{"id":1852,"date":"2019-01-09T19:52:30","date_gmt":"2019-01-09T18:52:30","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1852"},"modified":"2024-11-23T19:39:50","modified_gmt":"2024-11-23T18:39:50","slug":"stille-tage-am-see","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/stille-tage-am-see\/","title":{"rendered":"Stille Tage am See"},"content":{"rendered":"<p>Die Zeit steht still. Noch ist es schwierig, die Hektik und Aufregung der letzten Tage zu verdr\u00e4ngen. Der L\u00e4rm Lissabons schrillt noch in den Ohren: rasende Taxis, hupende Autos, bimmelnde Stra\u00dfenbahnen, die Motoren startender und landender Flugzeuge im Minutentakt \u00fcber den D\u00e4chern.<br \/>\nUnd hier am See, kilometerweit entfernt von jeder menschlichen Behausung: Stille. Absolute Stille.<!--more--><\/p>\n<p>Ich sitze auf der mit Weinlaub \u00fcberdachten Terrasse, den Schreibblock auf der Schieferplatte und lausche, lausche auf Ger\u00e4usche, leise Ger\u00e4usche, zirpende, lispelnde, klatschende Ger\u00e4usche. Meine Ohren wie Watte. Dr\u00f6hnende Stille. Unsinn, Stille kann nicht dr\u00f6hnen. Ein H\u00f6rsturz?<br \/>\nMein Blick gleitet an der sich im leichten Wind wiegenden Bougainvillea vorbei und f\u00e4llt auf den dunkelgr\u00fcnen See unter mir. Ruhig liegt er da, ohne Wellen, ein glatter Spiegel inmitten von pinienbewachsenen H\u00fcgeln. Ein Wasservogel schreit. Er schreit wirklich. Gott sei Dank, mein Geh\u00f6r hat nicht gelitten. Ich h\u00f6re den Vogel schreien und kr\u00e4chzen, und dann taucht er ins Wasser ab, schnellt wieder hervor, einen silbernen Fisch im Schnabel. Eiligst macht er sich davon, ehe ihm ein Artgenosse den Fang streitig macht.<br \/>\nEine dicke Hummel summt heran, auch die h\u00f6re ich. Sie kreist um die Reste des Marmeladenbrotes am Tischrand. Ich bin so gl\u00fccklich, dass ich wieder h\u00f6ren kann, dass ich sie noch nicht einmal von meiner Kaffeetasse verscheuche.<br \/>\nIch stehe auf und schlendere durch den Garten, den steilen Hang hinab zum Wasser. Vogelgezwitscher im fast abgeernteten Pflaumenbaum. Ich habe verdr\u00e4ngt, wie ich ihr Singen und Locken, ihr Zwitschern und Fl\u00f6ten in unserem Garten zu Hause vermisst habe Seit einem Jahr habe ich nur aufdringliche, kr\u00e4chzende Kr\u00e4hen gesehen und geh\u00f6rt.<br \/>\nUnter dem \u00fcberdachten Vordach des alten Steinhauses wackelt ein kleines, wei\u00dfes Wollkn\u00e4uel auf mich zu und wufft leise. Eine winzige wei\u00dfe H\u00fcndin, Pudelmischung, die unsere Gastgeberin Marianne aufgelesen hat auf dem M\u00fcllplatz des Dorfes, entsorgt vom Besitzer wie l\u00e4stiger Abfall. Seit zwei Tagen frisst sie wieder, hat Marianne gesagt, nachdem der Tierarzt sie untersucht und entfloht hat. Jetzt macht sie Gehversuche, will das neue Gel\u00e4nde erkunden, entwindet sich furchtsam meinen streichelnden H\u00e4nden. Die gr\u00f6\u00dferen Hofhunde sind nicht zu sehen, man h\u00f6rt nur ihr aufgeregtes Bellen, wahrscheinlich haben sie eine Wildschweinf\u00e4hrte gefunden.<br \/>\nEs ist noch fr\u00fch, noch nicht hei\u00df im Garten. Die Sonne lockt uns auf die Liegest\u00fchle. Das Buch auf dem Scho\u00df, den d\u00f6senden Blick in die langen, Schatten spendenden Bl\u00e4tter der Yuka-Palme gerichtet. Ich streiche \u00fcber meinen Bauch. K\u00fchl, trotz der Sonnenstrahlen vom makellos blauen Himmel. Noch gewinnt die k\u00fchle Luft \u00fcber dem tr\u00e4g d\u00fcmpelnden See den Kampf gegen die Hitze. Sp\u00e4ter werden wir zur\u00fcckgehen in das alte verschattete Steinhaus und hinter heruntergelassenen Rollos Siesta halten auf dem breiten Bett in der K\u00fchle des Zimmers.<br \/>\nUnten am Hang liegt das kleine Ruderboot mit einer langen Kette an einem angeschwemmten Baumstumpf. Sollen wir? Mein Begleiter sch\u00fcttelt leicht den Kopf. Keine Hektik. Wir haben Zeit, Zeit, Zeit. Nicht Zeit vertreiben, haben wir uns vorgenommen, sonderZeit anhalten, Zeit genie\u00dfen, beobachten. Die Sonne auf den geschlossenen Lidern f\u00fchlen. Ruhig atmen. Nichts tun. Gar nichts.<br \/>\nWie lange werde ich dieses Nichtstun\u00a0 aushalten? Nur die leise schwankenden Zweige der Orangenb\u00e4ume anschauen, ,die kleinen, unreifen Fr\u00fcchte betrachten, die leise mitschaukeln, umgeben von unz\u00e4hlig summenden Insekten? Bienen? Wespen? Wie wenig wei\u00df ich von der Tierwelt. Wie mangelhaft meine Kenntnisse der Blumen und Pflanzen. Aber sch\u00f6n ist es hier, wundersch\u00f6n. Ein Blick des Einverst\u00e4ndnisses, wir ziehen uns nackt aus, gehen baden. \u00bbKomm, meine Eva, wir sind im Garten Eden!\u00ab Ein Wasserhuhn schreckt auf, quakt fast wie ein Frosch. Sehr k\u00fchles Wasser auf der Haut, schnelle Atemz\u00fcge, dann angenehmes Kribbeln. Wir planschen und tauchen, \u00fcberm\u00fctig wie die Kinder, schwimmen in langen Z\u00fcgen zur Mitte des Sees, surfen auf Sonnenstrahlen, lassen uns auf dem R\u00fccken liegend zur\u00fcck ans Ufer treiben.<br \/>\nMir kommt in den Sinn, dass es Faust ist, der sich w\u00fcnscht, der Teufel m\u00f6ge ihn holen, wenn er sagt: <em>Augenblick verweile doch, du bist so sch\u00f6n.<\/em><br \/>\nDann soll uns halt der Teufel holen. Ich will verweilen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zeit steht still. Noch ist es schwierig, die Hektik und Aufregung der letzten Tage zu verdr\u00e4ngen. 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