{"id":1747,"date":"2018-08-02T14:37:25","date_gmt":"2018-08-02T12:37:25","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1747"},"modified":"2020-06-22T15:22:06","modified_gmt":"2020-06-22T13:22:06","slug":"der-strand-von-trafalgar-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/der-strand-von-trafalgar-2\/","title":{"rendered":"Der Strand von Trafalgar"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Prohibido El Consumo De Drogas<\/p>\n<p>Sarah treibt auf dem silbernen Strahl b\u00e4uchlings Richtung Strand, bleibt im Flachen liegen, den Kopf leicht angehoben, das Kinn auf die F\u00e4uste gest\u00fctzt. Wellen rollen \u00fcber sie hinweg, Wasser wie k\u00fchle Seide, die Formulierung gef\u00e4llt ihr. Wo hat sie diese Worte gelesen?<br \/>\nDer Silberstreif der Sonne l\u00e4uft direkt auf den Leuchtturm zu, wiegt sich auf der gr\u00fcn-blau changierenden Oberfl\u00e4che, \u00fcberschl\u00e4gt sich mit den munter rippelnden Wellen, kriecht als helles Band \u00fcber dem Sand hoch hinauf auf die D\u00fcne und l\u00e4sst den wei\u00dfen Turm mit dem gl\u00e4sernen Lampenhaus im Licht des sp\u00e4ten Nachmittags aufgl\u00fchen.<!--more--><br \/>\nSarah dreht sich auf den R\u00fccken, atmet in tiefen Z\u00fcgen die salzige Luft ein, h\u00e4lt ihr Gesicht in die sanft w\u00e4rmende Sonne, schlie\u00dft die Augen.<br \/>\nEndlich, endlich die langersehnten freien Tage. Die Anspannung der letzten Wochen liegt hinter ihr. Sie arbeitet in der IT-Branche. F\u00fcr eine gro\u00dfe Bank musste ein neues System implementiert werden, die Vorbereitungen dauerten \u00fcber ein Jahr und waren stressig. Es gab immer wieder Verz\u00f6gerungen und Sarah &#8211; als Teamleiterin einer Gruppe von 10 Spezialisten &#8211; wurde von h\u00f6herer Stelle nat\u00fcrlich die Verantwortung f\u00fcr jedes auftretende Problem zugeschoben. Streit und Missgunst auch im Team. Eine karrieregeile Kollegin f\u00fchlte sich von Anfang an \u00fcbergangen. Sie war \u00fcberzeugt, ihr st\u00fcnde die Projektleitung zu. Es wurden Intrigen gesponnen, manchmal hatte Sarah das Gef\u00fchl, die auftretenden Schwierigkeiten w\u00fcrden absichtlich von neidischen Mitarbeitern initiiert. Das Go Live Wochenende r\u00fcckte heran, \u00c4nderungen mussten auf den letzten Dr\u00fccker eingebaut werden und Sarah war am Ende ihrer Kraft und Nerven. Das System funktionierte, ging in der Nacht vom Samstag auf Sonntag live, doch Sarah war so ersch\u00f6pft, dass sie ernsthaft \u00fcberlegte, ob sie diesen Stress, diesen Konkurrenzkampf auf Dauer durchhalten konnte oder ob sie sich lieber einen weniger anstrengenden Job suchen sollte. Zwei Wochen Strandurlaub waren genau das, was sie brauchte.<br \/>\nDer schlanke, blendend wei\u00dfe Leuchtturm von Trafalgar erhebt sich auf einer ins Meer hinausragenden D\u00fcne, bewachsen von hellgr\u00fcnem Strandgras, dunkelgr\u00fcnem, nadeligem Kieferngestr\u00fcpp und fleischigen Sukkulenten, die seit Jahrhunderten verhindern, dass der Sand wegfliegt.<br \/>\nDie Schlacht von Trafalgar: Bilder tauchen auf. Zwei Reihen von parallel segelnden Kriegsschiffen, die sich gegenseitig unter Beschuss nehmen. Die Segel vom Wind gebl\u00e4ht treiben die Fregatten in Sichtweite des Landes nebeneinander her. Gesch\u00fctzdonner, hohe Schreie, das Ger\u00e4usch splitternden Holzes.