{"id":1745,"date":"2018-08-02T14:34:52","date_gmt":"2018-08-02T12:34:52","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1745"},"modified":"2019-12-11T16:22:38","modified_gmt":"2019-12-11T15:22:38","slug":"pechvogel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/pechvogel\/","title":{"rendered":"Pechvogel"},"content":{"rendered":"<p>M\u00e4xchen war ein nettes Baby, freundlich und still und \u2013 zur Freude seiner Mutter \u2013 unheimlich verfressen. Das Kerlchen bl\u00fchte und gedieh.<br \/>\n\u00bbNein, was sieht das Jungchen gesund aus\u00ab, sagte die Omi. \u00bbSo ein nettes dralles Baby!\u00ab<br \/>\nEr l\u00e4chelte alle an, schlief von Anfang an durch und machte nie Probleme, bis, ja bis seine Mutter ihn in der Kita anmeldete. Dort wurde er zum Liebling aller weichherzigen Erzieherinnen, so ein unproblematisches Kind gab es selten, so anh\u00e4nglich und lieb, aber dann wurde immer deutlicher, dass die Sprachentwicklung hinter der gleichaltriger Jungen zur\u00fcckblieb. Von den M\u00e4dchen ganz zu schweigen, die waren ihm Welten \u00fcberlegen. Auch motorisch lief er nicht gerade zur H\u00f6chstform auf. M\u00e4nnchen malen, die Lieblingsaufgabe der freundlichen Kinderg\u00e4rtnerinnen, bei deren Interpretation sie ihre psychologischen F\u00e4higkeiten schulen wollten, war f\u00fcr den Kleinen eine Tortur. Den M\u00e4nnchen fehlten entweder Arme oder Beine, der Kopf geriet viel zu gro\u00df oder zu klein. Und basteln wollte er auch nicht.<!--more--><br \/>\n\u00bbNicht altersgem\u00e4\u00df\u00ab entschied der Kinderarzt bei der Routineuntersuchung. \u00bbSie m\u00fcssen sich mehr mit dem Kind besch\u00e4ftigen!\u00ab, sagte er und blickte die Mutter strafend an. Die machte ein betroffenes Gesicht, zuckte die Schultern, strich dem Kleinen \u00fcber die blonden Wuschelhaare und sagte: \u00bbMein kleiner Dummerjahn, ich hab dich trotzdem lieb.\u00ab Der Kleine l\u00e4chelte sie an.<br \/>\nIhn ein Jahr sp\u00e4ter einzuschulen, war auch kein Problem. \u00bbDer Junge braucht mehr Zeit\u00ab, sagte der Psychologe bei der Schuleintrittsuntersuchung. \u00bbMacht nichts\u00ab, sagte die Mutter. \u00bbIt takes all kinds to make the world.\u00ab Der Psychologe schaute sie erstaunt an. Die Mutter konnte Englisch.<br \/>\nDass der Vater des Jungen langsam ungeduldig wurde, Fortschritte sehen wollte, war solange kein Problem, wie seine Frau ihre sch\u00fctzende Hand \u00fcber den Jungen hielt. \u00bbHauptsache, er ist gl\u00fccklich\u00ab, sagte sie und blickte versonnen auf das ruhig vor sich hinspielende Kind, das geduldig die Steine seiner Legokiste nach Farben sortierte.<br \/>\nDas Drama fing an, als die Mutter des Jungen bei einem Fahrradunfall ums Leben kam. Der Vater war allein mit dem Jungen, der so gar nicht seinen Vorstellungen entsprach. Er selbst war Handwerker, hatte einen qualifizierten Hauptschulabschluss und arbeitete hart, um einen akzeptablen Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Das kleine H\u00e4uschen musste abgezahlt werden, der BMW \u2013 sein ganzer Stolz &#8211; war seinem Gehalt nicht angemessen. Der Junge sollte es einmal besser haben. Doch die Leistungen in der Grundschule gaben wenig Grund zur Hoffnung. Eine weiterf\u00fchrende Schule war nicht drin, trotz der Nachhilfestunden, die zu bezahlen er sich z\u00e4hneknirschend entschloss.