{"id":2090,"date":"2021-01-24T18:08:36","date_gmt":"2021-01-24T17:08:36","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=2090"},"modified":"2022-03-25T20:48:08","modified_gmt":"2022-03-25T19:48:08","slug":"flanieren-in-corona-zeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/flanieren-in-corona-zeiten\/","title":{"rendered":"Flanieren in Corona &#8211; Zeiten"},"content":{"rendered":"<p>Die Weihnachtstage sind vorbei, der K\u00fchlschrank ist leer. Wir wollen zum Vegesacker Gr\u00fcnmarkt. Ok, nicht die ganze Strecke flanieren, sondern wir nehmen die Ebikes \u2013 Gott sei dank sind die Akkus aufgeladen! \u2013 und lassen uns die Lesumstra\u00dfe bis zum Fluss hinunterrollen. Es ist kalt und grau. B\u00f6iger Westwind bl\u00e4st uns heftig ins Gesicht. Es riecht nach Meer. Kreischende M\u00f6wen im Sturzflug. Ich friere. <!--more-->An der Einfahrt zum Yachthafen anhalten, Helm absetzen, blauen Buff \u00fcber den Kopf ziehen, Helm wieder aufsetzen, Schal fester um den Hals wickeln, Rei\u00dfverschluss bis zum Anschlag hochziehen. Ich puste noch einmal meinen warmen Atem in die H\u00e4nde, st\u00fclpe die gef\u00fctterten und viel zu gro\u00dfen Handschuhe \u00fcber, die allerdings das Drehen der Gangschaltung erheblich erschweren und kaum eine Feinjustierung zulassen. Wir radeln auf der Stra\u00dfe am Wasser entlang, stellen den Motor f\u00fcr den steilen Anstieg bis zum L\u00fcrssenschen G\u00e4stehaus auf die h\u00f6chste Stufe, schalten &#8211; oben angekommen &#8211; zur\u00fcck und lassen uns dann zu den Vier Deichgrafen hinunterrollen. Ich werfe einen Blick auf das einsam daliegende Segelschulschiff Deutschland, noch mit einer Lichterkette bis \u00fcber die Toppen geschm\u00fcckt. Ich frage mich, wie lange uns Bremen-Nordern der Anblick des gro\u00dfen Dreimasters erhalten bleibt, nachdem die Politik in ihrer unergr\u00fcndlichen Weisheit beschlossen hat, auf dem brachliegenden Grundst\u00fcck des Haven H\u00f6\u00f6vts &#8211; dieses zur Bauruine verkommene Symbol bremischer Gro\u00dfmannsucht \u2013 ein Hochhaus zu bauen, das den Blick auf die Windjammer verstellen wird. Der Schulschiff-Verein tobt.<br \/>\nWir radeln flink \u00fcber das Pflaster am Vegesacker F\u00e4hranleger vorbei zur Weserpromande, behalten die F\u00e4hre im Auge, die dabei ist, rumpelnd und schabend anzulegen. In wenigen Minuten wird die Mannschaft das Begrenzungstau loswerfen und die Dreier- Schlangen wartenden Autos werden mit stinkendem Auspuff und aufheulendem Motor die Rampe hinauffahren.<br \/>\nDie Strandlust liegt kalt und verlassen da. Restaurant und Hotel im Winterschlaf. Nein, kein Winterschlaf, eher ein verlassenes Geb\u00e4ude mit dunklen Fensterl\u00f6chern, hinter denen die Geister fr\u00f6hlicher Feste den Totenreigen tanzen. Man hat sich nicht einmal die M\u00fche gemacht, ein paar Lichterketten \u00fcber die Stra\u00fccher im Biergarten zu h\u00e4ngen, um die graue Trostlosigkeit zu d\u00e4mpfen..<br \/>\nWir fahren auf der betonierten Piste am Stadtgarten entlang, weichen Spazierg\u00e4ngern mit Hunden und kleinen Kindern aus, die quietschend vor Vergn\u00fcgen mit ihren Laufr\u00e4dern \u00fcber den Asphalt brettern, bewacht von Vorsicht rufenden M\u00fcttern. Ein kurzer Blick auf die protzige schwarze Luxusyacht an der L\u00fcrssen-Werft gegen\u00fcber.