{"id":2001,"date":"2020-05-03T15:33:57","date_gmt":"2020-05-03T13:33:57","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=2001"},"modified":"2023-11-22T19:27:18","modified_gmt":"2023-11-22T18:27:18","slug":"liebe-in-zeiten-von-corona","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/liebe-in-zeiten-von-corona\/","title":{"rendered":"Liebe in Zeiten von Corona"},"content":{"rendered":"<p>Nat\u00fcrlich hatte Margrit damals ihren Gabriel Marquez gelesen. B\u00fccher zu lesen war das einzige Mittel, aus der engen Gegenwart zu fl\u00fcchten. \u00bbLiebe in Zeiten der Cholera\u00ab, ein absolutes Muss in den 80ern. \u00dcber 50 Jahre hatte Florentino Ariza auf Fermina Daza gewartet. Als junger Mann hatte er sich in sie verliebt, verliebt in ihr Gesicht, in den Klang ihrer Stimme, in ihr L\u00e4cheln. Er hatte ihr Liebesschw\u00fcre geschickt, sie mit Blumen vor der Haust\u00fcr \u00fcberfallen, alles umsonst. Ein Doktor Juvenal Urbino war die bessere Partie gewesen, nicht nur f\u00fcr die Eltern, auch f\u00fcr Fermina. Nat\u00fcrlich hatte er nicht jungfr\u00e4ulich auf sie gewartet.Er hatte geheiratet, mehrere wohlgeratene Kinder gezeugt. Und dann \u2013 mit \u00fcber 80 trafen sie sich wieder und erf\u00fcllten ihre Tr\u00e4ume, so beschreibt es der kolumbianische Autor Gabriel Garc\u00eda Marquez in seinem Roman \u00bbEl amor en los tiempos del c\u00f3lera.\u00ab<!--more--><br \/>\nAuch Margrit hatte ihre Tr\u00e4ume. M\u00e4dchen brauchen kein Abitur, sagte ihre unverheiratete Mutter, die es wissen musste. Wichtig sei nur, einen anst\u00e4ndigen Beruf zu haben, sich ern\u00e4hren zu k\u00f6nnen. Und was noch wichtiger sei, unabh\u00e4ngig von den finanziellen Zuwendungen eines Mannes leben zu k\u00f6nnen. Das hatte ihr die Mutter vorgelebt. Die uneheliche Tochter allein gro\u00dfgezogen. Das Kind einer einzigen Nacht mit diesem gutaussehenden Schiffsbauingenieur, der sich vom Acker machte, als er h\u00f6rte, seine Zufallsbekanntschaft erwarte ein Kind. Er lie\u00df sich doch nicht erpressen und anbinden. Mutters Stolz war gro\u00df. Sie bettelte nicht um Almosen, wurde unterst\u00fctzt von ihrer Familie.<br \/>\n\u00bbDie Deern kriegen wir auch noch gro\u00df\u00ab, sagte die Gro\u00dfmutter und betreute das Kind an den Werktagen. Margrit wurde \u00e4lter, versuchte, ihren Vater zu finden. Hoffnungslos! Die Mutter weigerte sich strikt, den Namen dieses \u00bbVersagers\u00ab preiszugeben. Den fand Margrit viel, viel sp\u00e4ter. Da war er schon tot. Hatte die ganze Zeit in der N\u00e4he gelebt, ein paar Kilometer von Flensburg entfernt.<br \/>\nNach der Schule machte Margrit eine Lehre. Als Friseurin.<br \/>\n\u00bbHaare lassen sich die Leute immer schneiden \u00ab, sagte ihre praktische Mutter. \u00bbUnd die Frauen wollen Dauerwellen. Wenn du gut bist und flei\u00dfig, kannst du dich selbstst\u00e4ndig machen. Lass nur die Finger von den Kerlen.\u00ab<br \/>\nAber wie sollte das funktionieren? Hatte doch auch bei der Mutter nicht funktioniert. Margrit war gro\u00df und blond und lebenslustig. Ihr dichtes Haar fiel auf die Schultern, das Gesicht war gut geschnitten mit breiten Wangenknochen, die Augen gro\u00df und blau.<br \/>\n\u00bbDu hast einen Schlafzimmerblick\u00ab, sagte die Mutter und schaute die Tochter streng an. \u00bbDie Kerle werden Schlange stehen.\u00ab Sie wusste offensichtlich, wovon sie sprach. Margrit glich ihr aufs Haar, eine j\u00fcngere Ausgabe ihrer selbst.