<br \/>\nDie neue Frau an seiner Seite mit ihren zwei cleveren M\u00e4dchen, die das Gymnasium besuchten, waren f\u00fcr seinen Jungen auch nicht motivierend, der zog sich immer mehr zur\u00fcck.<br \/>\nIn der Hauptschule geriet er \u2013 wen wunderte das \u2013 an die falschen Freunde. Jungen, die schlauer waren als er, die ihn aber in ihre Clique aufnahmen, ihm beibrachten zu rauchen, Alkohol zu trinken, sich immer wieder an dem Geldbeutel seines Vaters, seiner Stiefmutter zu vergreifen. Nat\u00fcrlich fiel das auf, es gab schreckliche Donnerwetter, aber mittlerweile war es dem Jungen wichtiger, Mitglied der Clique zu sein als seinen Eltern zu gefallen. Da hatte er l\u00e4ngst resigniert, das schaffte er sowieso nicht.<br \/>\nProblematisch wurde sein Verhalten in der Berufsschule. Der Junge war weiterhin nicht aufs\u00e4ssig, eher einsichtig, aber lethargisch. Es war die Clique, die ihn anstachelte, im Kaufhaus Dinge \u00bbmitgehen zu lassen\u00ab. \u00bbMutprobe\u00ab, sagten sie. \u00bbV\u00f6llig ungef\u00e4hrlich.\u00ab Nat\u00fcrlich wurde er erwischt.<br \/>\n\u00abJa, wenn du dich auch so doof anstellst!\u00ab, sagten sie. \u00bbDeine Schuld.\u00ab<br \/>\nDen Zigarettenautomaten zu knacken, war schon ein schwerwiegenderes Delikt. Dabei knackte er ihn gar nicht, stand nur Schmiere. Als die Polizei kam \u2013 ein aufmerksamer Nachbar hatte bei der Wache angerufen \u2013 liefen alle weg. Nur er wurde erwischt. Selbstverst\u00e4ndlich schoben die anderen die Schuld auf ihn. Ernsthafte Verwarnung vom Jugendrichter. Einige Stunden soziale Arbeit wurden ihm aufgebrummt, er war mittlerweile siebzehn.<br \/>\nDie Situation \u00e4nderte sich, als er Juli kennenlernte. Sie kam aus einfachen Verh\u00e4ltnissen, ihre Mutter arbeitete bei einer Reinigungsfirma. Juli war klug und ehrgeizig, wollte etwas erreichen in ihrem Leben. Sie verliebte sich in den ruhigen, freundlichen Burschen, kriegte ihn dazu, seine Lehre als KFZ-Mechaniker abzuschlie\u00dfen. Es winkte ein Job bei Mercedes, das Leben schien eine positive Wendung zu nehmen. Als Juli ihn verlie\u00df und sich mit einem Jurastudenten zusammentat, brach seine Welt zusammen. Er fing wieder an, Drogen zu nehmen.<br \/>\nEs waren die alten Freunde, die ihn st\u00fctzten, aufnahmen in ihre Clique und zu kriminellen Aktionen anstachelten.<br \/>\n\u00bbWir machen den Enkeltrick\u00ab, sagten sie. \u00bbRufen ein paar Omas an, die haben fast alle Enkel, und dann bitten wir sie um Geld.\u00ab<br \/>\nMax war skeptisch. Die harschen Worte des Jugendrichters sa\u00dfen ihm noch in den Knochen.<br \/>\n\u00bbDen Trick kennt doch mittlerweile die letzte Oma.\u00ab, sagte er .&#8220;Ich habe eine bessere Idee.&#8220;<br \/>\nDie Freunde sahen ihn verbl\u00fcfft an. \u00bbDann schie\u00df mal los!\u00ab, sagten sie<br \/>\nWas Max ihnen erkl\u00e4rte, klang plausibel. Sie sollten ausschw\u00e4rmen und in den sogenannten \u00bbbesseren\u00ab Stadtteilen herausfinden, wo \u00e4ltere Leute \u2013 m\u00f6glichst allein \u2013 in ihren H\u00e4usern lebten, den Namen herauskriegen, die Telefonnummer \u00fcbers Internet feststellen. Das war heutzutage einfacher als vor dem digitalen Siegeszug, da war sich\u00a0 Max sicher.<br \/>\nMax selbst bewarb sich als Werbeaustr\u00e4ger. Klemmte sich einen Stapel der Zeitungen auf den Gep\u00e4cktr\u00e4ger seines alten Fahrrades, fuhr in Bremen St. Magnus und Lesum die H\u00e4user ab, notierte Namen und Adressen der Besitzer.