{"id":1815,"date":"2018-11-27T19:58:15","date_gmt":"2018-11-27T18:58:15","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1815"},"modified":"2023-10-10T18:38:05","modified_gmt":"2023-10-10T16:38:05","slug":"der-clown","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/der-clown\/","title":{"rendered":"Der Clown"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Warum dieses Skelett auf dem Motorrad sitzt, wollen Sie wissen. Neben meinem gr\u00fcn-wei\u00dfen Zirkuswagen? Und warum ich so traurig aussehe. Das wollen Sie auch wissen? Weil Clowns fr\u00f6hlich zu sein haben, unbeschwerte Spa\u00dfmacher, die die Leute zum Lachen bringen, nicht wahr? Und ich h\u00e4tte in meinem wei\u00df geschminkten Gesicht schon Trauerfurchen, die die Schminke sprengen w\u00fcrden, sagen Sie. Und meine Mundwinkel seien auch k\u00fcnstlich nach oben geschminkt. Alles Maske, denn meine Augen w\u00fcrden mich verraten. Die blickten so traurig. Ob ich depressiv sei, wollen Sie wissen? Ich wei\u00df nicht. Dar\u00fcber habe ich noch nie nachgedacht. Wenn Sie wollen, erz\u00e4hle ich Ihnen meine Geschichte. Aber nur, wenn Sie Zeit und Lust haben. Ich will mich nicht aufdr\u00e4ngen.<br \/>\nTue ich nicht, sagen Sie. Sie sammelten Schicksale, sagen Sie. Sie seien s\u00fcchtig nach Geschichten, die Sie aufschreiben. Ich wei\u00df nicht, ob meine Geschichte interessant genug ist f\u00fcr einen Schriftsteller. Ich solle nur mal anfangen? Kommen Sie rein, kommen Sie einfach rein in mein Zuhause! Drinnen ist es gem\u00fctlicher als auf den Stufen hier. Und w\u00e4rmer. Ich mache uns einen Tee. Kommen Sie!<br \/>\nOb ich traurig bin, fragen Sie. Eine komische Frage. Dar\u00fcber habe ich noch nie nachgedacht. Traurig? War ich mal. Ich f\u00fchle gar nichts mehr. Keine Freude, keine Traurigkeit. Einfach nichts. Erst in der Manege, wenn die Leute lachen und die Kinder mir zujubeln, werde ich wieder ein bisschen lebendig.. Klar doch, ich liebe das Zirkusleben, das Herumziehen von Ort zu Ort, ohne festen Wohnsitz. Ich liebe die Abende in der Manege und die Zauberwelt der Illusion.<br \/>\nMein wahres Gesicht, fragen Sie. Was ist mein wahres Gesicht? Und wenn ich eins h\u00e4tte, wer w\u00fcrde es sehen wollen? Ich jedenfalls nicht. Meine Geschichte wollen Sie h\u00f6ren? Sagen Sie Bescheid, wenn Sie genug haben.<br \/>\nZuhause waren wir sieben Kinder. Meine Mutter hat sich abgerackert und anderen Leuten die W\u00e4sche gewaschen und den Dreck weggewischt. Mein Vater versoff das wenige Geld, das er als Landarbeiter verdiente und starb, kurz nachdem meine Mutter mich und meine Zwillingsschwester in die Welt katapultiert hatte. Ungewollte Nachz\u00fcgler waren wir, meine Schwester und ich, ungewollt und ungeliebt. Es war auch ohne uns schwer genug, die M\u00e4uler zu stopfen. Aber meine Mutter sprang von Tischen und Schr\u00e4nken, versuchte, sich in der Badewanne zu verbr\u00fchen, trank bitteren Pflanzensaft, den die Dorfhexe ihr heimlich zusteckte. Nichts n\u00fctzte. Eine Abtreibung kam in unserem bayrischen Dorf selbstverst\u00e4ndlich nicht infrage. Eine Tods\u00fcnde, f\u00fcr die man in die H\u00f6lle kam. Als ob wir nicht schon in der H\u00f6lle waren! Und dann starben zwei meiner \u00e4lteren Br\u00fcder nach einem alkoholtriefenden Abend, als sie mit ihrem Moped gegen einen Baum knallten. Sie hatten gerade eine Lehre angefangen und brachten ein wenig Geld mit nach Hause.