<br \/>\nMargrit verstand erst gar nicht, was die Mutter meinte. Nat\u00fcrlich bemerkte sie, dass die Jungen in ihrer Berufsschulklasse Interesse zeigten. Sie anhimmelten. Das genoss sie. Aber m\u00f6gen, wirklich m\u00f6gen tat sie keinen. Die waren ihr alle viel zu jung, diese tollpatschigen Bengels. Sie mochte die Ausbildung, die praktische Arbeit im Friseursalon, sie ging gerne in die Berufsschule, lie\u00df sich von den jungen M\u00e4nnern einladen zu Kaffee und Eis. Auch mal ein Bier.<br \/>\nBei einem Tanzabend im Ruderclub traf sie Frederik, ein paar Jahre \u00e4lter als sie. Er war D\u00e4ne, kam aus Kopenhagen, wo seine Eltern eine gutgehende B\u00e4ckerei betrieben. Auch er lernte B\u00e4cker, aber seine deutsche Mutter hatte darauf bestanden, dass er die Ausbildung bei ihrer Schwester in Flensburg machte. Er sah gut aus, gro\u00df, wirrer dunkler Haarschopf, blaue, frech blickende Augen, ein T\u00e4nzer, der ihr nicht wie ihre Klassenkameraden andauernd auf den F\u00fc\u00dfen stand, sondern sie herumwirbelte, dass ihr H\u00f6ren und Sehen verging. Liebe auf den ersten Blick? Auf jeden Fall klebte er den ganzen Abend an ihr. Das gefiel Margrit. Gefiel ihr sehr. Er f\u00fchrte gut, hatte ein gutes Rhythmusgef\u00fchl, hielt sie fest umschlungen, fl\u00fcsterte in ihr Ohr, wie attraktiv sie sei und wie gut sie tanze.. Er spendierte ihr ein Glas Sekt, das sie \u2013 an Alkohol nicht gew\u00f6hnt \u2013 ein bisschen beschwipst machte. H\u00e4ndchenhaltend brachte er sie zum Bus. Eine kurze Umarmung, ein fl\u00fcchtiger Kuss, mehr nicht. Aber sie hatten ihre Adressen ausgetauscht. Und trafen sich immer \u00f6fter. Konnten die H\u00e4nde nicht voneinander lassen. Margrits erster sexueller Kontakt. Vorsichtig, suchend, beide unerfahren, voller Angst. Blo\u00df kein Kind, h\u00e4mmerte es in Margrits Kopf. Blo\u00df nicht schwanger werden. Nicht das Leben versauen wie die Mutter. Aber hatte die Mutter ihr Leben versaut? Sie hatte doch sie, Margrit.<br \/>\nFrederik bestand seine Gesellenpr\u00fcfung, arbeitete noch ein paar Monate in der B\u00e4ckerei seiner Tante in Flensburg, wurde aber dann von seinen Eltern nach Kopenhagen zur\u00fcckbeordert, um in der familieneigenen B\u00e4ckerei seiner Eltern mitzuhelfen und sich auf die sp\u00e4tere \u00dcbernahme des Betriebs vorzubereiten. Tr\u00e4nen auf beiden Seiten.<br \/>\n\u00bbDu kommst nach Kopenhagen&#8220;, sagte Frederik. \u00abNat\u00fcrlich kommst du nach Kopenhagen. Ich liebe dich.\u00ab<\/p>\n<p>Sie schrieben sich Briefe, Liebesbeteuerungen ohne Ende. Da es bei Margrit zu Hause kein Telefon gab, verbrachte sie Stunden in Telefonzellen, immer wieder herausgetrieben von ungeduldig an die Scheiben trommelnden Zeitgenossen. Nach sechs Wochen kam die Einladung nach Kopenhagen. Seine Eltern w\u00fcrden sich freuen, sie kennenzulernen. Kampf mit der Chefin um ein verl\u00e4ngertes Wochenende. Die Chefin blieb hart.<br \/>\n\u00bbWarum willst du unbedingt nach Kopenhagen?\u00ab, fragte die Chefin misstrauisch. Im Nachhinein wusste Margrit nicht mehr, welche Antwort sie sich zusammengefaselt hatte. Die Chefin schaute sie an, glaubte kein Wort.<br \/>\n\u00bbAm Dienstagmorgen kommst du p\u00fcnktlich zur Arbeit! Sonst fliegst du raus.\u00ab<br \/>\nFreitags durfte sie fr\u00fcher gehen, um den Zug nach Kopenhagen zu erreichen, am Montagabend m\u00fcsse Margrit aber zur\u00fcckfahren. Dienstag war ein normaler Arbeitstag im Friseursalon, da gab es kein Pardon.<br \/>\nSeltsamerweise hatte Margrit mit der Mutter keine Schwierigkeiten. Sie schien an den Wochenendausflug mit der Freundin zu glauben.<br \/>\n\u00bbSeid vorsichtig!\u00ab, war alles, was sie sagte und blickte ihrer Tochter in die Augen. \u00bbEin Wochenende ist kurz. Die Konsequenzen sind lebenslang.