{"id":1711,"date":"2018-07-09T21:33:10","date_gmt":"2018-07-09T19:33:10","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1711"},"modified":"2018-09-12T20:03:42","modified_gmt":"2018-09-12T18:03:42","slug":"werkstatt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/werkstatt\/","title":{"rendered":"Werkstattgespr\u00e4ch"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Geruch nach \u00d6l und Benzin ist \u00fcberw\u00e4ltigend und mischt sich mit den warmen Luftschwaden, die durch die offene T\u00fcr eindringen. Drei alte Autos mit hochgeklappter Motorhaube stehen in der kleinen, dunklen Werkstatt.<br \/>\n\u00bbQue calor\u00ab, st\u00f6hnt der junge, dickb\u00e4uchige Mechaniker, der sich \u00fcber die ge\u00f6ffnete K\u00fchlerhaube des gro\u00dfen Renault beugt und seine kr\u00e4ftigen, stark t\u00e4towierten Oberarme im Motorraum verschwinden l\u00e4sst. Die schmutzige Hose rutscht ihm halb \u00fcber den Hintern.<br \/>\n\u00bbHmm\u00ab, sagt er, \u00abhmm\u00ab , hebt sein mit schwarzen Bartstoppeln zugewachsenes Gesicht. Er wischt mit dem Handr\u00fccken \u00fcber die schwei\u00dfnasse Stirn und winkt seinen Lehrling heran, der ebenfalls mit gerunzelter Stirn auf die Kabel und Schl\u00e4uche starrt. Auch der kleine Bengel, der die ganze Zeit still mit einem gro\u00dfen Schraubenzieher an einer Radkappe herumgeschraubt hat, legt sein Werkzeug beiseite, schiebt eine Kiste heran, auf die er klettert, um mit demselben sorgenvollen Blick in den Motor zu schauen. Mit dem \u00f6ligen Tuch wischt der Mechaniker sich die H\u00e4nde ab, zieht mit einer energischen Bewegung die Hose \u00fcber Bauch und Po.<br \/>\n\u00bbFeio, muy feio!\u00ab<!--more--><br \/>\n\u00bbWas sagt der?\u00ab, fragt die blonde Frau mit den kunstvoll hochgesteckten Haaren, die im gebl\u00fcmten, weit ausgeschnittenen Kleid auf dem ausgebauten Autositz hockt, der an der Wand abgestellt ist. Sie hat die Ray Ban auf die Stirn geschoben und malt ihre Lippen nach. Perfekt. Ohne Spiegel.<br \/>\n\u00bbEs gibt wohl ein Problem\u00ab, sagt der \u00e4ltere Herr im hellen Sommeranzug, der neben dem Mechaniker steht und verst\u00e4ndnislos auf die Kabelage im K\u00fchler schaut. \u00bbEin gr\u00f6\u00dferes Problem. Aber was genau los ist, verstehe ich auch nicht. Du hast doch den Spanischkurs gemacht. Nicht ich.\u00ab<br \/>\n\u00bbAber doch keine Vokabeln aus dem Mechaniker-Milieu, Schatz\u00ab, sagt sie und verzieht die Lippen. \u00bbDieses Fachchinesisch verstehe ich noch nicht mal auf Deutsch, wie du wei\u00dft. Ich habe dir \u00fcbrigens immer gesagt, wir sollten uns einen BMW X7 anschaffen, dann h\u00e4tten wir diesen \u00c4rger nicht. Ein franz\u00f6sisches Auto, ausgerechnet einen Renault, du bist von allen guten Geistern verlassen. Aber an deine Frankophilie werde ich mich nie gew\u00f6hnen k\u00f6nnen. Vive la France! K\u00e4se und Wein reichen mir v\u00f6llig.\u00ab<br \/>\nDer Mechaniker unterbricht den ehelichen Schlagabtausch, reibt bedauernd die H\u00e4nde aneinander, h\u00e4lt Daumen und kleinen Finger ans Ohr und sagt mit einem freundlichen Grinsen etwas von \u00bbma\u00f1ana und tel\u00e9fono.\u00ab<br \/>\n\u00bbWir h\u00e4tten sofort den ADAC anrufen sollen\u00ab, zischt die Frau, als sie ins Taxi steigen. \u00bbDu bist ja auch zu vertrauensselig. Blo\u00df weil du der Kleinen am Empfang zu tief ins Dekollet\u00e9 schaust, hast du dich auf diesen <em>muy buen amigo<\/em> eingelassen. Ich sage dir, das ist ein abgekartetes Spiel.