<br \/>\nMeine Schwester haute mit 16 ab mit dem Typen vom Wanderzirkus, der durch unser Dorf kam und auf der Hauptstra\u00dfe f\u00fcr seine Tiere bettelte. Sie war eines Tages einfach weg. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich auch schon, dass ich nicht war wie die anderen Jungen, die sich mit M\u00e4dchen herumtrieben, rauchten, soffen und die eine oder andere Schickse in der Scheune flachlegten.<br \/>\nWeichei, sagten sie zu mir, Sissy, weil ich lange Zeit klein und zart geblieben war, mit blonden Locken. Ich denke, meine Mutter h\u00e4tte gerne zwei M\u00e4dchen gehabt, wenn schon. Aber dass ich schwul war, das passte ihr auch nicht, da sch\u00e4mte sie sich f\u00fcr mich.<br \/>\nDie Hauptschule habe ich mit guten Noten abgeschlossen und eine Lehre beim B\u00e4cker in der n\u00e4chsten Kleinstadt gemacht. Gekocht und gebacken habe ich schon immer gerne. Auch das fr\u00fche Aufstehen hat mir nichts ausgemacht. Aber als der B\u00e4cker mich eines Tages mit seinem Sohn im Heu erwischt hat, da bin ich rausgeflogen. In der Stadt habe ich dann als K\u00fcchenjunge in einem Schnellimbiss gejobbt, durfte sp\u00e4ter auch als Hilfskoch arbeiten, denn mein Chef hat schnell gesehen, dass ich was vom Kochen verstand und ausgezeichnete Geschmacksnerven hatte. Die Leute mochten meine Sachen.<br \/>\nMit 22 habe ich Reinhard kennengelernt, der war 25 Jahre \u00e4lter als ich und hat sich in mich verliebt. Wir hatten eine gute Zeit, haben zusammen ein Bistro in Garmisch er\u00f6ffnet. Der Laden war in, lief gut in der Szene. Von Reinhard habe ich viel gelernt: Autofahren, Motorradfahren und so Sachen. Wir waren fast 6 Jahre zusammen und dann \u2013 bums \u2013 ein Verkehrsunfall und Reinhard gab es nicht mehr. Ein vollgedr\u00f6hnter Porschefahrer hatte ihn totgefahren. Einfach so. Eigentlich hatte er gesagt, er wolle mir das Bistro vermachen, wenn ihm mal was passieren w\u00fcrde. Aber es gab nichts Schriftliches. Wer rechnet denn mit so was? Reinhard war doch erst knapp \u00fcber 50. Die gierige Verwandtschaft hat sich nat\u00fcrlich alles unter den Nagel gerissen. Das schwule Fr\u00fcchtchen kriegt keinen Penny, haben sie gesagt. Da stand ich wieder \u2013 v\u00f6llig mittellos \u2013 auf der Stra\u00dfe, 26 Jahre alt. Ich bin in der M\u00fcnchener Schwulenszene abgetaucht, habe eine Zeitlang auf dem Strich gearbeitet, war Diskjockey in den einschl\u00e4gigen Kneipen. Musik mochte ich immer schon.\u00a0 Habe mir alles selbst beigebracht: Guitarre spielen, Mundharmonika, Schifferklavier. Alles ohne Noten. Mein Traum war immer eine Drehorgel, aber die konnte ich mir nicht leisten.