{"id":1934,"date":"2019-07-21T11:10:18","date_gmt":"2019-07-21T09:10:18","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1934"},"modified":"2024-11-23T20:06:09","modified_gmt":"2024-11-23T19:06:09","slug":"wer-nicht-alt-werden-will","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wer-nicht-alt-werden-will\/","title":{"rendered":"Wer nicht alt werden will &#8230;"},"content":{"rendered":"\r\n<p><em>muss fr\u00fch sterben<\/em>,\u00a0<\/p>\r\n<p>das wussten die Alten und Uralten schon immer. Ich wollte nie fr\u00fch sterben Und nun bin ich alt, richtig alt. Weit \u00fcber 80. Aber ich bin noch da!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Sie fragen, ob ich schon immer in diesem Kaff an der ostfriesischen K\u00fcste gelebt habe? Klar! Selbstverst\u00e4ndlich! Wo sollte ich denn hin?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ob ich nie weg wollte? Etwas anderes sehen? Die Welt erleben?<!--more--><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Als ich jung war, nat\u00fcrlich. Nat\u00fcrlich wollte ich weg. Weg von diesem stinkenden Kutter, auf dem ich mit meinem Vater zum Fischen hinausfahren musste, sobald ich die Hauptschule verlassen hatte. Tag und Nacht, Sommer und Winter, bei Sonnenschein, Wind, Herbstst\u00fcrmen, manchmal auch bei Schneetreiben. Ich habe die K\u00e4lte gehasst, den Wind, der ununterbrochen da drau\u00dfen an dir zerrte, die feuchte Kleidung, die kaputten, schwieligen H\u00e4nde, den Geruch nach Fisch und Modder und Verwesung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Was ich werden wollte?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Zur Schule wollte ich gehen. Lernen, wie man Motoren repariert, Autos, meinetwegen Schiffsmotoren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Waaraum ich nicht gegangen bin?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Weil es nicht ging.\u00a0 Ich war der einzige Sohn. Vadder und ich mussten die Familie ern\u00e4hren. Mutter hatte es auf der Lunge, die Schwestern waren klein. Ich wollte immer weg, aber ich habe es nicht \u00fcbers Herz gebracht zu gehen. Vadder konnte es nicht allein schaffen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Sie fragen nach Frauen in meinem Leben?\u00a0 Hatte ich. Am Anfangs als junger Kerl. War ein flotter Typ, gro\u00df, blond, blaue Augen. Die M\u00e4dchen tanzten gern mit mir im Dorfkrug.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Doch Meta wurde schwanger, ausgerechnet die, dachte ich damals. Ein One-Night-Stand, so sagt man doch heute. Sie sehen, ein bisschen Englisch habe ich bei den Kindern gelernt. Ja, und dann sa\u00df ich in der Falle. Konnte und wollte mich nicht dr\u00fccken. Aber Meta isst mir immer eine gute Frau gewesen: flei\u00dfig,\u00a0 sparsam undundimmer gut gelaunt. \u00a0Als die Kinder gr\u00f6\u00dfer wurden, hat sie den Fischimbiss aufgemacht, schlie\u00dflich den kleinen Laden. Es ging wirtschaftlich bergauf. Die Touristen kamen. Wir bauten das Haus aus. \u00a0Zwei Ferienwohnungen. Als die Kinder gr\u00f6\u00dfer waren, sind Meta und ich auch ab und zu mal eine Woche in die Berge gefahren. Ins Sauerland oder in den Harz. Ich mag die Berge.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ob ich gl\u00fccklich bin, wollen Sie wissen? Sie werden es kaum glauben. Ja, ich bin alt und gl\u00fccklich. <em>Old and happy, <\/em>wie im Lied von Cat Stevens. Wirklich, Meta und ich hatten es gut miteinander.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Und die Kinder?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Kinder, nun, die sollten es besser haben. Die sollten zur Schule gehen. Den Beruf w\u00e4hlen, der ihnen Spa\u00df mache.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Heiner ist zur Hochschule gegangen, ist Ingenieur geworden, lebt in M\u00fcnchen. Frauke ist Lehrerin in Aurich und Beate Hebamme in Wilhelmshaven. Wir haben f\u00fcnf ss\u00fc\u00dfe Enkelkinder, ein sch\u00f6nes H\u00e4uschen mit Garten, ein bisschen Geld auf der Bank. Meinen Kutter wollte keiner. Der war zu klein f\u00fcr heutige Verh\u00e4ltnisse. Das lohnte sich nicht. Die gro\u00dfen Trawler fischen uns sowieso alles weg. Deswegen sind die Meere auch so \u00fcberfischt. In der Fischerei gibt es keine Zukunft f\u00fcr kleine, handwerkliche Betriebe.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Meta und ich, wir genie\u00dfen unseren Lebensabend. Wir hoffen, dass der liebe Gott uns noch ein paar gemeinsame Jahre schenkt. Um mehr bitten wir nicht.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>muss fr\u00fch sterben,\u00a0 das wussten die Alten und Uralten schon immer. Ich wollte nie fr\u00fch sterben Und nun bin ich alt, richtig alt. Weit \u00fcber 80. Aber ich bin noch da! Sie fragen, ob ich schon immer in diesem Kaff an der ostfriesischen K\u00fcste gelebt habe? Klar! Selbstverst\u00e4ndlich! Wo sollte ich denn hin? 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