern hatten wir das Haus vergr\u00f6\u00dfert, das Dachgeschoss ausgebaut, ein Badezimmer hinzugewonnen. Nur die Au\u00dfenfassade, die blieb gleich. Eine mit eher h\u00e4sslichen, braun-gelben mit Klinkern verschalte Doppelhaush\u00e4lfte, die nicht viel hermacht.<br \/>\nDie alten Freunde fanden mittlerweile das helle Wohnzimmer mit dem zum Garten hinausgehenden gro\u00dfen Fenster gem\u00fctlich, sa\u00dfen abends stundenlang auf der windgesch\u00fctzten Terrasse, plauderten, lachten, tranken und freuten sich daran, dass unserer Nachbarn sich nicht \u00fcber ruhest\u00f6renden L\u00e4rm beschwerten und auch verst\u00e4ndnisvoll blieben, als die heranwachsenden Teenager ihre lauten n\u00e4chtlichen Parties feierten.<br \/>\nAber nun wollten wir das Haus verkaufen, es war zu gro\u00df geworden f\u00fcr uns zwei, die vielen Treppen war m\u00fchsam zu erklettern, das Bad weit davon entfernt, altengerecht zu sein. Mit welchen Augen w\u00fcrde ein potentieller K\u00e4ufer das Haus sehen, jemand, der von au\u00dfen kam und nichts wusste von den Vorteilen, die unser Haus f\u00fcr eine Familie mit Kindern bieten w\u00fcrde.<br \/>\nSchon die Eingangst\u00fcr sieht aus wie alle Eingangst\u00fcren in der Stra\u00dfe, den Vorgarten umschlie\u00dft einer dieser abscheulichen gusseisernen Z\u00e4une, die noch aus den Vulkan-Zeiten stammt sicher in der Werft, in der er gefertigt worden war.<br \/>\n\u00bbWenn ich Terrorist w\u00e4re\u00ab, sagte einmal ein junger Kollege, der zum ersten Mal in unser Haus gekommen war, um als Co-Korrektor mit mir die Abi-Arbeiten durchzugehen, \u00bbdann w\u00fcrde ich mich bei euch verstecken.\u00ab Er lachte. \u00bbKeiner w\u00fcrde mich finden. Alle Eingangfronten sehen gleich aus.\u00ab Ich tat so, als f\u00e4nde ich die Bemerkung witzig.<\/p>\n<p>Ein Arztehepaar, mit dem wir uns angefreundet hatten, stolperte beim ersten Besuch \u00fcber die kleine Schwelle, die ins um einige Zentimer tiefer gelegenen Wohnzimmer f\u00fchrt, durchquerte mit schnellen Schritten die Distanz bis zu Terrasse, lie\u00df sich in die Korbst\u00fchle sinken und griff dankbar nach dem gek\u00fchlten Wei\u00dfwein, den mein Mann reichte.<br \/>\n\u00bbHerzlich willkommen!\u00ab, sagte er.<br \/>\nDie Arztgattin blickte recht erfreut auf das satte Gr\u00fcn des Rasens, ihr Blick wanderte zu der explodierenden Bl\u00fctenpracht des Apfelbaumes, sie musterte den hohen Fliederbaum am Ende des Grundst\u00fccks, die Rosenstr\u00e4uchern, die die Terrasse begrenzen und sagt<br \/>\n\u00bbEin kleines Paradies, vollst\u00e4ndig gesch\u00fctzt vorfremden Blicken. Wirklich sch\u00f6n.\u00ab<br \/>\n\u00bbSollte man nicht meinen\u00ab, sagte ihr Mann, der ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigt war f\u00fcr seine Direktheit. \u00bbSieht ja von der Stra\u00dfe nach nichts aus, dieses Haus. Aber ich muss meinen Eindruck revidieren.\u00ab Er hob sein Glas.<br \/>\nEs wurde noch ein netter Abend. Und sie sind sogar wiedergekommen. Zum Grillen. Das d\u00fcrfen sie in ihrem Garten nicht. Der Qualm st\u00f6rt die Nachbarn. Und gegen den Hund prozessieren die Nachbarn auch. Er w\u00fcrde zu viel bellen.<br \/>\nAber nun m\u00f6chten wir nach drei\u00dfig Jahren unser Haus verkaufen, wollen ein modernes Apartment in Stadtn\u00e4he. Altersgerecht. K\u00f6nnen wir uns das leisten? Wie werden potentielle K\u00e4ufer unser Haus sehen? Was ist das Haus wert?