{"id":2047,"date":"2020-11-12T17:23:44","date_gmt":"2020-11-12T16:23:44","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=2047"},"modified":"2021-03-16T18:55:42","modified_gmt":"2021-03-16T17:55:42","slug":"new-york-new-york","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/new-york-new-york\/","title":{"rendered":"New York, New York"},"content":{"rendered":"<p>N.Y. 1966<\/p>\n<p>Sie war 19. Seit ein paar Tagen. Das Abitur lag hinter ihr. Ein guter Abschluss. Kein sehr guter. Dabei hatte sie in Mathe noch Gl\u00fcck gehabt.<br \/>\n\u00bbSchauen Sie nicht aus dem Fenster\u00ab, hatte der Mathe-Lehrer noch vor den Pr\u00fcfungen\u00a0 gesagt. \u00bbNoch haben Sie Ihr Abitur nicht in der Tasche.\u00ab<br \/>\nEr schien sie trotzdem zu m\u00f6gen. Sie hatte sich zusammengerissen. Gebetet, dass sie nicht in Bio gepr\u00fcft w\u00fcrde. Unf\u00e4hig, die Bl\u00e4tter der Buche von denen einer Linde zu unterscheiden. Konnte die Bl\u00f6deste in der Klasse. Sie nicht. Von Chemie ganz zu schweigen. Zahl oben oder Zahl unten. Wieso? Warum? Ein Buch mit sieben Siegeln.<!--more--><br \/>\nUnd nun sa\u00df sie im Flieger nach New York. Ihr Vater hatte zur Belohnung eine Amerikareise spendiert. Propellermaschine ab Frankfurt. Die Eltern hatten sie hingebracht. Von keiner Seite Tr\u00e4nen. Sie waren stolz auf ihre &#8211; wie sie meinten \u2013 kluge Tochter, die sich mit knapp 19 traute, allein in die Neue Welt zu reisen. Zu Onkel und Tante nach Michigan. Aber vorher \u2013 eine Woche New York! Sie hatte eine Adresse. Von Freunden von Freunden von Freunden der Eltern.<br \/>\nZwischenlandung in Reykjavik. Turbulenzen. Das Flugzeug wurde durchgesch\u00fcttelt.<br \/>\n\u00bbSt\u00fcrzen wir ab?\u00ab, fragte sie die alte Dame neben ihr. Die nahm die Augenbinde ab, die sie schon vor Beginn des Trans-Atlantik-Flugs angelegt hatte, blinzelte aus dem Fenster.<br \/>\n\u00bbIch glaube nicht\u00ab, sagte die alte Frau, t\u00e4tschelte beruhigend ihre Hand. \u00bbDort unten, schauen Sie, die Lichter von Reykjavik.\u00ab<br \/>\nLandeanflug. Shuttle ins Hotel. Moderner Bau. W\u00e4nde und B\u00f6den aus Holz. Cooles Design. Sehr skandinavisch.<br \/>\nDer Mann am Nebentisch war attraktiv. Suchte Augenkontakt. Lud sie zu einem Drink an der Bar ein. Nach zwei Monaten in den Staaten sei er auf dem R\u00fcckflug nach Frankfurt, sagte er. Ob sie schon einmal in den Staaten gewesen sei? Sie verneinte, f\u00fchlte sich geschmeichelt, dass der \u00e4ltere Mann sich f\u00fcr sie interessierte. Ging mit auf sein Zimmer. Es kam zu Z\u00e4rtlichkeiten. Sie wusste noch nicht einmal seinen Namen. Als er merkte, dass sie noch Jungfrau war, schickte er sie zur\u00fcck in ihr Zimmer. Das Risiko war ihm offensichtlich zu gro\u00df. Er hatte keine Kondome dabei. Sie war erleichtert. Gleichzeitig frustriert. War sie nicht attraktiv genug?<br \/>\nStadtrundfahrt am n\u00e4chsten Morgen. Baden in hei\u00dfen Quellen. Schnee am Beckenrand. Abends dann der Flieger zum John F. Kennedy Airport. Sie landeten am sp\u00e4ten Vormittag.<br \/>\nSie fuhr mit dem Bus zur Central Station. Wahnsinnsverkehr auf den Stra\u00dfen. Die Halle schwarz vor Menschen. Unabl\u00e4ssig rollten Busse hinein, fuhren ab. Sie fischte nach dem Zettel mit der Telefonnummer. Dr\u00fcben in New Jersey. Stand Schlange vor der Telefonzelle mitten auf der Fifth Avenue. Sie w\u00e4hlte die Nummer vom Zettel, h\u00f6rte die Stimme des Operators, den breiten amerikanischen Akzemt, verstand kein Wort. So hatte ihre Englischlehrerin nicht gesprochen. Sie hatten Shakespeare gelesen. \u00bbI Want &#8230;, could you &#8230;!\u00ab, stammelte sie.\u00a0 Die Antwort eine H\u00e4ufung von breiigen Lauten. War das Englisch? Sie f\u00fchlte Panik in sich hochsteigen, lie\u00df den H\u00f6rer zur\u00fcck auf die Gabel fallen, stie\u00df die Glast\u00fcr auf. Sekunden sp\u00e4ter klingelte es. Ein R\u00fcckruf in der Telefonzelle? Gab es sowas? F\u00fcr sie? Ihr Herz klopfte, sie raffte allen Mut zusammen, nahm\u00a0 den H\u00f6rer. \u00bbLove, please listen &#8230;\u00ab, sagte die Stimme von vorhin, aber diesmal ganz langsam und deutlich,\u00a0 im Zeitlupentempo. \u00bbKeep calm, love! I am going to help you.\u00ab Sie stotterte, \u00bbPlease, connect &#8230; telephone number &#8230;\u00ab Sie las die Nummer der Freunde von Freunden von Freunden vom Zettel. \u00bbOK, love, I`ll do my very best.\u00ab Sie h\u00f6rte das rasselnde Drehen der Wahlscheibe. Dann ein Tuten. Ein H\u00f6rer wurde abgenommen. Eine Nummer sauste an ihr Ohr.<br \/>\n\u00bbIch bin, ich bin &#8230;\u00ab Sie war den Tr\u00e4nen nahe. Von wegen Weltenbummlerin. Sie konnte doch jetzt nicht ins Telefon schluchzen. Aber die Stimme wurde freundlich, sprach Deutsch. \u00bbHallo, Darling. Wir haben schon auf deinen Anruf gewartet. Wo bist du?\u00ab<br \/>\nUnd dann war auf einmal alles ganz einfach. Sie bekam die richtige Busnummer und fuhr von der Central Bus Station direkt nach New Jersey. Die Gasteltern standen wartend an der Haltestelle und nahmen sie in den Arm. \u00bbDu traust dich was. So ganz allein nach New York! You are very self-sufficient, my dear!&#8220;<br \/>\nWar sie das wirklich?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>N.Y. 1966 Sie war 19. Seit ein paar Tagen. Das Abitur lag hinter ihr. Ein guter Abschluss. Kein sehr guter. 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