{"id":2071,"date":"2020-11-29T11:25:51","date_gmt":"2020-11-29T10:25:51","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=2071"},"modified":"2024-08-15T20:52:19","modified_gmt":"2024-08-15T18:52:19","slug":"kinderverschickung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/kinderverschickung\/","title":{"rendered":"Kinderlandverschickung"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf Bahnsteig 3 standen Eltern dichtgedr\u00e4ngt, aufgeregte, zappelnde oder still vor sich hinweinende Kinder an der Hand. Der Schnellzug von Essen nach Dageb\u00fcll \u00fcber Gelsenkirchen, Dortmund, Hamburg hatte drei\u00dfig Minuten Versp\u00e4tung. Es war Anfang November, die st\u00e4hlerne \u00dcberdachung bot nur behelfsm\u00e4\u00dfigen Schutz gegen Regen und Wind. M\u00fctter hatten die Kragen ihrer Kaninchenfellm\u00e4ntel hochgeschlagen und hielten den kleinen Sohn, die kleine Tochter an sich gedr\u00fcckt, halb in den w\u00e4rmenden Mantel geschlagen. Einige gr\u00f6\u00dfere Jungen tobten \u00fcber die Plattform, neckten die kleinen Geschwister und lie\u00dfen sich erst von den entnervten Worten ihrer V\u00e4ter zur\u00fcckpfeifen.<!--more--><\/p>\n<p>\u00bbMir ist so kalt\u00ab, sagte ein Kind und sah mit tr\u00e4nenschimmernden Augen zu seiner Mutter auf.<\/p>\n<p>\u00bbSch\u00e4tzchen, der Zug kommt gleich\u00ab, hie\u00df es. Und \u00bbIm Zug ist es sch\u00f6n warm.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbKommst du mit, Mutti?\u00ab, fragte das Kind.<\/p>\n<p>\u00bbDu wei\u00dft doch, dass das nicht geht.\u00ab Die Mutter hob das Kinn des kleinen M\u00e4dchens an, blickte es ernst an. \u00bbDas ist eine Ferienfahrt nur f\u00fcr Kinder, Gretelein. Ich habe dir das doch erkl\u00e4rt. Die Krankenkasse bezahlt den Aufenthalt f\u00fcr Kinder aus dem Ruhrgebiet, damit sie in der sch\u00f6nen Nordseeluft stark und gesund werden.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbIch bin doch stark und gesund\u00ab, jammerte das M\u00e4dchen und umklammerte die Mutter. \u00bbKlausi muss auch nicht weg. Der ist viel \u00f6fter erk\u00e4ltet als ich und hustet viel mehr.\u00ab<\/p>\n<p>Die Mutter z\u00f6gerte kurz und blickte zu ihrem Mann, der einen kleinen Jungen auf den Schultern trug, mit dem er <em>Hoppe, hoppe Reiter<\/em> spielte. Der Kleine quietschte vor Vergn\u00fcgen.<\/p>\n<p>\u00bbIch will nicht alleine verreisen.\u00ab Jetzt liefen die Tr\u00e4nen unaufh\u00f6rlich.<\/p>\n<p>\u00bbH\u00f6r mal Grete,\u00ab, mischte Papa sich ein, der die letzten Worte geh\u00f6rt hatte. \u00bbDu bist doch unsere Gro\u00dfe. Du kommst n\u00e4chsten Ostern in die Schule. Du wirst viel Spa\u00df haben mit den ganzen Kindern hier.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbIch kenne niemanden\u00ab, wimmerte Grete. \u00bbIch will bei euch bleiben.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDas geht nun nicht, Sch\u00e4tzchen\u00ab, sagte die Mutter entschieden. \u00bbDu bist angemeldet. Und da kannst du nicht einfach wegbleiben. Und guck mal, dahinten kommt Evelin . Die kennst du doch. Ihr k\u00f6nnt doch zusammen spielen.\u00ab<\/p>\n<p>Greta winkte heftig, aber Evelin zog ihre Mutter weiter und war im Nu von einer Gruppe von Schulkindern umringt. Gretas Mutter schaute verunsichert zu ihrem Mann, der die Stirn runzelte.<\/p>\n<p>\u00bbDie Wagen 5 und 6 sind f\u00fcr unsere Kinder reserviert\u00ab, sagte ein Mann mit einer Binde um den Arm, auf dem das Emblem der Krankenkasse aufgedruckt war<em>. <\/em>Schlie\u00dflich organisierte die Kasse den Kuraufenhalt, besa\u00df das Kinderheim auf F\u00f6hr, \u00fcbernahm alle Kosten.<\/p>\n<p>Ein Lautsprecher k\u00fcndigte die Einfahrt des D-Zuges an. Mit schrillem Pfeifen kam der Zug zum Stehen.<\/p>\n<p>\u00bbGelsenkirchen Hauptbahnhof\u00ab schnarrte der Lautsprecher. Die Worte waren kaum zu verstehen.<\/p>\n<p>Die T\u00fcren wurden aufgerissen, vier \u00e4ltere Frauen stiegen aus mit Listen In der Hand, machten ordentliche Haken hinter den Namen der mehr oder minder freiwillig einsteigenden Kinder, entwanden V\u00e4tern und M\u00fcttern mit energischem Griff die Kleinen, die sich an H\u00e4nde und M\u00e4ntel der Eltern klammerten.