{"id":1850,"date":"2019-01-09T19:47:22","date_gmt":"2019-01-09T18:47:22","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1850"},"modified":"2020-02-16T17:20:31","modified_gmt":"2020-02-16T16:20:31","slug":"das-foto","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/das-foto\/","title":{"rendered":"Das Foto"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unsere Tochter hat das Foto herausgesucht. Wir brauchten ein Bild f\u00fcr die Trauerfeier, um es in der Kapelle an den Sockel zu lehnen, auf dem die Urne steht. Ein sch\u00f6nes Bild von dir. Sie hat es vor vielen Jahren gemacht, bei unserem letzten gemeinsamen Urlaub.<br \/>\nJung siehst du aus. Und fr\u00f6hlich. Der Wind hat dir dein dichtes, dunkles Haar ins Gesicht geweht. Mit der rechten Hand versuchst du, die Str\u00e4hnen zu b\u00e4ndigen. Die Augen sind zusammengekniffen, du schaust in die Sonne. Dein Mund lacht in die Welt.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Ihr h\u00e4tte das Foto sicher auch gefallen, wenn sie den Mut gehabt h\u00e4tte, hierherzukommen, um Abschied zu nehmen. Ich habe damit gerechnet, habe mich gefragt, wie ich reagieren soll. Du warst ein ungeheuer attraktiver Mann, das wusstest du. Die Frauen sind auf dich geflogen, so sagt man doch. Der Herr Bankdirektor war klug und kompetent, die Frauen um ihn herum \u2013 Bankerinnen, Sekret\u00e4rinnen, Kundinnen, sie alle verg\u00f6tterten dich, erlagen deinem Charme. Du hast dich am\u00fcsiert, mir immer wieder gesagt, wie sehr du mich liebtest, dass nie, nie eine andere Frau zwischen uns stehen w\u00fcrde. Als ich jung war, war ich misstrauisch, konnte mein Gl\u00fcck kaum fassen, dass du mich, nur mich wolltest.<br \/>\nIch habe mein Pharmazie-Studium abgebrochen, als Mirjam zur Welt kam. Du hast gesagt, du w\u00fcrdest f\u00fcr uns beide sorgen. Verdient hast du ja genug. Ein zweites Kind wollten wir auch.\u00a0 Kinder haben wir leider keine mehr bekommen. Wir richteten uns ein in unserer trauten Dreisamkeit.<br \/>\nAber auf einmal war ich dir doch nicht mehr genug. Ja, du warst immer noch ein jugendlich aussehender Mann, beweglicher, sportlicher, unternehmungslustiger als ich. Aber musste es eine dreiundzwanzigj\u00e4hrige Praktikantin sein? Hast du \u2013 ohne dass ich es bemerkt hatte \u2013 Angst vorm Altern bekommen? Sollte die junge Frau \u2013 j\u00fcnger als deine Tochter \u2013 dir deine Jugend wiedergeben? Nein, man kann dem Tod nicht entkommen, auch nicht wenn man seine eigenen Kinder heiratet. Der Satz steht in Homo Faber. Max Frisch haben wir doch beide gelesen. Damals, in unserer\u00a0 Zeit.<br \/>\nDu hast die Koffer gepackt, gesagt, du k\u00f6nntest nicht ohne sie leben. Wir haben beide geweint, an diesem regnerischen Abend vor acht Jahren, als du im Flur standest, die Koffer schon im Wagen, um mich noch einmal in den Arm zu nehmen.<br \/>\n\u00bbVerzeih mir\u00ab, hast du gebettelt und ich habe mich steif gemacht und habe dich weggesto\u00dfen. \u00bbHau ab\u00ab, habe ich gesagt und gedacht, gut dass Mirjam nicht mehr hier wohnt.<br \/>\n\u00bbGeh zu deinem Flittchen!