{"id":1941,"date":"2019-07-21T11:53:05","date_gmt":"2019-07-21T09:53:05","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1941"},"modified":"2019-12-11T16:44:44","modified_gmt":"2019-12-11T15:44:44","slug":"freundinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/freundinnen\/","title":{"rendered":"Freundinnen"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0<\/strong>Sabrina schl\u00fcrft den Schaum von ihrem Milchkaffee. Es ist schon die zweite Tasse. Ungeduldig schaut sie durch die schlierige Glasscheibe auf die nahe Bushaltestelle. Typisch Ellen, immer zu sp\u00e4t. Wenn sie auch diese Tasse ausgetrunken hat, wird sie gehen. Dieses Mal wirklich. Eine Unversch\u00e4mtheit, sie immer warten zu lassen. Nein, sie muss bei der Wahrheit bleiben. Ellen l\u00e4sst nicht nur sie warten, Ellen l\u00e4sst alle warten. Sie kann nicht anders. Sie kommt immer zu sp\u00e4t. Oder in der letzten Minute angehetzt. \u00a0Sabrina weigert sich mittlerweile, mit ihr zusammen zum Theater oder zu einem Konzert zu fahren. Diese Hetzerei, dieses schwei\u00dftreibende Generve, wenn sie im Sturmschritt beim dritten Klingeln in den Saal rasen, unter b\u00f6sen Blicken der anderen Leute, die im letzten Moment noch aufstehen m\u00fcssen, obwohl sie es sich schon bequem in ihre Sitze gekuschelt haben. M\u00f6glichst den Mantel noch \u00fcber dem Arm, weil keine Zeit mehr f\u00fcr die Garderobe geblieben ist. Sabrina trinkt einen gro\u00dfen Schluck. Gut, sie hat gelernt. Sie treffen sich erst vor Ort. Wenn Ellen angest\u00fcrmt kommt mit wilden Haaren, Christian hinter sich herzerrend, haben Sabrina und Thomas schon gem\u00fctlich im Programmheft gebl\u00e4ttert und wissen Bescheid.<!--more--><\/p>\n<p>Man kann niemanden \u00e4ndern, nur sich selbst, hat ein kluger Mensch gesagt. Recht hat er.<\/p>\n<p>Aber im Caf\u00e9 muss man ja nicht p\u00fcnktlich sein. Da wartet ja nur die Freundin. Ellen wird kommen, dass wei\u00df sie, aber eben versp\u00e4tet. Und sie wird sich fr\u00f6hlich entschuldigen, <em>Du kennst mich ja, <\/em>sagen und charmant l\u00e4cheln<em>. Ich hoffe, du hast nicht zu lange gewartet, ich musste noch<br \/>\nschnell &#8230;<\/em> Sabrina wird auch l\u00e4cheln, wenn auch ein wenig verkrampft. Sie werden sich rechts und links auf die Wangen k\u00fcssen. <em>Ich werd mich bessern, versprochen!<\/em>, wird Ellen fl\u00fcstern und Sabrina wird resigniert <em>sagen: In diesem Leben nicht mehr. <\/em>Und Ellen wird lachen.<\/p>\n<p>Bei Verabredungen mit Ellen bringt Sabrina immer ein Buch mit, diesmal einen Ostfriesenkrimi. Sie hofft, er ist spannend genug, dass die Zeit vergeht. Aber sie kann sich nicht konzentrieren. Am Nebentisch sitzt eine Gruppe von \u00e4lteren, nein, sehr alten Damen, die offensichtlich schwerh\u00f6rig sind und sich im Stimmvolumen \u00fcbertreffen.<\/p>\n<p><em>Fr\u00fcher wurde Split auf den Schnee gesch\u00fcttet, <\/em>schreit die d\u00fcnne Grauhaarige<em>, da ist keiner ausgerutscht.<\/em><\/p>\n<p><em>Ja, ja, fr\u00fcher da haben die Hausbesitzer und Mieter sich ja auch selbst um die Reinigung der B\u00fcrgersteige gek\u00fcmmert, jammerte<\/em> die wei\u00dfgelockte Nachbarin, die das zweite St\u00fcck Sahnetorte in sich hineinschiebt. <em>Die Reinigungsfirmen k\u00fcmmert es ja nicht, wenn einer hinf\u00e4llt. Die sind versichert. Mein Herrmann sagt immer, die Welt ist schlecht geworden.