{"id":1819,"date":"2018-11-27T20:16:12","date_gmt":"2018-11-27T19:16:12","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1819"},"modified":"2019-02-21T17:10:43","modified_gmt":"2019-02-21T16:10:43","slug":"me-too","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/me-too\/","title":{"rendered":"Junge Frau vor dem Badezimmerspiegel"},"content":{"rendered":"<p>Man sieht nichts. Definitiv gar nichts. Mein Bauch ist flach wie ein Brett. Dabei bin ich schon vier Wochen \u00fcberf\u00e4llig. Gl\u00fcck gehabt? Pech gehabt?<br \/>\nDu bist sch\u00f6n, hat er gesagt und mich auf die Wange gek\u00fcsst. Sch\u00f6n wie eine Lilie im Morgentau. Sch\u00f6nschw\u00e4tzer! Auch sein Atem roch fahl. Seine fetten Finger suchten den Weg in meinen Slip.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nH\u00e4tte ich mich wehren sollen? Weglaufen? Ich will doch die Rolle. Unbedingt will ich die Rolle. Sie ist mir auf den Leib geschnitten. Die Figur, das Gesicht, die Haare, alles passt, das hat er gesagt. Ich bin die perfekte Besetzung. Der Film wird ein Erfolg werden. Bestimmt, hat er gesagt.<br \/>\nEin Jahr lang habe ich mich in der Schauspielschule geplagt. Habe nachts in Bistros gejobbt, im Supermarkt an der Kasse gesessen, stundenlang, nur um die Geb\u00fchren f\u00fcr die Ausbildung zahlen zu k\u00f6nnen. Dann diese Absteige. Habe den W\u00fcrgereiz unterdr\u00fcckt, immer wieder unterdr\u00fcckt, wenn ich dieses versiffte Bad betreten habe, in das braun angelaufene Waschbecken geschaut, die Flecken an den W\u00e4nden angestarrt habe, unter dem tr\u00f6pfelnden Wasserstrahl der Dusche den Alkoholgestank der Kneipe loswerden wollte.<br \/>\n\u00bbPass auf\u00ab, habe ich ihm gesagt. \u00bbPass blo\u00df auf. Ich vertrage die Pille nicht.\u00ab<br \/>\n\u00bbKein Problem, Kleines\u00ab, hat er in mein Ohr gespeichelt.<br \/>\nAlles, alles habe ich gegeben f\u00fcr diese Rolle. Seinen fetten K\u00f6rper habe ich ertragen, sein Gest\u00f6hn und Gejammer. \u00bbMach`s mir! Mach`s mir!\u00ab, hat er gejault.<br \/>\nDanach ist er auf mir eingeschlafen, hat geschnarcht wie ein Berserker.<br \/>\n\u00bbDie Rolle kriegst du\u00ab, hat er gesagt.<br \/>\nUnd nun? Was mache ich, wenn ich schwanger bin? Gibt er mir das Geld f\u00fcr die Abtreibung? Oder wird er mich dahin zur\u00fcckschicken, wo ich hergekommen bin. Wo mein Vater sich die H\u00e4nde reiben und sagen wird, er habe immer gewusst, wie es mit mir enden w\u00fcrde. Ich h\u00e4tte ja immer geglaubt, ich sei was Besseres. Und nun m\u00fcsse ich wohl doch den Nachbarsjungen nehmen, den Sohn des Schweinez\u00fcchters, der mir schon in der Schulzeit nachgerannt ist. Ein sch\u00f6nes St\u00fcck Land wird er ihm versprechen, wenn er mich heiratet und das Kind als sein eigenes anerkennt.<br \/>\nNein, nie und nimmer! Eher bringe ich mich um. Ich bringe mich um.<br \/>\nAber vielleicht bin ich gar nicht schwanger. Vielleicht kriege ich die Rolle. Er hat es mir versprochen. Ganz fest versprochen.<\/p>\n<p>Gedanken zu: Cindy Sherman Collection, Weserburg Bremen 19.5.18 \u2013 24.2.19<br \/>\nhttp:\/\/www.artnet.com\/artists\/cindy-sherman\/untitled-film-still-39-4EELdUufze3LQCjmsvXUgg2<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man sieht nichts. Definitiv gar nichts. Mein Bauch ist flach wie ein Brett. Dabei bin ich schon vier Wochen \u00fcberf\u00e4llig. Gl\u00fcck gehabt? Pech gehabt? Du bist sch\u00f6n, hat er gesagt und mich auf die Wange gek\u00fcsst. Sch\u00f6n wie eine Lilie im Morgentau. Sch\u00f6nschw\u00e4tzer! Auch sein Atem roch fahl. 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