<br \/>\nJa, und dann kam Josef. Josef aus Augsburg. Wir verstanden uns auf den ersten Blick. Er hatte mich den ganzen Abend angesehen. Als die Disko zumachte, stand er auf der Stra\u00dfe und wartete auf mich. Josef war Besitzer eines Sterne-Restaurants im Alpenvorland, suchte dringend einen Koch. Ich kam f\u00fcr ihn wie gerufen. Wir haben blendend zusammengearbeitet, Josef hat mir das Kochen beigebracht. Ich meine, richtig kochen. Sterne kochen. Ich habe alles von ihm gelernt. Er war auch 20 oder 25 Jahre \u00e4lter als ich, aber fit und fr\u00f6hlich. Wir hatten ein gutes Leben. Im Winter machten wir immer wochenlang das Lokal zu. Gingen auf Reisen. Wollten die Welt sehen. Hauten dabei alles Geld auf den Kopf, das wir verdient hatten. Es war wunderbar. Wir waren in Namibia und S\u00fcdafrika, bereisten Vietnam und Thailand und Laos. Mieteten ein Wohnmobil in Neuseeland. Ich dachte nicht an die Zukunft. Ich war jung, hungrig nach Leben und Abenteuer. Er wollte mich immer absichern, sagte er, er sei so viel \u00e4lter. Ich sollte das Restaurant weiterf\u00fchren, wenn ihm was passieren w\u00fcrde. Es fehlte nur noch die Unterschrift des Notars. Ich winkte ab. Wir hatten doch noch so viel Zeit. Wir fuhren nach S\u00fcdamerika, besichtigten die Maya \u2013 Tempel in Guatemala, die Wasserf\u00e4lle in Iguaz\u00fa, durchquerten im Jeep die Atacama-W\u00fcste, fuhren im Kanu den Amazonas hinunter. Und dann \u2013 warten Sie \u2013 ich hole uns noch etwas Tee. Oder etwas St\u00e4rkeres? Ein Bier? Einen Schnaps? Nein, Sie seien zu gespannt, sagen Sie. Ich solle weiter erz\u00e4hlen.<br \/>\nDas Ende ist nicht sch\u00f6n. Wir sa\u00dfen in Rio an einem fr\u00fchen Abend in einer Strandbar an der Copa Cabana. Sonnenuntergang. Reges Strandleben, fr\u00f6hliche Menschen um uns herum, Musik. Ich hob gerade das Glas Bier an meine Lippen, da sp\u00fcrte ich etwas Kaltes in meinem R\u00fccken. Ganz ruhig bleiben, sagte eine Stimme. Keep calm! Der Lauf einer Waffe bohrte sich zwischen meine Schulterbl\u00e4tter. Der R\u00e4uber wandte sich an die anderen G\u00e4ste. Alles Geld auf den Tisch, Portemonnaies, Ausweise, Schmuck ablegen, Ketten, Ohrringe, Uhren. Alles \u2026 sonst! Er fuchtelte mit der Pistole. Sonst knall ich den Mann hier ab. Auch wer kein Spanisch konnte, verstand, was er sagte. Die Leute gehorchten, starr, schweigend, voller Angst. Ein zweiter Mann mit schwarzem Kapuzenpullover sammelte Geld und Wertsachen ein. Niemand r\u00fchrte sich. Und dann geschah das Unbegreifliche. Die M\u00e4nner wandten sich zum Gehen, doch ehe sie verschwanden, schoss der eine von ihnen meinem neben mir sitzenden Freund in den Kopf. Richtete ihn hin. Einfach so. Ohne Vorwarnung. Josef hatte nichts getan. Alle seine Sachen abgeliefert wie die anderen auch. Er wurde einfach abgeknallt. Starb in meinen Armen. Wissen Sie jetzt, warum es mir schwerf\u00e4llt, fr\u00f6hlich zu gucken? Nicht, weil ich wieder alles verlor. Nat\u00fcrlich bekam ich das Restaurant nicht. Josefs Br\u00fcder schmissen mich sofort raus, teilten sich die Beute, wenn man so sagen darf. Ich war wieder allein, hatte meine gro\u00dfe Liebe verloren, war mittellos, musste wieder von vorne anfangen.