\u00ab<br \/>\n\u00bbNun sei doch nicht so misstrauisch\u00ab, sagt er. \u00bbDen ADAC k\u00f6nnen wir immer noch anrufen. Wir sind doch nicht in Eile. Du hast gesagt, es gef\u00e4llt dir gut hier in Conil. Genie\u00dfen wir doch die paar Extratage.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch muss n\u00e4chste Woche zum Shooting, das wei\u00dft du genau\u00ab, sagt sie. Er antwortet nicht.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen sagt die junge Frau an der Rezeption, ihr Freund habe bereits angerufen, die Sache sei ernst, wirklich ernst. Bei der letzten Inspektion sei von der Werkstatt geschlampt worden. Der Steuerriemen sei defekt, der Motorschaden noch nicht absehbar. Ihr Freund schlage vor, die Versicherung einzuschalten. Er brauche mindestens eine Woche, um die Teile zu besorgen und einzubauen. Vielleicht sei eine Renault-Werkstatt die bessere Alternative.<br \/>\n\u00bbSiehst du\u00ab, sagt er. \u00bbDer Mechaniker ist ein ehrlicher Typ. Habe ich doch gleich gef\u00fchlt.\u00ab<br \/>\n\u00bbDu und deine Gef\u00fchle\u00ab, sagt sie. \u00bbLos, ruf den ADAC an. Schlie\u00dflich haben wir die goldene Versicherungskarte.\u00ab<br \/>\nWieder die Fahrt ins Nirgendwo, diesmal mit dem Leihauto. <em>El Colorado<\/em> hei\u00dft der kleine Ort im Hinterland der andalusischen S\u00fcdwestk\u00fcste, in dem die Werkstatt liegt. Dorthin waren sie am Tag zuvor dem Mechaniker im eigenen Auto gefolgt, das beunruhigende schleifende Ger\u00e4usche von sich gab, so dass sie jeden Augenblick damit rechnen mussten, dass der Wagen den Geist aufgab. Schon gestern hatte sie die trostlose Leere der Landschaft beunruhigt. Die Fahrt eine Finte, um ein gut betuchtes deutsches Ehepaar auszurauben und auf Nimmerwiedersehen verschwinden zu lassen, fragt sich die Frau. Sie habe eine Menge Krimis gelesen, wisse Bescheid \u00fcber die Schlechtigkeit der Welt, sagt sie. Und nun fahren sie zum zweiten Mal hinaus in dieses<br \/>\nNiemandsland. <em>El Colorado<\/em>, ausgerechnet <em>El Colorado!<\/em><br \/>\n\u00bbNomen ist omen\u00ab, murrt die Frau.<br \/>\n\u00bbJetzt sprichst du schon Latein\u00ab, sagt er. \u00bbIst das nicht ein wenig \u00fcbertrieben, meine Liebe?\u00ab<br \/>\nIhre Blicke wie Dolche. Bis zum Horizont eine verbrannte Steppenlandschaft. Flache gelb-braune Sandb\u00f6den, vereinzelte vertrocknete Pinien, hin und wieder kleine Ortschaften mit bauf\u00e4lligen H\u00e4usern und vernachl\u00e4ssigt aussehenden Werkst\u00e4tten. Ein bisschen Gr\u00fcn um die Brunnen, vor denen schwarz gekleidete Frauen auf rostigen B\u00e4nken sitzen und schwatzen. Viel Wellblech, Reklametafeln wie in den Vororten amerikanischer St\u00e4dte des mittleren Westens, Billigl\u00e4den, Restaurants mit abgebl\u00e4tterter Farbe und schief h\u00e4ngende Jalousien.<br \/>\n\u00bbImmerhin hat jetzt der Typ vom ADAC die Adresse dieser obskuren Werkstatt und schickt einen Abschleppwagen\u00ab, unterbricht die Frau das Schweigen. \u00bbMan wird uns nichts tun.\u00ab<br \/>\n\u00bbWarum sollte man uns was tun? Du solltest wirklich mit dem ewigen Krimi-Gucken aufh\u00f6ren. Das verwirrt nur dein Gehirn. Oder hast du dich schon auf die Schlagzeilen in der Bildzeitung gefreut: <em>Deutsches Model in S\u00fcdspanien entf\u00fchrt. L\u00f6segeldzahlung wird ausgehandelt<\/em>. Eine aufgeregte Presse w\u00e4re deiner Karriere sicher sehr f\u00f6rderlich.