{"id":2113,"date":"2021-03-16T19:14:55","date_gmt":"2021-03-16T18:14:55","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=2113"},"modified":"2024-11-14T18:36:27","modified_gmt":"2024-11-14T17:36:27","slug":"der-schrank","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/der-schrank\/","title":{"rendered":"Der Schrank"},"content":{"rendered":"<p>Der Schrank<\/p>\n<p>\u00bbKomm, Schatz, wir m\u00fcssen los!\u00ab<br \/>\nDie Mutter hat die T\u00fcr zum Kinderzimmer ge\u00f6ffnet, schaut verbl\u00fcfft in die leere Spielecke, dann zum Bett, sieht die zusammengekn\u00fcllte Bettdecke, unter der sich die Umrisse eines kleinen K\u00f6rpers abzeichnen.<br \/>\n\u00bbWas ist los, Svenja? Bist du m\u00fcde? Du kannst gleich bei Oma schlafen.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch will nicht bei Oma schlafen?\u00ab<br \/>\n\u00bbDu willst nicht bei Oma schlafen? Warum das denn nicht? Du gehst doch sonst gern zu Oma.\u00ab<!--more--><br \/>\nKeine Antwort. Die Mutter tritt an das Bett der Tochter, l\u00fcftet die Decke, sieht einen zerzausten Haarschopf und verweinte Augen.<br \/>\n\u00bbSchatz, h\u00f6r mal. Ich habe doch f\u00fcr heute Abend Theaterkarten. Das habe ich dir doch gesagt. \u00bb<br \/>\n\u00bbMit Papa?\u00ab<br \/>\n\u00bbSvenja, nicht wieder von vorne. Papa und Mama haben sich getrennt. Das habe ich dir doch erkl\u00e4rt. Aber Papa hat dich weiter lieb. Und am n\u00e4chsten Wochenende darfst du zu ihm.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch will nicht zu Papa. Ich hasse das neue Baby! Das schreit immer.\u00ab<br \/>\n\u00abSch\u00e4tzchen, das besprechen wir sp\u00e4ter. Du musst nicht zu Papa, wenn du nicht willst. Aber bitte, bitte, wir m\u00fcssen zu Oma. Verdirb mir nicht den Abend, bitte!<br \/>\n\u00bbIch habe Bauchweh\u00ab, jammert die Tochter.<br \/>\n\u00bbDas geht schon vorbei. Oma hat sicher was Leckeres f\u00fcr dich gekocht! Und ich sage ihr, dass du eine Stunde fernsehen gucken darfst. Das ist doch ein Angebot, aber?\u00ab<br \/>\nTr\u00e4nen rollen. \u00bbIch will, dass Papa wiederkommt. Papa soll kommen! Papa!\u00ab<br \/>\nIch habe dir das doch erkl\u00e4rt, Svenja. Papa kommt nicht wieder zu uns. Er hat jetzt eine andere Familie. Und nun zieh dich an.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch will nicht!\u00ab<br \/>\n\u00bbJetzt reicht es aber!\u00ab Die Mutter nimmt das M\u00e4dchen fest an die Hand. Zieht es aus dem Zimmer.<br \/>\n\u00bbN\u00e4chstes Jahr kommst du in die Schule und du verh\u00e4ltst dich wie ein Kleinkind.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch muss mal!\u00ab<br \/>\nIn Windeseile ist Svenja im Bad verschwunden, knallt die Badezimmert\u00fcr hinter sich zu. Die Mutter h\u00f6rt, wie sich der Schl\u00fcssel im Schloss dreht.<br \/>\n\u00bbNun ist aber Schluss mit dem Theater!\u00ab Die Mutter h\u00e4mmert mit der Faust gegen die T\u00fcr. \u00bbMach sofort auf!\u00ab<br \/>\n\u00bbNein. Ich mache nicht auf! Ich bleibe hier!\u00ab Lautes Weinen.<br \/>\nDie Mutter hebt den Telefonh\u00f6rer von der Station.<br \/>\n\u00bbJa, hallo Mami. Ich habe ein Problem. Svenja will heute Nacht nicht bei dir schlafen. Vielleicht kannst du ja ausnahmsweise herkommen. Bitte!\u00ab<br \/>\nSie lauscht in den H\u00f6rer.<br \/>\n\u00bbMami, ich habe keine Ahnung, was das Kind hat. Jetzt hat es sich auch noch im Badezimmer eingeschlossen. Ich wei\u00df nicht, was ich machen soll. Ich muss weg.