<br \/>\nIch brauchte lange, um mich zu erholen. Flog nach Madeira, arbeitete als G\u00e4rtner, Koch, Verwalter, was immer so gebraucht wurde. Das war die Zeit, als ich das angestaubte Skelett auf dem Jahrmarkt ersteigerte. Ich montierte es auf den Soziussitz meiner alten Harley, die ich aus Deutschland mitgenommen hatte. Mephisto hei\u00dft er, mein permanenter Begleiter. Von da an fuhr der Tod immer mit. Ich war bald das bekannteste Fotomotiv in Funchal, die Leute fanden uns geil. Und lachten. Ich lachte auch. Tat zumindest so. Was sagen Sie, vielleicht brauchte ich den Tod als st\u00e4ndigen Begleiter, um \u00fcberhaupt dem Leben noch etwas abgewinnen zu k\u00f6nnen? Wei\u00df nicht, klingt mir zu kompliziert. Ich bin kein Seelenklempner.<br \/>\nLangsam ging es wieder aufw\u00e4rts. Ich bin wohl ein Stehaufm\u00e4nneken, wie man so sagt. Aber was sollte ich tun? Auf Dauer konnte ich den ewigen Fr\u00fchling, die \u00fcberall explodierende Bl\u00fctenpracht der Paradies-Insel nicht ertragen. Mich widerte der Reichtum der ausl\u00e4ndischen Villenbesitzer an. Ich zog zur\u00fcck nach Deutschland. Ja, sie haben richtig geh\u00f6rt. Ins kalte, nasse Deutschland. Ich suchte und fand meine Zwillingsschwester, die immer noch mit ihrem Mann mit dem kleinen Wanderzirkus durch Deutschland tourte. Sie nahm mich auf und sagte, ich g\u00e4be einen guten Clown ab. Die Kinder w\u00fcrden sich totlachen \u00fcber mein trauriges Gesicht, da sei sie sicher. Und mehrere Instrumente spielte ich auch. Und nun stehe ich als dummer August in der Manege, schwinge die Peitsche, die sich zum Erg\u00f6tzen des Publikums immer wieder um meinen K\u00f6rper wickelt, stolpere durch die Arena und falle \u00fcber meine viel zu gro\u00dfen Schuhe. Vielleicht waren die Schuhe immer zu gro\u00df f\u00fcr mich. Jetzt fang ich an zu philosophieren.<br \/>\nAber wissen Sie, was ich am liebsten tue? Drehorgel spielen. Eine Drehorgel habe ich mir geleistet, als ich die Harley verkauft habe. Und wenn Sie wollen, spiele ich Ihnen zum Abschied was vor auf der Drehorgel. Kennen Sie das Lied von der \u00bbAnneliese\u00ab, die ihren Liebsten im Stich gelassen hat, so wie ich immer im Stich gelassen wurde.<br \/>\nEr steht auf, holt die Drehorgel hinter dem Sofa hervor, legte eine Walze ein und schon bald h\u00f6rte man die klagende Stimme des untr\u00f6stlichen Liebhabers:<\/p>\n<p>Anneliese, ach Anneliese,<br \/>\nwarum bist du b\u00f6se auf mich?<br \/>\nAnneliese, ach Anneliese,<br \/>\ndu wei\u00dft doch, ich liebe nur Dich.<br \/>\nDoch ich kann es gar nicht fassen,<br \/>\nDass du mich hast sitzen lassen,<br \/>\nwo ich mit dem letzten Geld<br \/>\ndie Blumen hab f\u00fcr Dich bestellt.<br \/>\nUnd weil du nicht bist gekommen,<br \/>\nhab\u2019 ich sie vor Wut genommen,<br \/>\nihre K\u00f6pfe abgerissen<br \/>\nund dann in den Fluss geschmissen.<br \/>\nAnneliese, ach Anneliese,<br \/>\nDu wei\u00dft doch, ich liebe nur dich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Warum dieses Skelett auf dem Motorrad sitzt, wollen Sie wissen. 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