<\/p>\n<p>\u00bbSchnell, schnell. Wir haben nur vier Minuten Aufenthalt. Los geht`s!\u00ab<\/p>\n<p>Grete dr\u00fcckte die Nase ans Fenster, Tr\u00e4nen liefen \u00fcbers Gesicht. Der Vater winkte, bis der Zug nicht mehr zu sehen war.<\/p>\n<p>\u00bbOb das richtig ist?\u00ab, fragte er seine Frau, als sie zur Treppe gingen. \u00bbMir bricht es das Herz, sie so weinen zu sehen. Sie ist noch nicht mal sechs.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbAber bald\u00ab, sagte die Mutter. \u00bbOstern geht sie in die Schule. Und dann muss das aufh\u00f6ren mit den ewigen Erk\u00e4ltungen. Ich kann sie doch nicht andauernd aus der Schule nehmen.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbVielleicht sollten wir wegziehen aus dem Ruhrpott\u00ab, sagte der Vater. \u00bbDer schwarze Staub hier legt sich auf die Lungen, macht die Kinder krank.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbUnsinn\u00ab, sagte die Mutter. \u00bbWir sind auch beide hier gro\u00dfgeworden. Und \u2013 sind wir dauernd krank?. Grete wird die Zeit \u00fcberstehen. Und gesund wiederkommen.\u00ab<\/p>\n<p>Der Vater schwieg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Nach zehn Tagen kam die erste Ansichtskarte: Muscheln und Strand und eine wei\u00dfe Brandung.<\/p>\n<p><em>Liebe Mami, lieber Vati,<\/em><\/p>\n<p><em>hier ist es sch\u00f6n. Ich bin gerne am Strand und spiele mit den anderen Kindern. Die Tanten hier sind sehr lieb und wir haben viel Spa\u00df.<\/em><\/p>\n<p><em>Viele Gr\u00fc\u00dfe<\/em><\/p>\n<p><em>Eure Grete<\/em><\/p>\n<p>\u00bbSiehst du\u00ab, sagte Gretes Mutter zu ihrem Mann. \u00bbErst dieses Theater, und nun schreibt sie, es gef\u00e4llt ihr gut. Manchmal muss man hart bleiben. Zum Besten des Kindes.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDie Karte gef\u00e4llt mir nicht. Au\u00dferdem hat sie noch nie <em>Mami <\/em>oder<em> Vati<\/em> gesagt, immer nur <em>Mutti <\/em>und <em>Papa. <\/em>Nat\u00fcrlich kann sie nicht schreiben, aber sie hat auch den Text nicht diktiert. Das sind nicht ihre Worte.<em>\u00ab<\/em><\/p>\n<p>\u00bbNun f\u00e4ngst du an, dich verr\u00fcckt zu machen, Wolfgang. Da wird deinem Fr\u00e4ulein Tochter mal etwas abverlangt und schon erwacht dein Besch\u00fctzerinstinkt. Willst du etwa hinfahren?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbJa\u00ab, sagte der Mann. \u00bbDaran habe ich auch schon gedacht. Auf jeden Fall werde ich mit dem Heim telefonieren. Jetzt! Sofort!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbAber die m\u00f6gen das nicht, diese Anrufe. Die bringen die Kinder nur durcheinander, haben sie in der Vorbesprechung gesagt.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbMir egal\u00ab, sagte der Mann. \u00bbIch rufe an. Und ich werde auch mit Gretelein sprechen.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbTu, was du nicht lassen kannst\u00ab, sagte die Frau. Sie sah ihren Mann in den Flur gehen, h\u00f6rte das Ratschen der Telefonscheibe.<\/p>\n<p>Leise \u00f6ffnete sie die T\u00fcr einen Spalt. \u00bbSei bitte h\u00f6flich!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbWas? Ich kann meine Tochter nicht sprechen?\u00ab<\/p>\n<p>Er horchte in den H\u00f6rer. \u00bbWas sagen Sie? Grete ist krank? Nur eine unbedeutende Grippe? Warum werden wir\u00a0 Eltern nicht benachrichtigt?\u00ab<\/p>\n<p>Pause.<\/p>\n<p>\u00bbIch verbitte mir diesen Ton. Ich hysterisch? Es ist immer noch unsere Tochter. Wir sind die Erziehungsberechtigten!\u00ab<\/p>\n<p>Stille.<\/p>\n<p>Dann wieder der Mann: \u00bbMir ist egal, was die Regularien sagen. Meine Frau und ich machen uns Sorgen. Ich werde morgen fr\u00fch den Zug nehmen, um meine Tochter zu sehen.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbWie bitte? Das sei nicht erw\u00fcnscht, sagen Sie. Das ist mir egal.