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch wei\u00df, Mama!\u00ab<br \/>\nFrederiks Eltern waren nett, wirklich nett. Sie holten sie in ihrem Volvo vom Bahnhof ab, luden sie zum Abendessen ein. Frederik strahlte. Streichelte immer wieder ihren Arm. K\u00fcsste ihre Wange, wenn die Eltern abgelenkt waren. Schlafen tat sie bei der Schwester des Vaters. Eine freundliche D\u00e4nin, die die jungen Leute nicht aus den Augen lie\u00df.<br \/>\nEin gro\u00dfes Besichtigungsprogramm am Samstag und Sonntag: Spaziergang hinaus zur kleinen Meerjungfrau, Amalienborg, am fr\u00fchen Abend der Vergn\u00fcgungspark Tivoli, Margrit und Frederik Hand in Hand. Der Vater spendierte Bier und W\u00fcrstchen. Die Eltern waren unerm\u00fcdlich besch\u00e4ftigt, Margrit die Sehensw\u00fcrdigkeiten der Stadt zu zeigen. Wollten sie ihr Kopenhagen schmackhaft machen? Sie in die d\u00e4nische Hauptstadt locken? Sonntagmorgens Kirchgang, gemeinsames Mittagessen, Nationalmuseum. Am n\u00e4chsten Tag \u2013 der Vater hatte sich freigenommen \u2013 Autofahrt an den Strand.<br \/>\nMargrit nahm am Montagabend den Zug nach Flensburg,\u00a0 sie hatte keine einzige Stunde mit Frederik allein verbracht. Immerhin standen sie ohne seine Eltern auf dem Bahnsteig und k\u00fcssten sich. Leidenschaftlich.<br \/>\n\u00bbIch schreibe dir\u00ab, sagte Frederik und dr\u00fcckte Margrit an sich. \u00bbEs tut mir leid!\u00ab<br \/>\n\u00bbMir auch\u00ab, sagte Margrit.<br \/>\nEin paar Wochen sp\u00e4ter dann der Brief. Voller Entschuldigungen. Da sei eine andere Frau. Tochter eines B\u00e4ckereibetriebes aus der Nachbarschaft. Er sei traurig, wirklich, aber seine Eltern &#8230;, er w\u00fcrde sie nie vergessen, sie k\u00f6nnten ja gute Freunde bleiben, er w\u00fcrde sich melden, blablabla &#8230; . An dieser Stelle zerriss Margrit den Brief und weinte. Die Mutter sah ihre verheulten Augen, unterlie\u00df jeden Kommentar.<br \/>\nIm Flensburger Ruderclub die Herzensfreundin Gundula, deren Bruder Jens-Peter schon seit l\u00e4ngerem um Margrit herumschw\u00e4nzelte. Gutaussehend, charmant, mehr als ein Trostpflaster f\u00fcr die fehlgeschlagene Liebe. Sie mochte Jens-Peter, mochte ihn immer lieber, sie ruderten auf der Flensburger F\u00f6rde, beteiligten sich an Wettk\u00e4mpfen, feierten fr\u00f6hliche Feste im Wassersport-Verein. Als sie schwanger wurde, bestellten sie das Aufgebot. Der Sohn wurde geboren, ein paar Jahre sp\u00e4ter die Tochter. Jens-Peter verdiente gut mit seiner vom Vater \u00fcbernommenen Autowerkstatt, sie bauten ein Haus. Die Kinder wurden gr\u00f6\u00dfer, Margrit machte einen Schreibmaschinenkurs, lernte kaufm\u00e4nnisches Rechnen, kniete sich immer mehr hinein in die B\u00fcroarbeit der expandierenden Werkstatt. Eine gelungene Ehe. Ein gelungenes Leben. Sicherlich, es gab gute und schlechte Zeiten, die Kinder verlie\u00dfen das Haus, der Mann \u00fcbergab die Firma einem Nachfolger, der Sohn hatte kein Interesse, studierte Medizin. Sch\u00f6ne gemeinsame Reisen, dann wurde Jens-Peter krank, starb nach einigen Monaten an einem Herzinfarkt. Margrit war auf sich allein gestellt, kam gut klar, beaufsichtigte die Kinder ihrer berufst\u00e4tigen Tochter, hielt den Kontakt zu den alten Freunden. Wurde oft eingeladen.<br \/>\nUnd dann kam der Brief aus Kollund Skov, einem St\u00e4dtchen nahe der d\u00e4nischen Grenze, das sie gut kannte von den sonnt\u00e4glichen Radtouren. Der Absender sagte ihr im ersten Augenblick nichts. Ordentlich wie sie war, schlitzte sie den Brief mit einem Messer auf, r\u00fcckte ihre Brille zurecht, entfaltete den Briefbogen.