{"id":1709,"date":"2018-07-09T21:31:18","date_gmt":"2018-07-09T19:31:18","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1709"},"modified":"2018-09-12T20:13:00","modified_gmt":"2018-09-12T18:13:00","slug":"nachlese","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/nachlese\/","title":{"rendered":"Nachlese"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die \u00bbFreundin\u00ab gibt es bei dem kleinen Kiosk am Rand der Promenade. Ich greife sofort zu und bin freudig \u00fcberrascht, dass es meine Lieblingszeitschrift auch in Spanien zu kaufen gibt.<br \/>\n\u00bbViele Deutsche hier\u00ab, sagt der alte Besitzer und l\u00e4chelt mich unter seiner Fischerm\u00fctze verschmitzt an. \u00bbViele einsame Frauen.\u00ab<br \/>\nIch kriege sofort einen roten Kopf. Stammele in Spanisch: \u00bb No soy soltera. Mi marido va venir la proxima semana. El tiene negocios en Alemana.\u00ab<br \/>\nEr nickt. Ob er mir glaubt, dass ich verheiratet bin und mein Mann nachkommt?<br \/>\n\u00bbLa senora habla muy bien espanol, muy bien\u00ab, sagt er.<!--more--><br \/>\nIch kaufe mir noch eine Schachtel Zigaretten, gehe zur\u00fcck zum Apartmenthotel und setze mich unten im Restaurant auf die Terrasse, bestelle einen caf\u00e9 con leche, z\u00fcnde mir gen\u00fcsslich eine Zigarette an \u2013 ich kann nur noch eine Woche in Ruhe rauchen, dann kommt Meinard und der hasst Zigarettenqualm. Ach was, hasst ihn nicht nur, er dreht dann v\u00f6llig durch.<br \/>\nDie Terrasse ist um diese Uhrzeit nur halb besetzt. Die meisten Touristen scheinen in ihren Apartments zu fr\u00fchst\u00fccken. Rentner sparen. Billig ist geil. Ein paar Tische weiter unterhalten sich zwei Frauen im mittleren Alter auf Deutsch. Vor ihnen eine Flasche Sekt. Er hat sicher Recht, der gute Juan in seinem Kiosk, deutsche Frauen sind hier \u00fcberrepr\u00e4sentiert, besonders nach der Saison, wenn schon viele Restaurants geschlossen haben, die schwarzen Verk\u00e4ufer ihre Decken eingerollt, die dr\u00f6hnenden Lautsprecher ausgeschaltet sind. Auch die h\u00e4sslichen gr\u00fcnen Liegen unter den roten und gelben Sonnenschirmen sind vom Strand ger\u00e4umt, geben den Blick wieder frei auf die sanft anrollenden Wogen eines grau-blauen Meeres, dessen Temperatur so weit gesunken ist, dass nur ganz Mutige \u2013 tats\u00e4chlich wieder Frauen \u2013 sich am fr\u00fchen Morgen aus ihren wei\u00dfen Badem\u00e4nteln sch\u00e4len und ins Wasser schreiten, manchmal begleitet von ihren Ehem\u00e4nnern, die zitternd im Sand stehen und das Badehandtuch bereit halten. Vielleicht auch in der Zwischenzeit mit dem\u00a0 blonden Retriever am Strand entlang gehen, interessiert zusehen, wie er sein Gesch\u00e4ft verrichtet, dann treu und brav \u2013 es sind deutsche Rentner! \u2013 den Plastikhandschuh \u00fcberstreifen und die Hinterlassenschaft sorgf\u00e4ltig mit einem Sch\u00fcppchen in den Beutel f\u00fcllen, den sie\u00a0 an Bellos Halsband gekn\u00fcpft haben. In der Tat, herrenlosen Hundekot sieht man auf der Promenade um diese Jahreszeit nur selten.