\u00ab<br \/>\n\u00bbBl\u00f6dmann\u00ab, sagt sie, lehnt sich in den Sitz zur\u00fcck und schlie\u00dft die Augen.<br \/>\nJuan komme gleich wieder, er hole nur Ersatzteile, sagt der Lehrling in der Werkstatt. \u00bbDos minutos\u00ab.<br \/>\n\u00bbBestimmt Gummizeit\u00ab, sagt die Frau.<br \/>\n\u00bbNun sei doch nicht immer so negativ!\u00ab, sagt der Mann. \u00bbImmerhin hat dieser Juan im Hotel angerufen und von sich aus angeboten, den Wagen in eine Renault-Werkstatt bringen zu lassen. Er h\u00e4tte auch selbst daran rumfummeln, sich eine goldene Nase verdienen k\u00f6nnen.\u00ab<br \/>\n\u00bbJa, du mit deinem nervenaufreibenden Optimismus. Wir werden ja sehen, was passiert. Wahrscheinlich kommt der versprochene Abschleppwagen gar nicht. Wir sind in Spanien, wenn du das noch nicht gemerkt haben solltest.\u00ab<br \/>\nDer Mann zieht es vor zu schweigen. Zwei Minuten sp\u00e4ter kommt Juans alter Toyota fr\u00f6hlich hupend die Einfahrt hinuntergerumpelt, gefolgt vom rotgelben Abschleppwagen.<br \/>\nDer Mann wirft seiner Frau einen triumphierenden Blick zu, den diese ignoriert.<br \/>\nJuan versucht noch einmal, dem Deutschen das Problem zu erkl\u00e4ren. Hoffnungslos. Juan z\u00fcckt sein Smartphone.<br \/>\n\u00bbTengo un amigo aleman\u00ab, strahlt er. \u00bbEl va explicar.\u00ab<br \/>\nTats\u00e4chlich, in der Leitung eine deutsche Stimme mit schw\u00e4bischem Dialekt. Der Zahnriemen sei kaputt, der Sensor in der vorherigen Inspektion falsch eingesteckt worden, daher keine Fehlermeldung. Wie gro\u00df der Motorschaden sei, k\u00f6nne man noch nicht beurteilen. Juan k\u00f6nne zwar versuchen, den Schaden zu reparieren, brauche aber viel Zeit. Bestimmt eine Woche. Die Fachwerkstatt sei voraussichtlich schneller und habe alle Ersatzteile da.<br \/>\n\u00bbSiehst du\u00ab, sagt der Mann. \u00bbDu hattest Unrecht mit deinem Misstrauen.\u00ab<br \/>\nEr z\u00fcckt die Brieftasche.<br \/>\n\u00bbLa cuenta\u00ab, sagt er zu Juan.<br \/>\nJuan winkt ab. \u00bbNo, nada. Yo he hecho nada.\u00ab Wieder sein freundliches Grinsen. Die schwarzen Augen funkeln, als er abwehrend die H\u00e4nde hebt. \u00bbNada, Senhor!\u00ab<br \/>\n\u00bbNein\u00ab, sagt der Mann und zieht einen gr\u00f6\u00dferen Schein aus dem Portemonnaie.<br \/>\n\u00bbPara su trabajo. Muchas gracias!\u00ab Er dr\u00fcckt dem Mann das Geld in die Hand.<br \/>\nDer Renault wird auf den Abschleppwagen gehievt. Juan winkt. Der Lehrling auch. Dem Knirps hat der Mann im letzten Moment noch eine T\u00fcte Bonbons zugesteckt. Der strahlt jetzt mit zuckerverschmiertem Mund. Hebt begeistert beide Arme hoch.<br \/>\n\u00bbVielleicht h\u00e4tten wir Juan doch den Wagen da lassen sollen\u00ab, sagt der Mann. \u00bbDer ist wenigstens ehrlich und zuverl\u00e4ssig. Wer wei\u00df, was die Renault-Werkstatt jetzt ausheckt. Kaum zu kontrollieren. Teurer wird die Reparatur auf jeden Fall.\u00ab<br \/>\n\u00bbMach, was du willst\u00ab, sagt sie. \u00bbIch nehme den n\u00e4chsten Flieger nach M\u00fcnchen. Schlie\u00dflich habe ich meine Termine. Und in diesen Renault setze ich mich sowieso nicht mehr.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Geruch nach \u00d6l und Benzin ist \u00fcberw\u00e4ltigend und mischt sich mit den warmen Luftschwaden, die durch die offene T\u00fcr eindringen. 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