<br \/>\n\u00bbLiebe Margrit\u00ab begann er. \u00bbDu wirst sicherlich erstaunt sein, von mir zu h\u00f6ren\u00ab. Margrits Augen wanderten nach unten und dort sah sie den Namen des Absenders: \u00bbDein Frederik\u00ab. F\u00fcr einen kurzen Moment schnappte sie nach Luft. Ihr Frederik? Der Frederik, der sie so schn\u00f6de hatte sitzen lassen? Zu feige, um sich gegen seine Eltern zu wehren. Der sich hatte verkuppeln lassen?<br \/>\nEr habe so sehr gehofft, dass sie noch in Flensburg leben w\u00fcrde. Ihre Adresse habe er \u00fcber den Ruderclub bekommen, er wisse ja nur ihren Vornamen und ihren alten M\u00e4dchennamen. Er sei extra nach Flensburg gefahren und habe im Club nachgefragt.<br \/>\nUnd die haben ihm meine Adresse gegeben, \u00fcberlegte Margrit? Das ging doch gar nicht. Auch wenn Frederik ein ehemaliger Clubkamerad war.<br \/>\nSie las weiter, erfuhr, dass auch Frederik Rentner sei, seine Frau vor ein paar Jahren verloren habe, und in sein kleines Ferienhaus in Kollund Scov gezogen sei, in der N\u00e4he der Familie seiner Tochter. Er f\u00fchle sich dort eigentlich sehr wohl. Eigentlich? Was sollte das denn hei\u00dfen, dachte Margrit. Sollte sie den Brief gleich zerkn\u00fcllen und in den Papierkorb werfen? Nein, daf\u00fcr war sie doch zu neugierig, was dieser alte Frederik ihr zu sagen hatte. Er habe sie nie wirklich vergessen, schrieb er. Nichts gegen seine Frau, sie war ihm eine gute Frau, aber sie, Margrit, sei seine gro\u00dfe Liebe gewesen und immer geblieben. Er wolle nur wissen, wie es ihr gehe. Vielleicht k\u00f6nnte sie ihm einmal schreiben. Er w\u00fcrde sich dar\u00fcber sehr freuen. Und dann dieses \u00bbDein Frederik\u00ab. Er ist nicht mein Frederik, sagte Margrit halblaut. Was bildet er sich ein!<br \/>\nEin paar Tage lie\u00df sie den Brief auf ihrer Anrichte im Wohnzimmer liegen. Sollte sie antworten? Oder besser nicht? Am vierten Abend, nach einem kleinen Glas Himbeerlik\u00f6r, dass sie sich abends manchmal g\u00f6nnte, kramte sie ihren alten Pelikanf\u00fcller heraus, \u00fcberpr\u00fcfte die Patrone, suchte eine Ansichtskarte mit einem Foto der F\u00f6rde.<br \/>\n\u00bbLieber Frederik!\u00ab Nein, das ging gar nicht. Er war nicht ihr lieber Frederik.<br \/>\n\u00bbHej\u00ab, schrieb sie. \u00bbHej Frederik! Det gar meget godt. Mange hilsener, Margrit.\u00ab Ein bisschen D\u00e4nisch konnte sie als Grenzbewohnerin schlie\u00dflich auch. Mehr wollte sie nicht schreiben. Sie hatte ein Lebenszeichen von sich gegeben, geschrieben, dass es ihr gut ging. Das reichte. Sie hatte auch ihren Stolz. Wenn der meinte, nach so langer Zeit, k\u00f6nne er einfach. Nee!<\/p>\n<p>Aber so leicht lie\u00df Frederik sich nicht abspeisen. Ob sie sich nicht mal treffen k\u00f6nnten, schrieb er. Diesmal auch auf einer Ansichtskarte. Mit Schloss Amalienborg auf der Vorderseite. Und er w\u00fcrde auch gern ihren Mann kennenlernen.<br \/>\nJetzt wird er unversch\u00e4mt, dachte Margrit, antwortete aber \u00bbJeg er enke\u00ab, was, wie sie mit Hilfe eines W\u00f6rterbuches \u00fcbersetztehie\u00df:\u00a0 \u00bbIch bin Witwe\u00ab hie\u00df. Ohne Unterschrift.<br \/>\nEr lie\u00df sich nicht absch\u00fctteln. \u00bbEs tut mir leid mit deinem Mann. Wenn du willst, k\u00f6nnte ich dir D\u00e4nischunterricht geben\u00ab, schlug er vor. \u00bbDarf ich kommen? Wir k\u00f6nnten uns treffen. In Flensburg. In der alten Kaffeer\u00f6sterei im Sonnenhof. Morgen um 15 Uhr? Das Wetter verspricht gut zu werden.