<\/p>\n<p>Nach einem Monat kannte er sich gut aus in seinem Bezirk, wusste, wer wo wohnt. Er kannte die meisten Mieter und Eigent\u00fcmer, konnte ihr Alter sch\u00e4tzen, hatte herausgefunden, wer allein in seinem Haus oder in seiner Wohnung lebte.<br \/>\nSein potentielles Opfer war eine \u00fcber 80-j\u00e4hrige Frau, die nach dem Tod ihres Mannes versuchte, ohne ihn klarzukommen. K\u00f6rperlich eingeschr\u00e4nkt, aber durchaus fit im Kopf, lebte sie in der Villa am Park, versorgte sich selbst und war wohlhabend genug, sich eine Zugehfrau, einen G\u00e4rtner zu leisten. Sie schob den Gedanken an betreutes Wohnen noch weit von sich fort.<\/p>\n<p>\u00bbGuten Morgen, Frau Brinkmann\u00ab, sagte Max freundlich, als er die alte Frau am Telefon hatte. \u00abIch rufe von der Polizeiwache in Lesum an. Wir ermitteln gerade in einem Fall, der sich in Ihrer Stra\u00dfe ereignet hat. Sie wohnen doch in der Waldstra\u00dfe, nicht wahr Frau Brinkmann? Eine \u00e4ltere Frau ist vor ein paar Tagen in der Waldstra\u00dfe in ihrem Haus \u00fcberfallen worden. Sie liegt noch im Krankenhaus. Sie haben sicher davon geh\u00f6rt,Frau Brinkmann. Nein? Aber Sie haben sicher in der Zeitung gelesen, dass \u00e4ltere, alleinlebende Frauen zur Zeit \u00f6fter Opfer von Wohnungseinbr\u00fcchen werden? Frau Brinkmann, gl\u00fccklicherweise konnten wir einen der T\u00e4ter ausfindig machen. Er sitzt in Untersuchungshaft. Aber bei der Durchsuchung seiner Wohnung haben wir einen Zettel mit verschiedenen Namen und Adressen gefunden. Alles alleinlebende Damen. Ihr Name war auch darunter. Ja, Frau Brinkmann, Sie haben recht. Schrecklich. Deswegen rufe ich Sie ja auch an, Frau Brinkmann. Wir wollen nur sicher gehen, dass Sie ihre T\u00fcren und Fenster verschlie\u00dfen, wenn Sie das Haus verlassen. Auch nachts. Was sagen Sie, Sie haben eine Sicherheitsanlage. Das ist ja prima, Frau Brinkmann. Da kommt niemand rein. Wir patrouillieren auch jetzt \u00f6fter in Ihrer Gegend. Leider haben die T\u00e4ter aber auch Bankdaten erbeutet. Ihre Bank und Ihre Kontonummer ist auch darunter. Ja, tut mir leid, Frau Brinkmann. Der Staatsanwalt wird Sie auch noch anrufen. Die Kriminellen sind heute fit in digitalen Dingen. Da kommen wir kaum hinterher. Bei einer \u00e4lteren Mitb\u00fcrgerin in ihrer Gegend alle Konten abger\u00e4umt worden. Stellen Sie sich das vor, Frau Brinkmann. Alle Konten abger\u00e4umt. Bei der Targo-Bank.<br \/>\nWas sagen Sie, Frau Brinkmann. Sie haben keine Konten bei der Targo-Bank. Ach so, bei der Sparkasse in Lesum. Klar, steht ja auch auf dem Zettel. Ich schlage folgendes vor: Wir gehen zusammen zur Sparkasse und transferieren die Gelder auf eine andere Bank. Ich helfe Ihnen,\u00a0 Frau Brinkmann. Tue ich gerne. Die Polizei \u2013 Ihr Freund und Helfer. Wof\u00fcr sind wir denn sonst da, Frau Brinkmann. Um nette \u00e4ltere DamenFrauen wie Sie zu besch\u00fctzen. Was sagen Sie, Frau Brinkmann, woher ich wei\u00df, dass Sie nett sind. Das h\u00f6re ich doch an Ihrer Stimme, so ruhig und sympathisch. Wir kriegen das schon hin, wir beide. Was halten Sie davon, sich mit mir um 11.30 in der Schalterhalle der Sparkasse zu treffen. Ja, genau, die Sparkasse gegen\u00fcber der Lesumer Polizei. Ich komme kurz r\u00fcber. Wie Sie mich erkennen k\u00f6nnen? Ich werde Sie erkennen, ich habe doch Menschenkenntnis. Das geh\u00f6rt zu unserer Ausbildung, Frau Brinkmann. Wir Polizisten erkennen Menschen auf den ersten Blick. Noch Fragen, Frau Brinkmann? Alles klar? Machen Sie sich keine Sorgen. Die Polizei hat alles im Griff, Frau Brinkmann. In einer Stunde in der Sparkasse. Bis gleich, Frau Brinkmann.