{"id":1932,"date":"2019-07-21T11:07:14","date_gmt":"2019-07-21T09:07:14","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1932"},"modified":"2020-03-05T18:01:41","modified_gmt":"2020-03-05T17:01:41","slug":"paradiesisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/paradiesisch\/","title":{"rendered":"Paradiesisch"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Hunde h\u00f6ren sie schon von weitem. Helles, fr\u00f6hliches Gekl\u00e4ff. Die Fahrt von Madrid \u00fcber die Meseta bis an die Antlantikk\u00fcste war anstrengend. Der kleine Peugeot holpert seit einer halben Stunde \u00fcber die ausgetrockneten Spurrinnen des sandigen D\u00fcnenweges. Das G\u00e4stehaus soll am Meer liegen, ganz einsam am Rande eines Naturschutzgebietes. <br \/>\u00bbWo es Hunde sind, gibt es auch Menschen, Piet\u00ab, sagt Evi zu ihrem Mann. Nach der n\u00e4chsten Kurve kommen drei kniehohe, braun-wei\u00df gefleckte Hunde kl\u00e4ffend und jaulend auf den Wagen zugerannt. <!--more--><br \/>\u00bbDie wollen uns begr\u00fc\u00dfen\u00ab, sagt Evi und legt die Hand auf sein Knie. \u00abGuck mal, wie die mit dem Schwanz wedeln!\u00ab<br \/>\u00bbDen Spruch kenne ich\u00ab, quetscht ihr Liebster zwischen den Z\u00e4hnen hervor. \u00bbUnd wenn sie uns bei\u00dfen, sagt Frauchen, das h\u00e4tten sie noch nie gemacht. \u00bb<br \/>\u00bbNun mal mit der Ruhe\u00ab, sagt sie. \u00bbBleib einfach stehen!\u00ab<br \/>Evi \u00f6ffnet die Wagent\u00fcr und geht langsam, mit herunterh\u00e4ngenden Armen und offenen H\u00e4nden auf die Hunde zu. Sie kommen in gro\u00dfen Spr\u00fcngen, bellend und schwanzwedelnd, auf sie zu, schnuppern an ihren H\u00e4nden, tanzen um sie herum.<br \/>\u00bbLina, Perro, die ganze Bande zur\u00fcck! Lasst unsere G\u00e4ste in Ruhe ankommen!\u00ab<br \/>Eine schlanke Frau mit dunklem Wuschelkopf ist in der Kurve aufgetaucht, kommt l\u00e4chelnd auf sie zu.<br \/>\u00bbHerzlich willkommen! Ich bin die Charlotte. Fahrt den Wagen bis zum Parkplatz am Haus. Die Hunde tun euch nichts.\u00ab K\u00fcsschen rechts. K\u00fcsschen links, spanische Begr\u00fc\u00dfungsfloskeln. Que tal?<br \/>Evi und Piet tragen die Koffer ins Haus, gehen durch die ger\u00e4umige K\u00fcche an der gro\u00dfen Arbeitsplatte vorbei, auf der Charlotte angefangen hat, einePaella zuzubereiten. Das helle, sparsam mit spanischen M\u00f6beln eingerichtete Doppelzimmer gef\u00e4llt ihnen.<br \/>\u00bbWenn ihr morgens das Rollo hochschnappen lasst und das Fenster aufmacht, scheint euch die Sonne direkt auf den Bauch\u00ab, sagt Charlotte. <br \/>Bei offenem Fenster h\u00f6rt man das Meer rauschen. Sch\u00e4umend brechen die Atlantikwellen, wei\u00dfe Gischtzungen laufen am Strand aus. Auf dem sanft abfallenden Hang vor dem Haus liegen ein Surfbrett und ein Seekanu.<br \/>\u00bbAndere G\u00e4ste gibt es zur Zeit nicht\u00ab, sagt Charlotte. \u00bbF\u00fchlt euch wie zu Hause.\u00ab<br \/>\u00bbDa k\u00f6nnen wir ja morgens nach dem Aufstehen sofort nackig ins Meer springen\u00ab, schl\u00e4gt Evi vor.<br \/>\u00bbWie im Paradies\u00ab, sagt Piet.\u00ab<br \/>\u00bbWarte, bis die Schlange kommt\u00ab, sagt Evi und k\u00fcsst ihn.<br \/>Am Abend sitzen sie auf der mit Weinranken \u00fcberdachten Terrasse und genie\u00dfen die Paella. Sie sind zu dritt, wenn man die drei Hunde und die zwei Katzen nicht mitrechnet, die es sich unter dem Tisch bequem gemacht haben.<br \/>\u00bbDie Hunde sind mir zugelaufen\u00ab, sagt Charlotte. \u00bbDie sind alle\u00a0 wohl ausgesetzt worden. So sind die Spanier! Herzlos. Der Tierarzt hat sie erst mal entfloht. Habe sie dann hochgep\u00e4ppelt.\u00ab<br \/>\u00bbUnd die Katzen?