{"id":1695,"date":"2018-04-26T17:59:41","date_gmt":"2018-04-26T15:59:41","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=1695"},"modified":"2020-06-27T15:04:48","modified_gmt":"2020-06-27T13:04:48","slug":"uber-den-dachern-von-istanbul","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/uber-den-dachern-von-istanbul\/","title":{"rendered":"\u00dcber den D\u00e4chern von Istanbul"},"content":{"rendered":"<p>\u00bbDa hinten,\u00a0 ganz am Rand der Terrasse in der Ecke, da ist noch ein Tisch frei. Schnell, ehe er besetzt ist!\u00ab<\/p>\n<p>Ich schubse meinen Mann in die angegebene Richtung. Doch bevor wir unser Ziel erreichen, ist ein P\u00e4rchen vom Nebentisch aufgestanden, um den Platz zu erobern. Und wieder passiert etwas, das uns in unseren Istanbul-Tagen immer wieder sprachlos macht. Wir treffen auf eine \u00fcberw\u00e4ltigende Gastfreundlichkeit. Der junge Mann sieht uns kommen, spricht ein paar Worte zu seiner Begleiterin, verbeugt sich h\u00f6flich und weist mit der Hand auf den Tisch. \u00bbFor you!\u00ab Wir wollen ablehnen, die Situation ist uns peinlich. Aber keine Chance, das Paar hat schon wieder an seinem alten Tisch Platz genommen. Wir bedanken uns. \u00bbCok tesekk\u00fcr ederim!\u00ab Gut, dass wir wenigstens ein paar Brocken T\u00fcrkisch gelernt haben. Wir k\u00f6nnen sie gut gebrauchen. Immer wieder. Das junge Paar l\u00e4chelt uns an.<!--more--><br \/>\nWir setzen uns an das schmale Tischchen, bestellen t\u00fcrkischen Kaffee und Wasser, nein, keinen Wein, die Moschee ist zu nah. Alkoholverbot im Umkreis von 200 Metern einer heiligen St\u00e4tte. Es ist so hell, dass die Augen tr\u00e4nen. Wir greifen nach unseren Sonnenbrillen. Ich durfte das Innere der Suleymaniye-Moschee hinter uns auf dem H\u00fcgel nur mit einem gro\u00dfen, hellblauen Kopftuch betreten, auf das der W\u00e4rter energisch deutete, als wir die Schuhe ausgezogen hatten und im Begriff waren, ins Innere der heiligen Hallen zu gehen. Es stand mir wirklich gut, das blaue Tuch, wie das Foto sp\u00e4ter bewies. Zumindest besser als der Strohhut im letzten Sommer oder die Strickm\u00fctze bei eisigem Wind im Januar. Trugen nicht auch Doris Day, Romy Schneider, Marylin Monroe bunte Kopft\u00fccher in offenen Cabriolets, seidene, luftige T\u00fccher, die ihre Sch\u00f6nheit noch unterstrichen?<br \/>\nDas Innere der Moschee hatte uns \u00fcberw\u00e4ltigt mit seinen hellen Kuppeln, den hohen Fenstern und den mit Fayencen ausgeschm\u00fcckten Gew\u00f6lben. Viele t\u00fcrkische Touristen waren unterwegs, junge Frauen mit zum Kleid oder zum Mantel passenden kunstvoll geschlungenen Kopft\u00fcchern machten Selfies oder lie\u00dfen sich von der Freundin, dem Freund, aber auch von \u00e4lteren Familienangeh\u00f6rigen fotografieren, lachend und scherzend. Wundersch\u00f6n sahen sie aus mit ihren gro\u00dfen, braunen Augen und den vollen Lippen, einer Haut wie Milch und Honig. Und sie wussten, dass sie sch\u00f6n waren, diese M\u00e4dchen und sie trugen diese Sch\u00f6nheit selbstbewusst zur Schau, auch oder gerade mit Kopftuch. Kinder rannten herum, lachten, die Eltern palaverten laut und temperamentvoll. Die strenge Feierlichkeit christlicher Dome fehlte ganz.<br \/>\nUns f\u00e4llt fast die Tasse aus der Hand, als der pl\u00e4rrende Ruf des Muezzin ert\u00f6nt. F\u00fcr unsere Ohren ein langgezogenes Gejaule, verst\u00e4rkt durch Lautsprecher, die \u00fcber die D\u00e4cher schallen. Erst ein Dr\u00f6hnen aus der gro\u00dfen Moschee \u00fcber uns, dann der Aufruf zum Gebet. \u00bbAllah ist gro\u00df!\u00ab, ein Wettstreit ohrenzerfetzender Halbt\u00f6ne.