{"id":1697,"date":"2018-04-26T18:14:33","date_gmt":"2018-04-26T16:14:33","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1697"},"modified":"2025-02-21T18:17:28","modified_gmt":"2025-02-21T17:17:28","slug":"landeanflug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/landeanflug\/","title":{"rendered":"Landeanflug"},"content":{"rendered":"<p>Der Sinkflug durch die Wolken ist lang und ruckelig. Die beiden Flugbegleiter an Bord der Boeing 737 haben die letzten Kaffeebecher wegger\u00e4umt, den letzten M\u00fcll entsorgt. Die Passagiere h\u00e4ngen angeschnallt in ihren Sitzen und versuchen, durch die tr\u00fcben Scheiben der Bullaugen das Neuenlander Feld, den schl\u00e4ngelnden Lauf der Weser, ein St\u00fcck Landebahn zu erkennen. Schlechte Sicht und Nieselregen hat der Copilot angesagt, also das typische Bremer Wetter, das die Gem\u00fcter aller eingefleischten Bremer B\u00fcrger aufhellt und ein L\u00e4cheln auf ihre Gesichter zaubert.<!--more--><br \/>\nNur drei Stunden hat der Flug von Istanbul nach Bremen gedauert, im Sonnenschein war die Maschine am Havaliman\u0131 Airport Istanbul kurz nach 15 Uhr gestartet, viele Passagiere waren beim beruhigenden Brummen der Turbinen eingenickt, geweckt vom Bordpersonal, das das Mittagessen servierte: B\u00f6rek mit Oliven und Paprika, schmackhaft wie die meisten t\u00fcrkischen Gerichte. Danach einen kahve mit viel Zucker. Satt und zufrieden hat man in der Zeitung gebl\u00e4ttert, ins ebook geschaut, mit dem iPhone gespielt, beim Landeanflug dann alles in die Tasche des Vordersitzes gestopft, den Gurt festgeschnallt. Die Gespr\u00e4che sind verstummt \u2013 wie immer bei Start und Landung. Die Anspannung ist mit H\u00e4nden zu greifen. In einer der letzten Reihen weint ein Kind, wahrscheinlich Probleme mit dem Druckausgleich. Mit schwankenden Fl\u00fcgeln setzt die Maschine auf der Landebahn auf, die Turbinen dr\u00f6hnen, der Pilot aktiviert die Schubumkehr, die Menschen werden in die R\u00fccklehnen gedr\u00fcckt, das Flugzeug rollt langsam Richtung Flughafengeb\u00e4ude. Ein Routineflug ohne besondere Vorkommnisse, zumindest keine, die die Passagiere bemerkt und beunruhigt h\u00e4tten.<br \/>\nDie \u00fcblichen Durchsagen des Bordpersonals, angeschnallt bleiben, bis das Flugzeug zum Stand kommt, Vorsicht beim \u00d6ffnen der Gep\u00e4ckf\u00e4cher, niemand h\u00f6rt zu. Die ersten Passagiere sind bereits aufgestanden, fummeln an den Klappt\u00fcren der Gep\u00e4ckf\u00e4cher \u00fcber den K\u00f6pfen. Ein Ruck, es ist so weit, die Maschine hat ihren Weg \u00fcbers Rollfeld beendet, die Motoren werden leiser, ersterben ganz. Die Ankunftshalle zum Greifen nah, ein Zubringerbus ist sicher nicht notwendig bei der kurzen Entfernung.<br \/>\n\u00dcber zweihundert Menschen stehen im Gang, zerren Jacken und Taschen nach unten, stellen sich in einer Reihe auf, dicht an dicht, Trolleys gef\u00e4hrlich nah an den Kniekehlen des Vordermannes, warten ungeduldig, dass sich die Flugzeugt\u00fcr vorne \u00f6ffnet, begierig die enge R\u00f6hre zu verlassen, wieder freier atmen zu k\u00f6nnen. Wir sind sitzen geblieben, auf ein paar Minuten kommt es nun auch nicht mehr an, blo\u00df nicht eingeklemmt in der Menge stehen, dann lieber gem\u00fctlich in den Sitzen warten und sich dann erst in den sich nach vorn bewegenden Menschenstrom einreihen, ohne Dr\u00e4ngeln und Schubsen und ungewollten K\u00f6rperkontakt mit wildfremden Menschen. Dann eine Lautsprecheransage auf T\u00fcrkisch, und wie auf Kommando lassen sich die Passagiere wieder in die Sitze fallen. Was ist nun los? Weitere Informationen auf Englisch oder Deutsch bleiben aus. Keine Panik, kein Schimpfen, die junge Frau vor uns nestelt ihr iPhone hervor, tippt darauf herum. Ich wende mich an meinen linken Sitznachbarn, einen gro\u00dfen, schlanken T\u00fcrken, wie ich vermutete, der so ganz gegen unsere Erfahrung in Istanbul, den ganzen Flug kein Wort gesagt hat. Mein Deutsch