\u00ab<br \/>\nDer ist aber hartn\u00e4ckig, murmelte Margrit und ging zum Friseur. W\u00fchlte ihren Kleiderschrank durch auf der Suche nach einem h\u00fcbschen Kleid. Pr\u00fcfte im Spiegel ihr Gesicht. Ich bin eine alte Frau, dachte sie und betrachtete kritisch die Falten um Mund und Augen. Es lie\u00df sich nicht leugnen, sie war achtzig, sah aus wie achtzig, doch die blauen Augen blitzten klar und unternehmungslustig. Frederik war ja ein paar Jahre \u00e4lter als sie. Sie war gespannt, wie er aussah.<br \/>\nIhr Herz schlug heftig, als sie sich am n\u00e4chsten Nachmittag dem Caf\u00e9 n\u00e4herte. Ein paar Leute sa\u00dfen drau\u00dfen in der Sonne, alle noch eingemummelt in dicke Winterm\u00e4ntel. Ihr Blick glitt \u00fcber die Tische. Da hinten an der Wand ein alter Herr, gro\u00df, hager, mit dichter wei\u00dfer M\u00e4hne. War das Frederik? Der Mann blickte auf, musterte sie einen Augenblick \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0 nahm einen bunten Fr\u00fchlingsstrau\u00df vom Tisch, hievte sich ein wenig schwerf\u00e4llig aus dem blauen Korbstuhl und kam l\u00e4chelnd auf sie zu.<br \/>\n\u00bbSch\u00f6n, dass du gekommen bist, Margrit\u00ab, sagte er. \u00bbIch freue mich so.\u00ab<br \/>\nHatte er tats\u00e4chlich Tr\u00e4nen in den Augen? Er geleitete sie galant zu ihrem Sitzplatz.<br \/>\n\u00bbOder m\u00f6chtest du lieber drinnen sitzen? Ist es dir hier zu kalt?\u00ab<br \/>\nMargrit sch\u00fcttelte den Kopf. \u00bbVon hier aus haben wir den besseren Blick \u00fcber die F\u00f6rde\u00ab, sagte sie. \u00bbGuck mal, sie bringen die ersten Boote raus. Das Fr\u00fchjahrstraining geht los.\u00ab<br \/>\n\u00bbMeine Bootsfrau\u00ab, sagte Frederik und legte seine Hand auf ihre. \u00abImmer noch boots- und wassers\u00fcchtig?\u00ab<br \/>\nMargrit nickte. Sie zog ihre Hand nicht weg. Und dann war es so, als ob die letzten 60 Jahre nicht stattgefunden h\u00e4tten. Die alte Vertrautheit war wieder da. Am Nachmittag fuhr sie mit ihm in sein kleines Haus in Kollund Skov.<br \/>\nDass ein paar Monate sp\u00e4ter D\u00e4nemark und Deutschland die Grenzen dicht machten wegen des Corona-Virus, damit konnten sie nicht rechnen. Sie fanden eine L\u00f6sung.<br \/>\nJeden Nachmittag radeln sie nun mit ihren Ebikes zu dem kleinen Grenz\u00fcbergang Schusterkate, stellen Kaffee und Kuchen auf der niedrigen Grenzmauer ab, heben ihre Klappst\u00fchle vom Rad und verbringen einen Nachmittag zusammen.<br \/>\nEins wissen sie, eine Trennung, das wird ihnen nicht noch einmal passieren. Sobald die Grenzen auf sind, werden sie zum Standesamt gehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nat\u00fcrlich hatte Margrit damals ihren Gabriel Marquez gelesen. B\u00fccher zu lesen war das einzige Mittel, aus der engen Gegenwart zu fl\u00fcchten. \u00bbLiebe in Zeiten der Cholera\u00ab, ein absolutes Muss in den 80ern. \u00dcber 50 Jahre hatte Florentino Ariza auf Fermina Daza gewartet. Als junger Mann hatte er sich in sie verliebt, verliebt in ihr Gesicht, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-2001","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erzahlungen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2001","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2001"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2001\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2186,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2001\/revisions\/2186"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2001"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2001"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2001"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}