<br \/>\n\u00bbDie meisten Muezzine k\u00f6nnen gar nicht singen\u00ab, sagte uns ein t\u00fcrkischer Freund. Die Beh\u00f6rden seien in ganz schlimmen F\u00e4llen dazu \u00fcbergegangen, Gesangsunterricht zu verordnen, weil das jammernde Geschrei kaum auszuhalten sei, auch nicht f\u00fcr gl\u00e4ubige Muslime. Da lob ich mir die Glocken christlicher Kirchen, die\u00a0 am fr\u00fchen Sonntagmorgen allerdings auch nur schwer zu ertragen sind.<br \/>\nWir versuchen wegzuh\u00f6ren, schauen auf die blauen Wasser des goldenen Horns, sehen die Galaterbr\u00fccke, dahinter den Galater-Turm inmitten der sich den Hang hinaufziehenden wei\u00dfen und beigen H\u00e4user von Beyoglu, zwischen denen wir gestern keuchend emporgestiegen sind. Autos und Busse und immer wieder eine klingelnde Stra\u00dfenbahn schieben sich \u00fcber die Br\u00fccke. An den R\u00e4ndern Hunderte von Anglern, ein beliebtes Fotomotiv f\u00fcr jeden Istanbul-F\u00fchrer. Menschengewimmel auf der Promenade, wo am Kai auf vert\u00e4uten, goldverzierten Holzschiffen gegrillte Fischfilets verkauft werden. Feiertagsstimmung.<br \/>\nIch beuge mich \u00fcber die Br\u00fcstung, z\u00e4hle unter uns noch ein Dutzend weiterer Terrassen, auf denen dicht an dicht die Menschen an diesem Sonntagnachmittag im Sonnenschein sitzen, mit der Familie, mit Freunden schw\u00e4tzen und gestikulieren, essen und trinken. Der Kellner bringt einen kleinen Holzkohlengrill an den Nachbartisch. Soll Fleisch gegrillt werden? Nein, er z\u00fcndet die Kohle an, zaubert dann ein langes Chrom- oder Messingrohr hervor. Eine Klarinette? Will die Nachbarin Musik machen? Ich bin gespannt. Aber wozu der Grill? In ein Glasgef\u00e4\u00df wird Wasser gef\u00fcllt, die R\u00f6hre ins Glasgef\u00e4\u00df gesteckt. Vorsichtig nimmt der Kellner mit der Zange gl\u00fchende Holzkohlenst\u00fccke hoch, legt sie in eine kleine Schale, verdeckt sie mit einer silbrigen Folie, sticht L\u00f6cher hinein, schraubt sie als Kopf mit der Metallr\u00f6hre zusammen, steckt einen Schlauch an den bauchigen Beh\u00e4lter am unteren Ende, zieht am Mundst\u00fcck, wei\u00dfe W\u00f6lkchen steigen auf. Ich kriege die technischen Einzelheiten nicht ganz mit, kapiere aber, hier wird nicht Klarinette gespielt, sondern eine Wasserpfeife vorbereitet. Scheint ein Sonntagsnachmittagsritual zu sein, bei M\u00e4nnern und Frauen gleich beliebt, wie ich auf den Terrassen unter uns gut beobachten kann. Trotzdem gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig. Wieso ziehen der Kellner und der Gast am selben Mundst\u00fcck? Ich sch\u00fcttele mich, das ist ja noch ekliger als beim protestantischen Abendmahl mit Dutzenden von fremden Leuten, die die Lippen an denselben\u00a0 Kelch legen, um den Wein zu trinken.<br \/>\nWir haben Hunger, bestellen eine Grillplatte mit Gem\u00fcse. Ein k\u00f6stlicher Duft weht uns in die Nase.\u00a0 Speichel l\u00e4uft im Mund zusammen. Wir haben Hunger. Aber auch die M\u00f6wen haben bemerkt, dass Essen serviert wird, hocken auf dem Gitter, be\u00e4ugen die Teller mit kalten, unbeweglichen Augen. Ich wedele mit den H\u00e4nden, versuche, sie wegzuscheuchen. Erfolglos. Im Sturzflug kommt eine M\u00f6we heran, fliegt \u00fcber den Korb mit kleingeschnittenem t\u00fcrkischen Brot, schnappt sich einen Brocken und schwingt sich wieder in die Luft, verfolgt von einem ganzen Schwarm kreischender Artgenossen. Soll sie doch, die gierige M\u00f6we. Das Brot wollten wir sowieso nicht. Das Fleisch ist so viel leckerer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbDa hinten,\u00a0 ganz am Rand der Terrasse in der Ecke, da ist noch ein Tisch frei. Schnell, ehe er besetzt ist!\u00ab Ich schubse meinen Mann in die angegebene Richtung. Doch bevor wir unser Ziel erreichen, ist ein P\u00e4rchen vom Nebentisch aufgestanden, um den Platz zu erobern. 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