<br \/>\nWir radeln auf das seit einem Jahr geschlossen Restaurant der Gl\u00e4sernen Werft zu \u2013 einst unser Lieblingslokal mit leckerem Essen und einer grandiosen Aussicht auf die vorbeiziehenden Schiffe -, dann legen wir einen h\u00f6heren Gang ein und strampeln in Richtung Vegesacker \u00bbInnenstadt\u00ab. Gesch\u00e4fte zu beiden Seiten der unteren Gerhard-Rohlfs-Stra\u00dfe: Apotheke, Physio-Therapie-Studio, Sanit\u00e4tshaus, orthop\u00e4discher Schuster, alle L\u00e4den und Betriebe excellent versorgt mit Kunden aus der gro\u00dfen orthop\u00e4dischen Praxis der Knochenp\u00e4pste, passgenau f\u00fcr eine alt werdende Gesellschaft.<br \/>\nIn der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone werden wir sofort von einer \u00e4lteren Dame angemacht. Radfahren verboten. Kein Kotau vor einer meckernden Alten. Wir g\u00f6nnen uns noch ein paar langsame Meter und rollen aus. Schnell die Masken auf, sonst wird uns der n\u00e4chste Rentner eine R\u00fcge erteilen. Es ist Corona, Oma, wie mein Enkel sagt. Irgendeiner der selbsternannten Gesetzesh\u00fcter liegt sicher schon auf der Lauer. Ein m\u00e4chtiger, blau-gr\u00fcner Tannenbaum \u2013 Fichte, Tanne oder Kiefer? \u2013 steht mit dunklen, lila-rot geriffelten Kugeln vor dem Stadthaus. Ohne Lichter. Schade!<br \/>\nWir schieben unsere R\u00e4der zum Fischstand. Nachhaltiger Fisch wird versprochen, und in der Tat, hier mieft es nicht so wie bei der billigeren Konkurrenz auf der anderen Seite des Platzes. Der junge Mann hinterm Tresen ist gesch\u00e4ftst\u00fcchtig. Im Nu hat er uns \u00fcberzeugt, dass schwarze Tigerkrabben mit gr\u00fcner So\u00dfe das ideale Silvesteressen seien. Tigerkrabben? Nachhaltig? Ich bin skeptisch. Wir kaufen trotzdem. Der Seelachs heute Morgen in Bremerhaven habe ihm nicht gefallen, sagt der junge Mann, empfiehlt stattdessen Kabeljau. Nur eben ein bisschen teurer. Wir brauchen nicht viel heute Abend, wir haben keine G\u00e4ste. Die trauen sich alle nicht.<br \/>\nAm gro\u00dfen Gem\u00fcsestand begr\u00fc\u00dft uns die Chefin: Moin, l\u00e4nger nicht gesehen! Stimmt, seitdem die Volkshochschule am hinteren Ende des Marktplatzes geschlossen ist und kein Unterricht mehr stattfindet, bin ich seltener hier zum Einkaufen.<br \/>\nEinen Cappuccino- to- go am Lloyd Caffee-Stand. Leider sind die Stehtische hinter der Plane verboten worden. Wir schieben die R\u00e4der \u2013 den schwappenden Becher in der Hand &#8211; zu der nassen Holzbank gegen\u00fcber dem aufgemotzten, aber wegen Corona geschlossenen Friseurgesch\u00e4ft, fummeln die Masken unters Kinn. Die Sitze sind kalt und glitschig. Wir schnuppern den Duft des Kaffees, schl\u00fcrfen den hei\u00dfen Cappuccino im Stehen, w\u00e4rmen die H\u00e4nde am Becher und lasse ein paar M\u00fcnzen in den Instrumentenkasten des Weihnachtslieder spielenden Russen fallen, f\u00fcr die er sich freundlich bedankt. Armer Kerl, denke ich. Stundenlang auf diesem B\u00e4nkchen sitzend mit dem schweren Akkordeon! Es scheint sein Stammplatz zu sein, denn er hockt dort immer, wenn Markttag ist. Er spielt gut, soweit ich das beurteilen kann, die Musik immer der Jahreszeit angepasst. Er verdient in der Vegesacker Fu\u00dfg\u00e4ngerzone sicher mehr als beim Orchester seines Heimatlandes, beschwichtige ich mein schlechtes Gewissen.