\u00ab<br \/>\nWieder horcht sie auf die Stimme am anderen Ende der Leitung.<br \/>\n\u00bbDanke, Mama. Ja, versuch es, vielleicht kannst du sie ja noch \u00fcberreden. Wenn nicht, ich komme nach der Vorstellung sofort nach Hause.\u00ab<br \/>\n\u00bbSvenja, du kannst rauskommen. Oma kommt her. Du hast es mal wieder geschafft, deinen Willen durchzusetzen.\u00ab Sie verl\u00e4sst die Wohnung, rennt zum Auto.<\/p>\n<p>Als sie nach drei Stunden zur\u00fcckkommt und den Kopf ins Wohnzimmer steckt, h\u00e4lt ihre Mutter einen Finger vor die Lippen und l\u00e4chelt. Sie zeigt auf ein friedlich schlafendes Kind, das zugedeckt unter der bunten Sternchendecke auf dem Sofa liegt. Das Kuscheltuch hat es an seine Wange geschmiegt, das Stoffkaninchen liegt auf dem Kissen. Ein \u00bbMensch \u00e4rger dich nicht\u00ab steht auf dem Couchtisch, Kinderb\u00fccher liegen auf dem Teppich verstreut.<br \/>\n\u00bbAlles in Ordnung, Mama?\u00ab<br \/>\nIhre Mutter nickt.<br \/>\n\u00bbWas war denn los? Warum wollte Svenja nicht bei dir \u00fcbernachten?\u00ab<br \/>\n\u00bbWegen dem Bauernschrank?\u00ab<br \/>\n\u00bbWas f\u00fcr einen Bauernschrank?\u00ab<br \/>\nDu wei\u00dft doch, den wuchtigen Eichenschrank, den dein Vater damals gebaut hat. Auch die Tierk\u00f6pfe an der oberen Leiste hat er selbst geschnitzt. Deshalb wollte ich ihn nicht entsorgen, als ich in die kleine Wohnung zog. Zu viele Erinnerungen h\u00e4ngen dran.\u00ab<br \/>\n\u00bbAber den kennt Svenja doch nun seit ihrer Geburt.\u00ab<br \/>\n\u00bbAber sie wei\u00df nicht, was drin ist.\u00ab<br \/>\n\u00bbWieso, was ist denn da drin?\u00ab<br \/>\n\u00bbNa, was ist so in einem Schlafzimmerschrank drin: Bettw\u00e4sche, Handt\u00fccher, abgelegte Kleidungsst\u00fccke, H\u00fcte, M\u00fctzen, auch ein paar Fotoalben von fr\u00fcher. Krimskrams eben.\u00ab<br \/>\n\u00bbUnd was ist daran so gruselig, dass Svenja nicht mehr bei dir schlafen will?\u00ab<br \/>\n\u00bbTja, meine Liebe. Da musst du wohl ein ernstes W\u00f6rtchen mit deinem Ex-Mann reden. Du wei\u00dft, er war ja nie so mein Fall. Aber du hast ja nicht h\u00f6ren wollen.\u00ab<br \/>\n\u00bbMutter, nicht schon wieder!\u00ab<br \/>\n\u00bbNun gut, er konnte mich ja auch nicht besonders gut leiden. Das ist aber immer noch kein Grund, zu seiner Neuen zu sagen, seine Ex-Schwiegermutter h\u00e4tte auch einige Leichen im Schrank.\u00ab<br \/>\n\u00bbUnd das hat Svenja mitgekriegt? Skeletons in your closet? Na, dann ist ja klar, warum sie nicht mehr bei dir \u00fcbernachten will. Arme Kleine!\u00ab<br \/>\nSie streicht ihrer Mutter \u00fcber den Arm. \u00bbSoll ich dich jetzt nach Hause fahren oder machen wir nach der ganzen Aufregung eine Flasche Wein auf? Du kannst hier \u00fcbernachten, wenn du willst.\u00ab<br \/>\nVorsichtig nimmt sie Svenja auf den Arm und tr\u00e4gt sie ins Kinderzimmer.<br \/>\nAls sie zur\u00fcckkommt, funkelt der Rotwein schon in den Kristallgl\u00e4sern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Schrank \u00bbKomm, Schatz, wir m\u00fcssen los!\u00ab Die Mutter hat die T\u00fcr zum Kinderzimmer ge\u00f6ffnet, schaut verbl\u00fcfft in die leere Spielecke, dann zum Bett, sieht die zusammengekn\u00fcllte Bettdecke, unter der sich die Umrisse eines kleinen K\u00f6rpers abzeichnen. \u00bbWas ist los, Svenja? Bist du m\u00fcde? 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