{"id":2028,"date":"2020-09-02T11:42:36","date_gmt":"2020-09-02T09:42:36","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=2028"},"modified":"2020-11-19T18:57:34","modified_gmt":"2020-11-19T17:57:34","slug":"liebeserklaerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/liebeserklaerung\/","title":{"rendered":"Liebeserkl\u00e4rung an Venedig"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Venedig,<\/strong><\/p>\n<p>sage ich, ist das Ziel meiner Tr\u00e4ume,<br \/>\ndie Sch\u00f6ne am Meer,<br \/>\nim Wasser schwebend,<br \/>\nluftig und leicht,<br \/>\nvon der Sonne gestreichelt<br \/>\nim unendlichen Blau des Himmels,<br \/>\nschwebend wie eine Fata Morgana,<br \/>\ndie Stadt Tintorettos und Veroneses,<br \/>\nBellinis und Caravaggios,<br \/>\nTizians und Giottos,<br \/>\ndie Stadt der Maler und Musiker,<br \/>\nder Pal\u00e4ste und Br\u00fccken.<\/p>\n<p>Du aber sagst,<br \/>\nVenedig, das sei doch die Stadt<br \/>\nder Touristenmassen,<br \/>\nwo die Schatten<br \/>\nder Kreuzfahrtschiffe den Dom verdecken.<br \/>\nVenedig, das sei doch die Stadt der Skandale,<br \/>\nwo die Industrie die Lagune vergiftet<br \/>\nund die Fische tot im Wasser schwimmen.<br \/>\nVenedig, das sei doch die Stadt<br \/>\nder Mafiabosse,<br \/>\nwo eine korrupte Verwaltung<br \/>\ndie Fassaden verrotten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Venedig, das sei<br \/>\neine Stadt des Untergangs,<br \/>\nauf Pf\u00e4hlen gebaut,<br \/>\ndie im Schlammwasser verrotten.<br \/>\nVenedig, die Stadt mit den dunklen Gassen,<br \/>\nwo Kinderw\u00e4sche<br \/>\nzwischen verfallenen H\u00e4usern h\u00e4ngt,<br \/>\nwo\u00a0 Einheimische die Flucht ergreifen,<br \/>\nweil die Mieten zu hoch<br \/>\nund die Wohnungen zu teuer sind.<br \/>\nVenedig, eine Stadt,<br \/>\naus der die Venezianer fliehen,<br \/>\ndas Leben den VIPs \u00fcbergeben,<br \/>\ndie mit Geld und Korruption<br \/>\nsogar Donna Leon resignieren lassen.<\/p>\n<p>Ich aber mag die 400 Br\u00fccken und 177 Kan\u00e4le,<br \/>\ndie dreitausend Gassen und dunklen G\u00e4nge,<br \/>\nich mag die schwarzen Gondeln,<br \/>\nauch wenn sie\u00a0 Trauer tragen.<br \/>\nIch mag die jungen Paare<br \/>\nauf dem Canale Grande,<br \/>\ndie Herrschaftsh\u00e4user und Pal\u00e4ste,<br \/>\nMonumente einer vergangenen gro\u00dfen Zeit.<br \/>\nIch mag den schmachtenden Gesang der Gondoliere,<br \/>\ndie Gigolos auf der Piazza,<br \/>\ndie ewig nickenden, gierigen Tauben,<br \/>\ndas schwarze Klavier auf dem Markusplatz.<br \/>\nIch mag den Palazzo Ducale<br \/>\nmit der Bleikammer, in der auch<br \/>\nCasanova einst darbte.<br \/>\nDas Gletto und die Seufzerbr\u00fccke.<br \/>\nIch mag den bronzenen L\u00f6wen<br \/>\nhoch auf der S\u00e4ule<br \/>\ndie Tauben bewachend,<br \/>\ndie gierig gurrend<br \/>\ndie K\u00f6rner picken,<br \/>\ndie die Touristen ihnen mit lockerer Hand<br \/>\nvor die ewig nickenden K\u00f6pfe streu\u2019n.<br \/>\nIch mag die Stadt der Liebenden und Verf\u00fchrer,<br \/>\nder Herz\u00f6ge und Verbrecher,<br \/>\nder K\u00fcnstler und Kirchenleute,<br \/>\nder H\u00e4ndler und kleinen Leute.<br \/>\nUnd ich mag \u2013<br \/>\ndie Questura von Commissario Brunetti.<\/p>\n<p>Oh Venedig, du K\u00f6nigin der Meere,<br \/>\ndu Mekka der H\u00e4ndler und Abenteurer,<br \/>\nder heiligen Gebeine und der geraubten Sch\u00e4tze,<br \/>\nOrt der Hoffnung und der Verzweiflung.<br \/>\nDeine tausendj\u00e4hrige Geschichte<br \/>\nweht uns an<br \/>\nauf jeder sonnendurchgl\u00fchten Piazza<br \/>\nund auf den dunkelsten Kan\u00e4len.<br \/>\nIch mag die Rialtobr\u00fccke,<br \/>\nden Markt mit den bunten Blumen,<br \/>\nmit dem \u00fcberteuerten Obst und Gem\u00fcse<br \/>\nund all dem touristischen Kitsch.<br \/>\nIch mag die Restaurants und Bars,<br \/>\ndie Caf\u00e8s und Trattorias.<br \/>\nUnd den Wei\u00dfwein,<br \/>\nden auch der Commissario trinkt.<\/p>\n<p>Venedig, du alte Geliebte,<br \/>\ndu Sehnsuchtsort und verlorenes Paradies,<br \/>\nverfallen, zerst\u00f6rt,<br \/>\ndie Luft verpestet durch Vaporettos,<br \/>\nund Chemieabgase.<br \/>\nDie Fundamente der Pal\u00e4ste zerst\u00f6rt<br \/>\ndurch schlammig-giftiges Kanalwasser.<br \/>\nNoch bist du nicht untergegangen,<br \/>\nerdr\u00fcckt von Touristenmassen,<br \/>\naufgefressen von Gier und Kommerz,<br \/>\nvon Geldw\u00e4sche und Korruption.<br \/>\nNoch gibt es Tage<br \/>\nim Winter und Herbst,<br \/>\nda geh\u00f6rt Venedig den Flaneuren,<br \/>\nden Kunstliebhabern und M\u00fc\u00dfigg\u00e4ngern.<br \/>\nIm Dom das<em> Ave Maria<\/em> einer<br \/>\ndunklen Frauenstimme.<br \/>\nVor der Kirche ein Bettler<br \/>\nan seiner Geige zupfend.<br \/>\nDie Sonne bricht durch<br \/>\nglitzernd auf dem Acqua alta,<br \/>\nwo Einheimische und Besucher<br \/>\nin Gummistiefeln<br \/>\n\u00fcber die Holzplanken gehen.<br \/>\nKein Krieg hat dich vernichtet,<br \/>\ndie Vandalen dich nicht zerst\u00f6rt.<br \/>\nDu hast \u00fcberlebt.<br \/>\nBis jetzt!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Venedig, sage ich, ist das Ziel meiner Tr\u00e4ume, die Sch\u00f6ne am Meer, im Wasser schwebend, luftig und leicht, von der Sonne gestreichelt im unendlichen Blau des Himmels, schwebend wie eine Fata Morgana, die Stadt Tintorettos und Veroneses, Bellinis und Caravaggios, Tizians und Giottos, die Stadt der Maler und Musiker, der Pal\u00e4ste und Br\u00fccken. Du [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-2028","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gedicht"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2028","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2028"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2028\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2059,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2028\/revisions\/2059"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2028"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2028"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2028"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}