<br \/>\nAls Max den H\u00f6rer auflegte war er nassgeschwitzt, aber euphorisch. Das hatte geklappt. Die Frau hatte nicht nach seinem Namen, nicht nach der Telefonnummer der Polizeiwache gefragt. Er hatte sie ja nicht zu Wort kommen lassen. Astreine Profiarbeit. Was Max nicht wusste, war, dass die Dame zwar alt, aber geistig rege war. Kein Name, keine Telefonnummer, das kam ihr komisch vor. Dann diese ewige Wiederholung ihres Namens, eher eine Macke von Versicherungsagenten oder Autoverk\u00e4ufern. In Aktenzeichen XY hatte sie erst k\u00fcrzlich eine Reportage \u00fcber Trickbetr\u00fcger angeschaut, die es besonders auf \u00e4ltere Frauen abgesehen hatten, deren Konten sie leer r\u00e4umten. Mit mir nicht, dachte sie, startete ihren PC und suchte die Nummer der Lesumer Polizeiwache heraus.<br \/>\nDer Beamte am anderen Ende der Leitung war sofort hellwach. Er bat Frau Brinkmann um Mithilfe. Ein Polizeibeamter in Zivil w\u00fcrde vor Ort sein, wenn die alte Dame den Mut h\u00e4tte, zur Sparkasse zu kommen. Man m\u00fcsst den Mann auf frischer Tat ertappen, nicht nur beim Versuch, Geld zu ergaunern. Sie br\u00e4uchten dringend ihre Hilfe.<br \/>\nMax hatte den Coup gut geplant, was er v\u00f6llig untersch\u00e4tzt hatte, war die pfiffige alte Dame, eine begeisterte Krimileserin, die darauf brannte, ihr Idol Miss Marple zu imitieren und tatkr\u00e4ftig an der Festnahme eines Gangsters mitzuwirken. Crime-time, Prime-time. Energisch schob Frau Brinkmann ihren Rollator \u00fcber die Stra\u00dfe und betrat die Sparkasse.<br \/>\nDas war`s dann f\u00fcr Max. Der junge Mann tat der alten Frau fast leid, als ihm die Handfesseln angelegt wurden und man ihn unsanft in ein Polizeiauto schubste. Kopfsch\u00fcttelnd verlie\u00df Frau Brinkmann die Sparkasse, begleitet von dem Zivilbeamten.<br \/>\n\u00bbWie lang wird er eingebuchtet?\u00ab, fragte sie. \u00bbEr sieht doch so nett aus. Ein so h\u00fcbscher junger Mann, wie kann der nur &#8230;\u00ab<br \/>\n\u00bbKeine Ahnung, das liegt am Richter\u00ab, sagte der Beamte. \u00bbDie sind in Bremen meistens recht milde gestimmt. \u00bb<br \/>\n\u00bbNa hoffentlich\u00ab, seufzte die alte Dame. \u00bbSonst ist sein ganzes Leben versaut. Ob ich ihn mal im Gef\u00e4ngnis besuchen darf?\u00ab<br \/>\nDer Polizist schaute sie fassungslos an. Aber Frau Brinkmann war schon auf dem Zebrastreifen.<br \/>\n\u00bbHalt\u00ab, sagte der Beamte und eilte hinter ihr her. \u00bbWir brauchen Sie noch f\u00fcr eine Zeugenaussage. Bitte, kommen Sie mit zur Wache.\u00ab Frau Brinkmanns Augen funkelten. Dass das Leben noch so spannend war, h\u00e4tte sie nie gedacht. Da werden ihre Bridge-Freundinnen aber neidisch sein, wenn sie ihnen heute Nachmittag erz\u00e4hlt, was ihr passiert war. Nur der nette, junge Mann, der ging ihr nicht aus dem Sinn. Ob man dem irgendwie helfen k\u00f6nnte? Es gab doch Besuchszeiten im Gef\u00e4ngnis. Sie w\u00fcrde sich gleich erkundigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00e4xchen war ein nettes Baby, freundlich und still und \u2013 zur Freude seiner Mutter \u2013 unheimlich verfressen. 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