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0Wir alten Leute k\u00f6nnen ruhig auf dem Matsch ausrutschen und uns den Oberschenkel brechen, das st\u00f6rt keinen, <\/em>\u00fcbert\u00f6nt die kleine Dicke mit dem gr\u00fcnen Filzh\u00fctchen alle anderen.<\/p>\n<p><em>Dann sind sie uns endlich los, <\/em>best\u00e4tigt die vierte alte Dame und nickt. <em>Wir kosten doch nur!<\/em><\/p>\n<p>Resigniert schlie\u00dft Sabrina ihr Buch. Bei dieser Ger\u00e4uschkulisse kann sie sich nicht konzentrieren. Die alten Damen k\u00f6nnen ja auch nichts daf\u00fcr, dass sie schwerh\u00f6rig sind. Vielleicht haben sie ja auch keinen, der sie beim Kauf eines H\u00f6rger\u00e4ts ber\u00e4t.<\/p>\n<p>Vor dem Fenster h\u00e4lt ein Bus. Endlich. Ellen springt heraus, rutscht aus auf dem Schneematsch, f\u00e4ngt sich wieder und kommt ins Caf\u00e9 gest\u00fcrmt.<\/p>\n<p><em>Hallo meine S\u00fc\u00dfe,<\/em> sagt sie, beugt sich hinunter und presst ihre kalte rechte Wange an Sabrinas linke Gesichtsh\u00e4lfte. <em>Hast du lange gewartet? Du hast ja clevererweise ein Buch mitgebracht<\/em>.<\/p>\n<p>Sabrina zieht es vor, nicht zu antworten. Ellen winkt dem Ober.<\/p>\n<p><em>Auch so einen Milchkaffee. Bitte mit Kakao-Pulver. A propos Buch: Du kennst bestimmt den neuen Roman von Ralph Rothmann &#8230;<br \/>\n<\/em>V<em>on wem,<\/em> fragt Sabrina.<\/p>\n<p><em>Wie \u2013\u00a0 kennst du nicht? Musst du kennen!<\/em><\/p>\n<p><em>Wieso muss ich den kennen?<\/em><\/p>\n<p><em>Den kennt doch jeder!<\/em><\/p>\n<p><em>Ich nicht. Wie hei\u00dft das Buch \u00fcberhaupt?<\/em><\/p>\n<p><em>Ja, Mensch, das kennst du bestimmt. Das hei\u00dft, hei\u00dft &#8230;<\/em><\/p>\n<p><em>Siehst du, du wei\u00dft noch nicht mal den Titel.<\/em><\/p>\n<p><em>Warte mal<\/em>. <em>Hab ich gleich! <\/em>Ellen zieht ihr iPhone aus der Tasche.<br \/>\n<em>Kennst du bestimmt \u00bbDer Gott jenes Sommers\u00ab. Hier steht es.<\/em><\/p>\n<p><em>Warum sollte ich das Buch kennen?<\/em><\/p>\n<p><em>Den Rothmann muss man kennen. Rothmann ist einer der ganz Gro\u00dfen. Sagt auch Scobel.<\/em><\/p>\n<p><em>Welcher Scobel?<\/em><\/p>\n<p><em>Na, d e r Scobel. Der von Buchzeit! Sag nicht, den kennst du auch nicht.<\/em><\/p>\n<p><em>H\u00f6r auf mit \u00bbkennst du, kennst du nicht\u00ab, gleich frage ich Filmtitel ab.<\/em><\/p>\n<p><em>Welche Filmtitel<\/em><\/p>\n<p><em>Ist das hier `ne Quizz-Sendung?<\/em><\/p>\n<p><em>Du hast angefangen. Also, hast du den Richter-Film gesehen?<\/em><\/p>\n<p><em>Welchen Richter Film?<\/em><\/p>\n<p><em>Na, d e n Richter-Film. Kennt doch jeder. Von Florian Hencke von Donnersmarck<\/em><\/p>\n<p><em>Ich nicht.<\/em><\/p>\n<p><em>Eben!<\/em><\/p>\n<p><em>Wieso eben?<\/em><\/p>\n<p><em>Mensch, Sabrina, sei doch nicht so empfindlich. Was hast du heute?<\/em><\/p>\n<p><em>Was ich habe? Mir geht dein name-dropping auf die Nerven, Frau Oberstudienr\u00e4tin!<\/em><\/p>\n<p><em>OK! Frieden! sagt Ellen. <\/em><\/p>\n<p><em>Aber wehe, du fragst noch einmal: Kennst du nicht? Mit dieser Emp\u00f6rung in der Stimme. Als sei ich die ungebildeteste Kuh von der Welt.<\/em><\/p>\n<p><em>Frieden, habe ich gesagt. Anderes Thema.