versteht er nicht, vielleicht war das der Grund seines Schweigens, denn wir haben die Istanbuler als sehr freundlich und kommunikativ erlebt, die hilfsbereit und freundlich keinem Gespr\u00e4ch aus dem Weg gehen. Ich frage auf Englisch nach und erhaltet die mit unbewegtem Gesicht vorgetragene Erkl\u00e4rung \u00bboperational difficulties\u00ab, was auch immer das bedeuten soll. Wahrscheinlich haben die Bremer mal wieder gespart und die Rolltreppe nicht ge\u00f6lt, daher rollt sie nicht, l\u00e4stert mein Mann. Kein Flugbegleiter zu sehen, auch der Captain h\u00fcllt sich in Schweigen. Langsam werden die Menschen unruhig, Stimmen werden lauter, dann laut, die Menschen stehen wieder auf, dr\u00e4ngen nach vorne, eine Stimme schreit \u00bbHallo!\u00ab, hoch und aggressiv, nerv\u00f6se Lacher. Hoffentlich dreht jetzt keiner durch, denke ich, man wird uns schon hier rausholen. Wir sitzen hier nicht seit Stunden fest, sondern erst seit 20 Minuten. Pl\u00f6tzlich bewegt sich die Menge nach vorn, frische Luft flie\u00dft in den Innenraum. Auch wir ergreifen unsere Taschen und Jacken, lassen uns mitschieben und sind bass erstaunt, dass keine Stahltreppe an die Flugzeugt\u00fcr gerollt worden ist. Wir stehen am Eingang eines dieser aus Stahl und wei\u00dfem Plastik gebauten Fluggastbr\u00fccken, st\u00e4hlerne R\u00fcssel, die die Kabinent\u00fcr mit der Ankunftshalle verbinden. Wo war denn hier das Problem? Gewaltiges Flugaufkommen am Bremer Flughafen? Alle boarding bridges besetzt? Eher unwahrscheinlich.<br \/>\nWie L\u00e4mmer laufen auch wir im Strom der Menschen mit in Richtung Gep\u00e4ckb\u00e4nder. Die werden hoffentlich inzwischen das Gep\u00e4ck ausgeladen haben, oder gibt es da auch \u00bboperational difficulties\u00ab, sage ich zu meinem Mann. Der n\u00e4chste Stau, direkt vor den Glash\u00e4uschen der Passkontrolle. Es geht nicht weiter. Die Beamten hinter den Scheiben tun gar nichts, verlangen auch nicht, die P\u00e4sse zu sehen, sitzen dort und scheinen auch zu warten. Sie bitten um Geduld. Die Ausg\u00e4nge sind versperrt. Es wird laut. W\u00fcstes Schimpfen, Kinder weinen, eine Frau f\u00e4ngt an, hysterisch zu schreien, dr\u00fcckt ihr Baby an sich, ihr Mann legt beruhigend den Arm um sie. W\u00fctende Stimmen, F\u00e4uste, die an die Glasscheiben klopfen, hinter denen unbeweglich Beamte sitzen und um Ruhe bitten, bis einer von ihnen lospoltert, er lasse sich nicht beleidigen, er bestehe auf einem h\u00f6flichen Ton. Was da drau\u00dfen passiere, daf\u00fcr seien deutsche Passbeamte nicht zust\u00e4ndig. Innert\u00fcrkische Angelegenheiten, die ihn nichts angingen. PKK\u2013Leute da drau\u00dfen planten, die aus Istanbul kommenden T\u00fcrken abzufangen. Eine nicht genehmigte Demonstration, die Polizei versuche, die Kurden abzudr\u00e4ngen, um eine Konfrontation zu verhindern, der Flughafen k\u00f6nne zur Zeit nicht verlassen werden. F\u00fcr Menschen mit Platzangst, die tapfer den Flug in dem fliegenden Aluminiumsarg ausgehalten haben, eine Katastrophe.<br \/>\nVor einer Reise in die T\u00fcrkei hat man uns gewarnt, zu gef\u00e4hrlich, man k\u00e4me unweigerlich zwischen die Fronten, es herrschten b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Zust\u00e4nde. Unsinn, es waren wundersch\u00f6ne Tage in einer friedlichen Stadt, ohne kn\u00fcppelnde Polizisten und Wasserwerfer. Der kriegerische Konflikt zwischen Kurden und T\u00fcrken holt uns erst in Bremen ein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sinkflug durch die Wolken ist lang und ruckelig. Die beiden Flugbegleiter an Bord der Boeing 737 haben die letzten Kaffeebecher wegger\u00e4umt, den letzten M\u00fcll entsorgt. Die Passagiere h\u00e4ngen angeschnallt in ihren Sitzen und versuchen, durch die tr\u00fcben Scheiben der Bullaugen das Neuenlander Feld, den schl\u00e4ngelnden Lauf der Weser, ein St\u00fcck Landebahn zu erkennen. 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