<br \/>\nUnter den Kl\u00e4ngen vom Jingle Bell schieben wir die Ebikes die Einkaufsstra\u00dfe entlang. Menschen mit Masken vor dem Gesicht stehen in Schlangen vor Drogerie Rossmann und der Sparkasse. Die ausgeschalteten Lichterketten schwanken im Wind. In der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone hat man im Sommer Robinien gepflanzt. Zwanzig, drei\u00dfig kleine, schlanke B\u00e4ume mit fiedrigen, hellgr\u00fcnen Bl\u00e4ttern. Eine Aktion des Beirats zur Stadtversch\u00f6nerung. Jetzt lehnen vor den fast kahlen B\u00e4umen gr\u00fcne Tannen mit roten Schleifchen. Sieht nett aus. Wenn es dunkel wird, werden die um den Baum gewickelten Lichterketten sicher angeschaltet. Ist dann \u00fcberhaupt noch jemand unterwegs?<br \/>\nWir sind sp\u00e4t dran. Die meisten Kunden haben ihre Eink\u00e4ufe l\u00e4ngst erledigt. Nein, Spa\u00df macht es nicht, an diesem grauen Silvevstermorgen im Nieselregen die R\u00e4der an den toten Scheiben der Gesch\u00e4fte vorbeizuschieben. Auch die Gesichter der Menschen sind grau. Missmutig. Es stinkt nach billigem Fett und Currywurst aus einer Imbissbude, vor der die kleine Tanne im Terrakotta-Topf mit einem flackernden Vorhang von elektrischen Kerzen die Aufmerksamkeit auf sich zieht.<br \/>\nVegesack verkommt. Versinkt in Bedeutungslosigkeit und Armut. Die Mehrzahl der Leute, die uns entgegenkommen, sind \u00e4lter als wir. Viele schieben Rollatoren vor sich her. Andere sehen so elend und abgerissen aus, so dass ich feige weggucke.\u00a0 Eine hochschwangere Afrikanerin mit einem Baby im Kinderwagen und einem Kleinkind an der Hand schaut sehns\u00fcchtig auf die Auslagen der Drogerie Douglas. Aber f\u00fcr solchen Luxus wird das Kindergeld nicht reichen. Jeden Montagmorgen stehen die jungen schwarzen Frauen bei der \u00d6kumenischen Starthilfe an f\u00fcr M\u00f6bel und W\u00e4sche und Spielsachen. Wie schrecklich m\u00fcssen die Lebensumst\u00e4nde in ihrem Heimatland sein, dass sie sich diesem elenden Leben aussetzen und ein Kind nach dem andern bekommen, um nicht ausgewiesen zu werden und um die Provision f\u00fcr die Schlepper abzustottern. Die V\u00e4ter dieser Kinder kassieren f\u00fcr ihre Dienste bis zu 5000 Euro pro Baby, wei\u00df das Sozialamt.<br \/>\nIm geschlossenen Bekleidungshaus Leffers haben sie sogar den Modepuppen glitzernde Ketten um die K\u00f6rper gelegt. Wir schieben die R\u00e4der an den letzten eher mickrigen Weihnachtsb\u00e4umen entlang, werfen einen Blick auf die gr\u00fcnen Girlanden \u00fcber uns, steigen auf die R\u00e4der und lassen uns die Sager-Stra\u00dfe hinunterrollen. W\u00e4hrend ich die teuren Weine und die Geschenkkisten mit den Weihnachtsk\u00f6stlichkeiten in der Schaufensterreihe von Scharringhausen bewundere, kauft mein Liebster im Laden f\u00fcr stolze acht Euro eine winzige Dose Sardellen f\u00fcr die gr\u00fcne So\u00dfe, die er am Silvesterabend zu den Tigerkrabben servieren wird. Aber auch der Gedanke an diese K\u00f6stlichkeit hebt meine Stimmung nur m\u00e4\u00dfig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Weihnachtstage sind vorbei, der K\u00fchlschrank ist leer. Wir wollen zum Vegesacker Gr\u00fcnmarkt. Ok, nicht die ganze Strecke flanieren, sondern wir nehmen die Ebikes \u2013 Gott sei dank sind die Akkus aufgeladen! \u2013 und lassen uns die Lesumstra\u00dfe bis zum Fluss hinunterrollen. Es ist kalt und grau. B\u00f6iger Westwind bl\u00e4st uns heftig ins Gesicht. 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