<\/em><\/p>\n<p><em>Manchmal denke ich, f\u00fcr dich gibt es nichts anderes als sich Buchtitel an den Kopf zu werfen. Was willst du eigentlich beweisen?<\/em><\/p>\n<p>Ellen schweigt.<\/p>\n<p>Pause. Beide schl\u00fcrfen ihren Kaffee.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Wie geht es Christian? Immer noch grippig?, fragt Sabrina<\/em><\/p>\n<p><em>Nein, es geht ihm besser. Nun l\u00e4uft mir die Nase.<\/em><\/p>\n<p><em>Um Gottes willen, steck mich blo\u00df nicht an. Wir wollen morgen in den Harz. Es muss dort ordentlich geschneit haben. Zum Wochenende ist Sonne angesagt.<br \/>\nTraumhaft. Ich beneide euch, <\/em>sagt Ellen.<\/p>\n<p><em>Kommt doch einfach mit. Ich ruf im Hotel an, ob die noch ein Doppelzimmer haben. <\/em>Diesmal z\u00fcckt Sabrina ihr Phone.<\/p>\n<p><em>Ich wei\u00df nicht, ob Christian Lust hat<\/em>, sagt Ellen. <em>Er will keinen Langlauf mehr \u00a0machen. Der Sturz vor zwei Jahren. Er sagt, das Knie tue ihm immer noch weh.<\/em><\/p>\n<p><em>Come on! Dann geht ihr halt spazieren. Sonne und Schnee, was willst du mehr, sagt Sabrina. <\/em><\/p>\n<p><em>Ich h\u00e4tte schon Lust, aber erst rede ich mit Tommy.<\/em><\/p>\n<p><em>Mach das. W\u00e4r doch toll, wir vier! Endlich mal wieder ein gemeinsamer Urlaub.<\/em><\/p>\n<p><em>Wir d\u00fcrfen die Doppelkopf-Karten nicht vergessen. Doppelkopf! Drei Abende Doppelkopf!, sagt Ellen.<\/em><\/p>\n<p><em>Wei\u00dft du noch, wir beiden damals im \u00d6tztal? Unser erster gemeinsamer Urlaub? <\/em><\/p>\n<p><em>Wie lange ist das her? 30 Jahre?<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Na, wohl eher 40 Jahre!<\/em><\/p>\n<p><em>Und in der H\u00fctte jeden Abend Doppelkopf, \u00a0<\/em>sagt Ellen.<\/p>\n<p><em>Mit den beiden Typen. Hatten die uns doch beigebracht.\u00a0 Die beiden<br \/>\n\u00f6sterreichischen Skilehrer. Fesche Kerle. Du warst richtig verknallt &#8230;<\/em><\/p>\n<p><em>Du auch ..<\/em><\/p>\n<p><em>Was wohl aus denen geworden ist?, <\/em>fragt Sabrina.<\/p>\n<p><em>H\u00e4tten wir <strong>die<\/strong> lieber heiraten sollen?, <\/em>lacht Ellen<em>.<\/em><\/p>\n<p><em>H\u00e4? <\/em>Sabrina hebt den Arm, winkt der Bedienung: <em>Zahlen, bitte! Ist ja f\u00fcrchterlich, wie die am Nebentisch schreien. Man versteht ja kaum sein eigenes Wort.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Sabrina schl\u00fcrft den Schaum von ihrem Milchkaffee. Es ist schon die zweite Tasse. Ungeduldig schaut sie durch die schlierige Glasscheibe auf die nahe Bushaltestelle. Typisch Ellen, immer zu sp\u00e4t. Wenn sie auch diese Tasse ausgetrunken hat, wird sie gehen. Dieses Mal wirklich. Eine Unversch\u00e4mtheit, sie immer warten zu lassen. Nein, sie muss bei der Wahrheit [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-1941","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-szenischer-text"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1941","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1941"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1941\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1977,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1941\/revisions\/1977"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1941"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1941"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1941"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}