<br \/>\n\u00bbEngland expects everybody to do his duty\u00ab. Admiral Nelsons ber\u00fchmter Satz, bisher nur eine Grammatik\u00fcbung im Englischunterricht zur Demonstration einer eleganten sprachlichen Konstruktion, nimmt gruselige Gestalt an. Tausende von Toten, unter ihnen Nelson. Der franz\u00f6sische Vize-Admiral Villeneuve wurde gefangen genommen, sp\u00e4ter hingerichtet. Sarah schlie\u00dft die Augen: so viele Tote, so viel Blut, so viel Leid.<br \/>\nDie Ebbe zieht Sarah zur\u00fcck ins Meer. Der Strand wird breiter, auf dem nassen, freigelegten Rand ist der Boden hart genug f\u00fcr die ersten Jogger. Muscheln, Algen, Steine und Reste angesp\u00fclter Fischernetze markieren die Stelle, bis zu der das Wasser bei der letzten Flut gestiegen ist. Die junge Frau krault ein St\u00fcck hinaus, der Sonne entgegen, l\u00e4sst sich von der Str\u00f6mung mitziehen, treibt auf glitzernden Wasserstrahlen. Erst als sie den Grund unter den F\u00fc\u00dfen nicht mehr ertasten kann, \u00e4ndert sie die Richtung, surft auf den Wellen zum sicheren Strand.<br \/>\nIn der Bucht flattern gr\u00fcne Fahnen, zwei junge Lifeguards hocken mit ihren Ferngl\u00e4sern auf dem h\u00f6lzernen Turm, Trillerpfeifen um den Hals, um leichtsinnige Touristen zur\u00fcckzupfeifen, wenn die sich zu weit vom Ufer entfernen. Ein Schlauchboot mit gro\u00dfem Au\u00dfenborder liegt im Sand, bereit zum Einsatz. Es gebe starke Str\u00f6mungen in diesem Strandabschnitt, man d\u00fcrfe nicht zu weit hinausschwimmen, hat der Wirt in der Strandkneipe gewarnt.<br \/>\nHinter den niedrigen D\u00fcnen sieht die Ansammlung von kleinen Geb\u00e4uden aus wie ein afrikanisches Dorf. Man erz\u00e4hlt, die andalusischen Sch\u00e4fer an der K\u00fcste h\u00e4tten seit grauer Vorzeit in solchen H\u00fctten gewohnt. Die kugeligen Geb\u00e4ude sind nicht mit Stroh oder trockenem Gras gedeckt, sondern mit Schilf, auf dem eine Schicht Sand gestreut wurde. Wasserfeste gelbe Farbe h\u00e4lt die Konstruktionen zusammen. Ein Dorf f\u00fcr Schl\u00fcmpfe wie fr\u00fcher im Kinderfernsehen.<br \/>\nVom Meer kommend sieht man auf der rechten Seite der langgestreckten Bucht das mit dichten Schirm-Pinien bewachsene, hohe Sandsteinkliff der Ca\u00f1os de Meca, unten an der K\u00fcste die kleinen, mit wei\u00dfer Kalkfarbe gestrichenen H\u00e4user und Hotels. Kein Bau ist h\u00f6her als die sich wiegenden Palmen, ein H\u00f6henma\u00df, das der Architekt und K\u00fcnstler C\u00e9sar Manrique nicht nur f\u00fcr Lanzarote durchgesetzt hat. Oben auf den Klippen steht ein steinerner Rundturm, von dem aus die Strandbewohner damals die von See her anr\u00fcckenden Angreifer rechtzeitig ersp\u00e4hen konnten. Heute ist er ein beliebter Aussichtspunkt f\u00fcr Touristen, die nach einer schwei\u00dftreibenden Wanderung durch das sandige Naturschutzgebiet angesichts des wei\u00dfen Strandes und des blauen Wassers reflexartig ihre Smartphones z\u00fccken.<br \/>\nDer Strand scheint immer noch ein Geheimtipp zu sein. Sarah schaut auf die \u00fcberschaubare Zahl der Sonnenanbeter im Sand. Familien mit kleinen Kindern lagern unter bunten Sonnenschirmen, P\u00e4rchen liegen auf den wild gemusterten Decken, die schwarze Strandh\u00e4ndler unerm\u00fcdlich anbieten. Halbw\u00fcchsige Jungen in engen Neoprenanz\u00fcgen versuchen, mit ihren Bodyboards die niedrigen Wellen zu reiten, geben bald frustriert auf.