\u00ab, habe ich geschrien.\u00bbIhre M\u00f6se ist sicher enger als meine.\u00ab<br \/>\nWie ein begossener Pudel bist du aus der Wohnung geschlichen. Du hast dich vor dir selbst gesch\u00e4mt. Und vor deiner Tochter. Vor mir. Vor deiner Mutter auch, vor allen Dingen vor deiner Mutter.<br \/>\n\u00bb\u00bbMidlife Crisis\u00ab, hat die achselzuckend gesagt. \u00bbM\u00e4nner drehen da manchmal durch. Warte ab, der kommt wieder!\u00ab<br \/>\n\u00bbIch will ihn nicht mehr!\u00ab, habe ich gesagt. \u00bbIch nehme ihn nicht zur\u00fcck, deinen Sohn. Niemals!\u00ab<br \/>\nIm letzten September standest du pl\u00f6tzlich vor der T\u00fcr. Abgemagert, mit sch\u00fctterem Haar und tiefen Ringen unter den Augen.<br \/>\n\u00bbIch wollte dir nur sagen, ich lebe wieder allein\u00ab, sagtest du. \u00bbSie will mich nicht mehr. Ich bin ihr zu alt und zu krank.\u00ab<br \/>\n\u00bbKomm rein\u00ab, habe ich wider besseres Wissen gesagt und dir einen Kaffee angeboten.<br \/>\n\u00bbDarf ich nicht. Bitte, nur einen Pfefferminztee\u00ab, sagtest du.<br \/>\n\u00bbDas hei\u00dft, du bist ernsthaft krank\u00ab, habe ich gesagt und sp\u00f6ttisch gelacht. \u00bbNoch nicht mal einen Cognac?\u00ab<br \/>\nDu hast den den Kopf gesch\u00fcttelt. \u00bbNein. Ein Tumor im Gehirn. Inoperabel, sagt der Arzt.\u00ab<br \/>\nEin Schlag in den Magen, ich schnappte nach Luft. Deswegen hat sie ihn an die Luft gesetzt, dachte ich. Sie will die Pflege nicht \u00fcbernehmen. Jetzt hat er sich an mich erinnert. Wir starrten uns schweigend an.<br \/>\n\u00bbEs ist nicht so, wie du denkst\u00ab, sagtest du endlich. \u00bbIch wollte es dir nur pers\u00f6nlich sagen. Du solltest es nicht von au\u00dfen zugetragen kriegen. Ich dachte, das sei ich dir schuldig.\u00ab<br \/>\n\u00bbDu bist mir gar nichts schuldig.\u00ab, sagte ich. \u00bbIch bin gut allein klargekommen. Habe sogar meinen Uni-Abschluss nachgeholt. Pharmazie. Du erinnerst dich?\u00ab<br \/>\nDu nicktest,: \u00bbIch wei\u00df. Du bist immer eine starke Frau gewesen. Viel lebenst\u00fcchtiger als ich\u00ab.<br \/>\n\u00bbHaha\u00ab, sagte ich. \u00bbDeswegen durftest du mich auch verlassen f\u00fcr diese, diese &#8230; \u00bb<br \/>\n\u00bbBitte nicht\u00ab, flehtest du. \u00bbIch habe nur noch ein halbes Jahr zu leben. Ich m\u00f6chte etwas gutmachen an dir &#8211; und Mirjam.\u00ab<br \/>\n\u00bbZu sp\u00e4t\u00ab, sagte ich.<br \/>\nDu hast dich umgedreht und bist gegangen.<br \/>\nUnd dann habe ich doch hinter dir her telefoniert. Die letzten Monate hast du bei mir gewohnt. In unserm alten, vertrauten Haus.<br \/>\nNun stehe ich hier, vor deinem Bild. Es spricht von sch\u00f6nen, unbeschwerten Tagen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Unsere Tochter hat das Foto herausgesucht. Wir brauchten ein Bild f\u00fcr die Trauerfeier, um es in der Kapelle an den Sockel zu lehnen, auf dem die Urne steht. Ein sch\u00f6nes Bild von dir. Sie hat es vor vielen Jahren gemacht, bei unserem letzten gemeinsamen Urlaub. Jung siehst du aus. Und fr\u00f6hlich. 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