{"id":1966,"date":"2019-11-05T21:39:52","date_gmt":"2019-11-05T20:39:52","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1966"},"modified":"2020-11-19T18:59:51","modified_gmt":"2020-11-19T17:59:51","slug":"costa-caparica","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/costa-caparica\/","title":{"rendered":"Costa Caparica"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber die Br\u00fccke, nat\u00fcrlich \u00fcber die Br\u00fccke, Salazar-Br\u00fccke, nein, nat\u00fcrlich nicht, Br\u00fccke des 25. April, Beginn der Revolution, <em>Grandola, Villa Morena<\/em>, Jos\u00e9 Afonsos Lied fr\u00fchmorgens\u00a0 im Radio,\u00a0 das Lied als Start f\u00fcr den des Aufstand der Offiziere, Aufbruch in eine neue Zeit,\u00a0 Nelkenrevolution, unblutig, nat\u00fcrlich, daran ist auch Werner Herzog gescheitert mit seinem Projekt, ein Film \u00fcber die portugiesische Revolution zu drehen, aber wie kriegt ein Regisseur seine portugiesischen Komparsen dazu, aggressiv zu handeln? Ins Auto setzen, das w\u00e4re die einzige L\u00f6sung gewesen, erst dann erwacht das Tier im portugiesischen Mann, hat trotzdem geklappt mit der Revolution, trotz \u00bbVive Salazar\u00ab- Slogans, die noch lange an den Mauern der Residenzen der portugiesischen Oberschicht zu sehen waren, Diktator weggejagt, Gro\u00dfgrundbesitzer enteignet, Kooperativen im Alentejo, Gerechtigkeit, Brot und Wein f\u00fcr alle, die goldene Zukunft, das Paradies auf Erden, heute in der Algarve der Blick auf die Hotelanlagen ausl\u00e4ndischer Investoren.<!--more--><br \/>\nAm Strand von Caparica w\u00e4lzen sich an sonnigen Sonntagen die Leute aus dem \u00fcberf\u00fcllten Lissabon, auch von den Nebelh\u00fcgeln des Sintra-Gebirges fallen sie ein und bev\u00f6lkern die weiten Str\u00e4nde mit ihren Kindern und Kindeskindern, die Taschen vollgepackt mit Brot und Fr\u00fcchten und scharfer Wurst, Bagaco darf nicht fehlen, sonst ist kein Sonntag, in die Kirche gehen die M\u00e4nner sowieso nicht, das b\u00fc\u00dfen die Frauen mit ein paar \u00bb<em>Gegr\u00fc\u00dfest seist du Maria\u00ab<\/em> ab, wer gegr\u00fc\u00dft wird, ist egal, aber gr\u00fc\u00dfen muss man, das haben die M\u00f6nche und Pfaffen diesem armen, gebeutelten Volk an der Randk\u00fcste Europas eingeh\u00e4mmert, sonst ist kein Segen drauf. Die mit mehr Geld in den Taschen &#8211; aber nicht genug f\u00fcr ein Haus an der K\u00fcste &#8211; fallen ein in die Restaurants der Sierra Arrabida, bestellen Hummer und Thunfisch und frisch gebratene Sardinen, der Wein darf nicht fehlen, ach was, Alkohol am Steuer, da kontrolliert keiner, auf die Polizei ist Verlass, die haben noch nicht mal den Duce festgenommen, den studierenden Spr\u00f6ssling eines \u00fcberreichen Vaters, der seine Kameraden nachts an den Strand f\u00fchrte, die Fu\u00dfgelenke mit Steinen beschwert, r\u00fcckw\u00e4rts mussten sie bei bitterkalten Temperaturen ins Meer kriechen, konnte er wissen, dass eine Monsterwelle im Anmarsch war, konnte er auch nicht, nur Gott wei\u00df alles, und er hat es zugelassen, dass die studentischen Erstsemester wie Katzen ers\u00e4uft wurden in den sich zur\u00fcckziehenden Brechern, nur er, der F\u00fchrer, der Erbe, der ist nicht ersoffen, der konnte ja die Welle kommen sehen und rennen wie ein Hase und ist nun verschwunden, abgeschirmt, nicht ansprechbar, muss das Trauma verarbeiten, schuldunf\u00e4hig, wie der hoch bezahlte Psychiatrieprofessor best\u00e4tigt, egal wie laut die Presseheinis schreien und schreiben, daf\u00fcr werden sie ja bezahlt, auch vom Rektor der Privatuni haben sie nur ein kurzes Interview bekommen, was k\u00f6nne er daf\u00fcr, Initiationsriten gebe