<br \/>\nZwei M\u00e4nner mit Labrador-H\u00fcndinnen werfen einen weichen Ball ins Wasser, um die Hunde zu bewegen, sich ins kalte Nass zu st\u00fcrzen. Sie m\u00fcssen immer wieder selbst die B\u00e4lle zur\u00fcckholen, weil die Tiere vor dem wei\u00dfen Schaum am Rand zur\u00fcckschrecken oder sp\u00e4testens dann in Panik geraten, wenn der Ball vom Wasser zu weit mitgezogen wird und sie keinen Sand mehr unter den F\u00fc\u00dfen sp\u00fcren. Doch die M\u00e4nner geben nicht auf. Immer wieder schwimmen sie selbst hinaus, w\u00e4hrend die Hunde aufgeregt kl\u00e4ffend auf den Ball warten und an ihren Herrchen hochspringen, sobald diese den Strand betreten mit dem Objekt der Begierde hoch \u00fcber den K\u00f6pfen. Die M\u00e4nner haben Geduld, die Hunde auch. Wer in diesem Spiel Sieger bleibt, wird Sarah an diesem Tag nicht mehr erleben.<br \/>\nDer Wind hat aufgefrischt, der erste Sonnenschirm rei\u00dft aus der Verankerung. Sarah zerrt Shorts und T-Shirt \u00fcber den halbtrockenen Bikini, rollt das Strandtuch zusammen und stopft es in die Badetasche. Langsam stapft sie \u00fcber die sanft ansteigenden Holzbohlen zur\u00fcck zur Kneipe. Oben auf der schmalen Betonpiste zum Dorf haben junge Leute in bunten, wallenden Gew\u00e4ndern ihre Verkaufsst\u00e4nde aufgebaut: Halsketten aus Muscheln, rote, blaue, gr\u00fcne Freundschaftsarmb\u00e4nder, Badet\u00fccher, Shirts, allerlei Krimskrams zusammengeklaubt auf den M\u00e4rkten der Umgebung. Junge M\u00e4dchen mit h\u00fcftlangen Haaren tragen ihre schlafenden Babys im Tuch vor dem Bauch, junge M\u00e4nner mit Rastalocken und Jesuslatschen hocken daneben, ziehen an einer Zigarette. Sarah bl\u00e4ht die Nasenfl\u00fcgel, schnuppert den Haschgeruch, f\u00fchlt sich zur\u00fcckversetzt in die Hippie-Szene der 70er Jahre, die sie eigentlich nur von den Fotos und Erz\u00e4hlungen ihrer Eltern kennt. Auch die Blumenkinder hier am Strand sehen gelassen und gl\u00fccklich aus. Kein Stress, kein Zeitdruck, keine unerf\u00fcllbaren Aufgaben von au\u00dfen aufgezwungen. Ein friedliches, fast paradiesisches Bild. Die Auszeit, die diese jungen Familien sich g\u00f6nnen, ist wohl noch lange nicht zu Ende, zumindest sieht es so aus, als ob sich niemand Sorgen um die Zukunft macht. Bewundernswert?<br \/>\nSarah betritt die kleine Strandkneipe, um gesch\u00fctzt vom Wind unter dem afrikanisch aussehenden H\u00fcttendach ein Eis zu essen, einen caf\u00e9 con leche zu trinken. Oder ist es schon Zeit f\u00fcr una copa de vino blanco? Wobei doch das gezackte, hoch aufragende Holzschild am Eingang warnt:<br \/>\nProhibido El Consumo De Drogas<br \/>\nDas Konsumieren von Drogen ist verboten. Eine Karaffe mit k\u00fchlem Wei\u00dfwein bringt der freundliche Wirt ohne Kommentar. Als Zugabe ein Sch\u00e4lchen mit gr\u00fcnen und schwarzen Oliven und ein wenig Schafsk\u00e4se. Offensichtlich gilt Wein nicht als Droge, nicht hier am andalusischen Atlantikstrand. Sarah nippt zufrieden an ihrem Glas. Der h\u00fcbsche Typ am Nebentisch l\u00e4chelt sie an, streckt den Arm aus, h\u00e4lt ihr einen Joint hin.<br \/>\n\u00bbTake it! You need it\u00ab, sagt er auf Englisch. Sarah z\u00f6gert. Sie hat seit dem Studium nicht mehr &#8230; Aber was soll`s? Ein Joint ist genau das, was sie jetzt braucht. Der Typ rutscht zu ihr auf die Bank.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Prohibido El Consumo De Drogas Sarah treibt auf dem silbernen Strahl b\u00e4uchlings Richtung Strand, bleibt im Flachen liegen, den Kopf leicht angehoben, das Kinn auf die F\u00e4uste gest\u00fctzt. Wellen rollen \u00fcber sie hinweg, Wasser wie k\u00fchle Seide, die Formulierung gef\u00e4llt ihr. Wo hat sie diese Worte gelesen? 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