\u00ab, fragt Evi verunsichert. Charlotte hebt den schwarz-grau gestreiften Tiger auf den Scho\u00df. \u00bbEin sch\u00f6nes Tier, nicht wahr?\u00ab, sagt sie. \u00bbHat mir ein Kunde geschenkt. Madame hier\u00ab, sie zeigt auf die kleine pechschwarze Katze, \u00bbwar eines Tages einfach da. Ich habe sie nat\u00fcrlich sofort sterilisieren lassen.\u00ab Sie fasst unter den Tisch, streichelt den Kopf des Tieres, das sofort mit der Zunge \u00fcber ihre Hand leckt. Piet verzieht das Gesicht.<br \/>\u00bbDu bist wohl sehr tierlieb\u00ab, sagt er. \u00bbWas hat dich in diese Einsamkeit verschlagen?\u00ab <br \/>Charlotte erz\u00e4hlt. Sie erz\u00e4hlt gerne und ausf\u00fchrlich. Ihr Leben ein einziges Abenteuer. Studium abgebrochen, in Kneipen gejobbt, mit einem Typen abgehauen nach S\u00fcdspanien. Sie kauften f\u00fcr ein paar tausend Mark &#8211; Papas Geld \u2013 eine Ruine am Meer. V\u00f6llig runtergekommen. Friedhelm hatte geschickte H\u00e4nde, das Haus wurde so gro\u00df, so dass sie Zimmer an G\u00e4ste vermieten konnten und eine sichere Erwerbsquelle hatten. Dann schmiss sie den Typen raus, wie sie sagte. Er sei ihr auf die Nerven gegangen. Das Haus sei auf ihren Namen eingetragen.<br \/>Die Vermietung lief gut, G\u00e4ste kamen in Scharen. Der Bedarf nach H\u00e4usern wuchs, immer mehr Engl\u00e4nder, Deutsche, Franzosen suchten am Meer ein Feriendomizil. Charlotte fing an, als Immobilienmaklerin zu arbeiten. Erst in Kommission f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Firma, sp\u00e4ter auf eigene Kosten.<br \/>\u00bbIch stecke mir das Geld lieber selbst ein. Ist auch steuerlich g\u00fcnstiger, weniger von den Beh\u00f6rden zu kontrollieren. Seit dem Baustopp sind hier am Meer die Grundst\u00fcckspreise ins Unermessliche gestiegen. \u00dcbrigens, sollten wir nicht noch eine Flasche Rotwein aufmachen?\u00ab<br \/>\u00bbDie h\u00e4lt sich doch f\u00fcr superschlau\u00ab, sagt Evi abends zu Piet. \u00abSie wei\u00df alles, kann alles. Ist ja nicht zum Aushalten. Und wieso hat sie nicht mehr G\u00e4ste?\u00ab<br \/>\u00bbEs scheint zur Zeit keinen Mann in ihrem Leben zu geben\u00ab, sagt Piet.<br \/>\u00bbDann greif doch zu!\u00ab, sagt Evi.<br \/>Sie legt sich ins Bett und zieht die Decke \u00fcber die Ohren. Wehrt Piet ab, der sich zu ihr hin\u00fcberrollt.<br \/>Am n\u00e4chsten Morgen scheint ihnen die Sonne tats\u00e4chlich auf den Bauch, als sie das Fenster \u00f6ffnen. Charlotte ist nirgendwo zu sehen. Ein Zettel liegt auf dem Tisch, sie sei unterwegs, sie habe Kunden. Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck schleppen sie zwei Sonnenliegen hinunter an den Strand. Das Wasser ist k\u00fchl und erfrischend. Evi schwimmt weit hinaus. Piet versucht, das Surfboard aufzuriggen. Evi h\u00f6rt seine Jubelschreie, als er an ihr vorbeirauscht. \u00bbGeil! Geil!\u00ab<br \/>Am Abend kommt Charlotte sehr sp\u00e4t zur\u00fcck. Sie hatten schon geschlafen. Evi wird wach, schaut aus dem Fenster und sieht Charlotte , die auf der Terrasse sitzt, einen Schal um ihre Schultern, einen Hund auf ihrem Scho\u00df, denn Kopf auf der Tischplatte. Vor ihr eine leere Flasche Rotwein,<br \/>\u00bbMorgen fahren wir\u00ab, sagt Evi und r\u00fcttelt Piet. \u00bbIch jedenfalls fahre!\u00ab<br \/>Piet brummelt Unverst\u00e4ndliches.<br \/>\u00bbWas ?\u00ab<br \/>\u00bbIch bleibe noch\u00ab, sagt Piet. Er dreht sich auf die Seite mit dem Gesicht zur Wand.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Hunde h\u00f6ren sie schon von weitem. Helles, fr\u00f6hliches Gekl\u00e4ff. Die Fahrt von Madrid \u00fcber die Meseta bis an die Antlantikk\u00fcste war anstrengend. 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