{"id":2111,"date":"2021-03-16T19:09:50","date_gmt":"2021-03-16T18:09:50","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=2111"},"modified":"2024-11-14T18:59:33","modified_gmt":"2024-11-14T17:59:33","slug":"buecher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/buecher\/","title":{"rendered":"B\u00fccher"},"content":{"rendered":"<p>B\u00fccher<\/p>\n<p>Die Schriftstellerin Luise Rinser erz\u00e4hlt in ihren Memoiren, dass sie eines Tages ins Wohnzimmer kam und den kleinen Sohn bewegungslos auf dem Boden liegen sah, beide Arme weit ausgestreckt. Besorgt hatte sie sich sie sich \u00fcber ihn gebeugt.<br \/>\n\u00bbBist du krank, Liebling?\u00ab<br \/>\n\u00bbNein\u00ab, sagte der Kleine. \u00bbIch bin ein Buch. Und nun musst du hier bleiben und mich lesen.\u00ab<br \/>\nLuise Rinsers Muttergewissen wurde rabenschschwarz. Um Gottes willen, der Kleine dachte wohl, er m\u00fcsse sich in ein Buch verwandeln, damit sie ihn wahrnahm.<!--more--><\/p>\n<p>B\u00fccher hatten auch in Angelikas Familie eine gro\u00dfe Rolle gespielt. Die Kinder wurden zum Lesen angehalten, das geh\u00f6rte sich einfach f\u00fcr \u00bb<em>gebildete LeuteMenschen\u00ab<\/em>. Lesen, grammatisch richtig sprechen und nat\u00fcrlich eine fehlerfreie Rechtschreibung. Letzteres musste man perfekt beherrschen.<br \/>\n\u00bbWenn du mal einen Freund hast\u00ab, sagte ihr Vater, da war sie h\u00f6chstens zw\u00f6lf oder dreizehn Jahre alt, dann lassen wir den Jungen einen Brief schreiben und korrigieren ihn zusammen. Wenn er viele Fehler macht, wei\u00dft du, der ist nichts f\u00fcr dich.\u00ab<br \/>\nAngelikas Mutter lag ganze Sonntage auf dem Sofa und las Romane, ihr Vater interessierte sich eher f\u00fcr Sachb\u00fccher und Zeitungen. Nat\u00fcrlich Qualit\u00e4tspresse, auch wenn man damals diesen Ausdruck noch nicht kannte. Die Bildzeitung h\u00e4tte er nie anger\u00fchrt. Mit seinem fotografischen Ged\u00e4chtnis speicherte er alle Daten und Fakten ab und siegte auch noch w\u00e4hrend des\u00a0 Germanistikstudiums seiner Tochter bei jeder politischen Diskussion \u2013 es waren die 68er &#8211; , indem er ihr klarmachte, was sie alles nicht wusste. Er war durchaus kein Ekel, was seine Kinder betraf, aber eine gewisse Bildung forderte er ein. Seine Eltern stammten aus Kruppschen Arbeiterfamilien, hatten es ins Angestelltenverh\u00e4ltnis geschafft, waren <em>white collar worker<\/em> geworden , aber die Kinder \u00bb<em>sollten es besser haben<\/em>\u00ab.<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich passierte nie, dass ihr Vater auf dem Weg vom Sofa hin zu seinem zu wickelnden Baby bei der auf dem Tisch liegenden Zeitung h\u00e4ngen blieb und das Gepl\u00e4rr der kleinen Tochter v\u00f6llig \u00fcberfh\u00f6rte. Das passierte erst sp\u00e4ter &#8211; in Angelikas ersten Ehe mit einem Philosophieprofessor \u2013 , der es so gut wie nie schaffte, seiner Tochter mal die Windeln zu wechseln, weil er in Richtung Wickelkommode immer durch irgendwelche herumliegende Druckerzeugnisse\u00a0 aufgehalten wurde. Ein hochgebildeter Mann, ganz nach dem Herzen ihres Vaters \u2013 aber total familienuntauglich.