<br \/>\nIch bin vertieft in die Berichterstattung \u00fcber das englische K\u00f6nigshaus \u2013 William und Kate und die drei K\u00f6nigskinder, wie s\u00fc\u00df! &#8211; als ich deutlich h\u00f6re, wie eine der Frauen sagt:<br \/>\n\u00bbIst doch klar. Er hat mich hier abgesetzt. Einfach abgesetzt. Er hat mir hier dieses todlangweilige Apartment gekauft, um sich zu Hause in Ruhe mit seiner Geliebten zu am\u00fcsieren. Ich bin doch nicht bl\u00f6d.\u00ab<br \/>\n\u00bbAber Elke, Schatz,\u00ab versucht die andere zu unterbrechen,\u00ab was erz\u00e4hlst du denn da? Dein Harald doch nicht. Nie im Leben. Der ist immer noch verliebt in dich.\u00ab<br \/>\n\u00bbPapperlapapp!\u00ab, sagt die mit Elke angeredete Frau. \u00bbGuck mich doch an. Ich werde alt und dick, meine Haut wird schlapp. Er hat sich was Knackigeres gesucht und versucht, mich ruhigzustellen.\u00ab<br \/>\nAm liebsten w\u00fcrde ich ein Loch durch die Zeitung bohren, um zu sehen, wie Elke nun wirklich aussieht. Der Selbsteinsch\u00e4tzung von Frauen traue ich nicht. Ist sie wirklich schon etwas welk?<br \/>\n\u00bbMeinst du wirklich, dein Harald h\u00e4tte Chancen bei jungen Frauen? So taufrisch ist er auch nicht mehr. 60 doch bestimmt. Und nicht gerade eine Sch\u00f6nheit, oder? Bei dem Bauch! Und der Glatze!\u00ab<br \/>\nMittlerweile habe ich es nicht mehr ausgehalten und doch gebohrt. Mit dem L\u00f6ffel. Ein riesiges Loch. Elke sieht gut aus, richtig gut. Sicher, taufrisch ist sie nicht mehr.\u00a0 Mitte 50, aber wer ist hier schon jung? Ein paar Kilos mag sie zu viel haben, aber M\u00e4nner m\u00f6gen das, das wei\u00df ich aus Erfahrung. Das Dekollet\u00e9 zeigt was her, ihr Gesicht ist fast faltenfrei \u2013 dank Botox? \u2013 und ihre dichten blonden Haare k\u00f6nnen sich sehen lassen. Dagegen \u00e4hnelt ihre Freundin eher eine Vogelscheuche: lang und d\u00fcnn und faltig. Ein sehr ungleiches Paar.<br \/>\nZu meinem Erstaunen widerspricht Elke vehement. \u00bbAber potent ist er. Ein richtiger Stier. Zwei bis dreimal die Woche.\u00ab<br \/>\n\u00bbViagra?\u00ab, fragt die Freundin.<br \/>\nElke geht nicht darauf ein. Au\u00dferdem sei Harald erfolgreich. Ein sehr erfolgreicher Unternehmer. Und B\u00fcrgermeister sei er geworden, einstimmig gew\u00e4hlt. Da st\u00fcnden junge Frauen drauf: Geld und Macht.<br \/>\n\u00bbB\u00fcrgermeister in einer Kleinstadt\u00ab, h\u00f6hnt die Freundin. \u00bbIch w\u00fcrde ihn nicht mit der Zange anfassen.\u00ab<br \/>\n\u00bbEr dich auch &#8230;\u00ab, doch ehe Elke ihren Satz beenden kann, geht ein ungeheures Gekl\u00e4ffe und Geknurre los, begleitet von der schrillen Stimme einer Frau. \u00bbPfui!<br \/>\nPutzilein, hierher! Komm zu Mama! Hierher!\u00ab<br \/>\nWieder Gebell. \u00bbUm Gottes willen, das ist Brutus. Ich hab ihn am Verkehrsschild angebunden.\u00ab Beide Frauen beugen sich \u00fcber das Gel\u00e4nde der Terrasse. Auf dem B\u00fcrgersteig quietscht ein schwarzgefleckter Chihuahua wie am Spie\u00df.<br \/>\n\u00bbAus, Brutus! Aus, sage ich!\u00ab Der Rottweiler schaut auf und l\u00e4sst widerwillig sein Spielzeug los, das er am Hals gepackt und hin und her gesch\u00fcttelt hat, so dass dem armen, kleinen Schmusehund fast die Augen aus dem Kopf springen.<br \/>\n\u00bbIch werde Sie anzeigen\u00ab, schreit eine hysterische Frauenstimme. \u00bbSie d\u00fcrfen Ihren Hund hier nicht anbinden. Der ist gemeingef\u00e4hrlich.