<br \/>\nInteressenten gibt es genug. Meistens Leute mit Kindern. Die jagen die Treppen hinauf und hinunter, suchen sich schon ihre Zimmer aus. Die Eltern allerdings werden immer stiller. Nichts ist plan in diesem Haus, noch nicht einmal die Flure: viele Stufen, Zimmer auf unterschiedlichen Ebenen, zwei Dachb\u00f6den, die im Laufe der Zeit ausgebaut wurden. Und dann erst die steile Treppe zum Halbkeller. Halsbrecherisch. Wir geben zu, die T\u00fcr muss abgeschlossen werden, wenn kleine Kinder im Haus wohnen. Viel zu gef\u00e4hrlich. Aus Altersgr\u00fcnden haben wir mittlerweile ein zweites Gel\u00e4nder angebracht, um nicht eines Tages mit dem Kopf voraus in den dunklen Abgrund zu stolpern. Denn nutzen tun wir ihn schon, den Keller. Alle Weinvorr\u00e4te lagern unten, Reisekoffer und die Winterschuhe. Und vor allen Dingen die vielen Bilder meines Mannes, die auf einen Platz an der Wand, warten, wenn die Konkurrenten abgeh\u00e4ngt werden.<br \/>\n\u00bbKein Null-Acht-F\u00fcnfzehn Architektur\u00ab, sagt ein Interessent. \u00bbDas muss man zugeben. Keiner dieser wei\u00dfen Bunker aus der Retorte.\u00ab<br \/>\nWir gucken hoffnungsvoll.<br \/>\n\u00bbAber \u2013 f\u00fcr uns wohl doch zu klein.\u00ab<br \/>\n\u00bbToller Dachboden\u00ab, sagt eine Frau, als mein Mann dem Paar sein Atelier oben zeigt. \u00bbIch male auch. Das Licht ist phantastisch. Gerade richtig. Aber &#8230; \u00ab<br \/>\nUnd dann versuchten sie, den Preis herunterzuhandeln.<br \/>\nNach drei Wochen und \u00fcber drei\u00dfig Hausbesichtigungen liegen wir abends ersch\u00f6pft und frustriert im Bett.<br \/>\n\u00bbWas nun?\u00ab, fragt mein Mann.<br \/>\n\u00bbWei\u00dft du was\u00ab, sage ich und knipse das Licht noch einmal an. \u00bbEhe wir unser Haus verschleudern und uns dann hoch verschulden, um eines dieser schicken Apartments im angesagten Viertel zu kaufen, nehmen wir doch lieber ein bisschen Geld in die Hand, renovieren die B\u00e4der und machen sie barrierefrei.\u00ab<br \/>\n\u00bbStimmt\u00ab, sagt mein Mann. \u00bbUnd die Treppen kommen wir immer noch gut hoch. Und so viel Platz kriegen wir nie wieder.\u00ab<br \/>\n\u00bbDann w\u00e4re Schluss mit eigenem Atelier unterm Dach und deiner Werkstatt im Garten\u00ab, sage ich. \u00bbUnd ich m\u00f6chte auch nicht auf dem K\u00fcchentisch meine Geschichten schreiben. Ich liebe meine unaufger\u00e4umte Butze mit Blick auf den Garten.\u00ab<br \/>\nDer wirklich erste ernsthafte Interessent rief am n\u00e4chsten Morgen an. Er habe mit der Bank gesprochen. Die Finanzierung sei gesichert.<br \/>\n\u00bbEs tut uns leid\u00ab, sage ich ihm. \u00bbWir haben es uns anders \u00fcberlegt. Wir verkaufen nicht.\u00ab<br \/>\nEr ist sehr entt\u00e4uscht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wir hatten im Internet eine Annonce aufgegeben, dass wir unser Haus im Bremer Norden verkaufen wollten. Einfach zu gro\u00df, nachdem die Kinder ausgezogen waren, der Garten zu arbeitsintensiv, die vielen Treppen und das alte, enge Bad nicht altengerecht. Es ist ein altes Haus, 1934 gebaut, sicher von einem Werftarbeiter, der beim Vulkan geschuftet hat. 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