<br \/>\nAuch nach ihrer Scheidung und als alleinerziehende Mutter sa\u00df die Familienpr\u00e4gung so tief, dass auch sie davon \u00fcberzeugt war, die Schulkarriere der Tochter nur dadurch sicherstellen zu k\u00f6nnen, dass sie die Kleine zwang, jeden Tag eine gewisse Anzahl von Seiten zu lesen. Mit den erpresserischen Worten:<em> Sonst darfst du nicht Sesamstra\u00dfe gucken.<\/em> Obwohl diese Sendung doch zum Bildungsprogramm geh\u00f6rte, wie zumindest amerikanische Bildungsforscher behaupteten.<br \/>\nAls die Tochter in die Pubert\u00e4t kam \u2013 nach schulischen Vorlesewettbewerben, Ballett, Klavierunterricht &#8211; fiel Angelika auf, dass sie sich immer weniger zu Hause aufhielt, sondern nach der Schule sofort zu ihrer Freundin Yasemin ging.<br \/>\nAuf ihre Frage: \u00bbWarum kommt Yasemin nicht mal mit zu uns? Warum gehst du immer zu ihr?\u00ab, sagte die Tochter ganz cool:<br \/>\n\u00bbBei Yasemin ist es viel sch\u00f6ner!\u00ab<br \/>\n\u00bbWarum ist es denn dort viel sch\u00f6ner?\u00ab Angelika war ziemlich angefasst.<br \/>\nDa sagte die Tochter voller Inbrunst: \u00bbBei Yasemin zu Hause gibt es keine B\u00fccher.e\u00ab<br \/>\nAngelika war still. Was sollte sie antworten? Ihr fiel nichts ein. Gar nichts.<br \/>\nNat\u00fcrlich machte die Tochter ihr Abi \u2013 die Freundin \u00fcbrigens auch. Die jungen Frauen studierten Sprachen, die eine wurde \u00dcbersetzerin, die andere Gymnasiallehrerin. Beide lesen heute wie die Teufel.<br \/>\nViel Zeit ist vergangen. Angelika ist mittlerweile eine stolze Gro\u00dfmutter. \u00dcber Facetime telefonierte sie neulich mit ihrem \u00fcber alles geliebten, neunj\u00e4hrigen Enkel. Ein hochbegabtes Kind, da war sie sich ganz sicher. So wie \u00fcbrigens alle Omas sich sicher sind, dass ihre Enkelkinder hochbegabt sind, besonders die Jungen.<br \/>\n\u00bbOma\u00ab, fragte er. \u00bbDie B\u00fccher an der Wand, hast du die alle gekauft?\u00ab<br \/>\n\u00bbJa, klar\u00ab, sagte sie.<br \/>\n\u00bbUnd hast du die alle gelesen?\u00ab<br \/>\n\u00bbDie meisten\u00ab, sagte sie.<br \/>\n\u00bbMama sagt, ich muss jeden Abend ein Kapitel aus einem Buch lesen und ihr den Inhalt erz\u00e4hlen, sonst darf ich nicht daddeln. Die ist echt gemein, die Mama!\u00ab<br \/>\nAngelika gr\u00fcbelt immer noch, was sie darauf h\u00e4tte antworten sollen. Dass seine Mama <em>einen Knall<\/em> hat? Sie musste unbedingt mit ihrer Tochter sprechen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>B\u00fccher Die Schriftstellerin Luise Rinser erz\u00e4hlt in ihren Memoiren, dass sie eines Tages ins Wohnzimmer kam und den kleinen Sohn bewegungslos auf dem Boden liegen sah, beide Arme weit ausgestreckt. Besorgt hatte sie sich sie sich \u00fcber ihn gebeugt. \u00bbBist du krank, Liebling?\u00ab \u00bbNein\u00ab, sagte der Kleine. \u00bbIch bin ein Buch. 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