es an jeder portugiesischen Uni, auch in Coimbra, aber nat\u00fcrlich, seine Privatuni werde von der eifers\u00fcchtigen Meute angegriffen, nur weil seine Studenten etwas wollten, was den anderen schon l\u00e4ngst gew\u00e4hrt wurde, auch im Stra\u00dfenverkehr kommen Leute um, da verbietet man doch nicht das Autofahren, da m\u00fcsste man die Wellensurfer doch sofort festnehmen, wie leichtsinnig die hinauspaddelten zu den gro\u00dfen Brechern und diese reiten im Rausch der Geschwindigkeit, soll man denn die M\u00fctter bestimmen lassen, die in ihrer alles zersetzenden \u00c4ngstlichkeit den Kindern jeden Spa\u00df verderben, hat nicht auch ein Kind das Recht auf seinen eigenen Tod?<br \/>\nHat doch auch jede Frau ein Recht auf ihren eigenen Sch\u00e4ferhundr\u00fcden, der sich vor ihr im Sand w\u00e4lzt und sein Maul aufsperrt und sich dr\u00fccken und k\u00fcssen l\u00e4sst, direkt ins Maul hinein, er ist schlie\u00dflich ein Mann und es ist keine H\u00fcndin in Sicht, h\u00f6chstens eine menschliche und deren Lover reitet gerade die Welle ab oder zieht sich einen Joint rein in der Kuhle hinter dem Klohaus. Keine Frau kann einen Mann halten, auf Dauer nicht, den zieht es hinaus in die Welt, das Schiff verschwindet am Horizont, Gold lockt in der Neuen Welt, Gold und Frauen mit brauner Haut und samtenen Augen, beides k\u00f6nnen sie kriegen, sie metzeln die M\u00e4nner, vergewaltigen die Frauen, zerst\u00f6ren das riesige Reich der Gottlosen, denn der wahre Gott ist auf ihrer Seite, auf der Seite der Conquistadores, die im Blutrausch t\u00f6ten, was ihnen im Weg steht, zu Ehren Gottes und zu Ehren des K\u00f6nigs, der die Sch\u00e4tze an sich rafft, die sie mitbringen nach Hause, Schiffsladungen von Gold, um in Mafra diese Kirche, diesen kl\u00f6sterlichen Palast bauen zu lassen zu Ehren des h\u00f6chsten und einzigen Gottes, dessen Halleluja gesungen werden muss, der dem K\u00f6nig endlich ein Kind schenkt oder schenken l\u00e4sst, auch wenn es die K\u00f6nigin ekelt vor dem stinkenden Mann, der sich auf alles w\u00e4lzt, was ein Loch zwischen den Beinen hat, gelobt sei Gott, der gesagt hat, seid fruchtbar und mehret euch und der die bestraft, die den Jungfrauen die Herzen aus dem lebendigen Leib schneiden, um sie ihrem Kriegsgott Huitzilopochtli zu opfern, was auch nichts n\u00fctzt, das Reich der Azteken f\u00e4llt in Schutt und Asche, alles lange vorbei, Geschichte, l\u00e4ngst vergessen.<br \/>\nWei\u00dfe Wolkenberge am blauen Himmel, Frachter am Horizont, hinter den D\u00fcnen das Zeltlager, sieht aus wie f\u00fcr Bootsfl\u00fcchtlinge gebaut, endlose Reihen von Zelttuchd\u00e4chern, darunter wei\u00dfe Wohnwagen, es kann nicht jeder im 5-Sterne-Hotel \u00fcbernachten, nur an den pomp\u00f6sen Bauten vorbeiwandeln k\u00f6nnen sie, an Juwelen der portugiesischen Architektur auf der Promenade mit ihren Schnellrestaurants, vor denen die Kinder betteln und jaulen, Pommes und Burger wollen sie, warum auch nicht, Hauptsache, sie sind ruhig, vorbei an den hohen Mauern und \u00dcberwachungskameras, wer \u00fcberwacht hier wen, wo ist die Gefahr von au\u00dfen oder kommt sie doch von innen, wer will das entscheiden, sicher nicht die Bewohner, die jedes Wochenende, an dem die Sonne aus blauem Himmel hinunter brennt, aus den K\u00e4figen der Hochh\u00e4user an den Strand fliehen, um sich auch dort wieder zu vereinen mit schwitzenden Leibern im Sand: <em>Grandola, Villa Morena.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Br\u00fccke, nat\u00fcrlich \u00fcber die Br\u00fccke, Salazar-Br\u00fccke, nein, nat\u00fcrlich nicht, Br\u00fccke des 25. 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