\u00ab<\/p>\n<p>Die Frau h\u00f6rte, wie ihr Mann den H\u00f6rer auf die Gabel knallte. Sein Gesicht war ganz wei\u00df, als er ins Wohnzimmer kam.<\/p>\n<p>\u00bbGretelein ist krank!\u00ab, sagte er.<\/p>\n<p>\u00bbHabe ich geh\u00f6rt\u00ab, sagte die Frau. \u00bbIch fahre mit. Ich bringe den Kleinen zu meiner Mutter.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie kamen zu sp\u00e4t. Grete hatte die Grippe nicht \u00fcberlebt. Die Heimleitung hatte den Notarzt viel zu sp\u00e4t gerufen. Aber vielleicht h\u00e4tte auch der nicht helfen k\u00f6nnen. Die winterliche Influenza hatte sich rasend schnell ausgebreitet. Viele Kinder waren ernsthaft erkrankt. Die Gesundheitsbeh\u00f6rde in Schleswig Holstein bestand darauf, alle Eltern zu informieren und sie zu bitten, ihre Kinder abzuholen. F\u00fcr Grete kamen alle Ma\u00dfnahmen zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Sie konnte ihren Eltern nicht mehr erz\u00e4hlen, wie sie dieses Heim gehasst hatte, wie sie gelitten hatte unter dem Zwang, den Teller leer essen zu m\u00fcssen, auch wenn man keine Erbsen mochte oder keinen Grie\u00dfpudding. Und wenn sie aufsprang und sich in der Toilette \u00fcbergab, kam eine der Tanten hinter ihr her und schimpfte, sie sei ein undankbares Kind. In Afrika m\u00fcssten die Kinder hungern. Sie konnte nicht mehr erz\u00e4hlen, dass sie die J\u00fcngste war und keinen Anschluss an die Schulkinder finden konnte. Sie konnte nicht erz\u00e4hlen, dass sie sich vor den Morgenspazierg\u00e4ngen am Strand gef\u00fcrchtet hatte, weil der Wind so schneidend kalt durch ihren Anorak pfiff, sodass sie auch noch am Nachmittag gefroren hatte. Sie konnte nicht erz\u00e4hlen, wie sehr sie die Bastelnachmittage verabscheut hatte, an denen man Schablonen mit weihnachtlichen Motiven ausschneiden und an die Fenster kleben sollte. Sie wollte nicht basteln, auch keine Sterne, sie wollte diese Adventslieder nicht singen, weil Evelin \u00fcber sie lachte und sagte, sie s\u00e4nge falsch. Wie oft hatte sie zum lieben Jesulein gebetet, sie zu retten, aber er hatte nur milde l\u00e4chelnd geschwiegen und die anderen Kinder hatten gespottet, weil sie die Engel nicht richtig ausschneiden, die Sterne nicht nach Anweisung der Tanten falten konnte. Und als sie dann am Ersten Advent ein Geschenk bekam, das sie begeistert auswickelte, aber in der Schachtel nur ein Baby in einem Holzbettchen lag, hatte sie allen Mut zusammengenommen und das Ding an die Wand geworfen. Zur Strafe musste sie ins Bett, ohne Abendessen. Zugenommen &#8211; jeden Morgen wurde die Waage ein unerbittlicher Richter &#8211; hatte sie auch nicht. Sie war eine Entt\u00e4uschung f\u00fcr alle wohlmeinenden Tanten, deren Auftrag es war, den Eltern pausbackige, fr\u00f6hliche Kinder zur\u00fcckzubringen.<\/p>\n<p>Das Gesundheitsamt leitete eine Untersuchung ein. Das Heim wurde geschlossen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Auf Bahnsteig 3 standen Eltern dichtgedr\u00e4ngt, aufgeregte, zappelnde oder still vor sich hinweinende Kinder an der Hand. Der Schnellzug von Essen nach Dageb\u00fcll \u00fcber Gelsenkirchen, Dortmund, Hamburg hatte drei\u00dfig Minuten Versp\u00e4tung. Es war Anfang November, die st\u00e4hlerne \u00dcberdachung bot nur behelfsm\u00e4\u00dfigen Schutz gegen Regen und Wind. M\u00fctter hatten die Kragen ihrer Kaninchenfellm\u00e4ntel hochgeschlagen und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-2071","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erzahlungen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2071","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2071"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2071\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2073,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2071\/revisions\/2073"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2071"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2071"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2071"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}