\u00ab<br \/>\n\u00bbQuatsch\u00ab, sagt Elke und beugt ihren ausladenden Busen \u00fcbers Gel\u00e4nder. \u00bbMein Brutus ist harmlos. Ihr kleiner K\u00f6ter muss ihn provoziert haben.\u00ab<br \/>\n\u00bbMein K\u00f6ter, sagen Sie? Na warten Sie`s ab! Ich werde zur n\u00e4chsten Polizeistation gehen. Was Sie hier treiben, ist strafbar! Und noch dazu Tierqu\u00e4lerei!\u00ab<br \/>\nUnd sie nimmt ihr Putzilein, das nun wieder Mut gefasst hat und schrill bellt, auf den Arm und stolziert von dannen.<br \/>\n\u00bbDumme Kuh\u00ab, murmelt Elke, steht aber auf, geht zu Brutus, t\u00e4tschelt seinen Kopf, bindet ihn los und dreht seine Leine ein paar Meter weiter um die Fu\u00dfg\u00e4ngerampel am Zebrastreifen.<br \/>\n\u00bbOb das reicht?\u00ab, wagt die d\u00fcnne Freundin zu fragen. \u00bbIch wei\u00df, dein Brutus ist harmlos. Aber er sieht gef\u00e4hrlich aus.\u00ab<br \/>\nElke zuckt die Schultern und wendet sich wieder spannenderen Themen zu. \u00bbUnd dein Lothar? Kann der noch?\u00ab<br \/>\n\u00bbDar\u00fcber m\u00f6chte ich nicht sprechen\u00ab, sagt die Freundin schnell.\u00ab Das geht nur Lothar und mich was an!\u00ab<br \/>\n\u00bbWie du willst\u00ab, sagt Elke, abgelenkt von einem Polizeiwagen, der sich langsam n\u00e4hert. Zwei Polizisten steigen aus, n\u00e4hern sich dem Tisch der Frauen, nehmen die M\u00fctzen ab, gr\u00fc\u00dfen freundlich und sagen etwas auf Spanisch. Elke tut so, als verst\u00fcnde sie kein Wort. Die Polizisten versuchen es auf Englisch.<br \/>\n\u00bbDu sollst den Hund vom B\u00fcrgersteig nehmen\u00ab, \u00fcbersetzt die Freundin.<br \/>\n\u00bbDie k\u00f6nnen mich mal!\u00ab, sagt Elke. \u00bbIch muss deren Gestammel nicht verstehen.\u00ab<br \/>\nDie Polizisten bleiben eisern. Zeigen auf den Hund. Ihre Gestik ist eindeutig: Hundeleine abwickeln, Hund entfernen. Der eine Polizist n\u00e4hert sich dem Rottweiler. Der Hund knurrt, zieht die Lefzen zur\u00fcck, zeigt sein Gebiss. Der Polizist weicht zur\u00fcck, z\u00fcckt sein Smartphone, spricht ins Telefon.<br \/>\n\u00bbDie holen Verst\u00e4rkung\u00ab, raunt die Freundin. \u00bbDie erschie\u00dfen den Hund!\u00ab<br \/>\n\u00bbSpanier!\u00ab, sagt Elke. \u00bbDie k\u00f6nnen einen harmlosen Hund nicht von einem gef\u00e4hrlichen unterscheiden.\u00ab<br \/>\nDann steht sie l\u00e4ssig auf, schiebt ihre Sonnenbrille aufs\u00a0 Blondhaar, winkt hoheitsvoll den Polizisten zu, bindet den Hund los, geht mit ihm \u00fcber den Zebrastreifen und verschwindet im Gewirr der kleinen, wei\u00dfen H\u00e4user. Die Freundin bleibt zur\u00fcck, bestellt noch ein Glas Sekt.<br \/>\nOb die junge Geliebte der einzige Grund ist, die Frau hier abzusetzen, frage ich mich. Und was treibt mein Meinard eigentlich so zu Hause? Warum ist er nicht gleich mitgekommen? Mit dem Internet kann man\u00a0 von \u00fcberall arbeiten, sagt er doch immer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die \u00bbFreundin\u00ab gibt es bei dem kleinen Kiosk am Rand der Promenade. Ich greife sofort zu und bin freudig \u00fcberrascht, dass es meine Lieblingszeitschrift auch in Spanien zu kaufen gibt. \u00bbViele Deutsche hier\u00ab, sagt der alte Besitzer und l\u00e4chelt mich unter seiner Fischerm\u00fctze verschmitzt an. \u00bbViele einsame Frauen.\u00ab Ich kriege sofort einen roten Kopf. 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